mini|hochkant|Titelblatt der Erstausgabe 1867 Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, eines der Hauptwerke von Karl Marx, ist eine systematische Darstellung der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Bewegungsgesetze. Wie der Untertitel anzeigt, versteht Marx das Werk zugleich als Kritik der politischen Ökonomie – also als Auseinandersetzung mit den Begriffen der bürgerlichen ökonomischen Wissenschaft seiner Zeit, vor allem mit der klassischen Schule (Smith, Ricardo), deren Resultate Marx aufnimmt, neu ordnet und auf ihre Voraussetzungen hin durchsichtig macht. Das Werk hatte erhebliche Wirkungen auf die Arbeiterbewegung sowie auf die politische und intellektuelle Geschichte des 20. Jahrhunderts. Marx’ persönliche Ausgabe des „Kapital“ (Erster Band) mit seinen handschriftlichen Anmerkungen wurde auf gemeinsamen Vorschlag der Niederlande und Deutschland im Juni 2013 von der UNESCO in das Weltregister des Dokumentenerbes aufgenommen. Die Schrift wird im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam aufbewahrt.
Nach Jahrzehnten ökonomischer Studien und diversen Vorarbeiten (vor allem die Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Zur Kritik der politischen Ökonomie und die Theorien über den Mehrwert) erschien 1867 der erste Band: Der Produktionsprozess des Kapitals. Friedrich Engels stellte nach Marx’ Tod (1883) aus dessen Manuskripten zwei weitere Bände zusammen. 1885 veröffentlichte er Band 2: Der Zirkulationsprozess des Kapitals. 1894 folgte Band 3: Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion.
Entstehungs- und Redaktionsgeschichte mini|hochkant|Titelblatt 2. Ausgabe 1872 mini|hochkant|Titelblatt 4. Ausgabe von Engels herausgegeben, Hamburg 1890 Die drei Bände des Kapital, wie sie heute in den MEW-Bänden 23 bis 25 und in den meisten Übersetzungen vorliegen, wurden in unterschiedlichem Maße von Marx selbst und vor allem von Engels redigiert und bearbeitet.Zum Folgenden vgl. Michael Heinrich: Wie das Marxsche Kapital lesen? (2008), S. 248–253; und Rolf Hecker: Die Entstehungs-, Überlieferungs- und Editionsgeschichte der ökonomischen Manuskripte und des “Kapital”. In: Altvater/Hecker/Heinrich/Schaper-Rinkel: KAPITAL.DOC - Das Kapital (Bd. 1) von Marx in Schaubildern mit Kommentaren, S. 219–240 (http://www.mxks.de/files/mew/Hecker.EntstehungsgeschDKapitals.t281203.html online]) Sie erschienen zu Lebzeiten von Marx und Engels in teilweise überarbeiteten Auflagen. Marx’ persönliche Ausgabe des ersten Bandes wurde in das Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen.
Band 1 Der erste BandMEGA. Abteilung II. Band 5 des Kapital erschien Mitte September 1867 beim Hamburger Verleger Otto Meissner in einer Startauflage von 1000 Exemplaren (Bekanntgabe des Erscheinens im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 14. September 1867Eike Kopf: Wann erschien der erste Band des „Kapitals“ von Karl Marx tatsächlich? In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung 3, Berlin 1978, S. 81–92.) auf der Grundlage der Ökonomischen Manuskripte (1863–65).MEGA Abteilung II Band 4.1 und Band 4.2 Zwischen Dezember 1871 und Januar 1872 verfasste Marx Ergänzungen und Veränderungen zum ersten Band des KapitalMEGA II/6, S. 1–54, welche Überarbeitungen und Kommentare zum ersten Kapitel der Erstauflage enthielten – vor allem grundsätzliche Überlegungen zur Werttheorie. Im Jahr 1872/73 erschien der erste Band in zweiter Auflage.MEGA Abteilung II. Band 6, S. 56–719. Zu erheblichen Veränderungen kam es vor allem im ersten Kapitel über die Ware.
Marx arbeitete fünf Jahre lang an einer französischen Ausgabe des ersten Bandes; diese Übersetzertätigkeit regte ihn an, den Stoff in Teilen zu überarbeiten und neu zu überdenken. Vor allem den Abschnitt über die „Akkumulation“ ergänzte er. Die französische Ausgabe erschien 1872–1875, zunächst in einzelnen Lieferungen, 1875 dann als Buch.MEGA Abteilung II. Band 7
Nach Marx’ Tod (1883) brachte Engels den ersten Band auf der Grundlage der zweiten Auflage mit einem Teil der Veränderungen der französischen Ausgabe in dritter Auflage heraus.1883, MEGA Abteilung II. Band 8 In die vierte AuflageMarx-Engels-Werke Band 23; MEGA Abteilung II Band 10 (1890) flossen weitere Teile der französischen Ausgabe ein.
2017 gab Thomas Kuczynski eine neue Textausgabe auf der Grundlage bisher nicht bearbeiteter Hinweise von Marx heraus. Dies betrifft vor allem den Vergleich der zweiten deutschen Auflage mit der französischen Ausgabe.Karl Marx. Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, erster Band Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals, neue Textausgabe mit USB-Card, bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski. VSA-Verlag, Hamburg 2017. ISBN 978-3-89965-777-7.siehe auch Georg Fülberth: Was bleibt und was kommt, neues deutschland, 12. November 2019 (Link kostenpflichtig) Zu den weiteren Vorzügen dieser Ausgabe zählen u. a. die eingerückte Einfügung der ursprünglich in den Anhang verbannten Anmerkungen in den Lesetext, überprüfte und ggf. ergänzte Quellenangaben, sowie die Übersetzung aller fremdsprachigen Begriffe und Zitate.
Band 2 und 3 Im Jahre 1885 veröffentlichte Engels den zweiten Band des Kapital,MEW 24, MEGA II/12 in dem er verschiedene Manuskripte Marx’ zusammengestellt hatte, die dieser in den 1860er- und 1870er-Jahren geschrieben hatte.MEGA II/11 Gedruckt wurde das Buch bei der Druckerei Reusch in Leipzig, wobei dem Verleger Otto Meissner das handschriftliche Manuskript von Engels’ Sekretär Oscar Eisengarten als Druckvorlage diente.
1894 folgte der dritte Band,MEW 25, MEGA II/15 dessen Grundlage nur ein Manuskript von Marx aus den Jahren 1864/65MEGA II/4.2 war, das mit zahlreichen Umformulierungen und Umstellungen von Engels versehen wurde.
Bewertung der Überarbeitungen Während im traditionellen Marxismus von der „Vervollkommnungsthese“ ausgegangen wurde, wonach die späteren Versionen als stetige Verbesserungen der früheren anzusehen seien, geht die „Neue Marx-Lektüre“ von einer „Popularisierungsthese“ aus, wonach die späteren Auflagen in der Regel Popularisierungen und damit auch Vereinfachungen zu früheren Auflagen darstellen.Vgl. Michael Heinrich: Wie das Marxsche Kapital lesen? (2008), S. 249.
Inhaltlicher Überblick Grundsätzliche Thesen mini|hochkant|Die „Blauen Bände“ der Marx-Engels-Werke (MEW), Dietz Verlag Berlin, 1973 mini|hochkant|Das Kapital von Karl Marx Neue Textausgabe von Thomas Kuczynski VSA-Verlag (2017)
Im Kapital geht es nicht um „Gesellschaft schlechthin“ oder um „‚das‘ menschliche Wirtschaften“, sondern um eine geschichtlich bestimmte Gesellschaftsform und die ihr eigene Form des Wirtschaftens. Die Kritik der politischen Ökonomie – so der Untertitel – richtet sich darum zugleich gegen die kapitalistische Produktionsweise und gegen die theoretische Form, in der diese Produktionsweise von der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft (Wirtschaftswissenschaften, besonders Volkswirtschaftslehre) zu Marx’ Zeit erfasst wurde.
Marx legt dar, dass die kapitalistische Gesellschaft eine Klassengesellschaft sei, deren ökonomisches Grundverhältnis darin bestehe, dass die Eigentümer der Produktionsmittel die von Produktionsmitteln getrennten und auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesenen Lohnarbeiter beschäftigen. Die spezifische Eigenschaft der Ware Arbeitskraft bestehe darin, im Produktionsprozess mehr Wert zu schaffen, als zu ihrer eigenen Reproduktion – also zur Auszahlung des Lohns – nötig sei. Diese Differenz, der Mehrwert, falle dem Kapital zu und sei die Quelle seiner Akkumulation. Die Lohnarbeit erscheint in diesem Verhältnis nicht als Mittel der Versorgung der Arbeiter, sondern umgekehrt: deren Reproduktion sei Voraussetzung und Mittel ihrer fortgesetzten produktiven Indienstnahme durch das Privateigentum an Produktionsmitteln.
Das Kapital setzt das politische Gewaltverhältnis voraus, das die Eigentumsordnung garantiert und die Lohnarbeiter rechtlich auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft verweist; eine systematische Theorie des bürgerlichen Staates entwickelt es jedoch nicht. Sie war nach den überlieferten Plan-Skizzen für eine eigene, nicht ausgeführte Abteilung des ursprünglich von Marx vorgesehenen Gesamtwerks vorbehalten.
Die ökonomischen Verhältnisse sind nach Marx von Menschen gemachte gesellschaftliche Verhältnisse, treten den Akteuren aber als sachliche Eigenschaften der Dinge gegenüber: Wert erscheint als Eigenschaft der Ware, Verzinsung als Eigenschaft des Geldes, Rente als Eigenschaft des Bodens. Diese Verkehrung ist nicht bloße subjektive Einbildung, sondern in den Verhältnissen selbst angelegt und bestimmt das praktische Verhalten der Akteure auch dann, wenn diese sie durchschaut haben. Marx bezeichnet sie als Warenfetisch.
Band 1: Der Produktionsprozess des Kapitals
Band 2: Der Zirkulationsprozess des Kapitals mini|Manuskriptseite. Zweiter Band des Kapitals. Erstes KapitelWerner Blumenberg: Karl Marx, Reinbek 1962, S. 143. mini|hochkant|Friedrich EngelsFotografie von William Elliott Debenham (1839-1924) vollendete nach Marx’ Tod 1883 aus dessen Manuskripten Das Kapital mit Band 2 und 3. Seine Interpretation ist umstritten. Im ersten Band ist Gegenstand, wie der Mehrwert in der Produktion erzeugt wird. Da das produzierte Kapital aber in Warenform vorliegt, muss es im Verkauf in Geldform zurückverwandelt werden, um sich erneut als Kapital betätigen zu können; der Mehrwert muss also außer produziert auch realisiert werden. Das Kapital durchläuft daher zyklisch verschiedene Funktionsformen – Geldkapital, produktives Kapital, Warenkapital –, die Marx in Form dreier Kreislaufformen analysiert. Der zweite Band des Kapital untersucht diese Kreisläufe, die Umschlagszeiten des Kapitals und schließlich – in den Reproduktionsschemata des dritten Abschnitts – die Frage, unter welchen quantitativen Bedingungen die einfache und die erweiterte Reproduktion einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft als Verkettung von Käufen und Verkäufen zwischen den Produktionsabteilungen aufgehen kann, also wie unter der Forderung beständiger Akkumulation von Mehrwert die Reproduktion der Gesellschaft verläuft.
Band 3: Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion Der dritte Band untersucht die Erscheinungsformen, in denen sich der Mehrwert auf der Oberfläche der Konkurrenz darstellt – also die Kategorien, in denen die ökonomischen Akteure ihr eigenes Tun wahrnehmen und sich selbst zurechnen. Behandelt werden u. a.:
die Verwandlung des Mehrwerts in Profit und der Mehrwertrate in die Profitrate die Bildung des Durchschnittsprofits über die Konkurrenz der Kapitale und damit die Verwandlung der Werte in Produktionspreise das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate sowie die ihm „entgegenwirkenden Ursachen“ die Verselbständigung des kaufmännischen Kapitals (Verwandlung von Warenkapital und Geldkapital in Warenhandlungs- und Geldhandlungskapital) die Spaltung des Profits in Zins und Unternehmergewinn das zinstragende Kapital und das fiktive Kapital die Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente die Revenuen und ihre Quellen
Im 48. Kapitel Die trinitarische Formel – Engels hat hier mehrere Manuskriptfragmente zusammengestellt – fasst Marx zusammen, wie die Aufspaltung des Reichtums in die Quellentrias „Kapital – Profit, Boden – Grundrente, Arbeit – Arbeitslohn“ den Sachverhalt verschleiert, dass alle drei Revenuen aus einer einzigen Quelle stammen: aus dem in der Produktion durch die lebendige Arbeit geschaffenen Wert, von dem die kapitalistisch beschäftigte Arbeitskraft den Lohn nur als Teil zurückerhält.
Zur Rezeption und Kritik