In Südthailand eskalierte 2004 ein Konflikt zwischen islamischen und separatistischen Gruppierungen und der Regierung Thailands. Die Forderungen der Aufständischen reichen von mehr Mitbestimmung bis Unabhängigkeit unter Einführung der Scharia. Internetseite von Newsweek, 14. Januar 2011. Ein radikalislamischer Teil der Rebellen strebt einen Staat „Patani Darussalam“ an, der auch zwei nördliche Staaten Malaysias umfassen soll. Dennoch versucht die Regierung Malaysias in dem Konflikt zu vermitteln.Boonradom Chitradon:Southern extremists learning from bin Laden Internetseite der Bangkok Post Der Konflikt kostete bis Januar 2016 über 6.500 Menschen das Leben.Insurgency claimed 6,543 lives in last 12 years Bomb follows killings in restive southern Thailand. Bangkok Post (Online), 4. Januar 2016.
Dem ehemaligen Premierminister Thaksin Shinawatra, der von 2001 bis 2006 regiert hat, wurde angelastet, den Konflikt verschärft zu haben. AFP bei Google, 19. März 2008. Bis April 2011 wurden 60.000 Angehörige der Streitkräfte und der Polizei in der Region eingesetzt. Internetseite der The Straits Times, 18. April 2011. Die Aufständischen töteten auch Zivilisten ohne Verbindung zu Sicherheitskräften, insbesondere Lehrer.Thailand: Beheadings, Burnings in Renewed Terror Campaign Human Rights Watch, 7. Juli 2008. (PDF; 205 kB) Hochgeladene Texte der Bangkok Post, Ausgabe vom 10. Juli 2006. Der Polizei in der Gegend wurde Brutalität vorgeworfen. Internetseite der Zeitung The Nation, 29. April 2004. Die Armee hat in einigen Fällen im Rahmen des Konflikts Muslime ohne Anklage festgehalten.Muslim Insurgents Confound Military in Thailand Internetseite der The New York Times, 31. August 2009. Folgende Kräfte betreiben den Aufstand: Barisan Bersatu Mujahideen Pattani, (Bersatu; „Vereinte Mudschahidin-Front Pattanis“) – Dachorganisation der südthailändischen Separatisten Barisan Revolusi Nasional (BRN; „Nationale Revolutionäre Front“) – mehrere Splittergruppen Pattani United Liberation Organization (PULO; „Vereinigte Organisation zur Befreiung Pattanis“) New PULO („Neue PULO“) Barisan Nasional Pembebasan Patani (BNPP; „Nationale Befreiungsfront Pattani“) Young Muslims Association of Thailand (YMAT; „Vereinigung junger Muslime in Thailand“) Gerakan Mujahideen Islam Pattani (GMIP; „Islamische Mudschahidin-Bewegung Pattani“) Mujahideen Pattani Movement (BNP)Mujahideen Pattani Movement (BNP), GlobalSecurity.org, abgerufen am 28. März 2017.Tiffany Kay Hacker, Linda Michaud-Emin: Thailand. In Barry Rubin: Guide to Islamist Movements. M.E. Sharpe, Armonk (NY)/London, 2010, S. 105, Eintrag The Mujahideen Pattani Movement (BNP). Mujahideen Islamic Pattani Group Runda Kumpulan Kecil (RKK; „Kleine Guerilla-Gruppen“) Jemaah Islamiyah (JI) Außerdem sind Drogenkartelle, Öl-Schmuggler und Piraten in der Straße von Malakka an dem Konflikt beteiligt.ผ่าเครือข่ายน้ำมันเถื่อนใต้ ผลประโยชน์หมื่นล้านแกะรอยเส้นทาง'เสี่ยโจ้'คนโตชายแดนใต้?
Hintergrund Die Bevölkerung des Schauplatzes des Konflikts, der Provinzen Narathiwat, Yala und Pattani, besteht überwiegend aus malaiischsprachigen Muslimen, die starke ethnische und kulturelle Verbindungen zum angrenzenden Malaysia haben.Ian Storey: Malaysia's Role in Thailand's Southern Insurgency. In: Terrorism Monitor. Band 5, Nr. 5, 2007. Thailand ist ein überwiegend buddhistisches Land. Viele dort lebende Muslime fühlen sich als Bürger zweiter Klasse behandelt.msnbc.msn.com
Separatistische Bestrebungen hat es im Gebiet des früheren Sultanats Patani seit dessen Eingliederung in den siamesischen Zentralstaat 1902 gegeben. Die Regierung versuchte eine erzwungene Assimilation („Thaiisierung“) der ethnisch malaiischen Bevölkerung. Diese begann bereits an der Wende von 19. zum 20. JahrhundertNguyen Minh Quang, Mikio Oishi: Spiralling Insurgency in the Deep South. Thailand’s Unseen Road to Ethnic Conflict Management. In: Mikio Oishi: Contemporary Conflicts in Southeast Asia. Towards a New ASEAN Way of Conflict Management. Springer, Singapur u. a. 2016, S. 61–87, auf S. 64. und wurde während der Regierung Plaek Phibunsongkhrams ab 1938 noch intensiviert.Shane Joshua Barter: Civilian Strategy in Civil War. Insights from Indonesia, Thailand, and the Philippines. Palgrave Macmillan, New York/Basingstoke (Hampshire) 2014, S. 130. Bereits während der 1940er- bis 80er-Jahre gab es eine Reihe von Aufständen gegen diese Politik der Zentralregierung.
Der in Songkhla geborene General Prem Tinsulanonda, der in den 1980er-Jahren Premierminister war, beendete die Assimilationspraxis, gestand der islamischen Bevölkerung kulturelle Rechte zu und förderte die wirtschaftliche Entwicklung in der traditionell benachteiligten Region. In den 1990er-Jahren schlief der Konflikt praktisch ein. Er flammte nach der Regierungsübernahme durch Thaksin Shinawatra 2001 wieder auf, dessen Regierung eine aggressive Vorgehensweise gegenüber separatistischen Angriffen sowie im „Krieg gegen Drogen“ wählte. Beobachtern zufolge hat eine Reihe politischer Fehler der Thaksin-Regierung den Konflikt befeuert. Der Ministerpräsident löste das von Prem 1981 eingerichtete Verwaltungszentrum für die südlichen Grenzprovinzen, das als Bindeglied zwischen Zentralregierung und muslimischen Führungskräften gedient hatte, sowie die gemeinsame Task-Force zur Konfliktbewältigung aus Zivilisten, Polizei und Militär auf.Jayshree Bajoria, Carin Zissis: Council on Foreign Relations backgrounder, 10. September 2008.
Bis Juli 2006 verließ ein Zehntel der 360.000 in den drei Südprovinzen lebenden Buddhisten ihre Heimat. (PDF; 205 kB) Eingescannter Artikel der Bangkok Post, 10. Juli 2006.
Chronik Vor 2004 Die Terroranschläge am 11. September 2001 verschärften auch die Situation in Südthailand. So kam es von 2001 bis 2003 zu vereinzelten Schießereien, Brand- und Bombenanschlägen und Überfälle auf Waffenlager der Regierungstruppen in den Südprovinzen. Die Regierung von Thaksin Shinawatra leugnete jedoch, dass diese etwas mit dem ethnisch-religiösen Konflikt oder Separatismus zu tun hätten und schrieb sie stattdessen Revierkämpfen zwischen kriminellen Organisationen zu. Thaksin, der selbst vor seiner politischen Karriere Polizeioffizier gewesen war, bekam ein Stipendium für ein Studium in den USA, wo er einen Master-Grad in Strafrechtspflege (Criminal Justice) an der Eastern Kentucky University erwarb, zeigte sich überzeugt, dass diese Probleme von der Polizei und nicht dem Heer gelöst werden sollten. 2002 löste er das besondere Verwaltungszentrum für die Südlichen Grenzprovinzen und die Zivil-Polizeilich-Militärische Task Force 43 auf.Joseph Chinyong Liow: Iron Fists without Velvet Gloves. The Krue Se Mosque Incident and Lessons in Counterinsurgeny for the Southern Thai Conflict. In C. Christine Fair, Sumit Ganguly: Treading on Hallowed Ground. Counterinsurgency Operations in Sacred Spaces Oxford University Press, Oxford/New York 2008, S. 177–192, auf S. 192.Human Rights Watch (HRW): No One Is Safe. Insurgent Violence Against Civilians in Thailand’s Southern Border Provinces. 2007, S. 29. Der von Thaksin im Januar 2003 ausgerufene „Krieg gegen Drogen“ führte nach Einschätzung verschiedener Nichtregierungsorganisationen zu erheblichen Menschenrechtsverletzungen wie außergerichtlichen Hinrichtungen und Tötungen Unschuldiger. Viele malaiisch-muslimische Dorfbewohner fühlten sich bedroht und von den Regierungskräften missachtet und schlossen sich militanten Separatisten wie der BRN-Koordinasi an.HRW: No One Is Safe. 2007, S. 29–32.
2004–05 Am 4. Januar 2004 wurden Brandanschläge auf 20 Schulen und drei Polizeiposten in der Provinz Narathiwat verübt. Am selben Tag stürmten mehr als 50 Bewaffnete, die nicht identifiziert werden konnten, das Waffenlager des 4. Pionierbataillons, erschossen vier buddhistische Soldaten und nötigten muslimische Soldaten, das islamische Glaubensbekenntnis zu sprechen und zu desertieren. Sie erbeuteten zahlreiche Sturmgewehre, Maschinengewehre, Raketenwerfer, Panzerfäuste, Pistolen und Munition. Einer der Angreifer rief Berichten zufolge Patani Merdeka! („freies Patani“).HRW: No One Is Safe. 2007, S. 32.
Am 5. Januar verhängte die Regierung das Kriegsrecht über die drei Provinzen Narathiwat, Pattani und Yala. Armee und Polizei nahmen massenhaft Durchsuchungen und Verhaftungen ohne richterlichen Beschluss vor. Sie operierten unter großem Druck, da Thaksin versprochen hatte, die Verantwortlichen für den Angriff vom 4. Januar binnen einer Woche ausfindig zu machen und gefangen zu nehmen. Verhaftete durften sieben Tage lang festgehalten werden, ohne dass ein Strafverfahren gegen sie eingeleitet wurde.HRW: No One Is Safe. 2007, S. 33–34.
Der muslimische Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist Somchai Neelapaijit, Vorsitzender der Vereinigung muslimischer Juristen Thailands, prangerte in einem Brief an den Menschenrechtsausschuss des thailändischen Senat vom 11. März 2004 angebliche Misshandlungen und Folter von Verhafteten an.HRW: No One Is Safe. 2007, S. 34–35. Einen Tag später „verschwand“ Somchai. Sein mutmaßlicher Tod wurde nie aufgeklärt.Human Rights Watch: “It was Like Suddenly My Son No Longer Existed”. Enforced Disappearances in Thailand’s Southern Border Provinces. 2007, S. 55–61.
Am 28. April 2004 stürmte die Armee auf Befehl des Generals Pallop Pinmanee und entgegen der Anordnung des für Sicherheitspolitik zuständigen Vize-Ministerpräsidenten Chavalit Yongchaiyudh die Krue-Se-Moschee in Pattani. Die Soldaten töteten alle 32 mutmaßlichen Rebellen, die sich in der Moschee verschanzt hatten. Sie hatten nach Angaben des Militärs in den frühen Morgenstunden Polizeikontrollen angegriffen. Insgesamt starben an diesem Tag fünf Sicherheitskräfte und 106 vermutete militante Regierungsgegner, darunter zahlreiche Jugendliche.Killings At Pattani’s Krue Se Mosque And A Cover Up Enquiry achrweb.org, 6. Mai 2004.
Am 25. Oktober des gleichen Jahres tötete die Polizei 85 Demonstranten, die in der Grenzstadt Tak Bai gegen Verhaftungen protestiert hatten. Das Ereignis verschaffte den militanten Islamisten weiteren Auftrieb. Im November 2005 verhängte die Regierung zusätzlich zu den drei betroffenen Provinzen auch in zwei angrenzenden Landkreisen der Provinz Songkhla den Ausnahmezustand.Thai districts impose martial law Internetseite der BBC, 3. November 2005.
2006 Die im März 2005 von Ministerpräsident Thaksin eingerichtete „Nationale Versöhnungskommission“ unter der Leitung des Ex-Premiers Anand Panyarachun legte im Juni 2006 ihren Abschlussbericht mit Vorschlägen zur Lösung des Konflikts vor.Duncan McCargo: Thailand’s National Reconciliation Commission. A flawed response to the Southern Conflict. (PDF; 157 kB) In: Global Change, Peace & Security. Band 22, Nr. 1, Februar 2010, S. 75–91. Unter anderem regte sie an, regional Malaiisch zur zweiten „Arbeitssprache“ zu machen. Der einflussreiche Kronratspräsident Prem Tinsulanonda und engster politischer Vertrauter von König Bhumibol Adulyadej lehnte das Ansinnen jedoch ab und es wurde nicht weiter verfolgt. Internetseite der siamesischen Zeitung The Nation, 25. Juni 2006.