Iwano-Frankiwsk (; ; jiddisch איוואַנאָ־ פֿראַנקיווסק), bis 1962 russisch Stanislaw, Diercke Weltatlas im Georg Westermann Verlag 1957, Seite 41 (ukrainisch Станиславів Stanyslawiw, Jiddisch סטאַניסלאַוו, transliteriert Stanislav, ), ist die Gebietshauptstadt der Oblast Iwano-Frankiwsk in der Westukraine. Die Universitätsstadt liegt im Karpatenvorland, das zur historischen Landschaft Galizien gehört.
Historische Namen und aktueller Name 1662–1772: Stanisławów 1772–1919: Stanislau 1919–1921: Stanyslawiw 1921–1939: Stanisławów 1939–1941: Stanislaw 1941–1944: Stanislau 1944–1962: Stanislaw 1962–1991: Iwano-Frankowsk (russisch), Iwano-Frankiwsk (ukrainisch) seit 1992: Iwano-Frankiwsk
außerdem: jiddisch: סטאַניסלעװ, translit. Stanislew ungarisch: Sztanyiszló
Administrative Einordnung Am 12. Juni 2020 wurde die Stadt zusammen mit 18 umliegenden Dörfern zum Zentrum der neugegründeten Stadtgemeinde Iwano-Frankiwsk (Івано-Франківська міська громада/Iwano-Frankiwska miska hromada)Відповідно до Закону України "Про визначення адміністративних центрів та затвердження територій територіальних громад Івано-Франківської області im Rajon Iwano-Frankiwsk, bis dahin bildete sie zusammen mit den Dörfern Chryplyn, Krychiwzi, Mykytynzi, Uhornyky und Wowtschynez () die Stadtratsgemeinde Iwano-Frankiwsk (Івано-Франківська міська рада/Iwano-Frankiwska miska rada) welche direkt der Oblastverwaltung der Oblast Iwano-Frankiwsk unterstellt war.
Folgende Orte sind neben dem Hauptort Iwano-Frankiwsk Teil der Gemeinde: Name ukrainisch transkribiert ukrainisch russisch polnisch Beresiwka Березівка Березовка (Beresowka) Chomiaków Bratkiwzi Братківці Братковцы (Bratkowzy) Bratkowce Chryplyn Хриплин Хриплин (Chriplin) Chryplin Dobrowljany Добровляни Добровляны Dobrowlany Drahomyrtschany Драгомирчани Драгомирчаны (Dragomirtschany) Drohomirczany Kaminne Камінне Каменное (Kamennoje) Kamienna Kolodijiwka Колодіївка Колодиевка (Kolodijewka) Kołodziejówka Krychiwzi Крихівці Криховцы (Krichowzy) Krechowce Mykytynzi Микитинці Никитинцы (Nikitinzy) Mykietyńce Pidluschschja Підлужжя Подлужье (Podluschje) Podłuże Pidpetschery Підпечери Подпечеры (Podpetschery) Podpieczary Radtscha Радча Радча Radcza Tschernijiw Черніїв Черниев (Tschernijew) Czerniejów Tschukaliwka Чукалівка Чукаловка (Tschukalowka) Czukałówka Tysmenytschany Тисменичани Тысменичаны (Tysmenitschany) Tyśmieniczany Uhornyky Угорники Угорники (Ugorniki) Uhorniki Usyn Узин Узин (Usin) Uzin Wowtschynez Вовчинець Волчинец (Woltschinez) Wołczyniec
Andere heutige Stadtteile waren früher auch eigenständige Orte, Knjahynyn (, polnisch Knihinin) wurde bereits 1925 eingemeindet, Passitschna (, polnisch Pasieczna) und Opryschiwzi (, polnisch Opryszowce) wurden nach dem Zweiten Weltkrieg ein Teil der Stadt.
Geschichte Polen-Litauen Während des orthodoxen Aufstands gegen (das römisch-katholische) Polen unter Chmelnyzkyj wurde eine Festung in der Nähe des Dorfes Sobolotiv erbaut, um Schutz und Handel zu ermöglichen. 1662 gründete der Gutsbesitzer Andrzej Potocki die Stadt, die er nach seinem Sohn Stanisław Stanisławów nannte. Sie gehörte zur Woiwodschaft Ruthenien.Rizzi Zannoni: Woiewodztwo Ruskie, Część Krakowskiego, Sędomirskiego y Bełzkiego z granicami Węgier, y Polski, które góry Karpackie nakształt łańcucha wyciągnione, od góry Wolska aż do Talabry, wyznaczaią; 1772 Die Stadt erhielt das Magdeburger Stadtrecht. Die militärische Befestigung an strategisch günstiger Lage auf einem Plateau am Zusammenfluss der Nadwirnaer und der Solotwyner Bystryza kurz vor der Mündung in den Dnister bot natürlichen Schutz. Die barocke Auferstehungskathedrale (Катедральний Собор Святого Воскресіння) wurde von 1753 bis 1763 als Jesuitenkirche erbaut und ging dann in den Besitz der griechisch-unierten Kirche über. Seit 1885 befand sich hier der Sitz eines Episkopats. Nachdem die Jesuiten vertrieben worden waren, befand sich hier ab 1784 das deutsche Gymnasium. Das zweietagige Jesuitenkollegium beherbergt jetzt den Lehrstuhl für Anatomie des Medizinischen Institutes.
Kaiserreich Österreich Nach der Ersten Polnischen Teilung im Jahr 1772 wurde die Stadt österreichisch und erhielt den Namen Stanislau. Es lebten dort Polen, Ukrainer (Ruthenen), Juden, Deutsche und andere Nationalitäten. Ab 1850 war die Stadt Sitz der Bezirkshauptmannschaft Stanislau im Kronland Galizien und Lodomerien,Reichsgesetzblatt vom 8. October 1850, Nr. 383, S. 1741. ab 1867 kam noch ein Bezirksgericht dazu, beide bestanden bis 1918.
1888 gab es folgende Beschreibung:
1896 gründete der deutsche Pfarrer Theodor Zöckler ein Waisenhaus, eine Fabrik und eine Schule als Beginn der Zöcklerschen Anstalten.
20. Jahrhundert bis 1939 1919 war die Stadt kurze Zeit Hauptstadt der Westukrainischen Volksrepublik. Nach dem Polnisch-Ukrainischen Krieg wurde Stanisławów 1921 durch den Frieden von Riga polnisch und Zentrum der gleichnamigen Woiwodschaft Stanisławów. Infolge des Hitler-Stalin-Pakts 1939 wurde das Gebiet ab September 1939 von der Sowjetunion besetzt, und es ließen sich viele Flüchtlinge aus den von Deutschen besetzten Gebieten West- und Zentralpolens dort nieder. Während der sowjetischen Besatzung wurden mehr als 500 Menschen durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD erschossen und bei Demjaniw Las verscharrt.„Die Welt“, 24. November 2010 (online)
Jüdisches Leben Seit dem 19. Jahrhundert war Stanisławów auch ein jüdisches Zentrum. Wie aus anderen Städten gab es bis zum Ersten Weltkrieg zeitweise starke Auswanderungsbewegungen, auch der jüdischen Bevölkerung, in die USA. Um 1900 bildeten die Juden knapp die Hälfte der Bevölkerung der Stadt,Paul R. Magocsi: Historical Atlas of Central Europe; UP of Washington, Seattle, 2002, S. 109. darunter waren damals etwa 50 % der Juden polnischsprachig.Beata Hołub: Studium historyczno-geograficzne narodowości w Galicji Wschodniej w świetle spisów ludności w latach 1890–1910 [Historical-geographical study of the nationalities in Eastern Galicia in the light of the population censuses in the years 1890–1910], 2013, S. 33. 1931 lebten 24.823 Juden in der Stadt und bildeten etwa ein Drittel der Bevölkerung. Vertreten waren alle jüdischen Richtungen und Parteien mit ihren Institutionen, von der Agudat Israel, über den Bund bis zu zionistischen Parteien. Die übrige Bevölkerung bestand zu je einem Drittel aus Polen und Ukrainern.
Ungarische und deutsche Besetzung Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde die Stadt am 2. Juli 1941 von den mit den Deutschen verbündeten Ungarn besetzt, die der Sowjetunion am 27. Juni 1941 den Krieg erklärt hatten. Nach dem Einmarsch ungarischer Truppen kam es zu Übergriffen ukrainischer Einwohner auf die Juden. Diese Ausschreitungen wurden von den Ungarn unterbunden, die ihrerseits mehrere tausend Juden aus Transkarpatien auswiesen, diese zwangsweise nach Stanislau transportierten und alle Juden mit einer Armbinde kennzeichnen ließen.Dieter Pohl: Hans Krueger and the Murder of the Jews in the Stanislawow Region (Galicia); Shoah Resource Center, The International School for Holocaust Studies: Yad Vashem Studies 26 (1998), S. 239–265 (englisch; pdf; 127 kB) / Kennzeichnung erst in deutscher Besatzungszeit laut Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust, München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, Band III, S. 1371.
Als die Deutschen am 20. Juli 1941 die Kontrolle übernahmen, war der jüdische Bevölkerungsteil auf 40.000 Personen angewachsen.Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust, München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, Band III, S. 1370 f. Im August 1941 wurde der Distrikt Galizien dem Generalgouvernement angeschlossen, Stanislau bildete die Hauptstadt einer Kreishauptmannschaft.
Die deutsche Sicherheitspolizeistelle Stanislau unter Leitung von Hans Krüger befahl am 6. Oktober 1941 in Nadwirna die Massenerschießung polnischer Juden und eine weitere am 12. Oktober am Stadtrand von Stanisławów. Den ahnungslosen Menschen wurde eine Aussiedlung angekündigt; man führte sie jedoch auf den jüdischen Friedhof, wo bereits Massengräber vorbereitet waren. Etwa 10.000 bis 12.000 Männer, Frauen und Kinder wurden erschossen. Die Mordaktion wurde mit Beginn der Dunkelheit abgebrochen. Der sogenannte Blutsonntag von Stanislau am 12. Oktober 1941 gilt als Beginn der „Endlösung“ im Generalgouvernement.Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 9: Polen: Generalgouvernement August 1941–1945, München 2013, ISBN 978-3-486-71530-9, S. 20. – Deutsch in: Gerhard Paul & Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.): Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien, WBG, 2004, 2. unv. Aufl. 2005, ISBN 3-534-16654-X; unv. Sonderausgabe, WBG & Primus, Darmstadt 2011, ISBN 3-89678-726-8. Nach dieser Aktion mussten die überlebenden Juden in einen ärmlichen Stadtteil umziehen, der als Ghetto bewacht wurde. Dort waren bis zu zehn Personen in einem Raum untergebracht.Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 9: Polen: Generalgouvernement August 1941–1945, München 2013, ISBN 978-3-486-71530-9, S. 20.
Am 31. März 1942 trieben deutsche und ukrainische Polizisten jüdische Ghettoinsassen gewaltsam zusammen und selektierten rund 5000 von ihnen, die kein Arbeitsdokument vorweisen konnten.Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust, München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1371. Diese wurden ins Vernichtungslager Belzec transportiert und dort ermordet. Bei einer „Vergeltungsaktion“ im Juli 1942 kamen eintausend Juden zu Tode. Nach einer blutigen „Aktion“ am 12. September 1942 wurden weitere 5000 Juden ins Vernichtungslager Belzec geschafft.Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust, München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1371. Zwischen Januar und Ende Februar 1943 wurde das Ghetto aufgelöst und die meisten Juden umgebracht. Kaum mehr als einhundert von ihnen überlebten.Rainer Blasius: Tausend Orte, Millionen Opfer. Ghettos als nationalsozialistisches Instrument, Auschwitz als Stätte des Gedenkens. In: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 27. Januar 2015, S. 6. Ein Sonderkommando der Aktion 1005 versuchte 1944, die Spuren von Massengräbern zu beseitigen.Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1372.
In Stanislau existierte von 1942 bis 1944 das Kriegsgefangenenlager Stalag 371 mit tausenden Insassen.
Ukrainische SSR Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt der Ukrainischen SSR angegliedert und die polnische Bevölkerung von den sowjetischen Behörden im Zuge der Zwangsumsiedlung von Polen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten 1944–1946 vertrieben, sodass in der Stadt heute neben wenigen Russen fast ausschließlich Ukrainer wohnen.
Am 9. November 1962 wurde die Stadt im Rahmen der 300-Jahr-Feier zu Ehren des Schriftstellers Iwan Franko in Iwano-Frankiwsk umbenannt.
Ukraine Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 gehört Iwano-Frankiwsk zur unabhängigen Ukraine. Am 24. April 2018 wurde die Stadt mit dem Europapreis für ihre herausragenden Bemühungen um den europäischen Integrationsgedanken ausgezeichnet.
Bei der Parlamentswahl 2012 erzielte die rechtsradikale Partei Swoboda in Iwano-Frankiwsk 33,8 %, 2014 8,8 %, 2019 8,4 %; sie stellt den Bürgermeister der Stadt.
Gleich am ersten Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine wurde am 24. Februar 2022 ein Luftschlag auf eine Luftbasis in Iwano-Frankiwsk verübt.
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