mini|Grabkapellen am südlichen Seitenschiff des Doms mini|Plan des Lübecker Doms vor 1878, vor Freilegung der Nordervorhalle. Im Süden noch das 1890 zugunsten des Museumsneubaus abgebrochene Kloster Die zahlreichen Seitenkapellen im Lübecker Dom wurden nach der Reformation von Mitgliedern des Domkapitels als Grablegen genutzt und erhielten überwiegend in der Zeit des Barock ihr heutiges Aussehen.
Bei den im südlichen Seitenschiff gelegenen Grabkapellen finden sich aus der Zeit des Barock beispielsweise das von dem in Kopenhagen ansässigen flämischen Bildhauer Thomas Quellinus geschaffene Grabmal des dänischen Kanzlers Johann Hugo von Lente und die Grabkapelle des gottorfischen Staatsmannes Magnus von Wedderkop und seiner Frau, die im Ensemble mit den weiteren Kapellen den strengen romanischen Kirchenbau kontrastieren. Insbesondere die Kapellen im spätgotischen Chor des Gotteshauses sowie die unter den Türmen wurden beim Luftangriff auf Lübeck 1942 schwer betroffen, so dass nur noch Fragmente ihrer ursprünglichen Ausstattung vorhanden sind.
Die nachfolgende Liste führt zunächst die Kapellen an der Nordseite von West nach Ost auf, sodann dem Uhrzeigersinn folgend die Kapellen im Chor. Es folgen die Kapellen im Bereich der beiden Türme von Nord nach Süd und die Kapellen an der Südseite des Kirchenschiffs ebenfalls von West nach Ost. Beschrieben werden die jeweilige Geschichte, der Zustand und die Ausstattung bis 1942 sowie die heutige Nutzung und Ausstattung nach dem Wiederaufbau des Gotteshauses.
Bagge-Kapelle Die Gründungsgeschichte dieser Kapelle ist nicht bekannt. Zeitweilig gehörte sie dem Domherrn Thomas Grote. Um 1560 war sie Taufkapelle.Grewolls (Lit.), S. 173 Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie auch nach dem hier beigesetzten Domdechanten Andreas Angerstein († 1570) als Angerstein-Kapelle bezeichnet. Die Kapelle ging im 17. und 18. Jahrhundert durch mehrere Hände, bis sie 1775 von dem Lübecker Ratsherrn Johann Friedrich Bagge erworben wurde.BuK, S. 68 ff. Heute wird die Kapelle als Sakristei genutzt.
Domherren-Kapelle Diese Kapelle wurde zu Anfang des 14. Jahrhunderts durch den Domherrn Johann vam Sode († 1340) zu Ehren der Heiligen Anna errichtet. Johann vam Sode stiftete für die Kapelle 1335 eine Vikarie und wurde in dieser Kapelle bestattet.BuK, S. 67 ff. Seit 1847 wurde sie für Sitzungen des Geistlichen Ministeriums und später des Kirchenvorstands sowie auch als Konfirmandensaal genutzt.BuK, S. 67
Kantor-Kapelle Diese Kapelle wurde zu Anfang des 14. Jahrhunderts, wohl vor dem Jahr 1308, durch den Lübecker Domkantor Heinrich von Hattorp erbaut, der 1335 für diese Kapelle auch eine Vikarie einrichtete. Seit dem 17. Jahrhundert wird sie als Kantor-Kapelle bezeichnet.BuK, S. 66 ff.
Greveraden-Kapelle Die erste überlieferte Bestattung in dieser Kapelle war die des Priesters Gerhard Ceghewange († 1319). Es wird vermutet, dass er auch Inhaber einer Vikarie in dieser Kapelle war, die jedoch schriftlich nicht überliefert ist.BuK, S. 63 Der Domherr und Mäzen Adolf GreveradeSiehe auch: Ernst Deecke: Der Münch Hohlbeen (Lübsche Sage) bei Wikisource. stiftete für den Dom den Greveraden-Altar von Hans Memling, der sich heute im St.-Annen-Museum befindet.
Die Kapelle, die unter der Verwaltung der Greveraden- und Warneböken-Stiftung stand, erhielt 1769 ein neues Schrankenwerk unter Verwendung von Teilen des gotischen Messing-Gitters nach einem Plan des Ratsbaumeisters Johann Adam Soherr. Das übrige Messing wurde an den Ratsgießer Johann Hinrich Armowitz verkauft. Zwei Putten mit Kreuz und Bibel umrahmen das Wappen der Familie Greverade. 1883 wurden die Wände der Kapelle mit Glasplatten ausgelegt; im Jahr darauf erhielt sie eine neue Ausmalung.BuKD III, S. 65f
62px 62px 62px 144px|Mittelteil 62px 62px 62px Der Greveraden-Altar, heute im St. Annen-Museum
von-Wickede-Kapelle Entstanden als Grabkapelle der Lübecker Familie Schoneke zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Der Priester Hermann Schoneke († 1339) stiftete für diese Kapelle 1336 eine Vikarie und wurde auch in ihr begraben. Nach ihm fand auch der Lübecker Bürgermeister Nicolaus Schoneke hier 1362 seine letzte Ruhestätte.BuK, S. 61 ff. Später fiel sie an die Patrizierfamilie von Wickede und war seit dem 17. Jahrhundert Gegenstand mehrfacher Erbauseinandersetzungen innerhalb dieser Familie.BuK, S. 62 Die Kapelle wird heute als Arbeitsraum des Küsters genutzt.
Domdechanten-Kapelle Diese Kapelle wurde um 1300 von der Lübecker Familie Hildemar erbaut. In ihr wurde der Lübecker Bürgermeister Marquard Hildemar († 1300) als erster seiner Familie bestattet. Seit dem 18. Jahrhundert wird sie als Stuhlkapelle der Domdechanten geführt. Mit dem Abbruch der Königstein-Kapelle im Jahr 1878 wurden hier die barocken Sarkophage des dänischen Geheimrates und Lübecker Dompropstes Johann Ludwig von Pincier und seiner Frau aufgestellt.BuK, S. 59 ff.
von-Focke-Kapelle Erbaut von dem Domherrn Johann Bule († 1332).BuK, S. 57 Hier befand sich später auch das Beinhaus des Doms, welches erst mit dem Erwerb der Kapelle durch Benedikt von Ahlefeldt 1710 beseitigt wurde, der das Grabgewölbe einbauen ließ. 1723 ging die Kapelle an den Domherrn Heinrich von Focke (1673–1730) über und erhielt in Zusammenhang mit seinem Tod um 1730 ihre heutige Gestaltung mit dem barocken Portal mit einer lateinischen InschriftInschrift mit Übersetzung bei Adolf Clasen: Verkannte Schätze: Lübecks lateinische Inschriften im Original und auf Deutsch. Lübeck 2003, ISBN 3-7950-0475-6, S. 74 des Lübecker Bildhauers Hieronymus Hassenberg.
von-Königstein-Kapelle (†) Ehemalige Kapelle im westlichena. A. BuK: östlich Joch der Nordervorhalle, möglicherweise gemeinsam mit einem Anbau in der Nordwestecke des Paradieses errichtet, 1712 für den Dompropst Johann Ludwig von Pincier. Baugeschichtlich ist nicht deutlich, welcher der beiden Räume die Königstein-Kapelle war. Sowohl die Abmauerung in der Nordervorhalle wie auch der Anbau wurden vor 1878 abgebrochen. Die barocken Sandsteinsarkophage der Familie von Pincier wurden in die Dechantenkapelle gebracht.
(Ehemalige) Sakristei Östlich des nördlichen Querschiffes, wurde zugunsten des Fürstbischöflichen Mausoleums um die Hälfte verkleinert.BuK, S. 87 ff. Als Ausgleich erhielt die Sakristei einen Vorbau nach Norden in gleicher Ausdehnung mit dem neuen Mausoleum. Dieser Anbau wurde im Zuge der Freilegung der Nordervorhalle vor 1878 zusammen mit dem Anbau nordwestlich der Nordervorhalle wieder entfernt.
Fürstbischöfliches Mausoleum Für die Nachfolger des in der Marientiden-Kapelle bestatteten Fürstbischofs August Friedrich wurde bis 1747 unter der Bauleitung des eutinischen Hofbaumeister Johann Christian Löwen, gen. Lewon, die Neue Fürstbischöfliche Grabkapelle errichtet. Durch Teilung der mittelalterlichen Sakristei in der östlichen Hälfte und Ausbau nach Norden entstand ein zweijochiger Raum. Zum nördlichen Seitenschiff des Doms hin ist er mit einem von Hieronymus Hassenberg geschaffenen Sandsteinportal offen. Das Portal zeigt eine lateinische Portalinschrift von 1741.Inschrift mit Übersetzung bei Adolf Clasen: Verkannte Schätze: Lübecks lateinische Inschriften im Original und auf Deutsch. Lübeck 2003, ISBN 3-7950-0475-6, S. 75 Der dahinterliegende Raum ist überspannt mit einem Tonnengewölbe, dessen Rokoko-Stuckdekor vermutlich vom Eutiner Hofbildhauer Johann Georg Moser stammt. In jedem der beiden Gewölbe befindet sich ein Kreisfeld mit einem Tondo auf Leinwand; das nördliche (rekonstruierte) Bild zeigt einen thronenden Gottvater; das südliche den auferstehenden Christus in einer 1869 stark übermalend aufgebrachten Fassung. Die Kapelle wurde 1985/86 grundlegend restauriert. Informationen bei baufachinformation.de Die älteren Särge schuf der Hofbildhauer Theodor Schlichting (um 1680–1746). In der Kapelle sind beigesetzt: Fürstbischof Christian August († 1726) und seine Frau Albertine Friederike († 1755), die Tochter Markgrafs Friedrich zu Baden-Durlach Fürstbischof Karl († 1727) Fürstbischof Friedrich August, erster regierender Herzog von Oldenburg, († 1785) und seine Frau, Ulrike Friederike Wilhelmine von Hessen-Kassel († 1787) Herzog Peter Friedrich Wilhelm (Oldenburg) († 1823) Prinz Wilhelm Christian († 1719) Prinzessin Luise Katharine Wilhelmine († 1759).
Mul-Kapelle Erbaut von Johannes Mul als St. Marien und Katharinen-Kapelle, benannt nach den Gräbern der Bischöfe Burkhard von Serkem und Johannes Mul, die unter einer gemeinsamen Grabplatte mit lateinischen Inschriften bestattet wurden.Ulrich Knapp: Die Grabplatte der Bischöfe Serkem und Mul im Dom zu Lübeck. In: Klaus Gereon Beuckers, Jochen Hermann Vennebusch, Iris Wenderholm (Hrsg.): „Arte facta“ – Mit Kunstfertigkeit geschaffen. Lübecker Bronzeguss im Spätmittelalter (= Opera borealia. Beiträge zur norddeutschen Kunst des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Band 2). Schnell & Steiner, Regensburg 2025, S. 281–344.Inschrift mit Übersetzung bei Adolf Clasen: Verkannte Schätze: Lübecks lateinische Inschriften im Original und auf Deutsch. Lübeck 2003, ISBN 3-7950-0475-6, S. 78 ff.
Ebenfalls in dieser Kapelle befindet sich das Familiengrab des Domherrn Johannes (Hans) von Brömbsen (* 1716 in Gereby).Friedrich Techen: Die Grabsteine des Doms zu Lübeck. In: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde 7 (1898) Digitalisat, S. 52–107, hier S. 84 Nr. 192 Er wurde am 23. Oktober 1722 Domherr und verstarb am 9. Juli 1764 als Senior des Kapitels.
In der nordwestlichen Ecke abgeteilt die Grablege der Familie Eckermann auf Johannstorf in Mecklenburg. An der Wand sind heute die Messing-Einlagen der Grabplatten von Domdechant Christian August von Eyben und seiner Frau angebracht.
Dechanten-Kapelle Nachträglich zwischen 1464 und 1471 an den Umgangschor angebaut. Gestiftet vom Domdechanten Nikolaus van der Molen in seinem Testament zum Gebrauch seiner Nachfolger unter dem Patrozinium der Heiligen Maria sowie Philippus und Jakobus, Apostel. Grabstein für den Domherrn August Meier († 1676) mit lateinischer Inschrift.Inschrift mit Übersetzung bei Adolf Clasen: Verkannte Schätze: Lübecks lateinische Inschriften im Original und auf Deutsch. Lübeck 2003, ISBN 3-7950-0475-6, S. 184. In der Kapelle sind heute verschiedene Sarkophage und Architekturteile aus zerstörten Kapellen abgestellt.
Marientiden-Kapelle Die Marientiden-Kapelle befindet sich am Ostende des Chors. Zweijochiger Anbau mit 5/8-Schluss in den 1440er Jahren, also zeitgleich mit der Sängerkapelle der Lübecker Marienkirche. Erbaut aus dem Nachlass von Dompropst Berthold Rike und dessen Grablege, ebenso des Bischofs Nikolaus II. Sachau († 1449).
Ab 1687 zur Grablege von Fürstbischof August Friedrich († 1705) und seiner Gemahlin Christina von Sachsen-Weißenfels († 1698) ausgebaut. Das von Thomas Quellinus geschaffene Grabmal ist im Wesentlichen erhalten, das Schrankenwerk und die Wappen nur noch in Resten und in veränderter Aufstellung.Siehe das Bild in Buk, S. 91 Für seine Nachfolger wurde bis 1747 unter der Bauleitung des eutinischen Hofbaumeister Johann Christian Löwen, gen. Lewon die Neue Fürstbischöfliche Grabkapelle errichtet.
Divessen-Kapelle Nach dem Bischof Johannes VIII. Grimholt auch Grymmolt-Kapelle genannt. Wie die Marientiden-Kapelle außen an den Chor gesetzt. Heute Aufstellungsort für die Sarkophage aus der Berkenthin-Kapelle und die Wappenkartusche der Plessen-Kapelle.
von-Thienen-Kapelle