Abū Muhriz Dschahm ibn Safwān ar-Rāsibī ( gest. um 746 in Marw) war ein islamischer Kalām-Gelehrter der späten Umaiyaden-Zeit. Er schloss sich dem murdschiitischen Rebellen Hārith ibn Suraidsch an, der in Chorasan einen Aufstand gegen die Umaiyaden anzettelte, und diente ihm als Sekretär. Nach Hāriths Tod auf dem Schlachtfeld wurde er vom Statthalter von Marw, Salm ibn Ahwaz, hingerichtet. Dschahm gilt als einer der ersten Vertreter der Lehre von der Erschaffenheit des Korans und ist für seinen rigiden Determinismus und sein abstraktes Gottesbild bekannt. Nach Cornelia Schöck war er der erste islamische Theologe im eigentlichen Sinne.Schöck: “Jahm b. Ṣafwān (d. 128/745–6) and the ‘Jahmiyya’ and Ḍirār b. ʿAmr (d. 200/815)”. 2016, S. 56. Traditionalistische muslimische Gelehrte beurteilten Dschahm ibn Safwān sehr abschätzig. Die von ihm begründete theologische Lehrrichtung wird als Dschahmīya bezeichnet.

Leben Es gibt nur sehr wenige Informationen über das frühe Leben Dschahm ibn Safwāns. Er war ein Klient des arabischen Stammes der Banū Rāsib, war jedoch wahrscheinlich kein Perser, denn zumindest sein Name und der seines Vaters lassen vermuten, dass er in einem arabischsprachigen Umfeld aufwuchs.Ess: “Jahm b. Ṣafwān”. 2008, S. 389b. Ahmad ibn Hanbal gibt in seinem Kitāb ar-Radd ʿalā z-zanādiqa wa-l-Ǧahmīya an, dass er zu den Leuten Chorasans gehört und aus Tirmidh stammte.Aḥmad ibn Ḥanbal: Kitāb ar-Radd ʿalā l-Ǧahmīya wa-z-zanādiqa. 2005. S. 196. Nach einer späteren Quelle soll er von einem Perser erfahren haben, dass Dschahm aus Harran stammte.Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. 1992, Bd. II, S. 495. Al-Buchārī zitiert den Traditionarier Qutaiba al-Baghlānī (gest. 855) mit der Aussage, er habe gehört, dass Dschahm bei al-Dschaʿd ibn Dirham den Kalām gelernt habe.al-Buḫārī: Ḫalq afʿāl al-ʿibād wa-r-radd ʿalā l-Ǧahmīya. 1984, S. 7.

In Tirmidh soll Dschahm ibn Safwān den Flussübergang bewacht haben. Dort stand er offenbar mit der buddhistischen Gruppe der Sumanīya im Kontakt. Nach Ahmad ibn Hanbal wollten die Sumaniten mit Dschahm ein Streitgespräch führen, wobei diejenige Partei, die in dem Gespräch argumentativ unterliegen würde, zur Religion der anderen Partei übertreten sollte.Aḥmad ibn Ḥanbal: Kitāb ar-Radd ʿalā l-Ǧahmīya wa-z-zanādiqa. 2005. S. 197. Nach einem Bericht, den al-Buchārī auf den Traditionarier ʿAbdallāh ibn Schaudhab zurückführt, ließ Dschahm aufgrund von religiösen Zweifeln für 40 Tage das rituelle Gebet aus, nachdem er einen Streit mit einem Vertreter dieser Gruppierung gehabt hatte.al-Buḫārī: Ḫalq afʿāl al-ʿibād wa-r-radd ʿalā l-Ǧahmīya. 1984, S. 9.

744 schloss sich Dschahm dem Rebellen Hārith ibn Suraidsch an und wurde dessen Sekretär. Dieser, obwohl selbst ein Araber, setzte sich für die Rechte der Mawālī ein, der iranischen und sonstigen nicht-arabischen Konvertiten zum Islam. Nach dem Bericht at-Tabarīs las Dschahm den Anhängern al-Hāriths dessen politisches Programm vor.Ess: “Jahm b. Ṣafwān”. 2008, S. 389b–390a. Nach Abū l-Qāsim al-Balchī widmete sich Dschahm dem Gebieten des Rechten und Verbieten des Verwerflichen.Al-Balḫī: Maqālāt. 2018, S. 206. Außerdem pflegte er in seinem Zelt in Hāriths Lager erbauliche Geschichten zu erzählen. Nach der Lokalgeschichtsschreibung von Merw geriet Dschahm in der Hauptmoschee dieser Stadt mit Muqātil ibn Sulaimān aneinander, als er diesen wegen seines nachlässigen Umgangs mit Hadithen zur Rede stellte.aḏ-Ḏahabī: Mīzān al-iʿtidāl fī naqd ar-riǧāl. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 1995. Bd. VI, S. 505 (Nr. 8747) Digitalisat Wāsil ibn ʿAtā' entsandte seinen Anhänger Hafs ibn Sālim zu ihm nach Chorasan mit dem Auftrag, mit ihm zu disputieren.Al-Balḫī: Maqālāt. 2018, S. 160.

Im Jahre 745/46 war Dschahm so einflussreich, dass er bei einem Schiedsgericht, das in dem Konflikt zwischen Nasr ibn Saiyār und al-Hārith entscheiden sollte, die Partei seines Herrn vertreten konnte. Hierbei überredete er seinen Widerpart Muqātil ibn Haiyān zu dem Vorschlag, dass Nasr zurücktreten und ein Konsultativrat eingesetzt werden sollte.Abū Ǧaʿfar aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Hrsg. von M. J. de Goeje. Leiden 1879–1901. Bd. II, S. 1919. Der Plan scheiterte jedoch, nicht nur weil Nasr ihn zurückwies, sondern auch weil al-Hārith ibn Suraidsch mit Dschudaiʿ al-Kirmānī in einen Stammeskonflikt geriet und schließlich von diesem auf dem Schlachtfeld getötet wurde. Dadurch verlor Dschahm ibn Safwan plötzlich seinen Beschützer. Kurze Zeit später fiel er Salm ibn Ahwaz al-Māzinī at-Tamīmī, dem Chef von Nasr ibn Saiyārs Polizeitruppe, in die Hände.Ess: “Jahm b. Ṣafwān”. 2008, S. 390a. Obwohl er mit Salms Sohn einen Treuebund geschlossen hatte, wurde er hingerichtet.Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. 1992, Bd. II, S. 493f.

Theologische Lehren Abū l-Qāsim al-Balchī und Abū l-Hasan al-Aschʿarī liefern in ihren doxographischen Werken zwei weitgehend übereinstimmende kurze Listen von Lehren, mit denen Dschahm ibn Safwān alleinstand (tafarrada bihā).Al-Balḫī: Maqālāt. 2018, S. 204f.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1929–1933. S. 279f. Außerdem beschreibt Ahmad ibn Hanbal seine Lehren in seinem Kitāb ar-Radd ʿalā l-Ǧahmīya wa-z-zanādiqa. Anhand dieser Werke lässt sich Dschahms Lehrsystem ansatzweise rekonstruieren.

Gott Nach Ahmad ibn Hanbal (gest. 855) entwickelte Dschahm sein spezielles abstraktes Gottesbild in Auseinandersetzung mit der Sumanīya. Als ein Anhänger dieser Gruppe ihn fragte, ob er seinen Gott sehen, hören, riechen, fühlen oder ertasten könne, musste er jedes Mal verneinen. Als er ihn daraufhin fragte, woher er dann wisse, dass es ein Gott sei, sei er ratlos gewesen und habe 40 Tage lang nicht gewusst, wen er verehren solle. Schließlich sei ihm ein Argument eingefallen, mit dem er seinen Glauben an Gott verteidigen konnte. Dieses habe sich an die Lehre der christlichen Zindīqen angelehnt, wonach der Geist, der in ʿĪsā ibn Maryam war, der Geist Gottes gewesen war und Gott, wenn er etwas bewirken wolle, in eines seiner Geschöpfe eintrete und mit seiner Zunge spreche und gebiete und verbiete, was er wolle. Dieses Argument habe Dschahm dann im Streitgespräch mit den Sumaniten eingesetzt und Gott mit dem Lebensgeist verglichen: So wie er könne Er nicht gesehen, gehört, gefühlt oder betastet werden. Er habe kein Gesicht, das gesehen, keine Stimme, die gehört, und keinen Geruch, der gerochen werden könne, sondern entziehe sich den Blicken und befinde sich nicht an einem bestimmten Ort.Aḥmad ibn Ḥanbal: Kitāb ar-Radd ʿalā l-Ǧahmīya wa-z-zanādiqa. 2005, S. 197–199. Zur islamischen Begründung seiner speziellen Gotteslehre bezog er sich auf drei Koranaussagen: „Es gibt nichts, das ihm gleichkommt“ (Sure 42:11), „Er ist Gott im Himmel und auf Erden“ (Sure 6:3) und „Die Blicke (der Menschen) erreichen ihn nicht, werden aber von ihm erreicht“ (Sure 6:103).Aḥmad ibn Ḥanbal: Kitāb ar-Radd ʿalā l-Ǧahmīya wa-z-zanādiqa. 2005, S. 205. Umgekehrt meinte Dschahm, dass Bewegung ein Körper sein müsse, weil alles Unkörperliche Gott sei.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 2. Aufl. 1963. S. 346, Zeile 6–8.

Nach ad-Dārimī (gest. 869) war die Grundlage von Dschahms Lehren, dass Gott keinen Rand (ḥadd), keine Grenze (ġāya) und keinen Endpunkt (nihāya) hat.ad-Dārimī: ar-Radd ʿalā Bišr al-Marīsī. Ed. Muḥammad Ḥāmid al-Faqī. Dār al-Kutub al-ʿilmīya, Beirut ohne Datum. S. 23. Digitalisat Während die Mehrheit der Muslime Gott als Ding (šaiʾ) beschrieben, lehnte Dschahm dies ab.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 2. Aufl. 1963. S. 518. Er meinte, dass alle Dinge hervorgebracht (muḥdaṯ) seien und der Schöpfer der Verdinglicher der Dinge (mušaiyiʾ al-ašyāʾ) sei.aš-Šahrastānī: Nihāyat al-iqdām fī ʿilm al-kalām. Ed. A. Guillaume. Oxford 1934. S. 151. Abū l-Hasan al-Aschʿarī zitiert ihn mit den Worten: „Ich sage nicht, dass Gott – gepriesen sei Er – ein Ding ist, weil das bedeuten würde, ihn mit Dingen zu vergleichen.“al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1929–1933. S. 280. Dschahm leitete diese Lehre aus der auf Gott bezogenen koranischen Aussage in Sure 42:11 ab: „Es gibt nichts, das ihm gleichkommt“ (laisa ka-miṯlihī šaiʾ). Da jedes Ding irgendeinem anderen gleiche, bedeute diese Aussage, dass Gott keinem Ding gleiche. Dementsprechend könne man ihn nicht als Ding bezeichnen.Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī: at-Tafsīr al-kabīr au Mafātīḥ al-ġaib. Dār al-fikr, Beirut 1981. 32 Bände. Bd. XXVII, S. 154. Zeile 6–8. Digitalisat Ibn Hazm gibt an, dass Dschahm lehrte, das Gott weder ein Ding, noch kein Ding sei, weil Gott der Schöpfer jedes Dings sei und es nur erschaffene Dinge gebe. Damit habe er sich in einem diametralen Gegensatz zu Muqātil ibn Sulaimān, der lehrte, dass Gott ein Körper aus Fleisch und Blut in Gestalt eines Menschen sei.Ibn Ḥazm: al-Faṣl fi-l-milal wa-l-ahwāʾ wa-n-niḥal. Ed. Muḥammad Ibrāhīm Naṣr; ʿAbd-ar-Raḥmān ʿUmaira. 5 Bände. 2. Auflage. Dār al-Ǧīl, Beirut 1996. Bd. V, S. 74. Digitalisat

ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (gest. 1037) berichtet von Dschahm, dass er es auch ablehnte, Gott als lebendig, wissend oder wollend zu beschreiben, mit dem Argument, dass dies Beschreibungen seien, die man auch für existierende Dinge verwenden könne. Ausgenommen seien nur Beschreibungen, die allein auf ihn bezogen werden können wie mächtig, hervorbringend, handelnd, erschaffend, Leben verleihend und todbringend.al-Baġdādī: al-Farq bain al-firaq. 1910, S. 199. Nach Fachr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1209) lehnte Dschahm es auch ab, Gott als „den Existierenden“ (mauǧūd) zu bezeichnen.Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī: Iʿtiqādāt firaq al-muslimīn wa-l-mušrikīn. Maktabat an-Nahḍa al-Miṣrīya, Kairo 1938. Digitalisat

Das Wissen Gottes ist nach Dschahms Lehre nicht schon seit aller Ewigkeit vorhanden, sondern in der Zeit hervorgebracht (muḥdaṯ). Dabei ist es Gott selbst, der dieses Wissen hervorbringt und durch es weiß. Das Wissen ist dabei etwas anderes als er selbst. In Chorasan erzählte man, dass nach Dschahms Meinung denkbar ist, dass Gott über alle Dinge Bescheid weiß, bevor sie existieren, durch ein Wissen, dass er vor ihnen hervorbringt.Al-Balḫī: Maqālāt. 2018, S. 254. Allerdings wurde von ihm auch das Gegenteil erzählt, dass er nämlich gelehrt habe, dass Gott von den Dingen erst wisse, wenn sie einträten. Undenkbar sei dagegen, dass ein Ding bereits gewusst werde, während es noch nicht existiere. Grund dafür sei Dschahms Verständnis von dem Ding (šaiʾ) gewesen. Er meinte nämlich, dass nur existierende Körper Dinge seien, während das Nicht-Existente kein Ding sein könne, ganz gleich ob es gewusst werde oder nicht.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 2. Aufl. 1963. S. 280, 494.

Koran Eine weitere Besonderheit Dschahms war seine Lehre von der Erschaffenheit des Korans.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 2. Aufl. 1963. S. 280. Er hielt den Koran für einen Körper und eine Wirkung (fiʿl) Gottes.al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 2. Aufl. 1963. S. 589, Zeile 3f. Nach Ahmad ibn Hanbal hat er diese Lehre, die Kennzeichen der Dschahmiten wurde, von seinem Lehrer al-Dschaʿd ibn Dirham übernommen.Ibn Nubāta: Sarḥ al-ʿuyūn fī šarḥ Risālat Ibn Zaidūn. Ed. Muḥammad Abū l-Faḍl Ibrāhīm. Dār al-Fikr al-ʿArabī, Kairo 1964. S. 293. Digitalisat