Walter Stengel (* 24. August 1882 in Marburg an der Lahn; † 11. August 1960 in Berlin) war ein deutscher Kunst- und Kulturhistoriker. Von 1925 bis 1952 war er Direktor des Märkischen Museums in Berlin.

Leben Herkunft und frühe Jahre Walter Stengel entstammte einer Gelehrtenfamilie. Sein Vater Edmund war Universitätsprofessor an der Universität Marburg. Der Vater, später in Greifswald Professor, vertrat von 1907 bis 1911 als Abgeordneter des Wahlkreises Rügen die Freisinnige Volkspartei im Deutschen Reichstag und war Redakteur der Zeitschrift des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Sein älterer Bruder war der Historiker Edmund Ernst Stengel.

Nach dem Abitur in Greifswald studierte Stengel Kunstgeschichte in München und Berlin, wo eine lebenslange Freundschaft mit Max Sauerlandt begann. Sein Studium schloss er 1903 mit einer Promotion bei Heinrich Wölfflin in Berlin ab. Bis 1906 folgte ein Volontariat an der Nationalgalerie unter Hugo von Tschudi, der ihn zur Vorbereitung der Jahrhundertausstellung deutscher Kunst heranzog. Im Kreis um die Gebrüder Bruno und Paul Cassirer und Max Liebermann nahm Stengel in ersten Veröffentlichungen in der Zeitschrift Kunst und Künstler an der Auseinandersetzung um die Moderne Kunst im spätwilhelminischen Berlin teil. Inzwischen hatte ein nur wenige Monate dauerndes Volontariat im Jahre 1905 am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe Stengel mit dem Fachgebiet Kulturgeschichte bekannt gemacht, dem er sein weiteres Leben widmen sollte. Der Museumsdirektor Justus Brinckmann war Begründer dieses Wissenschaftszweiges, der Fragen nach der Entstehung und der geistesgeschichtlichen Bedeutung kunstgewerblicher Produktion vor dem Hintergrund des Wandels kultureller Ideale und Lebensstile stellte.

Kustos am Germanischen Nationalmuseum Zunächst am Historischen Museum Dresden beschäftigt, wurde Stengel im Sommer 1907 erst Assistent, dann Kustos am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Im Jahre 1910 übernahm er die Leitung des Kupferstichkabinettes. Es folgten jahrelange Auseinandersetzungen mit der Museumsleitung und der Stadt Nürnberg um den Erwerb und die Präsentation von Exponaten zeitgenössischen Kunstschaffens und der durch die Jahrhundertausstellung wiederentdeckten Romantik. Unterstützt von Alfred Lichtwark, Karl Scheffler und der mit dem Erlanger Philosophen Helmuth Plessner gegründeten Kunsthistorischen Gesellschaft trug Stengel die Kontroverse in die deutsche Öffentlichkeit. Ein Streit um die Neugliederung der Sammlungen infolge des Neubaus des Museums durch German Bestelmeyer führte im Oktober 1919 zur Entlassung Stengels aus dem Nationalmuseum.

Neben seiner Publikationstätigkeit für den Deutschen Museumsbund und die museologische Zeitschrift Museumskunde bewirtschaftete Stengel aus Existenzgründen in den folgenden Jahren einen Bauernhof bei Deggendorf. Erst Ende 1925 gelang ihm der Wiedereinstieg in den Beruf: Auf Empfehlung Max Liebermanns berief die Stadt Berlin Stengel zum Nachfolger des ausscheidenden Direktors des Märkischen Museums, Otto Pniower.

Direktor des Märkischen Museums in Berlin Im Berlin der Weimarer Republik Das 1874 gegründete „Märkische Provinzial-Museum“ war vom Stadtrat Ernst Friedel als Heimatmuseum für die Provinz Brandenburg konzipiert worden. Seine Sammlungen galten neben der Geschichte Berlins auch der Ur- und Frühgeschichte und der Naturkunde der gesamten Provinz. Sie enthielten daher neben Antiquitäten auch Exponate geologischer und zoologischer Art mit Tierpräparaten und Fossilien. Das Museum hatte nach zehnjähriger Bauzeit erst im Jahre 1908 ein eigenes Haus erhalten. Das von Ludwig Hoffmann errichtete, ausschließlich tagesbelichtete Haus ließ wegen des stilepochenbezogenen Raumkonzeptes kaum eine Veränderung des vorhandenen Ausstellungsprogramms und damit keine Modernisierung zu. Unter der Leitung Pniowers, der Germanist und Goetheforscher war, hatte das Museum inzwischen einen etwas familiären Charakter angenommenSo die Vossische Zeitung am 19. August 1932, zitiert bei Winkler, S. 192. und galt als Rumpelkammer.Siehe Martin Engel: Kulturhistorisches Museum kontra Rumpelkammer. Das Märkische Provinzialmuseum in Berlin, in Alexis Joachimides (Hrsg.): Museumsinszenierungen. Zur Geschichte der Institution des Kunstmuseums. Die Berliner Museumslandschaft 1830–1990, Verlag der Kunst, Dresden, Basel 1995, ISBN 3-364-00325-4, S. 122–141, hier S. 129, zitiert bei Winkler S. 193.

Innerhalb weniger Jahre machte Stengel das Museum zu einem angesehenen Bestandteil der lebendigen Berliner Kulturszene. Auftakt war die Sonderausstellung Berlin von oben. Durch die erstmalige Öffnung des Turms, den er mit Teleskopen bestückte, kündigte Stengel sein neuartiges Konzepts des Museums als Erkundungsposten für die städtische Gegenwart an.Zu Stengels Aktivitäten siehe Kurt Winkler: Walter Stengel (1882–1960) – Eine biographische Skizze, in: Reiner Güntzer (Hrsg.): Jahrbuch Stiftung Stadtmuseum Berlin, Band 3, 1997, Henschel, Berlin 1999 (folgend zitiert als „Winkler“), S. 186–210, zur Konzeption allgemein S. 192f., zum Ermelerhaus S. 195. Die Spielzeugausstellung von 1927/28 erregte Aufsehen über Berlin hinaus.Bericht von Walter Benjamin: Altes Spielzeug. Zur Spielzeugausstellung des Märkischen Museums, in: Frankfurter Zeitung vom 21. Mai 1928, abgedruckt in Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, IV. I/2 (= werkausgabe Band 11), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1980, S. 511–515. Eine Ausstellung zu Ehren des 70. Geburtstags Heinrich Zilles führte im Januar 1928, wohl erstmals in Deutschland, mehrmals zur Schließung eines Museums wegen Überfüllung. Stengel hatte das Interesse des proletarischen Berlins für Museumsbesuche geweckt.

Stengels lang gehegten Wunsch, das im Besitz Berlins befindliche Ermelerhaus als Zweigstelle und Ausstellungsgebäude zu übernehmen, erfüllte der neue Oberbürgermeister Heinrich Sahm bei seinem Amtsantritt im April 1931. Das Ermelerhaus eröffnete im Oktober 1932 mit einer Gemäldeausstellung, in der Werke von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach und ab März 1933 die Kunstsammlung Alfred Cassirers (1875–1932) gezeigt wurden.Zur Sammlung Cassirer siehe: Sabine Beneke: Ausklang einer Epoche. Die Sammlung Alfred Cassirer in: Andrea Pophanken, Felix Billeter (Hrsg.): Die Moderne und ihre Sammler. Französische Kunst in deutschem Privatbesitz vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, Akademie Verlag, Berlin 2001 (folgend zitiert als „Beneke“), S. 327–345. Zeugnisse, zumeist aus der unmittelbaren Umgebung des Hauses in der Breiten Straße, stellten in speziell gestalteten Räumen die Berliner Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, das Biedermeier, den Historismus, den Jugendstil und die Neue Sachlichkeit als Gegenwartsstil in bildender Kunst und Wohnen dar. Die Räume der ausgedehnten Fabrikgebäude im hinteren Grundstücksteil zeigten ab 1935 die Welt des Kindes und die Welt der Hausfrau.

Durch die Belebung des Vereins der Freunde des Märkischen Museums gelang Stengel die Vernetzung von mäzenatisch auftretenden Mitgliedern der Berliner Gesellschaft und prominenter Gelehrter mit der öffentlichen Selbstdarstellung Berlins. Zu den Unterstützern Stengels und seiner Sammeltätigkeit gehörten auch Mitglieder altadliger Familien der Mark Brandenburg. Im Jahre 1932 führte seine persönliche Bekanntschaft mit Wilhelm Graf zu Lynar zur Einrichtung eines Familienmuseums der Lynars im Schloss Lübbenau. In Berlin war der jeweilige Oberbürgermeister in Personalunion auch Vorsitzender des Museumsvereins und damit nicht nur Stengels Dienstvorgesetzter, sondern zugleich sein Verbündeter innerhalb der Berliner Verwaltung bei der Planung, Durchsetzung und Finanzierung des Museums- und Ausstellungsbetriebes.

Im nationalsozialistischen Berlin Die Präsentation der Sammlung Cassirer in den Tagen der Machtübernahme Hitlers im März 1933 mit „altbürgerlichen Urberlinern, Judenschaft und gräflichem Adel“ erschien nach dem Zeugnis Max Sauerlandts „ganz zeitverloren“,Beneke, mit Nachweis, S. 343. doch schon wenig später konnte sich Stengel einer Einbindung des Museums in die nationalsozialistische Kulturpolitik, besonders hinsichtlich der Selbstdarstellung Berlins, nicht mehr entziehen.Siehe Beneke zur „Einbindung“ S. 149. Stengel blieb auch nach der Gleichschaltung des Berliner Kulturlebens und der Entmachtung Sahms durch die Ernennung des NSDAP-Funktionärs Julius Lippert, zunächst zum Staatskommissar für Berlin und ab 1937 zum Oberbürgermeister, eine Person des öffentlichen Lebens. Sein Biograf Winkler beschreibt Stengel als Funktionsträger, der zur Anpassung bereit war, wenn er damit dem Museum dienen konnte. Unter den von Stengel nach 1933 für das Museum im Kunsthandel gemachten Erwerbungen befinden sich auch restitutionsbelastete.Winkler, S. 199. Stengel hatte auf Auktionen „arisiertes“ Kulturgut erworben. Unklar war laut Winkler, um welche Erwerbungen es sich handelte. Eine Auswertung der Neuanschaffungen unter dem Aspekt der Restitution stand 1998 noch aus.

In der aus Anlass des 100. Todestags Wilhelm von Humboldts veranstalteten Ausstellung vermittelte Stengel 1935 im Märkischen Museum ein nicht der NS-Propaganda entsprechendes Bild HumboldtsStengel weist auf eine zugleich veranstaltete Ausstellung hin, in der Propagandaminister Goebbels Humboldt als „Feind des Deutschtums brandmarkte“, Chronik (siehe „Schriften“, 1979), S. 31f. und die erweiterte Ausstellung im Ermelerhaus blieb inhaltlich „von nationalsozialistischem Gedankengut frei“.Andreas Bernhard erscheint dies so nach Auswertung der Ausstellungskataloge. Siehe ders. in: Das Ermelerhaus – Ein verlorenes kulturhistorisches Museum, in: Generaldirektor des Stadtmuseums Berlin Reiner Güntzer (Hrsg.): Jahrbuch Stiftung Stadtmuseum Berlin Bd. 8, 2002, Henschel Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-89487-467-8, S. 143–182, hier S. 180. Dass Stengel in den von ihm geschätzten Kreisen sein Ansehen nicht eingebüßt hatte, erweist die treuhänderische Überlassung des Porträts Walther Rathenaus von Edvard Munch durch Rathenaus Nachfahren an das Märkische Museum.Stengel, Chronik, S. 48. Das seit 1945 im Märkischen Museum ausgestellte Porträt verkauften die Erben 1991 an das Museum. Siehe auch: Patrimonia. 76 (1993).

Im Jahr 1937 übernahm Stengel mit dem neugeschaffenen Amt des „Staatlichen Museumspflegers für Berlin“ auch die Aufsicht über die Heimatmuseen der Berliner Bezirke.

Durch den Einbau geborgener Teile abgerissener Bauten hatte Stengel das Ermelerhaus zu einer Schaustätte der Architektur und Innenraumgestaltung Altberlins gemacht. Im Sommer 1938 fand vor dessen Eigentümerin, der Stadt Berlin, eine Auseinandersetzung zwischen Stengel als Museumsdirektor und Max Feist, dem jüdischen Mieter des Zigarrengeschäfts im Ermelerhaus, statt. Das vom Eingangsbereich des Museums aus zu betretende Ladengeschäft war mehrmals Ziel antisemitisch motivierter Vandalismusakte geworden, die Stengel um die Unversehrtheit des gesamten Gebäudes fürchten ließen. Ob es in der Auseinandersetzung um die Beendigung des Mietverhältnisses oder um das Eigentumsrecht an der kulturhistorisch wertvollen Ladeneinrichtung bei Aufgabe des Geschäfts ging, lässt sich aus der lückenhaften Überlieferung nicht feststellen. Resultat war Ende August 1938 die Geschäftsaufgabe Feists, verbunden mit der Übernahme der Ladeneinrichtung durch das Museum.