mini|V2 auf einer Startrampe der White Sands Proving Grounds

Die Operation Overcast (engl. overcast = bedeckt, wolkenverhangen) war ein militärisches Geheimprojekt der USA, um nach der Niederlage Nazi-Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 deutsche Wissenschaftler und Techniker vor allem im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik zu rekrutieren und sich deren militärtechnisches Können und Wissen zu sichern. Ab März 1946 wurde stattdessen der Codename Operation Paperclip (engl. paperclip = Büroklammer) benutzt.

Bis Mai 1948 brachten die USA im Rahmen der Operation Paperclip 1136 Personen (492 Wissenschaftler, 644 Angehörige) aus Deutschland und Österreich in die USA. Später wurde der Begriff Project Paperclip allgemeiner für die Einbürgerung der Wissenschaftler und die Fortsetzung der Operation Overcast verwendet, und auch heute werden die Begriffe oft fälschlich vertauscht.

Die Zwangsenteignung deutscher Patente und Reparationsleistungen (u. a. Demontage von Produktionsmitteln) gehörten nicht zu den Operationen Overcast und Paperclip.

Grundlage und Vorgeschichte Grundlage der Operation Overcast war ein geheimes Dokument der Joint Chiefs of Staff, datiert vom 6. Juli 1945 – rund einen Monat nach dem Ende des Krieges in Europa und zwei Monate vor der Kapitulation Japans, in dem die Maßnahmen zur Festsetzung deutscher Wissenschaftler durch die US Army gebündelt wurden. Sie sollte durch das Aneignen deutscher Militärtechnik eigene Entwicklungsarbeit verkürzen, eine Rüstungslücke vermeiden und deutsche Wissenschaftler und Techniker dem Zugriff der UdSSR und deren Rüstungsindustrie entziehen. Die deutsche Militärtechnik war den Alliierten in einigen Bereichen voraus, speziell bei Flügelpfeilung, Gleitbomben, Flugabwehrraketen und Raketen.

Der größte Internierungszugriff erfolgte Ende April auf eine aus Peenemünde und der Umgebung von Nordhausen in eine Oberammergauer Kaserne evakuierte Mannschaft von mehr als 450 Raketenspezialisten, die von der SS bewacht wurde. Hinzu kam ein Team um Wernher von Braun, das sich Anfang Mai 1945 der US Army freiwillig in Reutte stellte. In den folgenden Monaten kamen freiwillig überlaufende und verhaftete Spezialisten hinzu, die im Mittelwerk in der Umgebung von Bleicherode und Nordhausen zurückgeblieben waren und Aufgaben in der Fertigung der V1 und V2 hatten. Zu den Maßnahmen gehörte auch die Sicherstellung von Raketenkomponenten und Entwicklungsunterlagen rechtzeitig vor dem geplanten Einmarsch der sowjetischen Truppen in Thüringen.

Auswahlkriterien Die Wissenschaftler sollten zunächst für sechs Monate ohne Angehörige in die USA geholt werden und dort auf Heer, Luftwaffe und Marine verteilt werden. Im Kontingent sollten sich keine überführten Kriegsverbrecher befinden. Jeder, der als solcher erkannt würde, sollte nach Deutschland zurückgeschickt werden. Im Jahr 1946 wurde klar, dass die Forscher länger in den USA bleiben würden, sich teilweise dort niederlassen und ihre Ehefrauen und Familien nachziehen lassen würden. Es folgten sehr lockere Regelungen, unter anderem weil Wernher von Braun NSDAP- und SS-Mitglied gewesen war. Faktisch spielten NS-Belastungen bei der Auswahl keine Rolle; sorgfältig gesiebt wurde wegen des begrenzten Kontingents bezüglich der fachlichen Qualifikation. Dies erscheint bemerkenswert, weil gleichzeitig im Rahmen der Nürnberger Prozesse beispielsweise der zuständige Rüstungsminister Albert Speer zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde – nicht zuletzt wegen der im Rahmen der Rüstungsproduktion massenhaft eingesetzten Zwangsarbeiter. Auch die V2-Produktion in der Fertigungsanlage Dora-Mittelbau erfolgte unter unmenschlichen Bedingungen und Zwangsarbeit. Für die verantwortlichen Wissenschaftler und Techniker blieb das genauso ohne Konsequenzen wie die zivilen Opfer der V1- und V2-Angriffe beispielsweise auf London. Ganz offensichtlich überwog hier das militärtechnische Eigeninteresse der USA. In der US-amerikanischen Öffentlichkeit war die Immigration von Nazis zunächst umstritten.

Operation Paperclip mini|Das Paperclip-Team in Fort Bliss, siebter von rechts in der ersten Reihe: Wernher von Braun |300x300px mini|Wernher von Braun und Mitarbeiter im Herbst 1959 in Huntsville. Von links: Ernst Stuhlinger, Friedrich von Saurma, Fritz Müller, Hermann Weidner, Erich W. Neubert (teilweise verdeckt), Willy Mrazek, Karl Heimburg, Arthur Rudolph, Otto Hoberg, von Braun, Oswald Lange, General John Bruce Medaris, Helmut Hölzer, Hans Maus, Ernst Geissler, Hans Hüter und George Constan.|300x300px mini|Wernher von Braun mit Mitarbeitern 1961. Von links nach rechts: Werner Kuers, Walter Häussermann, Willy Mrazek, von Braun, Dieter Grau, Oswald Lange und Erich W. Neubert.|300x300px

Unter dem Decknamen Operation Overcast wurde noch im Sommer 1945 die erste Gruppe von Wissenschaftlern in die USA gebracht. Ursprünglich sollten 100 Raketenexperten aus Wernher von Brauns Gruppe der Heeresversuchsanstalt Peenemünde zur Entwicklung des Aggregat 4 (bzw. der V2) ausgewählt werden. Im August 1945 bot US-Oberst Holger Toftoy, Leiter der Raketenabteilung für Forschung und Entwicklung in der US-Armee, 127 Spezialisten Ein-Jahres-Verträge an und brachte sie vorübergehend in Bad Kissingen im Hotel „Wittelsbacher Hof“ unter. Im September 1945 wurde eine erste Gruppe mit sieben Wissenschaftlern nach Long Island überführt, darunter Wernher von Braun. Ab Ende 1945 folgten weitere Gruppen nach Fort Bliss mit dem benachbarten Versuchsgelände White Sands. Helmut Gröttrup, Spezialist für die Steuerung und Vertreter von Ernst Steinhoff in Peenemünde, lehnte den angebotenen Vertrag aus familiären Gründen ab. Die Familienmitglieder der deutschen Wissenschaftler wurden als „V-2-people“ für mehrere Jahre unter Bewachung in der Landshuter Schoch-Kaserne an der Niedermayerstraße (ab 1943 durch die Wehrmacht belegt, nach Kriegsende als Pinder Kaserne von US Truppen benutzt und ab 1957 Standortkommandatur der Bundeswehr) untergebracht, dem sogenannten Camp Overcast.

Im Mai 1946 wurde der Begriff Operation Overcast durch Operation Paperclip ersetzt, um Fehlzuordnungen mit dem Camp Overcast in Landshut zu vermeiden. Der Name Paperclip (deutsch: ‚Büroklammer‘) leitete sich von den in den entsprechenden Akten eingesteckten Büroklammern ab, welche die Seiten mit relevanten Wissenschaftlern („Paperclip Boys“) kennzeichneten, die in die USA zu überführen waren.

Gleichfalls ließ die US-Regierung im Rahmen der Operation Paperclip deutsche Ingenieure und Chemiker, vor allem der Brabag, I.G. Farben und des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kohlenforschung, für das Synthetic Liquid Fuels Program überwiegend nach Louisiana (Missouri) verbringen, wo bis 1951 das United States Department of the Army für Forschungszwecke nach deutschem Vorbild ein Hydrierwerk zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe unterhielt.Don Bongaards: A Sense of Urgency. Xlibris Corporation, 2009, S. 42.Anthony N. Stranges: The US Bureau of Mines's synthetic fuel programme, 1920–1950s: German connections and American advances. In: Annals of Science. 54, 2006, S. 29, . So waren die deutschen Hydrierwerke, insbesondere in Pölitz, Blechhammer und Heydebreck, bis 1945 unter anderem die weltweit einzigen Hersteller von Wasserstoffperoxid im industriellen Maßstab, das deutsche Chemiker bereits zu dieser Zeit bei Raketen- und Torpedotriebwerken zum Einsatz gebracht hatten.Paul Maddrell: Spying on Science. Western Intelligence in Divided Germany 1945–1961. Oxford University Press, 2006, S. 26.Botho Stüwe: Peenemünde West. Bechtermünz Verlag, 1998, S. 138–255.Armin Dadieu, Ralf Damm, Eckart W. Schmidt: Raketentreibstoffe. Springer Vienna, 2013, S. 386, 673.

Spätestens 1946 war klar, dass es nicht bei der ursprünglich geplanten Aufenthaltsdauer von sechs Monaten bleiben würde, auch die ursprüngliche Höchstzahl von 350 Personen galt als nicht mehr ausreichend. Ein gemeinsames Komitee aus Heer, Marine und Außenministerium erarbeitete Grundsatzentwürfe, wie zusammen mit Großbritannien eine Ausweitung und Fortführung des Programms geregelt werden sollte. So wurde die Anzahl der Betroffenen auf insgesamt 1000 erhöht sowie der Nachzug der Familien bis hin zur späteren Einbürgerung geregelt. Diese Grundsätze wurden in einem geheimen Dokument mit dem Titel Einsatz der österreichischen und deutschen Wissenschaftler im Rahmen des Projekts Paperclip fixiert. Neben dem Begriff Operation Paperclip wird hier auch der Name Project Paperclip für dieses „Unterprojekt“ eingeführt und auch für die Operation Overcast allgemein verwendet, die damit nicht mehr klar zu trennen sind. Am 13. September 1946 unterzeichnete US-Präsident Harry S. Truman das Dokument. Die „Grundsatzerklärung“ trat am 24. Oktober in Kraft.

Mit den Technikern wurde auch die komplette nach dem Krieg übriggebliebene Technik verschifft, sofern sie in die Hände der darauf angesetzten amerikanischen Einheiten gefallen war. Dies waren im Wesentlichen noch nicht gestartete V2-Raketen und teilweise fertiggestellte Raketenmotoren aus Peenemünde und aus der KZ-Fertigungsanlage Dora-Mittelbau, die sonst der UdSSR zugefallen wären.

In Fort Bliss (Texas) und White Sands (New Mexico) sollten die Ingenieure an der Weiterentwicklung der amerikanischen Raketentechnik forschen. Zwischen April 1946 und Oktober 1951 wurden 66 V2-Raketen in White Sands gestartet. Einige waren mit Pflanzen, manche sogar mit Versuchstieren bestückt, die alle bei den Landeaufschlägen getötet wurden. Ab Ende 1951 wurden die Starts nach Cape Canaveral (Florida) verlegt und ab 1958 mit dem Mercury-Programm die bemannte Raumfahrt der USA vorbereitet, die 1969 zur ersten Mondlandung führte.

Rekrutierte Wissenschaftler und Ingenieure Die Erfassung deutscher Wissenschaftler durch die USA basierte primär auf der sog. „Osenberg-Liste“ mit 15.000 Namen, die Werner Osenberg als Leiter des Planungsamts im Reichsforschungsrat gesammelt hatte und im März 1945 in Bonn durch die US Army vor der Vernichtung gerettet wurde. Bis Mai 1948 brachten die USA im Rahmen der Operation Paperclip 1136 Personen (492 Wissenschaftler, 644 Angehörige) aus Deutschland und Österreich in die USA. 77 Wissenschaftler wurden der US Army, 205 der US Air Force (davon 146 in Wright Field), 72 durch die US Navy und 38 dem US Department of Commerce zugeordnet. Der „Harry Brunser Report“ aus dem US-Nationalarchiv enthält mehr als 500 Namen mit dem Vermerk „[PC]“, die auf eine Erfassung im Rahmen der Operation Paperclip hinweisen.Harry Brunser Report Diese Liste ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer Verpflichtung in die USA.

Raumfahrttechnik und Elektronik Insgesamt nahmen 127 Wissenschaftler aus dem Bereich Raumfahrttechnik und Elektronik aus dem Stab von Wernher von Braun zwischen 1945 und 1947 zeitlich befristete Jobangebote der USA an, teils freiwillig oder unter Druck. Anfangs waren sie interniert und standen unter strikter Bewachung. Die Genehmigung zum Nachzug von Familienangehörigen erfolgte erst ab 1947 als Reaktion auf die Verschleppung von deutschen Spezialisten mit ihren Familien im Rahmen der Aktion Ossawakim in die Sowjetunion. Die Einbürgerung in die USA im Rahmen des Project Paperclip verzögerte sich aufgrund innenpolitischer Schwierigkeiten um weitere Jahre.

Zu diesen 127 Wissenschaftlern in Fort Bliss gehörten:Eine umfangreiche (trotzdem unvollständige) Liste der rekrutierten Personen findet sich in der englischen Wikipedia. Der genannte Personenumfang geht über die eigentliche Rekrutierung im Rahmen Operation Paperclip hinaus und enthält auch Wissenschaftler, die aus anderen Gründen in den späten 1940ern die USA ausgewandert sind.

Im Zeitraum von 1947 bis 1955 nahmen weitere deutsche Wissenschaftler aus der Luft- und Raumfahrttechnik Arbeitsangebote in den USA an, die ihnen im Rahmen des Project Paperclip die Einbürgerung in Aussicht stellten.