Die Religionssoziologie ist ein Spezialgebiet der Soziologie und zugleich der Religionswissenschaft. Sie befasst sich mit den sozialen Voraussetzungen von Religion, mit den sozialen Formen, die Religion annimmt, und dem Einfluss von Religion auf Gesellschaften sowie mit dem Einfluss der veränderten Gesellschaft auf die Religion.Harry Hoefnagels: Kirche in veränderter Welt – Religionssoziologische Gedanken, Hans Driewer-Verlag Essen 1964 Die Religionssoziologie deckt hierbei ein weites Feld ab und reicht von Beiträgen zur Gesellschaftstheorie (die z. B. die Funktion von Religion für die Gesamtgesellschaft beschreiben) bis zur mikrosoziologischen Untersuchung einzelner religiöser Gruppen und religiöser Praktiken.
Grundbegriffe Religion Die Soziologie hat keinen einheitlichen Begriff der Religion ausgebildet, vielmehr gehen die Autoren von unterschiedlichen Religionsbegriffen aus. Unterschieden werden substantiale und funktionale Definitionen der Religion: Substantiale Definitionen versuchen, charakteristische Wesensmerkmale der Religion zu bestimmen, die diese „substantial“ (wesensmäßig, inhaltlich) von anderen sozialen Phänomenen unterscheidet, beispielsweise die Erfahrung von Gott oder dem Heiligen. Religiös sind immanente Handlungen und Überzeugungen nur dann, wenn sie einen Bezug auf die Transzendenz aufweisen (Gott, höheres Wesen, Engel usw.). Funktionale Definitionen hingegen versuchen, Religion über ihre Funktion für einzelne Gesellschaftsmitglieder bzw. die Gesamtgesellschaft zu bestimmen. Funktionen der Religion können zum Beispiel die Erklärung sonst unerklärlicher Phänomene oder die Legitimation von Herrschaft sein. Üblicherweise werden aber konkrete Funktionsbeziehungen genutzt, um etwas als religiös zu bestimmen. Dies sind nach Durkheim die Funktion der Integration, nach Marx die Funktion der Kompensation oder die Funktion der Kontingenzbewältigung. Darüber hinaus gibt es Mischdefinitionen, die sowohl substantiale als auch funktionale Elemente einbeziehen. Auch aufgrund der lange Zeit dominierenden Verbreitung funktionalistischer Theorien in der internationalen Soziologie haben sich funktionale soziologische Definitionen der Religion verbreitet. Für eine funktionale Bestimmung von Religion spricht auch die Begriffsgeschichte: Der Begriff der Religion stammt aus der christlich-abendländischen Tradition und ist daher nicht ohne weiteres auf Gesellschaften außerhalb dieses Kulturkreises anwendbar (siehe hierzu ausführlicher: Religion). Gegen eine Verwendung spricht ihre gleichzeitige Ausweitung auf Phänomene, die für das Gros der Menschen nur schwer als religiös zu verstehen sind, sowie ihre Begrenztheit durch den Funktionsgrund (z. B. Integration).
Säkularisierung Der Prozess der Säkularisierung beschreibt die zunehmende Trennung von Religion und gesellschaftlichen Prozessen und Einrichtungen, die früher religiös geprägt waren. Säkularisierung geht damit weiter als die bloße Aufhebung geistlicher Herrschaften im Rahmen der Säkularisation. War das Mittelalter noch von einem tiefgreifenden religiösen Einfluss auf alle Bereiche menschlichen Lebens gekennzeichnet, so wird Religion im Säkularisierungsprozess zu einem System neben anderen. So werden zum Beispiel heutzutage Krankenhäuser nicht mehr allein unter dem Gedanken christlicher Barmherzigkeit organisiert, sondern gelten als säkulare (weltliche) Anstalten zum Wohle der Allgemeinheit und werden dementsprechend staatlich finanziert und professionell betrieben. Ebenso wurde die Rolle des Klerus in der Gesellschaft im Laufe der europäischen Geschichte einem sozialen Wandel unterworfen.
Die in den aktuellen religionssoziologischen Diskussionen verwendete Säkularisierungsthese oder Säkularisierungstheorie konzentriert sich auf die Erforschung der Bindekraft religiöser Normen für die Bürger und dem Wandel in religiösen Verhaltensweisen. Aufgrund einer Spannung zwischen Religion und Moderne – oder besser zwischen religiöser Vitalität und Modernisierung – kommt es zu Säkularisierung in diesem Sinne. Wenngleich mit dem Säkularisierungsprozess zweifellos ein Verlust des Einflusses institutionalisierter Religiosität (insbesondere kirchlich institutionalisierter Religiosität) in vielen Lebensbereichen verbunden ist, ist es doch strittig, ob die Säkularisierung einen Bedeutungsverlust von Religion bzw. Religiosität als solchen beinhaltet oder ob sie nicht vielmehr einen Strukturwandel der Religion darstellt, sich also die Religiosität der Menschen nur in ihrer Form und in der Art und Weise ihrer Ausübung ändert. Thomas Luckmann spricht in diesem Zusammenhang von Säkularisierung als einer „Entkirchlichung“ bzw. „Privatisierung“ von Religiosität. Demgegenüber versuchen Detlef Pollack, Steve Bruce, Gert Pickel, David Voas und andere Religionssoziologen mittels empirischer Studien nachzuweisen, dass mit dem Rückgang institutionalisierter Religiosität auch ein Rückgang individueller Religiosität einhergegangen ist.
Die ursprüngliche Säkularisierungstheorie, die vielfach von einem Verschwinden der Religion ausging und bis in die 1960er Jahre das vorherrschende Paradigma der Religionssoziologie darstellte, wird im Allgemeinen nicht mehr vertreten, was auch den Gegenpositionen in Form von religionssoziologischen Ansätzen wie der Individualisierungsthese (Thomas Luckmann, Grace Davie) oder dem aus den USA stammenden Marktmodell des Religiösen (Rodney Stark) geschuldet ist. Dieses Marktmodell galt etwa seit den frühen 1990er Jahren als das „neue Paradigma“ der Religionssoziologie (Warner 1993), konnte sich aber nicht durchsetzen. Neuere Analysen in der säkularisierungtheoretischen Tradition betonen die Pfadabhängigkeit von Säkularisierung (Ronald Inglehart, Pippa Norris, Gert Pickel), geben aber die grundsätzliche Rahmenannahme eines sozialen Bedeutungsverlustes von Religion in modernen Gesellschaften mit Bezug auf international vergleichende Umfragestudien nicht auf.Detlef Pollack, Gergely Rosta: Religion and Modernity: An International Comparison. Oxford University Press, Oxford 2017.
Ritual Die Religionsausübung ist in der Regel mit der Praxis von Ritualen und Zeremonien verbunden, mit denen die Anhänger einer Religion ihre religiöse Lebensführung gestalten, ihre Weltanschauung zum Ausdruck bringen oder die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft demonstrieren und zelebrieren. Im Rahmen von Kult und Gottesdienst dienen solche Rituale sehr oft der Erfahrung von Transzendenz, der symbolisch oder zeichenhaft vermittelten (jedoch unter Umständen durchaus als „real“ empfundenen oder interpretierten) Verbindung mit dem (wie auch immer verstandenen) Göttlichen oder Absoluten, der Herstellung und dem Erlebnis von Gemeinschaft oder einer als sinnstiftend empfundenen Deutung und Überhöhung des lebensweltlichen Alltags durch religiöse Symbole und rituelle Vollzüge.
Siehe auch: Religiöse Riten
Religiöse Organisationen Religion äußert sich nicht nur in der religiösen Praxis von Ritualen, sondern auch in religiösen Organisationen, die sich in Aufbau, Hierarchie und Mitgliedschaftsvoraussetzungen unterscheiden. Schon Max Weber traf eine Unterscheidung zwischen Sekten einerseits und Kirchen andererseits. Der ursprünglich wissenschaftlich neutral gebrauchte Begriff der Sekte ist im außerwissenschaftlichen Kontext in der Regel eindeutig negativ belegt. Neben der kategorialen Unterscheidung bestimmter Organisationsformen wie Kirche und Sekte richtet die Religionssoziologie ihr Interesse auch auf die Entstehung solcher Organisationsformen und den Übergang von einer Organisationsform in andere. Manfred Hermanns hat die Herrschafts- und Partizipationsstrukturen der Organisation Kirche untersucht.
Religiöse Rollen Mit der Ausbildung organisierter Religiosität in Ritualen und Organisationen geht die Entstehung bestimmter sozialer Rollen einher, etwa der des Priesters und des Propheten. Religiöse Führer oder Gruppen religiöser Funktionsträger (z. B. der Klerus) können in einer religiös geprägten Gesellschaft eine bedeutende soziale Position einnehmen, mit der gesellschaftlicher Einfluss und Privilegien bis hin zur tatsächlichen oder beanspruchten politischen Herrschaft verbunden sein können (Klerikalismus).
Religionssoziologische (bisweilen auch von der Pastoraltheologie herangezogene) Forschungen befassen sich auch mit der praktischen Rolle von Seelsorgerinnen und Seelsorgern im modernen, durch Differenzierung und Konkurrenz der Systeme und Ideologien gekennzeichneten gesellschaftlichen Kontext. Ihre Rolle als Repräsentanten der Religion lässt sich soziologisch (in Anlehnung an Anthony GiddensThe Consequences of Modernity (1990), deutsch: Konsequenzen der Moderne (1996) [ISBN 3-518-28895-4]) auch als „Expertensystem“ beschreiben, das an die Stelle des hergebrachten allumfassenden und allgemeingültigen „Symbolsystems“ getreten ist.
Theoriegeschichte Bereits von dem vorsokratischen griechischen Denker Xenophanes († 470 v. Chr.) sind ausgesprochen religionssoziologische Fragmente überliefert. Als bedeutender Vorläufer der Aufklärung ist der von Charles de Montesquieu mit seinem L’esprit du lois (1749) beeinflusste Orientalist Johann David Michaelis mit seinem Werk Mosaisches Recht von 1793 anzusehen. Hier wurde erstmals die soziale ‚Vernünftigkeit‘ der mosaischen Gesetze in der Bibel dargetan, und zur Prüfung seiner Hypothesen arbeitete Michaelis auch einen empirischen Fragebogen aus, den er Carsten Niebuhr und Pehr Forsskål auf ihre berühmte arabische Expedition mitgab.
Grundlegend für die Entwicklung der Religionssoziologie selbst sind vor allem die Schriften von Max Weber (Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen) und Émile Durkheim (Die elementaren Formen des religiösen Lebens).
Religionskritik Auguste Comte verstand Soziologie als Naturwissenschaft, die sich infolge der Aufklärung als Steuerungsinstrument einer rationalen Gesellschaft etablieren sollte, soziale Physik. Im Vorfeld einer Soziologie der Religion steht daher das Erbe der Religionskritik, die neben philosophischen und psychologischen Argumenten immer auch mit soziologischen Argumenten betrieben wurde. Dem theologischen Zeitalter folge somit ein wissenschaftliches, so Auguste Comte.
Karl Marx Einen wichtigen Beitrag zur Religionskritik aus soziologischer Perspektive formulierte auch Karl Marx. Dieser geht in seiner Gesellschaftstheorie davon aus, dass im Zuge der Entfremdung des Arbeiters durch den Zwangsverkauf seiner Arbeitskraft in der kapitalistischen Gesellschaft der Religion die Funktion zufalle, diese Entfremdung durch religiösen Trost und Jenseitsorientierung zu überdecken (Kompensationsfunktion). Daher übernimmt Marx von Engels die Charakterisierung der Religion als „Opium des [einfachen] Volkes“ (dem das echte, materielle Opium nicht zugänglich war) und betrachtet daraus folgernd die Kritik der Religion als den Anfang aller Kritik. Religion stellt für ihn den Überbau der sozioökonomischen Basis der Gesellschaft dar und trägt zur Stabilisierung dieser Gesellschaftsform bei. Damit wird aber – und dies ist seine zentrale Kritik – sozialer Wandel verhindert, die Abhängigkeitsverhältnisse werden festgeschrieben.
Émile Durkheim