hochkant=1.5|mini|Frontansicht des Rathauses hochkant=1.5|mini|Rathaus St. Johann bei Nacht
Das Rathaus St. Johann ist das Rathaus der saarländischen Landeshauptstadt Saarbrücken. Es wurde als Rathaus der damals selbstständigen Stadt St. Johann an der Saar in den Jahren 1897 bis 1900 nach den Entwürfen von Georg von Hauberrisser erbaut. Das Rathaus St. Johann ist das größte neogotische Profangebäude des Saarlandes.
Baugeschichte
Vorplanungen im Rahmen der Stadtentwicklung
Demographische und wirtschaftliche Entwicklung mini|hochkant|Altes Rathaus in St. Johann vor der Turmfront der barocken evangelischen Kirche am Ende des 19. Jahrhunderts mini|links|St. Johann an der Saar, Grundriss des alten Rathauses vor der evangelischen Kirche
Das ehemalige Rathaus von St. Johann und heutige Rathaus der Stadt Saarbrücken entstand auf einem nordwestlich des historischen Stadtzentrums gelegenen Gebiet, dessen Bebauung erst zwischen 1880 und 1900 einsetzte. In dieser Zeit kam es in der Stadt St. Johann zu einer ökonomischen und demographischen Expansion. Die Einwohnerzahl St. Johanns verdoppelte sich nahezu zwischen 1875 (10.940 Einwohner) und 1900 (21.266). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die Einwohnerzahl noch bei 2099 gelegen.Einwohnerentwicklung St. Johanns nach Albert Ruppersberg: Geschichte der ehemaligen Grafschaft Saarbrücken. Nach Friedrich und Adolf Köllner neubearbeitet und erweitert. 3 Teile in 4 Bänden. III. Teil, 2. Band: Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann von 1815 bis 1909, der Stadt Malstatt-Burbach und der vereinigten Stadt Saarbrücken bis zum Jahre 1914, S. 129: Einwohner: 1815: 2.500; 1840: 3.379; 1855: 4.452; 1864: 6.500; 1871: 9.143; 1875: 10.689; 1885: 13.634; 1890: 14.357; 1895: 16.788; 1900. 21.266.Wohngebäudeentwicklung St. Johanns nach Albert Ruppersberg: Geschichte der ehemaligen Grafschaft Saarbrücken. Nach Friedrich und Adolf Köllner neubearbeitet und erweitert. 3 Teile in 4 Bänden. III. Teil, 2. Band: Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann von 1815 bis 1909, der Stadt Malstatt-Burbach und der vereinigten Stadt Saarbrücken bis zum Jahre 1914, S. 130: Zahl der Wohngebäude: 1793: 184; 1872: 508; 1887: 829; 1900: 1.237.Bebauungsfläche nach Albert Ruppersberg: Geschichte der ehemaligen Grafschaft Saarbrücken. Nach Friedrich und Adolf Köllner neubearbeitet und erweitert. 3 Teile in 4 Bänden. III. Teil, 2. Band: Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann von 1815 bis 1909, der Stadt Malstatt-Burbach und der vereinigten Stadt Saarbrücken bis zum Jahre 1914, S. 130: 1870: 42 Hektar; 1900: 95 Hektar. Seit den 1860er Jahren überflügelte St. Johann die Schwesterstadt Saarbrücken an Einwohnern.Einwohnerzahlen Saarbrückens nach Albert Ruppersberg: Geschichte der ehemaligen Grafschaft Saarbrücken. Nach Friedrich und Adolf Köllner neubearbeitet und erweitert. 3 Teile in 4 Bänden. III. Teil, 2. Band: Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann von 1815 bis 1909, der Stadt Malstatt-Burbach und der vereinigten Stadt Saarbrücken bis zum Jahre 1914, S. 112: 1628: 2.732; 1779: 3.000; 1802: 3.065; 1815: 3.500; 1840: 4.702; 1846: 4.839; 1855: 5.242; 1864: 6.180; 1871: 7.680; 1875: 9.132; 1885: 11.951; 1890: 13.718; 1895: 15.679; 1900: 23.237; 1907: 29.048.Wohngebäudeentwicklung Saarbrückens nach Albert Ruppersberg: Geschichte der ehemaligen Grafschaft Saarbrücken. Nach Friedrich und Adolf Köllner neubearbeitet und erweitert. 3 Teile in 4 Bänden. III. Teil, 2. Band: Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann von 1815 bis 1909, der Stadt Malstatt-Burbach und der vereinigten Stadt Saarbrücken bis zum Jahre 1914, S. 112: Zahl der Wohngebäude: 1890: 818; 1900: 1.505.
Auch die zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch kleinen Nachbardörfer Malstatt (1802: 450 Einwohner) und Burbach (1802: 269 Einwohner) wuchsen in den Jahren nach der Reichsgründung 1871 enorm an. Im Jahr 1875 verzeichneten beide Gemeinden zusammen 12.487 Einwohner.Bevölkerungsentwicklung Malstatt-Burbachs nach Albert Ruppersberg: Geschichte der ehemaligen Grafschaft Saarbrücken. Nach Friedrich und Adolf Köllner neubearbeitet und erweitert. 3 Teile in 4 Bänden. III. Teil, 2. Band: Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann von 1815 bis 1909, der Stadt Malstatt-Burbach und der vereinigten Stadt Saarbrücken bis zum Jahre 1914, S. 189: 1802: 719; 1820: 1.181; 1830: 1.349; 1841: 1.930; 1849: 2.395; 1856: 2.728; 1858: 3.145; 1861: 4.488; 1864: 5.769; 1869: 6.920; 1871: 9.615; 1875: 12.487; 1880: 13.157; 1885: 14.950; 1890: 18.379; 1895: 23.677; 1900: 31.200; 1905: 38.554; 1910: 46.031. Mit der Gründung der Burbacher Hütte (1856) und anderer weiterverarbeitenden Eisenindustriebetriebe wurde das Gebiet im Norden und Nordwesten St. Johanns zum rasch wachsenden Wohngebiet der dort beschäftigten Arbeiter.Fabriken und ihre Arbeiter in Malstatt-Burbach im Jahr 1907 nach Albert Ruppersberg: Geschichte der ehemaligen Grafschaft Saarbrücken. Nach Friedrich und Adolf Köllner neubearbeitet und erweitert. 3 Teile in 4 Bänden. III. Teil, 2. Band: Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann von 1815 bis 1909, der Stadt Malstatt-Burbach und der vereinigten Stadt Saarbrücken bis zum Jahre 1914, S. 190–191: Burbacher Hütte: 4879; Maschinenfabrik Ehrhardt & Sehmer: 778; Gussstahlwerke: 633; Zementfabrik Böcking & Dietzsch: 183; Waggonfabrik Gebrüder Lüttgens: 120; Thomasschlacken-Mahlgesellschaft: 56; Maschinenfabrik Fitze: 82; Maschinenfabrik Meßmer: 47; Metallgießerei von Röper & Wüstenhöfer: 73; Kassenschrankfabrik von L. Pabst: 42; Saarbrücker Betonbau-Gesellschaft: 114; Summe der Beschäftigten: 7007.
Zur Jahrhundertwende 1900 war aus den beiden kleinen Nachbardörfern St. Johanns eine Stadt mit 31.195 Einwohnern geworden (Stadterhebung Malstatt-Burbachs 1875). Ab 1850 hatten zudem der Bau der Eisenbahn (ab 1849) und des Saarkohlenkanals (1866) sowie die Einführung des modernen Schachtbaues in der Steinkohlengewinnung zu einem nie dagewesenen Wirtschaftsboom der saarländischen Wirtschaft und Industrie geführt.Dr. Köster: Geschichtlicher Abriß der Bevölkerungsentwicklung im Saarbrücker Siedlungsraum. In: Saarbrücken, 50 Jahre Großstadt 1909–1959. hrsg. vom Kulturdezernat der Stadt Saarbrücken, Saarbrücken 1959, S. 67. Wegen günstiger kommunaler Besteuerung wurden zahlreiche Industrie- und Handelsbetriebe angesiedelt. Gleichzeitig entstanden öffentliche Bauten wie die Eisenbahndirektion, die Stadtpost, ein Elektrizitätswerk, die Bergwerksdirektion, ein Schlachthaus, der Volksgarten und das Hallenbad.
Diese urbanistische Entwicklung war bereits im Jahr 1852 durch den Bahnhofsbau etwa einen Kilometer westlich des alten Stadtzentrums eingeleitet worden.
Stadtplanungen und verwaltungstechnische Voraussetzungen mini|Alignementplan für die Stadt St. Johann an der Saar aus dem Jahr 1861 mini|links|Rathausplatz St. Johann mit Johanneskirche und Rathaus St. Johann im Stadtmodell Saarbrücken mini|Vorentwurf Rathausplatz St. Johann mit geplantem Kaiser-Wilhelm-Denkmal
Infolgedessen lag der Schwerpunkt der baulichen Unternehmungen auf dem westlichen Teil der Stadterweiterung im Bereich der heutigen Bahnhofstraße. Im Jahre 1861 erstellte der St. Johanner Bauinspektor Seyfarth einen ersten Bebauungsplan, um nun auch das östliche und nördliche Terrain der Stadterweiterung zu strukturieren. Seyfarth plante ein Straßenraster, um möglichst gleichförmige, gut vermarktbare Grundstücke zu erhalten. Vom Bahnhofsvorplatz sollte eine Straßenachse (etwa heutige Kaiser- und Großherzog-Friedrich-Straße) ausgehen, die sich an zwei Punkten zu größeren Plätzen ausweitete. Einer dieser geplanten Plätze war vermutlich als Standort eines neuen Rathauses für St. Johann gedacht.
Ausgangspunkt der Situation St. Johanns war die Tatsache, dass im Zweiten Pariser Frieden im Definitiv-Tractat vom 20. November 1815 von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Kaiser Franz I. von Österreich und Zar Alexander I. von Russland die Angliederung St. Johanns und Saarbrückens an das Königreich Preußen bestimmt worden war. Dabei blieb die französische Kommunalverfassung bestehen, die die Gemeinden St. Johann, Saarbrücken, Burbach, Malstatt, Rußhütte und Brebach zu einer Bürgermeisterei mit Sitz in Saarbrücken verwaltungstechnisch zusammengefasst hatte.A. Ruppersberg: Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann von 1815 bis 1909, der Stadt Malstatt-Burbach und der vereinigten Stadt Saarbrücken bis zum Jahre 1914. S. 62 ff. Das aufstrebende St. Johann versuchte sich bald aus diesem engen Verwaltungskorsett zu befreien.
Im Jahr 1859 war es St. Johann, bestätigt durch königlich-preußische Kabinettsorder vom 3. Mai, endlich gelungen, sich verwaltungstechnisch von Saarbrücken zu trennen und zur selbständigen Gemeinde zu werden.Stadtarchiv Saarbrücken, Bestand Alt-Saarbrücken, Nr. 653. Seitdem diente das St. Johanner Schulhaus in der Kronenstraße (heute nach Kriegszerstörung Brunnenanlage vor der alten evangelischen Kirche St. Johann) auch als provisorisches Rathaus.
Dieses Provisorium und auch die Anmietung weiterer Räume konnte auf lange Sicht die vielfältigen neuen Verwaltungsaufgaben der aufstrebenden Stadt nicht bewältigen, und der Ruf nach einem zentralen Gebäude wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer lauter. Das neu zu errichtende Rathausgebäude sollte zwar in erster Linie den gestiegenen Anforderungen der Stadtadministration Rechnung tragen, aber auch das Repräsentationsbedürfnis der aufstrebenden Kaufmannsstadt befriedigen, wie es in der Festschrift zur Einweihung des neuen Rathauses dann auch formuliert wurde:
Allerdings belegt ein Bestandsplan des St. Johanner Feldvermessers Müser vom Januar 1880, dass die Planung Seyfarths von 1861 der Realität der baulichen Entwicklung der Stadterweiterung nicht entsprach. Außerhalb des Umfeldes der Bahnhofstraße war es bis zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht zum projektierten städtebaulichen Wachstum gekommen. Bisher hatten sich nur an den alten Ausfallstraßen (Dudweilerstraße, Nauwieser Straße, Mainzer Straße) neue Bebauungen gebildet, da Seyfarths Bebauungsplan jegliche Rechtsverbindlichkeit fehlte.
In dieser misslichen Situation berief die St. Johanner Stadtverwaltung im März 1888 den bekannten deutschen Stadtplaner und Kölner Stadtbaumeister Josef Stübben zur Erstellung eines urbanen Entwicklungsplanes.Stübben wirkte an den Stadterweiterungsplänen im nahen Saarlouis. (Petra Schuh: Die evangelische Kirche in Saarlouis. In: Unsere Heimat, Mitteilungsblatt des Landkreises Saarlouis für Kultur und Landschaft. 25. Jahrgang, Heft Nr. 2, Saarlouis 2000, S. 49–70). Als Stübben aufgrund von Überlastung den St. Johanner Auftrag zurückwies, gelang es, den Mainzer Stadtbaumeister Eduard Kreyßig zu gewinnen, der bereits die gründerzeitliche Mainzer und Straßburger Stadterweiterung mitgeplant hatte.
Eduard Kreyßig erstellte von April bis Oktober 1888 ein (archivarisch nicht mehr auffindbares, aber durch zeitgenössische Rezensionen rekonstruierbares) städteplanerisches Gesamtkonzept von 125 Hektar Fläche und einem projektierten Wohnraum für 25.000 Menschen für St. Johann mit einem geradlinigen Straßennetz, Ringstraßen und zentralen Plätzen mit öffentlichen Bauten. Städtebaulicher Höhepunkt der Stadterweiterung sollte ein von der Stadtverwaltung bereits erworbener, zentraler Platz nördlich des alten St. Johanner Marktes sein, der für den Bau eines neuen Rathauses vorgesehen war.
mini|hochkant|Johanneskirche Saarbrücken gegenüber der Rathausfront Auf dieses projektierte Rathaus sollte laut Kreyßigs Plänen eine 20 Meter breite Nordstraße (heutige Johannisstraße) zulaufen. Allerdings wurden die Pläne nicht umgesetzt. Stattdessen wurde die heutige Johannisstraße nach Osten verschoben und verschmälert, um Platz für den Bau der evangelischen Johanneskirche zu gewinnen, deren Turm auf die Achse der Kaiserstraße ausgerichtet werden sollte.