mini|Der Heliand, eines der bedeutendsten Zeugnisse der frühen deutschen Schriftsprache, erzählt das Leben Jesu Christi nach. Im Bild ein Fragment, ca. 850. Christliche Literatur ist diejenige fiktionale und nichtfiktionale Literatur, der die christliche Religion und Weltanschauung zugrunde liegt und in der christliche Themen behandelt werden. Da die abendländische Literatur zu einem großen Teil auf christlicher Grundlage entstanden ist, gewinnt die christliche Literatur – abgesehen von der frühchristlichen Literatur der Antike – ihre festere Kontur erst als Gegenbewegung zu den atheistischen Strömungen der europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts.Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur (= Kröners Taschenausgabe. Band 231). 6., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1979, ISBN 3-520-23106-9, S. 140.

Das Korpus der christlichen Literatur ist äußerst umfangreich und umfasst eine erhebliche Bandbreite von Formen und Inhalten.

Die Heilige Schrift Spätestens seit Martin Luther gilt die Bibel angesichts der Sprachkraft ihrer bildlichen Rede nicht mehr nur als kanonische Schrift, also als Maßstab für die Religionsausübung, sondern auch als Literatur.Gottfried Bachl: Die Bibel in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts, 1999, S. 91; Magda Motté: Esthers Tränen, Judiths Tapferkeit, 2003, S. 12 Zu den Bibelübersetzungen, deren literarische Qualität traditionell besonders geschätzt wird, zählt die King-James-Bibel (1611); sie gilt als Meisterwerk der englischen Literatur.Leland Ryken: The Legacy of the King James Bible: Celebrating 400 Years of the Most Influental English Translation. Crossway, Wheaton, Illinois 2011, ISBN 978-1-4335-1388-6.

Christliche Lyrik mini|Die christlichen Epigramme von Angelus Silesius zählen zu den bedeutendsten Gedichten des deutschsprachigen Barock. Die Geschichte der christlichen Lyrik beginnt mit dem Neuen Testament. Cantica wie das Magnificat oder das Nunc dimittis (beide im Evangelium nach Lukas) orientieren sich formal an den Psalmen der Hebräischen Bibel. Da die zeitgenössische griechische und lateinische Lyrik für die frühen Christen schwer zu ignorieren war, finden sich in den Texten von Dichtern wie Ausonius neben den christlichen Motiven immer wieder auch Anspielungen zum Beispiel auf heidnische Gottheiten. In seiner Psychomachia, einem der bedeutendsten Werke der christlichen lateinischen Epik, verzichtet Prudentius zwar auf Bezüge zur griechischen Mythologie, verwendet aber weiter die überlieferten klassischen literarischen Formen. Venantius Fortunatus dagegen, dessen Gedichte in der Liturgie der römisch-katholischen Kirche noch heute verwendet werden, legte das griechische Versmaß ab und fand seine eigenen Formen.

Christliche Gedichte bilden die ältesten überlieferten Zeugnisse der volkssprachlichen Dichtung vieler europäischer Kulturen. Einer der frühesten bekannten Texte der altenglischen Literatur ist die Dichtung Dream of the Rood aus dem 10. Jahrhundert. Originaltext; Die Göttliche Komödie ist eines der ersten Meisterwerke der italienischen Literatur. Ein Beispiel für den deutschsprachigen Bereich ist der Heliand.

Zu den bedeutendsten christlichen Dichtern der Neuzeit zählen Johannes vom Kreuz (Spanien), John Donne, George Herbert, John Milton (alle drei England), Anne Bradstreet, Martha Wadsworth Brewster (beide USA), Henry Vaughan, Ann Griffiths (beide Wales), Thomas Traherne, Emily Brontë, Christina Rossetti, Gerard Manley Hopkins (alle vier England), John Greenleaf Whittier, Khalil Gibran (beide USA), Gabriela Mistral (Chile), R. S. Thomas (Wales), Thomas Merton und Geoffrey Hill (beide USA).

Wichtige deutschsprachige Autoren christlicher Lyrik waren Angelus Silesius, Novalis, Joseph von Eichendorff und Annette von Droste-Hülshoff.

Christliches Schauspiel Eine der frühesten Formen des christlichen Schauspiels waren die Geistlichen Spiele und Osterspiele des Hochmittelalters, in denen zum Beispiel die Auferstehung Christi dargestellt wurde. Im 14. und 15. Jahrhundert wurden in ganz Europa Mysterienspiele aufgeführt, die Geschichten aus der Bibel erzählten. Im 16. und 17. Jahrhundert entwickelten sich daraus die Moralitäten, allegorische Stücke mit religiös-lehrhaftem Charakter. Zur selben Zeit entstand das Jesuitentheater, das an Jesuitenschulen zur Vermittlung der römisch-katholischen Lehre eingesetzt wurde. Anschließend ging die Kirche in vielen Ländern dazu über, das Theater zu verurteilen. Im deutschsprachigen Raum war diese Ablehnung des Theaters aus religiösen Gründen eng mit der Reformation verknüpft.George W. Brandt (Hrsg.): German and Dutch theatre, 1600–1848. Cambridge University Press, 1993, ISBN 0-521-23383-6, S. 398.

Eine Wiederbelebung erfuhr das christliche Schauspiel erst im 20. Jahrhundert. In Großbritannien sorgte 1941/1942 Dorothy L. Sayers’ Hörspiel The Man Born to be King für Aufsehen, weil Jesus darin von einem Schauspieler verkörpert wurde, was viele Zuhörer als Blasphemie empfanden.John Drakakis (Hrsg.): British Radio Drama. Cambridge University Press, 1981, ISBN 0-521-22183-8, S. 136. Bereits 1935 hatte T. S. Eliot sein Versdrama Mord im Dom über das Martyrium von Thomas Becket uraufgeführt. In Deutschland wirkte vor dem Ersten Weltkrieg der katholische Dichter und Dramatiker Reinhard Sorge.

Der spätere Papst Johannes Paul II., Karol Józef Wojtyła, schrieb 1960 ein an christlichen Motiven reiches Schauspiel Przed sklepem jubilera/The Jeweler’s Shop.The Jeweler’s Shop Google-Bücher Als Rock-Musical Jesus Christ Superstar kam die Leidensgeschichte Christi 1971 an den New Yorker Broadway. Das zur selben Zeit entstandene Jesus-Musical Godspell wurde an Off-Broadway-Theatern aufgeführt.

Nichtfiktionale christliche Literatur Theologische Schriften mini|Augustinus von Hippo (354–430). Gemälde von Sandro Botticelli aus den 1490er Jahren. Aus der Zeit der Kirchenväter (Epoche der Alten Kirche, 1. bis frühes 8. Jahrhundert) ist eine Vielzahl mehrheitlich nichtfiktionaler Schriften überliefert, darunter Briefe, theologische Abhandlungen, Bibelkommentare und Heiligenbiografien. Unter den bekanntesten Werken aus diesem Textkorpus befinden sich Augustinus’ Confessiones und De civitate Dei. Die theologische Fachdisziplin, die sich mit den christlichen Texten dieser Zeit beschäftigt, ist die Patristik.

Zu den einflussreichsten christlichen Schriften des Mittelalters zählen Thomas von Aquins Summa theologica und Die Nachfolge Christi von Thomas von Kempen. Bis heute ist das 1609 erschienene Buch des Franz von Sales Anleitung zum frommen Leben oder Philothea weit verbreitet. 1536 erschien Johannes Calvins Institutio Christianae Religionis, das eines der wichtigsten Lehrbücher der Reformation wurde. Seit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert wurden nichtfiktionale Texte auch verwendet, um den christlichen Glauben zu verbreiten. Religiöse Traktate waren bereits in der Zeit der Reformation im Umlauf und werden in der Mission bis heute verwendet. In deutscher Sprache legte Friedrich Schleiermacher 1821/1822 seine Glaubenslehre vor.

Theologische Schriften entstehen in den Schreibstuben von Gelehrten oder interessierten Laien, die von den Ansichten unzähliger Denkschulen, Wissens-, Gewissens- und Interpretations-Familien, Konfessionen, Denominationen, Buchverlagen und Lehr-Instituten geprägt sind. In der heterogenen christlichen Bücherwelt suchen Theologen nach Kondensationspunkten für die eigene Überzeugung, nach konfessioneller Homogenität oder nach bibelbasierter und christozentrischer Plausibilität. Ein Einblick in das von einem christlichen Bildungs-Institut vermittelte Denken kann der Buchkatalog ihrer Bibliothek bieten. Die relative geistige Nähe zwischen den Bildungs-Instituten untereinander, oder mindestens ihrer Buchbestände, kann rudimentär quantifiziert werden: Weisen zwei verglichene Buchbestände (anhand der ISBN) 10 % Übereinstimmung auf, kann von einer geistigen Verwandtheit ausgegangen werden, bei 20 % von naher Verwandtheit.

Kirchenlieder und liturgische Texte Auch die Texte, die in der Liturgie und im Gesang des christlichen Gottesdienstes verwendet werden, sind der christlichen Literatur zuzurechnen.

Erbauungsliteratur Die Erbauungsliteratur, die mindestens seit dem Spätmittelalter besteht, bemüht sich allgemein um eine Hebung der Frömmigkeit, kann aber auch dogmatische Absichten aufweisen, die in allgemein verständlicher Form verpackt sind. Typische traditionelle Formen sind die Heiligenlegende, das Andachtsbuch, das Gebetbuch, das Stundenbuch und die Predigtsammlung.

Im Bereich Theologische Bücher und Erbauungsliteratur sind besonders Verlage in den USA und Deutschland produktionsstark, im deutschen Sprachraum besonders im näheren und weiteren Umfeld von Pietismus und Evangelikalismus. Zu den bekanntesten Verlagshäusern gehören unter anderen die Stiftung Christliche Medien, der Brunnen Verlag (Gießen), Gerth Medien, die Neukirchener Verlagsgesellschaft, der Verlag der Francke-Buchhandlung Marburg an der Lahn, die Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, der Joh. Brendow & Sohn Verlag und die Christliche Literatur-Verbreitung Bielefeld.

Moderne apologetische Literatur Ein englischsprachiger Klassiker der christlich apologetischen Literatur ist G. K. Chestertons Werk Orthodoxy (1908). Hohe Auflagen erreichen Autoren apologetischer ‒ besonders protestantischer ‒ Literatur in Nordamerika, darunter David Wilkerson (The Cross and the Switchblade, 1962), Francis Schaeffer (The God Who Is There, 1968; A Christian Manifesto, 1981), Peter Kreeft (Between Heaven and Hell, 1982), Charles Colson (How Now Shall We Live, 1999) und Rick Warren (The Purpose Driven Life, 2002).

Eines der bekanntesten deutschsprachigen christlichen Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts stammt von dem evangelischen Pfarrer und Prediger Wilhelm Busch (1897–1966): Jesus unser Schicksal. Es ist in vielen Sprachen erschienen und allein auf Deutsch in Millionenauflage. 2009 hat Elisabeth von Thurn und Taxis ein Buch fromm! Eine Einladung, das Katholische wieder mit allen Sinnen zu erleben vorgelegt. Weitaus stärker als die vorgenannte Autorin hadert Esther Maria Magnis in ihrem 2012 erschienenen Buch Gott braucht dich nicht mit ihrem Glauben, beschreibt darin aber auch den schwierigen Weg, wie sie schließlich zu ihm zurückfand.Esther Maria Magnis: Kirche: Gott ist wild und seltsam. In: Die Zeit. Nr. 40, 27. September 2012 (Vorabdruck)

Hagiografie und historischer Roman Zu den populärsten Genres der katholischen Literatur gehören traditionell die Hagiografie und Biografie bzw. der biografische oder historische Roman. Die Übergänge zwischen diesen Formen sind fließend.

Im Hochmittelalter trug zur hagiografischen Literatur u. a. Konrad von Megenberg bei. In der Moderne zählt Louis de Wohl zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Verfassern katholischer historischer Romane; nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte er eine Vielzahl spannender Romane, in deren Mittelpunkt Heilige stehen, darunter Thomas von Aquin, Augustinus, Paulus, Franz von Assisi und Ignatius von Loyola.