Johanna bzw. Anna von Palant zu BreitenbendIn dem vom Verfasser Karl von Utenhove zugeeigneten Exemplar von Paul Melissus: Schediasmata poetica. Item Fidleri Flumina. Georg Corvinus / Matthias Harnisch, Frankfurt am Main 1574, S. 88 (; Universitätsbibliothek Gent, Signatur BL 005471), ist handschriftlich „Palantiae“ in „Pallantiae“ verbessert und „Bredebentiae“ hinzugefügt. und Reuland oder Anna Pallantia (* um 1550 vermutlich auf Burg ReulandArnoldus Buchelius notiert zwar 1587 in seinem Tagebuch (vgl. Hermann Keussen: Die drei Reisen des Utrechters Arnoldus Buchelius nach Deutschland, insbesondere sein Kölner Aufenthalt I. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein insbesondere das Alte Erzbistum Köln 84 (1907), S. 1–102, bes. S. 82): Köln „hat auch eine sehr gefeierte Dichterin, Anna Palantia, geboren“; die Selbstbezeichnung von 1595 der „Anna Palanda Rulandis“ dürfte jedoch als Hinweis auf den Geburtsort stärkeres Gewicht haben. in der Eifel im heutigen deutschsprachigen Teil Ostbelgiens; † nach 18. September 1599, vielleicht begraben am 17. November 1599 in Köln), war eine deutsche Humanistin und neulateinische Dichterin, die am Niederrhein wirkte.
Leben Familie Anna von Palant war vermutlich die Tochter von Johann (Jan) IV. von Palant zu Breitenbend († vor 1556),Vgl. Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen Münster (A 450 Gesamtarchiv von Landsberg-Velen, 11747) u. a. Herrn zu Weisweiler, Wildenburg, Nothberg und Berghe (Laurenzberg), seit 1541 Amtmann von Eschweiler und Wilhelmstein, und (⚭ 1532)Ehevertrag im Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Bestand Reichskammergericht, Nr. 4290, Az. P 64/109); Testament vom 19. August 1532 im Historischen Archiv der Stadt Köln (Bestand 110P, U 3/50). Maria von Vlodrop († vor 1563).Gilles Dionysius Jacobus Schotel: Letter- en oudheidkundige avondstonden, Dordrecht: Blussé & Van Braam, 1841, S. 97, nennt als Eltern: Dietrich (Dirk) I. von Pallant (1530–1600 oder 1610), Herr zu Bredebent (Breidenbend), Jülicher Rat, Amtmann von Wassenberg und Boslar, Burggraf von Alpen, und (Johanna) Irmgard von Leerod (Leraedt) († 1580); deren Tochter Anna von Palant, verheiratet I. mit Godefroid de Ghislenghien († vor 1600), II. um 1600 mit Hieronymus Berghe von Trips (1568–1648), starb jedoch erst 1628. Im Dritten Geldrischen Erbfolgekrieg zwischen Kaiser Karl V. und Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg um das Herzogtum Geldern wurde dessen Burg Nothberg 1543 verbrannt (1555 erneuert).
Annas Bruder wäre demnach Johann V. von Palant zu Wildenburg, Weisweiler, Laurenzberg und Bottendorf († zwischen 1564 und 1572) gewesen, 1559 Jülicher Amtmann von Wilhelmstein und Eschweiler, seit 1556 verheiratet mit Anna von Gertzen genannt Sintzig (Sinzenich) († 1611).Ihre Söhne Johann VI. († 1591) und Werner von Palant († 1602) starben vor ihr. Anna von Palant, geb. von Gertzen (Gartzen), geriet 1572 in Konflikt mit Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg (1516–1592), weil sie die Reformation begünstigte.Vgl. Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Bestand Reichskammergericht, Nr. 1894, Az. G 100/232; 1896, Az. G 102/234; Nr. 3726, Az. M 814/2280; Nr. 4296, Az. P 71/116; Harff-Dreiborn 608 u. a.).
Die Burg Reuland, auf der Anna von Palant geboren wurde, war um 1550 zu einem Teil im Besitz von Balthasar von Flodrop († 1567), Herr zu Odenkirchen und Leuth – eines Bruders der Maria von Vlodrop –, der seinen Anteil an der Herrschaft 1560/61 seiner Tochter Odilia († nach 1589) und ihrem Mann (⚭ um 1560) Carsilius V. von Palant-Breitenbend († 1606/08) überließ.
Die Schwester ihrer Mutter MariaVgl. Leonard Wilson Forster: Charles Utenhove and Germany (1971). In: Kleine Schriften zur deutschen Literatur im 17. Jahrhundert (Beihefte zum Daphnis 1), Rodopi, Amsterdam 1977, S. 88 f., siehe auch Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Bestand Reichskammergericht, Nr. 737, Az. B 2000/5980 u. a)., Ursula von Vlodrop († nach 1604), war mit dem flämischen Humanisten und Dichter Karl von Utenhove (1536–1600) verheiratetFranciscus Modius: Franc. Modius Annae Pallantiae nobili virgini S. Nouesium (1583). In: Novantiquae Lectiones, tributae in Epistolas centum, Andreas Wechelius, Frankfurt am Main 1584, S. 50, bezeichnet Karl von Utenhove als einen „affinis“ (= Verschwägerten) von Anna von Palant., der als Protestant aus Flandern an den Niederrhein geflüchtet war. Utenhove unterrichtete Anna von Palant,Brief von Johannes Posthius an Johannes Weidner (1545–1606) aus Lendsiedel, Poeta Laureatus, Rektor der Lateinschule und Prediger zu St. Michael in Schwäbisch Hall, vom 3. Oktober 1595; vgl. Klaus Karrer: Johannes Posthius (1537–1597). Verzeichnis der Briefe und Werke mit Regesten und Posthius-Biographie (Gratia 23), Harrassowitz, Wiesbaden 1993, S. 326 (Google-Books). korrespondierte mit ihr und förderte die Publikation ihrer Gedichte. Utenhove, der selbst keine Kinder hatte, adoptierte seine früh verwaiste Nichte Anna von Palant und überlebte sie, allerdings nur um ein Jahr.
Wirken Anna von Palant lebte in Elberfeld,Vgl. Jane Stevenson: Women Latin poets, University Press, Oxford 2005, S. 244. Neuss (1583)Vgl. z. B. Franciscus Modius: Franc. Modius Annae Pallantiae nobili virgini S. Nouesium (1583). In: Novantiquae Lectiones, tributae in Epistolas centum, Andreas Wechelius, Frankfurt am Main 1584, S. 49, 54. und Köln; Arnoldus Buchelius (1565–1641) berichtet von einem Zusammentreffen mit ihr in der Domstadt.Brief an Anna Maria van Schurman vom 16. September 1633; vgl. Pieta van Beek: The first female university student: Anna Maria van Schurman (1636), Utrecht: Publishing & Archiving Services 2010, S. 34. (PDF, 3,71 MB). Buchelius war vom 5. Juni bis 24. September 1587, im Mai 1588, vom 17. Juli bis zum 23. September 1591 und vom 25. August 1599 bis zum 18. Januar 1600 in Köln; vgl. Hermann Keussen: Die drei Reisen des Utrechters Arnoldus Buchelius nach Deutschland, insbesondere sein Kölner Aufenthalt I. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein insbesondere das Alte Erzbistum Köln 84 (1907), S. 1–6.
Wegen ihrer umfassenden Bildung und ihrer Klugheit wurde Anna von Palant von zeitgenössischen Dichtern wie Johannes Posthius (1537–1597), Heinrich Smetius (1537–1614) und Paul Melissus (1539–1602) verehrt. Mit 12 Jahren hat sie Posthius mit einem extemporierten Gedicht in einem Wettstreit besiegt.Vgl. Elisabeth Gössmann: Eva, Gottes Meisterwerk (Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung 2), München: Iudicium 1985, S. 119; Parergorum poeticorum, Hieronymus Commelin, Heidelberg 1595, S. 133: „altera ab undecima … extemporali carmine me victum“. Posthius und Melissus widmeten Anna von Palant Gedichte.In Anspielung auf „Pallant“ und den griechischen Beinamen der Athene wird Anna dabei oft „Παλλάς“ (Pallas) = „die Heldin“ genannt. Vgl. Paul Schede: Schediasmatvm poeticorvm, Band III, 2. Aufl. Arnold Sittart, Paris 1586, S. 97, u. ö.; Tagebucheinträge von Buchelius (1587) bei Hermann Keussen: Die drei Reisen des Utrechters Arnoldus Buchelius nach Deutschland, insbesondere sein Kölner Aufenthalt I. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein insbesondere das Alte Erzbistum Köln 84 (1907), S. 82, und „vulgo dicebatur de Heldin“ (1599); bei Hermann Keussen: Die drei Reisen des Utrechters Arnoldus Buchelius nach Deutschland, insbesondere sein Kölner Aufenthalt II./III. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein insbesondere das Alte Erzbistum Köln 85 (1908), S. 43–114, bes. S. 101. Melissus berichtet, dass er Anna von Palant bei einem Besuch in Köln im Hause von Karl von Utenhove ein Lied von Pierre de Ronsard (1524–1585) vortragen gehört hat.Vgl. das Gedicht In dextram Ioannae Palantiae virginae nobilissimae. In: Paul Melissus / Felix Fiedler: Schediasmata poetica. Item Fidleri Flumina. Georg Corvinus / Matthias Harnisch, Frankfurt am Main 1574, S. 88–91.Vgl. Pierre de Nolhac (1859–1936): Ronsard et l'humaniste Melissus. In: Revue Musicale 2 (1921), S. 24–26. Die Angabe von Jane Stevenson: Women Latin poets, University Press, Oxford 2005, S. 245, Melissus habe Anna von Palant 1569 in Paris im Hause von Henri Estienne (1531–1598) getroffen hat, wo sie von Orlando di Lasso (1532–1594) sang und sich dabei selbst auf der Laute begleitete, ist nicht zutreffend. In dem Brief an Hieronimus Baumgarten (1537–1602) vom 29. Juni 1590; spricht Melissus von einem Besuch im Mai 1569 in Genf und einer nicht genannten vornehmen Französin, vielleicht ist eine der Morel-Töchter gemeint; vgl. Ernst Weber: Virorum clarorum saeculi XVI et XVII Epistolae selectae, Leipzig: Benedictus Gotthelf Teubner 1894, S. 29. Franciscus Modius (1536–1597)Aus Brügge, Jurist und Philologe. schreibt ihr 1583 aus Comburg nach Neuss über die Bedeutung der humanistischen Gelehrten Olympia Fulvia Morata (1526–1555) und erörtert mit ihr textkritische Probleme (Emendationen) einer Edition der Briefe Plinius’ des Jüngeren.
Anna von Palant galt auch als „vortreffliche“ Zeichnerin.Vgl. Amaranthes: Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexikon. Gleditsch, Leipzig, 1715, Sp. 1409f (Google-Books)
Gelegentlich wird vermutet, bei „Anna Utenhovia“ (* um 1550; † nach 1603 [1641?]) – einer weiteren Nichte Utenhoves – und „Anna Pallantia“ handele es sich um dieselbe Person,Vgl. dazu Lotte de Coene, Anuschka de Coster: Vrouwencatalogi onder de loep. Geleerde vrouwen in de Zuidelijke Nederlanden (1500–1800). In: Anuschka De Coster u. a.: Van Dhuoda tot Aletta. Het eeuwenoude spanningsveld tussen vrouwelijkheid en geleerdheid (Focus Gender 6), Academia Press, Gent 2008, S. 83 f. aber in einem Akrostichon an Jan Gruter (1560–1627) nennen sich beide Dichterinnen nebeneinander und auch in den „Parerga (Adoptivis)“ des PosthiusJohannes Posthius: Parerga Poetica, Heinrich von Aich, Würzburg 1580, Band II, S. 204 (Anna Palanda) bzw. 339 f. (Anna Vtenhouia). und dem „Symbolum“ des Jakob Monau (1546–1603) sind beide vertreten.
Erkrankung und vermutlicher Pesttod Im Oktober 1595 war Anna von Palant lebensgefährlich erkrankt.Vgl. Brief Utenhoves an den Kölner Arzt Heinrich Botterus (* 1539; † nach 1613) vom 11. November 1595. in: Legionum Epistolarum Utenhovii hecatontas aut centuria prima (bisher ungedruckte handschriftliche Briefsammlung, 1598; Bibliothèque nationale de France, Paris, MS fonds latin 18592), Blätter 78 f. Auch im Sommer 1599 erkrankten Anna von Palant und Utenhoves Frau, konnten aber von dem herzoglichen Leibarzt Wilhelm Fabry (1560–1634) zunächst „aus dem Rachen des Orcus“ gerettet werden.Vgl. Brief Utenhoves vom 18. September 1599. In: Guilhelmus Fabricius Hildanus: Observationum et Curationum Chirurgicarum Centuria Quarta (Bd. IV). Accessit Eivsdem Avthoris Epistolarvm ad amicos, eorundemque ad ipsum, Oppenheim: Johann Theodor de Bry 1619, S. 276 (Google-Books): „quippe qui Flodropiam & filiolam adoptivam Annam ab orci faucibus, Carolíque familiam Utenhovi integram, hac eruere non gravatus aestate es, Deo juvante“ (= „der du ja in diesem Sommer keine Mühe gescheut hast, die Vlodrop und das Adoptivtöchterchen Anna und eine unversehrte Familie des Karl Utenhove - mit Gottes Hilfe - aus den Schlunden des Orcus hervorzuholen“).