mini|Karte von Operation Neptune Spear
Die Operation Neptune Spear ( „Unternehmen Neptuns Speer“) vom 2. Mai 2011 war ein von US-Präsident Barack Obama angeordneter und von der CIA geleiteter Militäreinsatz der Vereinigten Staaten in Abbottabad, Pakistan. Laut US-Angaben töteten Mitglieder der Spezialeinheit DEVGRU (Navy SEAL Team 6) Osama bin Laden, den Gründer und Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, das für mehrere Angriffe auch gegen die Vereinigten Staaten, darunter die Terroranschläge am 11. September 2001 mit etwa 3000 Toten, als verantwortlich gilt, und weitere Anwesende.
Die US-Regierung und beteiligte Soldaten haben den Verlauf des Einsatzes in Details unterschiedlich dargestellt. Umstritten ist auch, ob Pakistaner den Wohnort Bin Ladens an die USA verrieten und in die Aktion eingeweiht waren.
Der Codename der Operation bezieht sich auf den Dreizack des römischen Meeresgottes Neptun, der auch in den Special Warfare Insignia der United States Navy SEALs enthalten ist. Er verweist damit auf die ausgewählte Spezialeinheit.
Vorgeschichte Bin Ladens Aufenthaltsort mini|hochkant=2|Der Aufenthaltsort Bin Ladens in Abbottabad – schematische Grafik mini|Das Haus, in dem sich Bin Laden versteckte, mit Eingangstor mini|Vergleich des Grundstückes 2004 und 2011
Nach Zeugenaussagen von Bin Ladens Familienmitgliedern, pakistanischen Geheimdienstmitarbeitern und den Angaben der Frau des Kuriers al-Kuwaiti wohnte Bin Laden mit seinen Frauen und Kindern sowie der Familie des Kuriers seit August 2005 in einem Anwesen in der nordpakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa im Vorort Bilal Town der Militärgarnisonsstadt Abbottabad, die etwa 50 Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt Islamabad entfernt liegt. Erste Angaben in der Presse aus 2011 hatten den 6. Januar 2006 als Einzugstermin benannt.
Der Gebäudekomplex wurde regional Waziristan Haveli genannt, weil ein Verbindungsmann Bin Ladens, der den Bau des Gebäudes organisierte, aus der Region Wasiristan kam. Das Anwesen wurde von 2003 bis 2005 gebaut. Als Bauunternehmer gilt Noor Mohammed, als Statiker Gul Mohammed. Eigentümer des Gebäudes war Bin Ladens persönlicher Kurier Abu Ahmad al-Kuwaiti. Die US-Regierung ging zuerst von etwa einer Million US-Dollar an Wert aus. Diese Einschätzung wurde später korrigiert und auf 250.000 US-Dollar herabgestuft.
Das Grundstück war etwa 3.500 m² groß und vollständig von einer 3 bis 5,5 Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten Mauer umgeben. Diese hatte zwei Tore, die als Sicherheitsschleusen dienten. Ferner gab es eine Reihe von Überwachungskameras sowie mehrere Satellitenschüsseln. und Auf dem Grundstück waren mehrere Gebäude errichtet worden, das Hauptgebäude bestand aus drei Stockwerken. Es unterschied sich von außen aufgrund seiner Größe und Sicherheitsvorrichtungen von den Gebäuden der Umgebung, etwa durch besonders kleine Fenster und einen mit einer etwa 2,10 Meter hohen Mauer als Sichtblende umgebenen Balkon im obersten Stock. Das Haus hatte keinerlei Telefonleitungen und Internetverbindungen.
Am 1. Mai 2011 befand sich ein etwa 1000 m² großer, sorgfältig gepflegter Gemüsegarten mit Kohl, Kartoffeln und Cannabis auf dem Gelände. Ferner wurden eine Kuh und Hühner gehalten. Man nimmt an, dass es auch eine autarke Wasserversorgung mit einem Brunnen gab. Anders als bei den Nachbarn wurde sämtlicher Müll im Haus Bin Ladens auf dessen Grundstück verbrannt und nicht zur Abholung auf die Straße gestellt.
Das Gebäude wurde im Februar 2012 von pakistanischen Sicherheitskräften abgerissen.
Fahndung Aussagen von Zeugen, die angeblich Bin Laden oder ihm ähnlich scheinende Personen gesehen hatten, brachten keine konkreten Ergebnisse. Daher verfolgten die Fahnder der Central Intelligence Agency (CIA) ab 2006 solche Spuren nicht weiter, sondern konzentrierten sich auf mögliche Kuriere Bin Ladens. 2007 erfuhren sie schließlich durch Aussagen des im Irak gefangenen al-Qaida-Mitglieds Hassan Ghul, Bin Laden habe einen persönlichen Kurier mit dem Decknamen Abu Ahmad al-Kuwaiti. Die danach befragten hochrangigen al-Qaida-Mitglieder Abu Faradsch al-Libi und Chalid Scheich Mohammed, der als Hauptplaner der Terroranschläge vom 11. September 2001 gilt, bestritten jedoch, diesen Namen zu kennen. Unter anderem dieser Widerspruch bestärkte die Fahnder in der Annahme, al-Kuwaiti könne tatsächlich ein Vertrauter Bin Ladens sein. Monate später gab Chalid zwar schließlich zu, al-Kuwaiti zu kennen, behauptete jedoch zugleich, dieser sei kein al-Qaida-Mitglied mehr und für Bin Laden unwichtig.
Im Juni 2009 beauftragte Präsident Barack Obama den CIA-Direktor Leon Panetta, innerhalb von dreißig Tagen eine detaillierte Planung zur Lokalisierung und Ergreifung Osama Bin Ladens vorzulegen. Obama gab der Angelegenheit eine höhere Priorität, nachdem er Panetta bereits bei seinem Amtsantritt angewiesen hatte, die Suche nach Bin Laden wieder zu intensivieren.
Aus einem durch Edward Snowden bekannt gewordenen Dokument der National Security Agency vom Juni 2010 ging hervor, dass es unter anderem den Vorschlag gab, Bin Laden anhand seines medizinischen Profils zu lokalisieren. Bin Laden litt bereits seit längerem unter Erkrankungen des Harntraktes und war auf medizinische Behandlung angewiesen, daher wurde unter anderem auch überlegt, Peilsender in medizinischen Hilfsmitteln zu verstecken, um ihn damit aufzuspüren. Etwa zu diesem Zeitpunkt konnte die CIA Bin Ladens Kurier al-Kuwaiti identifizieren und bis nach Abbottabad in Pakistan verfolgen. Al-Kuwaitis Versuche, eventuelle Beschatter abzuschütteln, deuteten darauf hin, dass er nach wie vor als Kurier für al-Qaida tätig war. Dieser Verdacht wurde zusätzlich durch ein abgehörtes Telefonat erhärtet, in dem Al-Kuwaiti erwähnte, er sei „mit denselben Leuten wie früher zusammen“.
CIA-Direktor Panetta berichtete dem Präsidenten im August 2010 über die neuen Erkenntnisse und erklärte, dass man Bin Ladens Kurier im pakistanischen Abbottabad lokalisiert habe. Daraufhin verlangte Obama, ständig auf dem Laufenden gehalten zu werden. Im September wurde in einem CIA-Bericht namens Anatomy of a Lead (engl. für ‚Analyse einer Spur‘) das Anwesen in Abbottabad beschrieben und vermutet, dass Osama Bin Laden sich dort aufhalte. In einem weiteren Briefing im Dezember 2010 konnte Panetta Präsident Obama zusätzliche Videos und Beschreibungen des Anwesens in Abbottabad zeigen. Allerdings waren die Geheimdienste zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher, ob sich Bin Laden tatsächlich dort aufhielt. Wegen der Größe und Abschirmung vermutete der Geheimdienst, dort müsse zumindest eine von al-Qaidas Führungspersonen wohnen. und Es ist unklar, inwiefern die NSA dabei Amtshilfe leistete, allerdings erwähnte Jon Darby (damals stellvertretender Direktor für Terrorismusbekämpfung der NSA) in einem Interview am 17. Mai 2011, seine Behörde habe eine Schlüsselrolle beim Identifizieren des Anwesens gespielt.
Medienberichten zufolge versuchte die CIA, unter dem Deckmantel einer kostenlosen Impfkampagne in Abbottabad, an DNA-Proben der Bewohner des Anwesens zu kommen, um Bin Laden zu identifizieren und seine Anwesenheit nachzuweisen. Diese Impfaktion wurde von dem pakistanischen Arzt Shakil Afridi im März 2011 durchgeführt. Dabei soll eine von Afridi angestellte Krankenschwester Zugang zu Bin Ladens Anwesen erhalten haben. Allerdings ist nicht bekannt, ob sie tatsächlich DNA-Proben erhalten konnte.
Laut CIA-Chef Panetta beschaffte Afridi „äußerst hilfreiche Informationen“ für die spätere Operation Neptune Spear. Afridi wurde nach der Tötung Bin Ladens von pakistanischen Sicherheitsbehörden festgenommen, in Pakistan wegen Zusammenarbeit mit der CIA angeklagt und am 23. Mai 2012 wegen Hochverrats zu 33 Jahren Haft verurteilt. Als Reaktion darauf kürzte der Bewilligungsausschuss des US-Senats amerikanische Finanzhilfen für Pakistan in einem symbolischen Akt um 33 Millionen US-Dollar. Der demokratische Senator Dick Durbin befand, es sei „ungeheuerlich, dass Pakistan den Mann, der uns half, Osama Bin Laden zu finden, einen Verräter nennt.“
Aktionspläne Im Januar 2011 empfahlen CIA-Analytiker während eines Beratungsgesprächs mit Panetta rasches Handeln, da sich die Aufklärungslage nicht verbessern werde. Danach kündigte Panetta Präsident Obama an, dass al-Kuwaiti verschwinden könnte und es dann weiterer Ermittlungen bedürfe. Obama forderte, bis April Aktionspläne zu entwickeln. Daraufhin entstanden vier mögliche Handlungsszenarien, darunter auch Operation Neptune Spear, die auf den Schlüsselprinzipien des Vizeadmirals William H. McRaven für Special Operations beruhten – Wiederholbarkeit, Überraschungseffekt, Sicherheit, Schnelligkeit, Einfachheit und Zweck. Zeitgleich sammelten die Fahnder der USA bis Februar 2011 weitere Indizien und beobachteten das Anwesen; so fanden sie heraus, dass der Kurier und seine Frau das Nebengebäude bewohnten, weitere Familien die oberen beiden Stockwerke des Hauptgebäudes. Sie sahen einmal auch einen großen Mann im Innenhof spazieren gehen.
Am 14. März wurde Präsident Obama beim Zusammentreffen des United States National Security Council über die vier Aktionspläne unterrichtet. Es standen zur Wahl: erstens die Bombardierung des Anwesens durch B-2 Tarnkappenbomber, zweitens ein Drohnenangriff, drittens ein Helikopterangriff auf den Gebäudekomplex mit Absetzen von US-Spezialkräften und viertens eine gemeinsame Operation der Vereinigten Staaten mit Pakistan. McRaven bemerkte bei dem Treffen, dass er die dritte Option auf ihre Durchführbarkeit prüfen und bald berichten werde, ob das durchführbar sei. Dafür brauche er drei Wochen Übungszeit. Die Aktion selbst sei nicht schwer ausführbar, jedoch sei es eine Herausforderung, die Einheiten abzusetzen, ohne einen Schusswechsel mit Pakistan auszulösen. Die Mission sei „sportlich, aber machbar“, so McRaven.
Am 29. März kristallisierte sich die Operation Neptune Spear als von Obama bevorzugt heraus. Die Bombardierung wurde verworfen, da sie wertvolle Beweise zerstört hätte, zu viele Zivilisten umgekommen wären und eine Identifizierung Bin Ladens unmöglich gemacht hätte. Auch die Einbeziehung Pakistans wurde ausgeschlossen, da kein Vertrauensverhältnis bestand. Zu dieser Zeit hatten Analytiker die Wahrscheinlichkeit, dass Osama Bin Laden sich im Unterschlupf aufhalte, bewertet: Die Hauptanalytiker der CIA nahmen eine 95-prozentige Wahrscheinlichkeit an, eine weitere Gruppe veranschlagte 80 Prozent, während eine dritte Gruppe von einer Wahrscheinlichkeit zwischen 30 und 40 Prozent ausging.
Am 12. April unternahm Panetta Neubewertungen der Aufklärungslage, die aber keine eindeutige Identifizierung Osamas erbrachten. Zugleich übten von Anfang bis Mitte April Soldaten der DEVGRU (SEAL Team Six) in North Carolina und Nevada auf einer dem Anwesen nachgebauten Anlage. Der Übungsaufbau vermittelte den Marinesoldaten die Größe und Umgebungsbedingungen. Nachdem die technischen Details praktisch nachempfunden waren, unterrichtete McRaven den Präsidenten über die gesammelten Übungsergebnisse. Der Einsatz erscheine wie eine Routineoperation in Afghanistan und Irak. Die Herausforderung sei nach wie vor der Flug durch den pakistanischen Luftraum, weil man die Souveränität dieses Luftraums verletze. Im späten April wurde die DEVGRU-Einheit auf die Bagram Air Base in Afghanistan verlegt. Am dortigen Nachbau des Komplexes setzte sie die Einsatzübungen fort.
Am 19. April erörterte das National Security Council der USA Bedenken gegen den Einsatz. US-Verteidigungsminister Robert Gates fürchtete das Risiko eines Fehlschlags ähnlich der Operation Eagle Claw oder Operation Irene. Zudem kam es bereits im selben Jahr durch den Raymond-Davis-Zwischenfall und einen Drohnenangriff bei Datta Khel zu antiamerikanischen Protesten in Pakistan. Alle Beteiligten stimmten überein, dass der Schutz der Einsatzkräfte über die Interessen Pakistans gehe. Am Ende wurde die Entscheidung getroffen, der Mission zusätzliche MH-47-Hubschrauber zuzuteilen.