Der Stambali, auch Stambeli, bezeichnet eine religiöse Zeremonie in Tunesien, die zu einem Besessenheitskult gehört, und den dazugehörenden Musikstil. Die meist weiblichen Tänzer erreichen einen ritualisierten Trancezustand, der hauptsächlich vom Spiel einer Zupflaute (gimbri) und mehrerer Handklappern (qaraqib) ausgelöst wird. Dabei werden die besitzergreifenden Geister hervorgerufen und besänftigt. Die Geistervorstellung enthält arabisch-volksislamische und afrikanische Elemente. Der Kult geht auf schwarzafrikanische Sklaven zurück und wird unter deren Nachfahren, anderen Einwanderern aus den Ländern südlich der Sahara sowie unter arabischen Tunesiern gepflegt. Davon unabhängig wird Stambali-Musik auch konzertant aufgeführt und hat eine gewisse Bekanntheit über das Land hinaus erlangt.
Kulturelles Umfeld In der muslimischen Gesellschaft Tunesiens, die überwiegend der malikitischen Rechtsschule angehört, stellen die Anhänger des Stambali-Kults eine kleine, gering geschätzte Randgruppe dar. Von orthodoxen Muslimen werden sie als kuffār (Ungläubige) missachtet und diskriminiert. Ihre Gruppenzugehörigkeit beruht auf einer Identifizierung als „Schwarze“ (Soudanis); ein Begriff, der sich auf eine kulturelle Tradition und nicht zwangsläufig auf die Hautfarbe bezieht. Zu allen Zeiten gab es unter den Stambali-Mitgliedern auch arabische Tunesier und bis zu deren Emigration nach Israel ab den 1960er Jahren zahlreiche tunesische Juden. Die verschiedenartigen verehrten Geister werden zusammenfassend „die anderen Menschen“ (in-nās il-ūkhrīn) genannt. Der Begriff drückt auch die Selbstwahrnehmung der Stambali-Anhänger im Verhältnis zum Staat und zur Gesamtgesellschaft aus.
Etwa ein Dutzend Sufi-Bruderschaften (ṭarīqa, Pl. turuq) sind in Tunesien aktiv. Die meisten lassen sich auf den einflussreichen andalusischen Sufimystiker Abū Madyan (1126–1198) zurückführen. In der religiösen Praxis und Musiktradition bestehen zwischen ihnen teilweise große Unterschiede. Das Spektrum reicht von den getragenen, leidenschaftlichen Gesängen im Dhikr der konservativen Sulamiyya-Bruderschaft bis zu den volkstümlichen Aissaoua (ʿIsāwīya), deren spektakuläre öffentliche Vorführungen vom Oboeninstrument ghaita (ähnlich der arabischen mizmar) begleitet werden und gewaltsam herbeigeführte Trancezustände beinhalten. Ihre Aktivitäten werden von der Mehrheit der Muslime abgelehnt.
Neben den islamischen Heiligen und Ordensgründern werden in den Ländern des Maghreb auch Heilige verehrt, die nicht der Tradition des Sufismus angehören. Wichtig ist nur, dass von den Heiligen oder anderen jenseitigen Mächten geglaubt wird, dass sie auf das Leben des einzelnen Menschen Einfluss nehmen. Von Heiligen lässt sich die hilfreiche Segenskraft (Baraka) erhalten, einen negativen Einfluss haben dagegen die islamischen Dschinn und die animistischen Geister aus Schwarzafrika. Die Grundannahme ist, dass zwischen den unsichtbaren Kräften und den Menschen eine Wechselbeziehung besteht und Menschen die Geister genauso beeinflussen können wie umgekehrt. Der Austausch (Opfergaben gegen Wunscherfüllung) basiert auf denselben unbedingten Erfordernissen von Gaben und Gegengaben, wie sie auch für die traditionelle Sozialordnung der Berber charakteristisch sind.
Die meisten „schwarzen“ Bruderschaften im Maghreb führen ihren Ursprung auf den spirituellen Gründer Sidi Bilal zurück. Bilal war ein christlicher Afrikaner (Äthiopier), der als Sklave in Mekka lebte, zum Islam konvertierte und der erste Gebetsrufer (Muezzin) des Propheten Mohammed wurde. Durch ihre Musik- und Tanzaufführungen sind die Gnawa in Marokko am bekanntesten geworden. Ihre Besessenheitstherapie Derdeba ist das Gegenstück zum tunesischen Stambali. Im Zentrum der marokkanischen Hamadscha-Bruderschaft steht der Kult um das Geistwesen Aisha Qandisha. In Algerien heißt der entsprechende therapeutische Geisterkult Diwan. Weitere Formen von Besessenheit in einem islamischen Umfeld sind die überwiegend Frauen befallenden Geister der Tuareg, denen mit tendé-Musik begegnet wird, die ebensolchen Geister des Bori- und Dodo-Kults bei den Hausa, des Zar-Kults in Ägypten und Sudan sowie dem Pepo-Kult an der ostafrikanischen Küste. Der Bori-Kult gelangte in osmanischer Zeit bis in die heutige Türkei und der Zar-Kult nach Saudi-Arabien. Besessenheitsrituale fanden ihren Weg bis in die iranisch-pakistanische Region Belutschistan, wo die Nachfahren von aus Afrika stammenden Belutschen ihre nächtlichen Praktiken guati-damali nennen und anstelle der gimbri mit der Streichlaute sorud und der Zupflaute damburag begleiten.Chaitali B. Roy: Dar brings Baluchi music to Kuwait. Arab Times In Tansania wird der Pepo-Kult (auch Shetani) praktiziert. Die unter dem Dach des Christentums veranstalteten Besessenheitskulte Mashawe in Teilen Sambias und Simbabwes und Vimbuza in Malawi und Sambia weisen als Phänomene marginalisierter Unterschichten und aufgrund ihrer mythologischen Struktur Parallelen auf.Steven Friedson: Tumbuka Healing. In: Ruth M. Stone (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Band 1: Africa. Garland Publishing, New York / London 1998, S. 271–274; Jankowsky 2010, S. 17f
Geschichte Einer der ersten dokumentierten Fälle von Sklavenhandel nach Nordafrika waren etwa 5000 Sklaven aus der Sudanregion, die um das Jahr 800 in das Gebiet des heutigen Tunesien gebracht wurden. Höhepunkt des Handels mit überwiegend weiblichen Sklaven war das 18. und 19. Jahrhundert während der Husainiden-Dynastie. Mit der Unterzeichnung des französischen Protektoratsvertrags 1881 gingen deren Einfluss und der Sklavenhandel zurück. Die Sklaven wurden als Wachkräfte in den osmanischen Palästen, bei großen Bauprojekten und als Arbeiter in den südlichen Bewässerungsoasen eingesetzt. Ab Anfang des 18. Jahrhunderts gibt es Berichte über öffentliche Trancezeremonien, die an den Grabstätten von muslimischen Heiligen veranstaltet wurden und an denen Sklaven und Araber gleichermaßen teilnahmen. Händler transportierten unter anderem für den rituellen Bedarf der Schwarzafrikaner Wundermedizin, Kaurischnecken, und Straußenfedern nach Norden.Jankowsky 2010, S. 43, 50, 53
Auch nach ihrer Islamisierung galten die schwarzafrikanischen Sklaven nicht als vollwertige Muslime, waren aber in bestimmten Bereichen wegen ihrer magischen Fähigkeiten geschätzt. Bei Hochzeiten und Geburten brachte die Anwesenheit schwarzer Frauen Glück. Schwarze Sklavinnen (dada) zogen nicht nur arabische Kinder auf, sondern stillten sie auch, damit sie besonders groß und stark werden sollten. Aus dem Jahr 1808 sind Anklagen gegen Stambali-Anhänger wegen Unmoral, Heidentums und Hexerei überliefert. 1884 wurde Tunesien offiziell französisches Protektorat und der Islam insgesamt zu einer Privatangelegenheit verdrängt. Die Franzosen erfanden die rassische Kategorie eines „schwarzen Islam“, der gegenüber dem arabischen Islam als primitiv galt. In den 1920er Jahren machten arabische Schriftsteller wie al-Sadiq al-Rizgi Stimmung gegen die Stambali-Anhänger und beeinflussten die gesellschaftliche Meinung. Dennoch wurde zur Zeit der husainidischen Herrscher der Kult toleriert, wenn nicht gar unterstützt. Der Hauptkultort in Tunis war die Qubba (Mausoleum) von Sidi Ali l-Azmar (Sidi Ali Lasmar), an dem jeden Freitag eine Versammlung stattfand und unverheiratete Frauen opferten, um einen Mann zu finden.Jankowsky 2010, S. 16–18, 89
Nach der Unabhängigkeit Tunesiens 1956 änderte sich die Lage. Präsident Habib Bourguiba installierte ein nationalistisches Regime, das auf Säkularismus und Modernität ausgerichtet war. Er ließ radikale islamische Kräfte bekämpfen, wollte als „Vater der Nation“ Frauen zwangsweise von ihrem Schleier befreien und erklärte Heiligenkulte für rückständig.Irmhild Richter-Dridi: Frauenbefreiung in einem islamischen Land – ein Widerspruch? Das Beispiel Tunesien. Fischer, Frankfurt/Main 1981, S. 126 Das Grab von Sidi Ali l-Azmar in der Landeshauptstadt war um 1960 verschwunden, Wallfahrten zu Heiligengräbern in Dörfern der Umgebung wurden noch durchgeführt.Wolfgang Laade: Tunisia, Vol. 2: Religious Songs and Cantillations from Tunisia. (PDF; 5,5 MB) CD booklet, Smithsonian Folkways, 1962, S. 4 Der Staat verbot öffentliche Aufführungen von Stambali und andere Sufi-Praktiken, im Radio und Fernsehen wurde keine Stambali-Musik mehr gespielt. Tunesien sollte kulturell und sprachlich vereinheitlicht werden und sich Richtung Europa orientieren. Dafür stand der Malouf, eine aus Andalusien stammende klassische tunesische Musik, die als nationales Kulturgut gefördert wurde.Alyson E. Jones: Playing out: Women instrumentalists and women’s ensembles in contemporary Tunisia. (PDF; 2,47 MB) Diss., University of Michigan 2010, S. 89 Die kulturellen Beziehungen zu Schwarzafrika schienen der Herausbildung einer modernen Nation im Weg zu stehen. Kurzzeitig fand die Stambali-Musik Mitte der 1960er Jahre eine gewisse Anerkennung, als sie mit dem beliebten amerikanischen Jazz verglichen wurde, der eigentlich auch eine „Sklavenmusik“ sei. Es gab daher Versuche, den Stambali ähnlich zu modernisieren. In Tunis spielten einige Jahre Jazz- und Stambali-Musiker zusammen. Nachdem 1987 Ben Ali durch einen Putsch an die Macht gekommen war, stabilisierte sich die wirtschaftliche und von Islamisten bedrohte politische Lage. In den 1990er Jahren wurde das öffentliche Aufführungsverbot von Stambali-Musik abgeschafft.Jankowsky 2010, S. 19–21
Um die Jahrtausendwende gelangte die marokkanische Gnawa-Musik auf den internationalen Markt der Weltmusik. Ein wenig Aufmerksamkeit blieb davon auch beim tunesischen Stambali hängen, dem seither bei Aufführungen in Europa werbewirksam ein Anteil „schwarzer Kultur“ zugeschrieben wird. Bei staatlich organisierten Musikfestivals in Tunesien gehören Stambali- und andere Sufi-Gruppen heute zum Konzertprogramm.Tunisian popular heritage opens the International Carthage Festival. Magharebia, Tunis, 16. Juli 2007 Gleichzeitig mit ihrer Internationalisierung gehen jedoch allmählich die afrikanischen Wurzeln der Musik verloren.
Mythologie Die Herkunft des Begriffs ṣtambēlī ist unklar. Bei den Songhai ist sambeli eine von Hexen und Geistern verursachte Krankheit, bei den Hausa bezeichnet dasselbe Wort einen Tanz von Jungen und Mädchen. Es könnte sich für die bessere Aussprache im Arabischen zu ṣtambēlī verändert haben. Die geläufigere Herleitung kommt von Istanbul, das arabisch istanbūlī ausgesprochen wird. Möglicherweise ist beides zutreffend.
Nach einer Legende wurden die Schwarzafrikaner von Bū Saʿdīyya aus ihrer Heimat nach Tunesien gebracht. Diese mythische Person ist zugleich der erste Stambali-Musiker. Bū Saʿdīyya lebte einst als Jäger im afrikanischen Busch. Eines Tages kehrte er von der Jagd zurück und stellte fest, dass seine einzige Tochter Saʿdīyya fehlte und mit einer Sklavenkarawane nach Tunis verschleppt worden war. Also machte er sich ebenfalls nach Tunis auf, wo er nach einer entbehrungsreichen Reise ankam. Er begann, von seinen qaraqib begleitet, seine Trauer in Lieder gefasst vorzutragen. Er fand zwar nie seine Tochter, steht aber als Sinnbild für die Phase der Entwurzelung und als Begleiter während der Übergangszeit bis zur Ankunft an einem neuen Ort. Zu seinem Gedenken wird ein Maskenumzug veranstaltet, bei dem Tänzer qaraqib, die zweifellige Fasstrommel t'bol (auch ganga genannt) und eine ein- oder zweisaitige Fiedel (gūgāy) spielen. Unter den im Stambali-Kult verehrten Figuren wirkt Bū Saʿdīyya als einziger nicht im Tanzritual auf die Teilnehmer ein und lässt sich auch keiner der folgenden Kategorien zuordnen.
Der Himmel der verehrten Stambali-Wesen besteht aus zwei Abteilungen, die mit „weiß“ und „schwarz“ überschrieben werden. Weiß sind die arabischen islamischen Heiligen, die Walis (walī, Pl. awliyā), von denen Baraka ausgeht. Es sind meist historische Persönlichkeiten. Schwarz sind die aus dem Süden eingeführten Geister, die immer mythische Figuren waren.