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Maria, Hilfe der Christen ist eine römisch-katholische Pfarrkirche im Berliner Ortsteil Spandau. Sie steht in der Flankenschanze 43 an der Ecke Galenstraße, wurde in den Jahren 1908–1910 erbaut und ist die Pfarrkirche der Pfarrei Heilige Familie – Spandau-Havelland im Erzbistum Berlin. Mit dem Patrozinium Maria, Hilfe der Christen (lateinisch: Auxilium Christianorum) wurde ein mittelalterliches Attribut Mariens aufgegriffen, das auch zu den Anrufungen der Lauretanischen Litanei zählt. Das Bauwerk steht seit den 1980er-Jahren unter Denkmalschutz.
Geschichte hochkant|mini|Grabkreuz des letzten Dominikaners, P. Joseph Groß, Pfarrer von 1775 bis 1825, an der Ostseite der Kirche
Bis 1900 Eine Pfarrgemeinde bestand in Spandau bereits im Mittelalter. 1239 übertrugen die askanischen Markgrafen Johann I. von Brandenburg und Otto III., der Fromme das Kirchenpatronat über St. Nikolai, das Recht zur Besetzung von Pfarrstellen mit einem Priester, an das von ihnen gegründete Benediktinerinnenkloster St. Marien unmittelbar südlich der Stadt. Infolge der Reformation, die Spandau 1539 erreichte, wurde die Pfarrkirche St. Nikolai protestantisch, das Kloster erlosch mit dem Tod der letzten Nonne gegen Ende des 16. Jahrhunderts, die Gebäude einschließlich der Klosterkirche wurden 1636 abgerissen.
Die nachreformatorische Geschichte der Pfarrei begann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Katholische Arbeiter der Spandauer Gewehrfabrik – mit Familienangehörigen etwa 200 Personen –, die in der belgischen Stadt Lüttich angeworben worden waren, forderten freie Religionsausübung an ihrem neuen Wirkungsort. Diese wurde ihnen durch königlich-preußisches Dekret von 1722 zugesichert, verbunden mit der Dotierung eines Seelsorgers. Die Forderung, eigenes Bier brauen zu dürfen, hatte der König allerdings abgelehnt.König Friedrich Wilhelm I., 2. September 1722, zitiert bei: Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 28 f. Ein erster einfacher Kirchbau in Fachwerkbauweise entstand 1723 auf dem Gewehrplan außerhalb der Innenstadt, östlich der Zitadelle. Der erste Seelsorger war der Dominikanerpater Ludovicus Belo (Belau) aus dem Konvent in Wesel, sein Nachfolger von 1727 bis etwa 1760 P. Bernardin Hunckemüller aus dem Halberstädter Konvent; nach ihm ist in Haselhorst eine Straße benannt. Spandau war anfangs eine Missionsstation, ein kleiner Seelsorgeposten in der Diaspora, und unterstand dem Apostolischen Vikariat des Nordens. Bis zur Auflösung der Klöster infolge der Säkularisation um das Jahr 1810 waren die Seelsorger Dominikaner, danach Diözesanpriester. Der letzte Dominikaner, P. Joseph Groß, blieb als Diözesanpriester bis zu seinem Tod 1825 in Spandau; er war insgesamt 50 Jahre hier Pfarrer und wurde auf dem Friedhof neben der Kirche auf dem Gewehrplan beigesetzt. Als der Friedhof 1912 von Industriebauten überbaut wurde, wurde sein eisernes Grabkreuz an der neu erbauten Pfarrkirche Maria, Hilfe der Christen aufgestellt, wo es noch heute außen an der östlichen Seitenwand zu sehen ist.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 142–145. Durch die Bulle De salute animarum nahm Papst Pius VII. 1821 im Rahmen der Neuumschreibung der katholischen Diözesen in Deutschland nach dem Wiener Kongress eine Neuordnung der Diözesen und Kirchenprovinzen in Preußen vor; Spandau ging vom Apostolischen Vikariat des Nordens in die Fürstbischöfliche Delegatur für Brandenburg und Pommern des Bistums Breslau über und wurde Pfarrei; seit den 1820er-Jahren amtierte ein Kirchenvorstand.Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 46.
Nachdem auch durch die in Spandau ansässige Garnison vermehrt katholische Soldaten zuzogen und die Gemeinde wuchs, wurde 1847/1848 mit St. Marien am Behnitz eine größere Kirche im nördlichen Teil der Altstadt errichtet, deren Bau (zunächst ohne vier Ecktürmchen) rund 13.000 Reichsthaler kostete. Der Grundstein erhielt folgende Inschrift: Die Gemeinde umfasste damals etwa 1000 Personen. Das Patrozinium dieser Marien-Kirche erinnert an das Benediktinerinnenkloster.Gebhard Streicher, Erika Drave: Berlin Stadt und Kirche. Morus-Verlag, Berlin 1980, ISBN 3-87554-189-8, S. 240. Von den 1830er-Jahren bis 1874 war die jährliche Spandauer Prozession ein bedeutendes religiöses Ereignis. An der eucharistischen Prozession am Sonntag nach Fronleichnam beteiligten sich auch zahlreiche Gläubige aus Berlin und Charlottenburg, sodass sie als „wichtigste Feier des Diasporakatholizismus in der preußischen Hauptstadt“ angesehen werden kann. 1875 wurde sie wegen des preußischen Kulturkampfs nicht mehr genehmigt.Lena Krull: Prozessionen in Preußen. Katholisches Leben in Berlin, Breslau, Essen und Münster im 19. Jahrhundert. Würzburg 2013, S. 303.
Ein neuer Kirchbau und weitere Entwicklung Um 1900 lebten rund 9000 Katholiken in Spandau, die Gemeinde war vor allem infolge der Auflassung der Festung und der darauf folgenden Industrialisierung erheblich angewachsen, vor allem durch Zuwanderung aus den katholischen preußischen Ostprovinzen. Die Kirche am Behnitz, die mit 350 Sitzplätzen für 750 Gemeindemitglieder zum Zeitpunkt ihrer Erbauung ausreichend war, war nun zu klein geworden. Deshalb wurde eine größere Kirche gebaut – an anderer Stelle, weil denkmalpflegerische Überlegungen und der moorige Untergrund den Abriss und einen größeren Neubau am alten Platz nicht zuließen. 1904 entstand hierzu ein Kirchbauverein, der Spenden für den Kirchbau sammelte. St. Marien am Behnitz wurde 1907 oder 1910 an das Militär verkauft, wodurch weitere Geldmittel für einen Neubau zur Verfügung standen. Die Kirchengemeinde erwarb ein 10.634 m² großes Baugrundstück von den Rachwitzsch’schen Erben am Askanierring Ecke Moltkestraße (heute: Flankenschanze Ecke Galenstraße), damals knapp außerhalb der Bastionen.
mini|Ansicht nach der Fertigstellung, 1910 mini|links|Äußeres von Nordwesten, vorn rechts das Pfarrhaus
Am 4. Oktober 1908 begannen die Arbeiten auf dem Kirchbaugrundstück, im Winter ruhten sie. Wegen des schlechten Baugrunds mussten die Bodenfundamente verstärkt werden. Feierliche Grundsteinlegung durch den Fürstbischöflichen Delegaten Prälat Carl Kleineidam war am Fest Christi Himmelfahrt, dem 20. Mai 1909, das Richtfest am 5. Dezember 1909.Monika Saskowski: Anno Domini 1909… in: Kath. Kirchengemeinde Maria, Hilfe der Christen, Berlin-Spandau (Hrsg.): Pfarrbrief Dezember 2009/Januar 2010. S. 10. Bereits am 30. Oktober 1910 konnte der Fürstbischof von Breslau, Georg Kardinal von Kopp, zu dessen Erzbistum Spandau damals gehörte, die Kirchweihe vornehmen. Die Kosten des Gebäudes einschließlich des Grundstücks beliefen sich auf 650.000 Mark.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1971, S. 181.
Im Dezember 1925 wurde die Kirchturmspitze durch Blitzschlag schwer beschädigt. Am 6. Oktober 1944 war die Kirche bei einem Fliegerangriff, bei dem neun Bomben auf das Kirchengrundstück fielen, so stark zerstört worden, dass die englische Militärregierung später die Sprengung anordnete. Diese konnte jedoch abgewendet werden. Die Gottesdienste fanden vorübergehend wieder in St. Marien am Behnitz statt. 1946 wurde das Kirchengrundstück in Eigenleistung von Gemeindemitgliedern enttrümmert, 1948 begannen die Wiederaufbauarbeiten, die sich bis 1952 hinzogen; Richtfest war am 10. Oktober 1950. Treibende Kräfte waren Pfarrer Geistlicher Rat Willy Nawroth und Oberbaurat Felix Lukanek. Am 22. Mai 1952 wurde die Kirche nach der Altarweihe durch den Berliner Bischof Wilhelm Weskamm in ihrer früheren Gesamtgestalt wieder für Gottesdienste in Gebrauch genommen.Rainer Fliegner: Spandau. Geschichte und Geschichten.Sutton Verlag, Erfurt 2007, ISBN 978-3-86680-122-6, S. 44 (Blitzschlag, Richtfest). Die Ausmalung wurde jedoch nicht erneuert, die Wände sind jetzt glatt weiß. Ab 1968 erfolgte eine Umgestaltung der Ausstattung in Folge der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils; in dieser Zeit feierte die Gemeinde ihre Gottesdienste für mehrere Jahre ebenfalls wieder in der Kirche St. Marien am Behnitz.Martin Recker: Die Geschichte der Gemeinde St. Marien und ihrer Gotteshäuser. In: Kath. Kirchengemeinde Maria, Hilfe der Christen (Hrsg.): Festschrift 100 Jahre Maria, Hilfe der Christen Berlin-Spandau 1910–2010. Oranienburg (WMK-Druck) o. J. , S. 11–14, hier S. 13. mini|Pfarrhaus und Kirche, 2011
Mit steigenden Zahlen von Katholiken wurden in den 1920er-Jahren weitere Seelsorgestellen eingerichtet und im Laufe der Zeit als selbständige Pfarreien ausgegliedert: St. Joseph (Siemensstadt, 1919), St. Franziskus von Assisi (Staaken, 1925), Döberitz und 1928 die Lokalie St. Elisabeth (Hakenfelde). Seit 1930 gehört die Pfarrei zu dem in dem Jahr errichteten Bistum Berlin (seit 1994 Erzbistum).
Am 31. Oktober 2003 fusionierte die Kirchengemeinde Maria, Hilfe der Christen aus finanziellen Überlegungen auf Seiten des Erzbistums Berlin mit der Nachbarpfarrei St. Lambertus (Hakenfelde). Diese Gemeinde war 1928 als Kuratie St. Elisabeth im Elisabethheim entstanden und 1975 als selbstständige Pfarrei St. Lambertus von Maria, Hilfe der Christen abgetrennt worden. Die fusionierte Pfarrei trägt den Titel Katholische Kirchengemeinde Maria, Hilfe der Christen. Seit 2003 finden auch wieder Gottesdienste in der Kirche St. Marien am Behnitz statt, die inzwischen in privater Hand ist.
Seit dem 5. März 2018 bildete die Pfarrei mit den Pfarreien St. Joseph in Siemensstadt, St. Konrad von Parzham in Falkensee sowie St. Johannes der Täufer Dallgow-Döberitz (Pfarrei St. Marien, Brieselang) den Pastoralen Raum Spandau-Nord/Falkensee, um eine Fusion zu einer einzigen Pfarrei vorzubereiten.Aktuelles aus dem pastoralen Raum: Klausurtag des Pastoralausschuss 26.09.20. st.marien-spandau-de; abgerufen am 13. März 2021. Diese wurde mit der Gründung der Pfarrei Heilige Familie – Spandau-Havelland am 1. Januar 2023 vollzogen. Die Kirche Maria, Hilfe der Christen ist die Pfarrkirche dieser Pfarrei.
1723–1727: Ludovicus Belo (Belau), Dominikaner (OP) (Seelsorger in Potsdam und Spandau)Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1971, S. 143. 1727–1759: Bernhardinus Hun(c)k(e)müller OP Ende 1759: Engelbertus Giesecke OP 1760: Meinradus Meichlbek OP 1760–Ende 1761: Ludovicus Härzkirchen (?) OP 1762–1767: Norbertus (Albert) Bockell OP 1768–1775: Franz Biesenbach OP 1775–1825: Franz/Joseph Groß OP (* 1. März 1739; † 4. April 1825)Laut Grabkreuz an der Ostseite der Kirche Joseph Groß, auf einer Urkunde im Turmknopf der Kirche am Behnitz vom 21. Juni 1848 Franz Groß (abgedruckt bei: Helmut Kißner, Cordia Schlegelmilch: Die Kirche St. Marien am Behnitz in Spandau. Ein vergessenes Werk August Sollers. Berlin 2004, S. 318); Dominikaner und nach der Säkularisation Diözesanpriester; Franz bzw. Joseph sind vermutlich Taufname bzw. Ordensname. bis 29. August 1825 Aushilfe durch Kapläne von St. Hedwig, Berlin August 1825 – Ende 1832: Franz Schaar aus Schlesien; Pfarradministrator, später Pfarrer; vorher Kaplan in Frankenstein/Schlesien, ab 1833 in Kamnig/SchlesienFranz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 46. 1833 – Ende September 1840: Joseph Jünger (* in Potsdam); vorher Kaplan in Potsdam, später Pfarrer in Welau/SchlesienWohlau, Niederschlesien?; Welau bei Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 46. 1844?–1849: Franz Xaver Teuber (* 1811 zu Wahlstatt in Schlesien; † in Münsterberg)Nach Franz Kohstall: Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde Spandau. Spandau 1924, S. 61 amtierte Pfarrer Teuber bereits 1841. 1849–1851: Theodor Warnatsch (* 1820 in Wittichenau; † 1894 in Breslau), danach Pfarrer der Heilig-Kreuz-Kirche in Frankfurt an der Oder und Glogau, fürstbischöflicher Kommissar und Prälat