Als Hypothese vom multiregionalen Ursprung des modernen Menschen (auch: multiregionales Modell) bezeichnet man in der Paläoanthropologie die Annahme, dass die „für die heutigen großen Menschengruppen – etwa die Asiaten, die Ureinwohner Australiens oder die Europäer – charakteristischen Merkmale sich in einem langen Zeitraum herausgebildet haben und daß dies auch ungefähr dort geschah, wo diese Menschen leben“.Alan G. Thorne, Milford H. Wolpoff: Multiregionaler Ursprung der modernen Menschen. In: Spektrum der Wissenschaft. Nr. 6/1992, S. 80. Die Vertreter dieser Hypothese zur Stammesgeschichte des Menschen schließen also „dramatische Migrations- und Verdrängungsszenarien aus und nehmen demische Diffusion (das heißt: eine Durchmischung des Genpools der diversen Populationen aufgrund stetigen Genflusses) mit Selektion an.“Winfried Henke, Hartmut Rothe: Stammesgeschichte des Menschen. Eine Einführung. Springer Verlag, Berlin 1999, S. 283, ISBN 3-540-64831-3.

Die Hypothese vom multiregionalen Ursprung des modernen Menschen bildet den Gegenpol zur Out-of-Africa-Theorie, der zufolge sich der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens) in Afrika aus Vorläuferarten entwickelte, vor 50.000 bis 60.000 Jahren über den Nahen Osten nach Asien sowie Australien und später nach Europa gelangte und die dort bereits ansässigen Populationen der Gattung Homo verdrängte.

Die multiregionale Hypothese wurde auch zur Erklärung des Entstehens von menschlichen Rassen herangezogen und wird „von einer kleinen Gruppe leidenschaftlicher Befürworter“ – insbesondere aus China – vertreten.Richard Stone: Signs of early Homo sapiens in China? In: Science. Band 326, 2009, S. 655, doi:10.1126/science.326_655a; wörtlich: „A rival idea with a small band of ardent backers holds that those who left Africa interbred with humans they met on other continents.“Xinzhi Wu: On the origin of modern humans in China. In: Quaternary International. Band 117, Nr. 1, 2004, S. 131–140, doi:10.1016/S1040-6182(03)00123-X. Detaillierte genetische Analysen asiatischer Volksgruppen belegen jedoch auch für diese Region eine Zuwanderung von Homo sapiens aus Regionen westlich von Indien.Asiaten stammen aus Afrika. Auf: orf.at (Webseite des ORF), zuletzt abgerufen am 22. Februar 2022.Yuehai Ke et al.: African Origin of Modern Humans in East Asia: A Tale of 12,000 Y Chromosomes. In: Science. Band 292, Nr. 5519, 2001, S. 1151–1153, doi:10.1126/science.1060011.The HUGO Pan-Asian SNP Consortium: Mapping Human Genetic Diversity in Asia. In: Science. Band 325, 2009, S. 1541–1545, doi:10.1126/science.1177074.Eine detaillierte Grafik zu den Besiedlungswegen in Asien ist enthalten in: Dennis Normile: SNP Study Supports Southern Migration Route to Asia. In: Science. Band 325, 2009, S. 1470, doi:10.1126/science.326.5959.1470.

Die „Mehrzahl der Populationsgenetiker“ unterstützt hingegen heute, wie schon Mitte der 1990er Jahre, die Out-of-Africa-Theorie als „biologisch am einleuchtendsten.“Chris Stringer: Human evolution: Out of Ethiopia. In: Nature. Band 423, 2003, S. 692–695, doi:10.1038/423692a.Michael D. Petraglia et al.: Out of Africa: new hypotheses and evidence for the dispersal of Homo sapiens along the Indian Ocean rim. In: Annals of Human Biology. Band 37, Nr. 3, 2010, S. 288–311, doi:10.3109/03014461003639249.

Historischer Hintergrund Die Bezeichnung Homo sapiens als Artname für den Menschen wurde 1758 von Carl von Linné in der 10. Auflage seiner Schrift Systema Naturæ (S. 20) eingeführt; zuvor hatte Linné den Menschen ohne Epitheton zur Gattung Homo gestellt, aber ergänzend vier regionale, anhand der Hautfarbe unterscheidbare Varianten (Europaeus albese, Americanus rubese, Asiaticus fuscus, Africanus nigr.) benannt. Wie in allen früheren Auflagen verzichtete Linné aber auch weiterhin auf die so genannte Diagnose, also auf eine präzise Beschreibung der arttypischen Merkmale.

In den folgenden Jahrzehnten wurden zwar diverse Listen der arttypischen Merkmale erstellt. Auch legte der Botaniker William Thomas Stearn 1959 nachträglich ein bestimmtes Individuum als wissenschaftliches Belegexemplar fest, indem er Carl von Linné („Linnaeus himself“) zum Lectotypus der Art Homo sapiens erklärte;Seite 4 in William Thomas Stearn: The Background of Linnaeus's Contributions to the Nomenclature and Methods of Systematic Biology. In: Systematic Zoology. Band 8, Nr. 1, 1959, S. 4–22, online. da Linné im Dom zu Uppsala begraben liegt, sind seine sterblichen Überreste allerdings unzugänglich. Die Merkmalskataloge trugen zwar grundsätzlich dazu bei, den Menschen von anderen heute lebenden Tieren zu unterscheiden; sie erwiesen sich aber als wenig hilfreich, die heute bekannten homininen Fossilien der Art Homo sapiens zuzuordnen oder sie von ihr abzugrenzen. Im Yearbook of Physical Anthropology hieß es 2010: „Unsere Art Homo sapiens war niemals Gegenstand einer formalen morphologischen Definition, die uns helfen würde, unsere Artgenossen in irgendeiner brauchbaren Weise in den dokumentierten fossilen Funden zu erkennen.“Jeffrey H. Schwartz und Ian Tattersall: Fossil evidence for the origin of Homo sapiens. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 143, Supplement 51 (= Yearbook of Physical Anthropology), 2010, S. 94–121, doi:10.1002/ajpa.21443; im Original: Our species Homo sapiens has never been subject to a formal morphological definition, of that sort that would help us in any practical way to recognize our conspecifics in the fossil record.

Das Fehlen einer allgemein akzeptierten Beschreibung der arttypischen Merkmale des Menschen hatte bereits im 19. Jahrhundert auch Auswirkungen auf die Anthropologie. So beschrieb der niederländische Arzt und Naturforscher Philippe-Charles Schmerling 1833 in seinem Buch Recherches sur les ossements fossiles découvertes dans les cavernes de la province de LiègePhilippe-Charles Schmerling: Recherches sur les ossements fossiles découverts dans les cavernes de la Province de Liège. P.-J. Collardin, Liège 1833, S. 1–66. zwei fossile Schädel (Engis 1 und Engis 2) und mehrere andere Knochen aus einer Höhle bei Engis in Belgien, die er aufgrund von Tierfossilien und gleichfalls entdeckten Steinwerkzeugen dem „Diluvium“ (Pleistozän) zuordnete. Unter Verweis auf die Genesis, aus der ein so hohes Alter nicht abgeleitet werden konnte, und mangels hinreichend genauer Abgrenzungskriterien wurde dieser erste wissenschaftlich beschriebene Neandertaler-Fund jedoch als „modern“ verkannt. Daran änderte 1863 auch die zutreffende Einschätzung des Geologen Charles Lyell nichts,Charles Lyell: The geological evidences of the antiquity of man. John Murray, London 1863. da – ebenfalls 1863 – selbst der einflussreiche Unterstützer von Darwins Evolutionstheorie, Thomas Henry Huxley, den Fund aus Engis als von einem „Menschen von niedrigem Grad an Zivilisation“ stammend und den 1856 entdeckten Fund aus dem Neandertal – wie andere vor ihm – als innerhalb der Variationsbreite der Jetzt-Menschen liegend beschrieb.Thomas Henry Huxley: On some fossil remains of man. Kapitel 3 in: Evicence as to man's place in nature. D. Appleton and Company, New York 1863. Wie Huxley ordneten auch andere Anthropologen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts die zunehmend zahlreicher werdenden homininen Fossilien den menschlichen „Rassen“ als deren frühe Repräsentanten zu, beispielsweise auch die Funde aus Balzi Rossi. Zugleich wurden wiederholt Mutmaßungen über eine polyphyletische Herkunft dieser „Rassen“ publiziert und beispielsweise den Malaien und den Orang-Utans eine engere stammesgeschichtliche Nähe zugeschrieben als den afrikanischen Menschenaffen und den übrigen „Rassen“ des Homo sapiens.Alexander Sokolowsky: Die Psyche der Malaien und ihre Abstammung. In: Medizinische Klinik. Band 13, Nr. 25, 1917, S. 685–688.

Die Existenz von Vorläuferarten der Art Homo sapiens war zwar schließlich spätestens 1950 mit Ernst Mayrs Vortrag über „Taxonomic categories in fossil hominids“Ernst Mayr: Taxonomic categories in fossil hominids. In: Cold Spring Harbor Symposia on Quantitative Biology 1950. Band 15, 1950, S. 109–118, doi:10.1101/SQB.1950.015.01.013. während des Cold Spring Harbor Symposium on Quantitative Biology von der Fachwelt anerkannt, jedoch hatte auch Mayr keine Kriterien für die Abgrenzung der Arten benannt. So konnte auch die von Franz Weidenreich 1947 vertretene Aussage, asiatische hominine Fossilien seien die Überreste von Vorfahren der heutigen Asiaten und Neandertaler-Fossilien seien die Überreste der Vorfahren der heutigen Europäer, fortbestehen.Franz Weidenreich: Facts and speculations concerning the origin of Homo sapiens. In: American Anthropologist. Band 49, Nr. 2, 1947, S. 187–203, doi:10.1525/aa.1947.49.2.02a00010, Volltext (PDF). Zugespitzt wurde diese Interpretation der Fossilien 1962 in der Rassentheorie des US-amerikanischen Anthropologen Carleton S. Coon, der zwar – wie 1871 bereits Charles Darwin in seinem Werk Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche ZuchtwahlCharles Darwin: The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex. John Murray, London 1871, Band 1, S. 199: „In each great region of the world the living mammals are closely related to the extinct species of the same region. It is therefore probable that Africa was formerly inhabited by extinct apes closely allied to the gorilla and chimpanzee; and as these two species are now man's nearest allies, it is somewhat more probable that our early progenitors lived on the African continent than elsewhere.“ – Afrika als den wahrscheinlichsten Ort der Entstehung von Homo sapiens ansah. Jedoch habe dieser Afrika auf einem noch sehr primitiven Entwicklungsstand verlassen und sich in fünf evolutive Linien aufgespalten. Aus diesen Linien (‚capoid‘ = südafrikanische Buschmänner, ‚negroid‘, ‚caucasoid‘, ‚mongoloid‘, ‚australoid‘) seien die „Rassen“ des anatomisch modernen Menschen hervorgegangen, wobei einige Rassen das Entwicklungsstadium des Homo sapiens früher erreicht hätten als andere.Carleton S. Coon: The Origin of Races. Alfred A. Knopf, New York 1962

Die Grundannahmen mini|Dem „multiregionalen Modell“ zufolge entwickelten sich die anatomischen Merkmale der heutigen Afrikaner, Asiaten, Europäer und der australischen Ureinwohner trotz stetigem Genfluss unabhängig voneinander über „archaische Zwischenformen“ aus einer ursprünglich afrikanischen Population von Homo erectus.

Die heutige Fassung der Hypothese vom multiregionalen Ursprung des modernen Menschen wurde Mitte der 1980er-Jahre von dem US-amerikanischen Anthropologen Milford H. Wolpoff (University of Michigan) und dem chinesischen Paläoanthropologen Wu Xinzhi (Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften) als Erklärungsschema für den Gang der jüngsten Evolution des Menschen formuliert. Milford H. Wolpoff, Wu Xinzhi und Alan G. Thorne: Modern Homo sapiens origins: a general theory of hominid evolution involving the fossil evidence from East Asia. In: F. H. Smith und F. Spencer (Hrsg.): The Origins of Modern Humans: A World Survey of the Fossil Evidence. Alan R. Liss, New York 1984, S. 411–483.