Das Amduat (Untertitel in Kurzform: Die Schrift der verborgenen KammerIn der Kurzfassung des Amduats existiert nur der Vermerk „Abriss des Papyrusbuches“. Der ausgeschriebene Untertitel in der Langfassung des Amduats lautet: ) gilt als ältestes altägyptisches Literaturwerk der Gattung Jenseitsbücher. Es entstand als Zusammenfassung unter dem Amduat-Titel „Das Buch von dem, was in der Duat ist“.Erik Hornung: Die Unterweltsbücher der Ägypter. Artemis, Düsseldorf 1997, S. 18. Die Redaktoren des Amduats verwendeten ältere Vorlagen, die wohl bis in das Alte Reich zurückreichen. Jan Assmann ordnet daher die Thematik des Amduats den Sonnenheiligtümern zu.

Alexandra von Lieven verweist in diesem Zusammenhang auf die nur im Amduat verwendeten „Strichmännchenzeichnungen“, die in ähnlicher Gestaltung sehr gut für die 6. Dynastie bezeugt sind und mit Beginn des Neuen Reiches aufgrund der beschädigten Vorlagen im weiteren Verlauf durch Neuanfertigungen ersetzt wurden. Außerdem basiert die Kryptografie des Amduat im Gegensatz zu den anderen Unterweltsbüchern auf memphitischer Theologie.Alexandra von Lieven: Grundriss des Laufes der Sterne. Kopenhagen 2007, S. 30. Das Amduat fungierte zudem im Neuen Reich als redaktionelle Vorlage für alle danach entstehenden Unterweltsbücher, die auf den Inhalten des Amduats aufbauten.

Das Amduat diente ursprünglich ausschließlich für die verstorbenen Könige (Pharaonen) als Jenseits-Orientierungshilfe in ihren Gräbern. Es ist daher Anfang des Neuen Reiches hauptsächlich dort belegt, vereinzelt auch in Gräbern von ranghohen Beamten. Erst später fand das Amduat in Gräbern von Priestern häufiger Verwendung. Die Schriften richteten sich an die „Ebenbilder des Sonnengottes Re“ und nicht an den „einfachen Ägypter“.

Hintergrund mini|3. Nachtstunde (Grab Thutmosis III.)

Entdeckungen im Neuen Reich Das Jenseitsbuch „Das, was in der Duat ist“ ist zum ersten Mal in Grab KV20 von Thutmosis I. bezeugt und in den Königsgräbern des Neuen Reiches als teilweise vollständige Darstellung in Kurz- und Langfassung erhalten. Das Grab KV34 von Thutmosis III. (1504 bis 1450 v. Chr.) im Tal der Könige zeigt eine ebenso vollständige Darstellung wie auch das Grab von Amenophis II. (KV35). Einzig im Grab des Thutmosis III. wird aufgrund einer Beischrift ein direkter Bezug des Inhalts zum König deutlich:

Im Grab von Sethos I. (KV17) befinden sich einige farbige Abbildungen der Nachtstunden des Amduat. Weitere Darstellungen wurden gefunden in Gräbern von: Hatschepsut, Amenophis III., Tutanchamun, Eje II., Ramses II., Merenptah, Sethos II., Siptah, Ramses V. und Ramses IX. Haremhab und Ramses I. verzichteten aufgrund der Amarna-Zeit in ihren Gräbern auf die Anbringung des Amduat.

Inhalt mini|4. Nachtstunde (Grab Thutmosis III.)

In zwölf Abschnitten, die den zwölf Nachtstunden entsprechen, wird die nächtliche Fahrt des Sonnengottes Re durch die Unterwelt in einer Barke beschrieben, an der insgesamt 908 göttliche Wesen beteiligt sind, wobei davon allein 124 mit Namen benannte Wesen am Sonnenuntergang mitwirken. Die Wegstrecke, die Re während der Durchquerung der Duat zurücklegt, wird mit knapp 39.000 km angegeben, was fast dem tatsächlichen Erdumfang entspricht. Es bleibt unklar, wie jene Entfernungsangaben von den Ägyptern ermittelt wurden und ob ein Verfahren im Zusammenhang der Landvermessung als Grundlage diente, die als große Errungenschaft der Ägypter galt.

Auf der Nachtfahrt stößt Re auf verschiedene Hindernisse, die er und seine Helfer überwinden. Hauptfeind ist Apophis, der in der siebenten Stunde erscheint und von dem „Ältesten Zauberer“, bei dem es sich wohl um Seth handelt, bezwungen wird. Das Totengericht in der Halle der Vollständigen Wahrheit ist im Amduat noch nicht der Mittelpunkt des Geschehens. Der Inhalt des Amduat ist kein eigentlich durchgehender Text, sondern eine Reihe von zwölf Bildern, die die Stundengottheiten für eine Nachtstunde zeigen und mit ausführlichen Anmerkungen versehen sind.

mini|11. Nachtstunde (Grab Thutmosis III.)

Das Amduat trägt in sich auch Auszüge aus früheren Epochen, die bis in die Zeit der Pyramidentexte zurückreichen. Aufgrund der Entdeckungen ist es wissenschaftlich belegt und dem Neuen Reich zugeordnet, obwohl die Entstehungszeit wahrscheinlich mindestens in das Mittlere Reich zu datieren ist. Das Amduat umfasst folgende Themenbereiche:

Stunden der Nacht Nachtstunden: Namen der Göttinnen, Tore und HöhlenStundeName der StundengöttinStundentorStundenhöhle / Stundenort1. StundeDie die Stirnen ihrer Feinde zerschmettertWestlicher Torweg des Horizontes2. StundeDie Kluge, die ihren Herrn schütztAllesverschlingerinHalle der Vollständigen Wahrheit3. StundeDie Bas zerschneidetRäuberGefilde der Uferbewohner4. StundeDie Große, die in der Duat istWelches das Ziehen verbirgtMit lebenden Erscheinungsformen5. StundeGeleitende, die inmitten ihrer Barke istHaltepunkt der GötterWesten6. StundeAnkunft, die den rechten (Weg) gibt(Der) mit scharfen MessernWasserloch der Unterweltlichen7. StundeDie den Hiu abwehrt undden mit schrecklichem Gesicht köpftTor des OsirisGeheimnisvolle Höhle (des Osiris)8. StundeHerrin der tiefen NachtDas steht, ohne müde zu werdenSarkophag ihrer Götter9. StundeAnbetende, die ihren Herren schütztDas die (Nil)flut hütetMit hervorquellenden Gestalten10. StundeWütende, welche die Hinterhältigen schlachtetMit großen Erscheinungsformen,Gestalten gebärendMit tiefen Wassern und hohen Ufern11. StundeDie Sternige, Herrin der Barke, die denWidersacher abwehrt bei seinem HervorkommenRuheplatz der UnterweltlichenRand der Höhle12. StundeDie die Vollkommenheit ihres Herrn schautDas die Götter erhöhtEnde der Urfinsternis

Verbreitung mini|Szene aus der elften Stunde des Amduat auf einem Papyrus mini|Szene vom Sarkophag des Nektanebos II. aus der 30. Dynastie

Das Amduat ist im Neuen Reich fester Bestandteil der Dekoration eines Königsgrabes und nur vereinzelt bei Privatleuten belegt. In der dritten Zwischenzeit wird es – auf Papyrus geschrieben – auch Privatleuten mit in das Grab gelegt. Auf Sarkophagen ist es bis mindestens zur 30. Dynastie bezeugt. Während es in der 18. Dynastie meist vollständig niedergeschrieben wurde, werden später meist nur einzelne Stunden pars pro toto dargestellt.

Siehe auch Wernes Ra-setjau

Literatur Hartwig Altenmüller: B. Die Jenseitsbücher. 1. Das Amduat. In: Handbuch der Orientalistik. Erste Abteilung: Der Nahe und der Mittlere Osten, hrsg. von Bertold Spuler. Erster Band: Ägyptologie. Zweiter Abschnitt: Literatur. Zweite verbesserte und erweiterte Auflage, Brill, Leiden/Köln 1970, S. 70–72. Erik Hornung: Das Amduat: die Schrift des verborgenen Raumes. / hrsg. nach Texten aus den Gräbern des Neuen Reiches, Harrassowitz, Wiesbaden 1963–1967.

Erik Hornung: Die Unterweltsbücher der Ägypter. Artemis, Düsseldorf 1997, ISBN 3-7608-1061-6. Erik Hornung: Die Nachtfahrt der Sonne. Neuauflage, Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich 1998, ISBN 3-7608-1200-7. Hermann Kees, in: Hans Bonnet: Amduat. In: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. Bonn 1952, Nachdruck Nikol, Hamburg 2000, ISBN 3-937872-08-6, S. 17–20. Alexandra von Lieven: Grundriss des Laufes der Sterne – Das sogenannte Nutbuch. The Carsten Niebuhr Institute of Ancient Eastern Studies (u. a.), Kopenhagen 2007, ISBN 978-87-635-0406-5.

Weblinks Wallis Budge: The Book of Am-Tuat. (englisch) Auf: sacred-texts.com; zuletzt abgerufen am 29. Jubi 2026. Szenen des Amduat in KV34 Auf: Theban Mapping Project (englisch). Digitale Bearbeitung des Amduat der Künstlerin Jutta Achilles Auf archive.org vom 1. April 2018.

Einzelnachweise und Anmerkungen

Kategorie:Literarisches Werk