Der Volkskörper ist einerseits ein Begriff der deutschen Bevölkerungswissenschaft, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand und bis in die Zeit des Nationalsozialismus zunehmend rassenbiologisch definiert wurde. Nach 1945 wurde der Begriff weitgehend synonym mit „Population“ bzw. „Bevölkerung“ gebraucht. Andererseits diente Volkskörper im politischen Sprachgebrauch als Metapher, die ein organizistisches und biologistisches Verständnis von „Volk“ und Gesellschaft ausdrückte. Sie wurde in Deutschland während des 19. und 20. Jahrhunderts vor allem in antisemitischen und rassenhygienischen Texten benutzt, um das als biologische und rassische Einheit konzipierte „Volk“ semantisch gegenüber sogenannten „Parasiten“, „Schädlingen“ und „Krankheiten“ abzugrenzen. In diesem naturalistischen Sinne wurde die „Ausscheidung“ solchermaßen zu krankmachenden Elementen erklärter Bevölkerungsgruppen begründet. Die Metapher des Volkskörpers stand deshalb während des Nationalsozialismus in einem engen Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Rassen- und Euthanasiepolitik.
Körpermetaphern in der politischen Sprache Die metaphorische Übertragung medizinischer Begriffe und Sprache auf die Bereiche Gesellschaft, Politik und Geschichte lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen.Zusammenfassend Klaus Bergdolt: Mikrokosmos und Makrokosmos. Der menschliche Körper als staatstheoretisches Modell. In: Otto Depenheuer (Hrsg.): Staat und Schönheit. Möglichkeiten und Perspektiven einer Staatskalokagathie. VS Verlag, Wiesbaden 2005, S. 131–144. Platon etwa versteht in Politeia und im Timaios den menschlichen Körper als ein Abbild des Staates. Aristoteles verwendet den Organismusvergleich zur Erklärung des gesellschaftlichen Aufbaus. Titus Livius erzählt im Zusammenhang mit der Sezession der Plebejer 494 v. Chr. die Fabel vom Bauch und den rebellischen Gliedern, die dem Bauch den Dienst verweigern und deshalb nicht mehr ernährt würden.
Aus dem von William Harvey entwickelten medizinischen Blutkreislaufmodell ging im 16. Jahrhundert eine Zirkulationsmetapher hervor, die in politischen Texten große Wirkung entfaltete. Bereits Thomas Hobbes griff im Leviathan das Zirkulationsmodell auf, während die Kreislaufmetapher im 18. Jahrhundert eine Konjunktur erlebte. Besondere Bedeutung gewannen Körpermetaphern dann in der französischen Revolution. Vor allem Vertreter des Dritten Standes griffen Metaphern des Blutkreislaufs und den medizinischen Vitalismus auf, um neue Ideale sozialer Gleichheit zu formulieren.
Volkskörper im 19. Jahrhundert In dieser Form tauchte der Begriff des Volkskörpers auch in der deutschen Sprache auf. Das Deutsche Wörterbuch etwa führt den Begriff auf die Geschichte der französischen Revolution von Friedrich Christoph Dahlmann zurück, der vom „volk als lebende[m] organismus“ schreibt: „ein gesundes staatsprinzip … erfrischt zugleich den blutumlauf im ganzen volkskörper“.
Referenzbegriff des Antisemitismus Unter dem Einfluss von Evolutionslehre und Sozialdarwinismus wurde die Metapher des Volkskörpers im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend naturalistisch aufgefasst. Damit sollte einerseits eine unbedingte Abhängigkeit verschiedener gesellschaftlicher Gruppen voneinander zum Ausdruck gebracht werden. Andererseits pathologisierten Autoren und Publizisten damit jeweils das, was sie besonders ablehnten. So wurde der Begriff zunächst vor allem von Antisemiten gebraucht, um die Notwendigkeit zu begründen, Juden als angeblich „schädliche Elemente“ aus der Gesellschaft „auszuscheiden“.
Der Hofprediger Adolf Stoecker etwa formulierte:
Auf diese Weise wurde das „deutsche Volk“, aber auch das „jüdische Volk“ zu einem jeweils organischen Ganzen erklärt und die Existenz des einen Volkes im anderen für unmöglich.Klaus Holz: Die antisemitische Konstruktion des „Dritten“ und die nationale Ordnung der Welt. In: Christina von Braun, Eva-Maria Ziege (Hrsg.): Das „bewegliche“ Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus. Würzburg 2004, S. 57–61.
Volkskörper in den Bevölkerungswissenschaften Der Volkskörper war jedoch nicht nur politische Metapher, sondern fand auch Eingang in den wissenschaftlichen Sprachgebrauch. Vor allem in Disziplinen wie der Bevölkerungsstatistik, der Bevölkerungstheorie und Genealogie, die sozusagen den harten Kern der diffusen Disziplin „Bevölkerungswissenschaft“ bildeten, wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Frage nach dem ökonomischen „Wert des Menschen“ gestellt. In diesem Kontext wurde der „Volkskörper“ nicht notwendig mit den selektionistischen Aspekten des Sozialdarwinismus verknüpft. Rudolf Goldscheids wirkmächtiges Konzept der „Menschenökonomie“ etwa definierte den Menschen zwar als „biologisches Kapital“ und führte als Mittel zur qualitativen Aufwertung des „Volkskörpers“ explizit die „Fortpflanzungshygiene“ an. Dazu rechnete er aber vor allem eine „Produktivitätspolitik“ wie Kinderschutz, Mutterschutz, Jugendfürsorge, Mutterschaftsversicherung etc. und lehnte selektionistische Maßnahmen im Sinne einer „Auslese“ ab.Hallig, Schäfer, Vögele: Volk, Volkskörper, Volkswirtschaft. S. 388 f.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zumal nach dem Ersten Weltkrieg radikalisierte sich hingegen der bevölkerungspolitische Ansatz, der solche negativen Maßnahmen befürwortete. Auch die Rassenhygiene griff dabei den Begriff des Volkskörpers auf. Wilhelm Schallmayer etwa definierte die „Vererbungshygiene“ als Wissenschaft, welche „die erbliche Konstitution des Volkskörpers“ zu verwalten habe.Wilhelm Schallmayer: Beiträge zu einer Nationalbiologie. Nebst einer Kritik der methodologischen Einwände und einem Anhang über wissenschaftliches Kritikerwesen. Hermann Costenoble, Jena 1905, S. 88. Er argumentierte:
Volkskörper nach dem Ersten Weltkrieg Der Erste Weltkrieg und seine unmittelbaren Folgen stellten für den Gebrauch organizistischer Topoi eine Zäsur dar. Wurde bis dato nicht zuletzt die große Kraft des deutschen „Volkskörpers“ beschrieben, so deutete man den nationalen Zustand während der Weimarer Republik überwiegend in den Kategorien von Krankheit und Gesundung. Politiker wie Theodor Lewald forderten als Ersatz für die verlorengegangene Wehrpflicht eine Sportpflicht einzuführen, um so den Volkskörper zu stärken.Theodor Lewald: Sport, deutsche Wirtschaft und Volksgesundheit: ein Beitrag zum Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung. Vortrag, gehalten vor der Industrie- und Handelskammer in Berlin am 2. März 1926; vgl. Arnd Krüger, Rolf Pfeiffer: Theodor Lewald und die Instrumentalisierung von Leibesübungen und Sport. Uwe Wick, Andreas Höfer (Hrsg.): Willibald Gebhardt und seine Nachfolger (= Schriftenreihe des Willibald Gebhardt Instituts. Band 14). Meyer & Meyer, Aachen 2012, ISBN 978-3-89899-723-2, S. 120–145. Der Statistiker Friedrich Burgdörfer etwa fasste 1932 in seinem Buch Volk ohne Jugend die verbreitete Sorge um die „fortschreitende Überalterung und Vergreisung unseres Volkskörpers“ in die dramatischen Worte: „Das deutsche Volk treibt biologisch dem Abgrund zu.“Friedrich Burgdörfer: Volk ohne Jugend. Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers. Ein Problem der Volkswirtschaft – der Sozialpolitik der nationalen Zukunft. Berlin 1932, S. 218, 143. Der Siebenbürger Johann Bredt prägte mit seinem Buchtitel Volkskörperforschung, erschienen 1930 in Breslau, einen Begriff, der Nachahmer fand.
Volkskörper im Nationalsozialismus Im Nationalsozialismus wurden diese verschiedenen Entwicklungslinien kombiniert, „Volkskörper“ wurde oftmals synonym mit dem „rassischen“ Aufbau eines „Volkes“ gesetzt. Adolf Hitler benutzte in Mein Kampf den Begriff des Volkskörpers sowohl in antisemitischen als auch in rassenhygienischen und antimarxistischen Kontexten als Referenz angeblicher Erkrankung und Vergiftung.Beispiele bei Schmitz-Berning: Vokabular. S. 668. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde mit dem „Willen der Regierung“ begründet, „den Volkskörper zu reinigen und die krankhaften Erbanlagen allmählich auszumerzen.“Arthur Gütt, Ernst Rüdin, Falk Alfred Ruttke: Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. München 1934, S. 5. Im Vorwort des Kommentars zu den Nürnberger Rassegesetzen sprach sich Staatssekretär Wilhelm Stuckart 1936 entschieden gegen jegliche „Rassen“mischung aus:
Bevölkerungswissenschaftler wie Friedrich Burgdörfer verstanden Volkskörper während des Nationalsozialismus explizit in einem völkischen Sinne, also nicht nur als „Bevölkerung“:
Insgesamt wurde der Begriff des Volkskörpers während der Zeit des Nationalsozialismus zu einer allgegenwärtigen Metapher, um die deutsche Bevölkerung als biologisch-rassische Einheit zu beschreiben, die gegenüber verschiedenartigen Bedrohungen zu schützen bzw. die von diversen Krankheiten, Schädlingen und Parasiten zu heilen und zu reinigen wäre. „Die wissenschaftlichen Grundlagen bzw. Traditionslinien und das geistige Klima, in dessen Rahmen die eugenische Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten […] stattfinden konnte,“ stellen Thorsten Hallig, Julia Schäfer und Jörg Vögele dabei fest, „waren bereits in den politischen Debatten über die Degeneration des ‚Volkskörpers‘ der Weimarer Republik gelegt worden.“Hallig, Schäfer, Vögele: Volk, Volkskörper, Volkswirtschaft. S. 389.
Das Verhältnis der deutschen Bevölkerungswissenschaft zur rassischen Fundierung der „Volkskörperforschung“ im Nationalsozialismus ist umstritten. Der Soziologe Carsten Klingemann etwa hat argumentiert, die meist am soziologischen Denken geschulten Bevölkerungswissenschaftler hätten die „Aufgliederung des Volkskörpers“ immer auch sozialstatistisch verstanden und sich weniger für die vermeintliche Homogenität einer Rasse interessiert als für das, was im soziologischen Sinne als Stratifikation der Bevölkerung bezeichnet werden könne.Carsten Klingemann: Konzeption und Praxis sozialwissenschaftlicher Bevölkerungswissenschaft in ihren Beziehungen zu Raumforschung und Geopolitik im Dritten Reich. In: Ders.: Soziologie und Politik. Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit. Wiesbaden 2009, S. 165–191. Der Historiker Axel Flügel hat dagegen eine solche zu „formale Sichtweise“ kritisiert, die konzeptionelle Brüche bei der Verwendung des jeweiligen Vokabulars übersehe. Am Beispiel der „Volksgeschichte“ Gunther Ipsens verweist er darauf, dass diese Form der Bevölkerungsforschung „hinter den differenzierten, eine Vielzahl regionaler, sozialer und kultureller Faktoren abwägenden Stand der Bevölkerungswissenschaft“ zurückgefallen sei.Axel Flügel: Ambivalente Innovation. Anmerkungen zur Volksgeschichte. In: Geschichte und Gesellschaft. Band 26, 2000, S. 653–671, hier S. 669.
Semantischer Umbau nach 1945