mini| Plenarversammlung der Gesellschaft der Ärzte in Wien, 1906 Die Gesellschaft der Ärzte in Wien ist als Verein eine der traditionsreichsten medizinischen Gesellschaften in Österreich. Seine Hauptaufgabe sieht der Verein in der Weiterbildung der Mediziner. Sitz des Vereins ist das Billrothhaus im 9. Wiener Gemeindebezirk Alsergrund.

Die in den Statuten festgeschriebene Bestimmung besteht in der Fortbildung von Medizinern und der Präsentation neuer medizinischer Forschungsergebnisse. Zu diesem Zweck bietet die Gesellschaft wissenschaftliche Veranstaltungen, betreibt eine Bibliothek und veröffentlicht Videos zur medizinischen Fortbildung.

Bis zu seinem Ableben im Frühjahr 2020 war der Nuklearmediziner Helmut Sinzinger Präsident der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Seit 28. Oktober 2020 ist die Dermatologin Beatrix Volc-Platzer Präsidentin der Gesellschaft der Ärzte in Wien und zudem die erste Frau in diesem Amt.

Geschichte Ärztevereinigung und Ärzteforum mini|Franz Wirer

Bereits 35 Jahre vor der Vereinsgründung gab es Treffen von jüngeren Ärzten, welche vor allem dem berufsbezogenen Austausch dienten und damit als Grundstein für die Vereinsentstehung anzusehen sind. Die Ärztevereinigung wurde 1802 von Johann Anton Heidmann (1775–1855) ins Leben gerufen. Die Mitglieder abonnierten medizinische Fachzeitschriften und reichten sie an andere Mitglieder weiter. Die Erkenntnisse wurden in wöchentlichen Sitzungen in der Wohnung Heidmanns diskutiert. Zu den Mitgliedern zählten bekannte Persönlichkeiten wie Johann Malfatti, in dessen Wohnung die Sitzungen ab 1804 verlegt wurden, Ludwig Freiherr von Türkheim (1777–1846), Franz Wirer und Johann Friedrich Osiander. Diese Vereinigung gab ein jährlich erscheinendes Gesundheitstaschenbuch für die Wiener Bevölkerung heraus. Anfang der 1830er Jahre bildete sich parallel zur Ärztevereinigung ein Ärzteforum, welchem auch sehr prominente Ärzte angehörten, wie Ignaz Rudolf Bischoff, Professor am Josephinum, Johann Hassinger, welcher später Generalstabsarzt wurde, Heinrich Herzfelder, später Primararzt im israelitischen Krankenhaus, Ludwig Wilhelm Mauthner von Mauthstein, der Gründer des St. Anna Kinderspitals und der erste Professor für Kinderheilkunde, sowie der praktische Arzt Rudolph von Vivenot. Ähnlich wie die Ärztevereinigung, traf sich das Ärzteforum zur Diskussion ihrer abonnierten Zeitschriften, aber auch zu Gesprächen über die ärztliche Tätigkeit.

Anfänge der Gesellschaft der Ärzte in Wien mini|Aula der alten Universität Wien: erster Sitz der Gesellschaft der Ärzte, heute Sitz der Akademie der Wissenschaften mini|Theodor Billroth

Franz Wirer und Ludwig Türkheim, beides ehemalige Rektoren der Universität, waren die treibenden Kräfte zur Gründung der Gesellschaft. Allerdings konnten sie das erst im Jahre 1836 verwirklichen, als der Hofrat Andreas Joseph von Stifft verstarb, welcher die Gründung einer solchen Organisation untersagt hatte. Ihr erklärtes Ziel war es, über die Ziele der Ärztevereinigung hinaus, die Heilkunde als Kunst und Wissenschaft zu fördern. Außerdem sollte sie als Plattform dienen, um sich über die damals vorherrschende Choleraepidemie zu beraten. Die Ziele des Vereins änderten sich im Laufe der Zeit. Bereits 1839 wurde der Hauptzweck des Vereins in den Statuten geändert, wodurch der Verein sich fortan der „Beförderung der Arzneiwissenschaft“ und deren Hilfswissenschaften verschrieb. Später wurden durch die Gründung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 1847 die Schwerpunkte der medizinischen Wissenschaften auf diese beiden Institutionen verteilt: Während die theoretischen Wissenschaften wie Physik, Chemie, Anatomie und Physiologie in der Akademie der Wissenschaften diskutiert und in der „Denkschrift“ publiziert wurden, beschäftigte sich die Gesellschaft der Ärzte in Wien mit pathologischer und experimenteller Anatomie, medizinischer Chemie und vor allem mit klinischer Medizin. Der Einfluss der Gesellschaft der Ärzte und der Akademie der Wissenschaften führte überdies dazu, dass sich die medizinische Fakultät von einer reinen Ausbildungsstätte für Ärzte weg entwickelte und sich vermehrt der Wissenschaft und Forschung zuwandte.

1837 wurde die Gründung des Vereins offiziell genehmigt. Zu den Gründungsmitgliedern zählten neben Franz Wirer, Ludwig Türkheim und Johann Malfatti auch die praktischen Ärzte Gerhard Brants und Joseph von Vering, der Direktor des allgemeinen Krankenhauses Franz Xaver Güntner, der Professor für Pathologie und Pharmazie Leopold Franz Herrmann, der Klimatologe Rudolph von Vivenot, der Präses der Fakultät Johann Nepomuk von Raimann und die Professoren an der Josephinischen Akademie Friedrich Jäger und Ignaz Rudolf Bischoff.

Der erste Präsident wurde Johann Malfatti, der 1841 von Franz Wirer abgelöst wurde und bis zu seinem Tod Vorsitzender blieb. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder war anfangs von den Statuten auf 40 beschränkt, wurde aber im Laufe der Zeit stetig erhöht (z. B. 1839 auf 100 Mitglieder, 1859 auf 200 Mitglieder).

Eines der Ziele des Vereins war die Errichtung einer Bibliothek, welche im Laufe der Zeit kontinuierlich ausgebaut wurde und heute eine der größten privaten medizinisch-wissenschaftlichen Büchersammlungen der Welt darstellt. Der erste Bibliothekar der (noch zu errichtenden) Bibliothek war ab 1840 der Bezirksarzt Hermann Hieronymus Beer. Einen wesentlichen Beitrag leistete der zweite Präsident des Vereins Franz Wirer, als er seine private Bibliothek testamentarisch der Gesellschaft der Ärzte in Wien vermachte. Die Aufzeichnungen der wissenschaftlichen Sitzungen der Gesellschaft wurden durchwegs dokumentiert und zunächst in der hauseigenen Zeitschrift der k.k. Gesellschaft der Ärzte publiziert, welche später, unter dem Vereinspräsidenten Heinrich Bamberger, von der Wiener klinischen Wochenschrift abgelöst wurde.

Unter der Präsidentschaft von Wirer wurden die Mitglieder des Vereins in vier Sektionen unterteilt: Pharmakologie, Pathologie, Hygiene und Therapie. Den Mitgliedern wurde freigestellt, welcher Sektion sie beitreten möchten. Die Sektionen beschäftigten sich hauptsächlich mit den ihnen zugeschriebenen Themen. Durch die Bildung der Sektionen stieg die Anzahl an abgehaltenen Sitzungen pro Jahr auf 40 bis 45. Nachdem die Sektionen später wieder aufgelassen worden waren, sank diese Frequenz allerdings wieder auf 25 bis 35 pro Jahr.

Zweite Wiener Medizinische Schule mini|Carl Rokitansky

Als Carl Rokitansky 1850 zum Präsidenten der Gesellschaft der Ärzte gewählt wurde, wandte sich der Verein verstärkt naturwissenschaftlichen Themen zu, wodurch die Medizin eine neue Richtung einschlug und die Ära der Zweiten Wiener Medizinischen Schule einläutete. Diese Zeit des Umschwungs ist untrennbar verbunden mit Carl Rokitansky, Joseph Škoda und Ferdinand Hebra. Sie markiert den Aufbruch der Medizin vom naturphilosophischen Zeitalter in die durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse geprägte Zeit, in der Zusammenhänge zwischen klinischen Manifestationen und pathologischem Substrat gesucht werden.

Während des Ersten Weltkriegs kam es durch die Schwierigkeiten des Krieges zu einem starken Rückgang der wissenschaftlichen Sitzungen, deren Inhalte sich hauptsächlich um die durch den Krieg verursachten Seuchen, Erkrankungen und Verletzungen drehten.

Unter dem nationalsozialistischen Regime kam es 1938 aufgrund der Durchsetzung eines Gesetzes, nach dem alle Vereine, Organisationen und Verbände nationalsozialistisch geführt werden mussten, zum Untergang des Vereins. Der kommissarische Leiter war zu dieser Zeit das NSDAP-Mitglied Adolf Irtl. Wenige Wochen später erfolgte die Gründung der „Wiener Medizinischen Gesellschaft“. Als Obmann wurde Otto Planner-Plan eingesetzt (nicht gewählt). Sie übernahm im Wesentlichen die Aufgaben der Gesellschaft der Ärzte, allerdings waren die Vorträge kriegsbedingt insgesamt selten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Das Ende des Zweiten Weltkriegs war gleichbedeutend mit dem Ende der Wiener Medizinischen Gesellschaft. Bereits kurz danach machte sich Leopold Arzt, Vorstand der ersten Universitäts-Hautklinik, auf Aufforderung durch Viktor Matejka daran, die Gesellschaft der Ärzte neu zu gründen. Bei diesen Bemühungen stellte sich heraus, dass das frühere Vermögen der Gesellschaft unauffindbar war und die Bibliothek zum Schutz vor Bombenangriffen in einer Scheune in Peigarten bei Waidhofen an der Thaya untergebracht worden war, wo sie durch Feuchtigkeit und Diebstahl gefährdet war. Auch das Billrothhaus hatte durch Kampfhandlungen Schäden davongetragen. Durch Spenden der Mitglieder konnten die finanziellen Mittel für die Reparatur der Schäden und die Sicherstellung der Bibliothek aufgebracht werden.

In der ersten Plenarsitzung wurde Wolfgang Denk zum Präsidenten der Gesellschaft gewählt, aber erst April 1946 wurde die Neugründung des Vereins von amtlicher Seite genehmigt.Amtsblatt der Stadt Wien. 27. Februar 1946. Der Springer-Verlag übernahm die Publikation der Wiener klinischen Wochenschrift, deren Erscheinen 1945 eingestellt worden war. Wolfgang Denk wurde im Jahr 1968 vom Gynäkologen Tassilo Antoine abgelöst, welcher diese Position bis 1977 bekleidete. 1977 bis 1982 übernahm Otto Novotny das Präsidentenamt. Karl Hermann Spitzy, welcher durch seine Forschungen über das Penicillin internationale Bekanntheit erreichte, war von 1982 bis 1991 Präsident der Gesellschaft. Spitzy wurde vom ehemaligen Rektor und Dekan der medizinischen Fakultät Wilhelm Holczabek abgelöst. Holczabek trieb gemeinsam mit Harald Kritz die Modernisierung der Gesellschaft der Ärzte voran und initiierte Projekte zur Zeitschriftendigitalisierung. Da Holczabek am 17. Juli 2001 im Amt verstarb, übernahm Sepp Leodolter im selben Jahr das Präsidentenamt. Leodolter öffnete das Billrothhaus und ließ etwa im Jahr 2004 das Archivzimmer räumen und zum Seminarraum umgestalten. Im Jahr 2007 wurde Karl Heinz Tragl zum Präsidenten gewählt und vom Franz Kainberger im Jahr 2011 abgelöst. Von 2015 bis 2019 war der Radiologie Walter Hruby Präsident der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Der Nuklearmediziner Helmut Sinzinger wurde 2019 zum Präsidenten gewählt und hatte dieses Amt bis zu seinem Ableben im Frühjahr 2020 inne. Seit 28. Oktober 2020 ist die Dermatologin Beatrix Volc-Platzer Präsidentin der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Sie ist zudem die erste Frau in diesem Amt.

Wissenschaftliche und sozialmedizinische Tätigkeiten Wissenschaftliche Diskussionen Die wichtigste Funktion der Gesellschaft war das Abhalten von Vorträgen und Diskussionsrunden, in denen die Gesundheitsprobleme und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse besprochen wurden. Schwerpunkte lagen dabei in den Gründungsjahren bei den Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Typhus, Pest, Blattern, Erysipel und Lyssa, aber vor allem die Choleraepidemie stellte die Ärzteschaft der damaligen Zeit vor eine Herausforderung. Einige wichtige Entdeckungen und Erfindungen von Mitgliedern der Gesellschaft der Ärzte fanden ihren Weg in die Klinik oder sogar in die Staatsordnung. So stellte 1843 Karl Eduard Hammerschmidt ein Sphygmometer vor – ein neuartiges Gerät, mit dem man den Herzschlag und Arterienpuls analysieren könne (Vorläufer des heutigen Blutdruckmessgeräts). Die Sektion Pharmakologie bildete 1849 ein Komitee zur Erstellung einer Apothekenordnung für den österreichischen Kaiserstaat, um den Verkauf von Arzneimitteln durch Materialisten und Kräuterhändler zu verhindern.