mini|Kalligraphische Darstellung der zwölf Imame mit dem Namen des islamischen Propheten Mohammed in der Mitte mini|Die Dschamkarān-Moschee bei Ghom, eine der heiligen Stätten der Zwölfer-Schia. Hier soll im 10. Jahrhundert der zwölfte Imam erschienen sein. Die Zwölfer-Schia () ist derjenige Zweig innerhalb der Schia, nach dessen Lehre es insgesamt zwölf Imame gibt. Der erste von ihnen ist ʿAlī ibn Abī Tālib, der letzte Muhammad al-Mahdī, der in der Verborgenheit leben und erst am Ende der Zeiten zurückkehren soll. Die Zwölfer-Schiiten bilden mit 80 % Anteil die überwältigende Mehrheit der Schiiten, weshalb man sie häufig auch nur ganz allgemein als die Schiiten bezeichnet. Ihre Gesamtanzahl wird auf 175 Millionen und ihr Anteil an der muslimischen Bevölkerung weltweit auf elf Prozent geschätzt.Momen: Shi'i Islam. 2016, S. 219. In den Ländern Iran, Aserbaidschan, Irak und Bahrain stellen die Zwölfer-Schiiten die Bevölkerungsmehrheit. Daneben leben bedeutende zwölfer-schiitische Minderheiten in Pakistan, Indien, Afghanistan, im Libanon, in Nigeria, Indonesien, Tansania und der Türkei. Kleinere Minderheiten existieren in weiteren Ländern Afrikas, Europas, Amerikas und Asiens.

Die Zwölfer-Schia hat eine eigene Rechtsschule, die nach dem sechsten Imam Dschaʿfar as-Sādiq als dschaʿfaritisch bezeichnet wird. In der Verfassung der Islamischen Republik Iran (Artikel 12) ist der Islam der zwölfer-schiitischen, dschaʿfaritischen Richtung als die niemals veränderbare „offizielle Religion des Staates“ festgeschrieben.Silvia Tellenbach: Untersuchungen zur Verfassung der Islamischen Republik Iran vom 15. November 1979. Schwarz, Berlin, 1985. S. 64. Digitalisat Zwar pilgern Zwölfer-Schiiten wie andere Muslime auch nach Mekka, doch besitzen sie mit den sogenannten „Heiligen Schwellen“ (ʿAtabāt muqaddasa) im Irak und im Iran eigene heilige Orte, die Ziele von Ziyāra-Wallfahrten sind. Charakteristisch für das religiöse Leben der Zwölfer-Schiiten sind die vielfältigen Trauerzeremonien im Gedenken an die Imame und andere Angehörigen der Familie des Propheten Mohammed. Sie finden ihren Höhepunkt am 10. Muharram, dem sogenannten Aschura-Tag, an dem man des Märtyrertodes von Imam al-Husain ibn ʿAlī und seiner Verwandten in der Schlacht von Kerbela gedenkt. Eine Besonderheit des dschaʿfaritischen Rechts ist die zeitlich befristete Mutʿa-Ehe. Einfache Gläubige, die keine Befähigung zum Idschtihād haben, haben nach der herrschenden zwölfer-schiitischen Lehre die Pflicht, sich einen Gelehrten zu suchen und ihm in Form von Taqlīd („Nachahmung, Bevollmächigung“) zu folgen. Dieser Mudschtahid fungiert dann für sie als Mardschaʿ at-taqlīd („Instanz der Bevollmächtigung bzw. Nachahmung“). Die Ausbildung des zwölfer-schiitischen Klerus erfolgt an speziellen religiösen Hochschulen, die Hauza genannt werden.

Andere Bezeichnungen Die Bezeichnung „Zwölfer“ (Iṯnā ʿAšarīya) für diejenigen Schiiten, die an die Entrückung und Wiederkehr des zwölften Imams glauben, hat sich erst Ende des 10. Jahrhunderts verbreitet. Die Zwölfer-Schiiten werden auch als Imamiten bezeichnet. Allerdings fallen die beiden Begriffe bedeutungsmäßig nicht völlig zusammen, denn im Mittelalter gab es neben der Zwölfer-Schia noch verschiedene andere imamitische Gruppierungen, die die Anzahl der Imame nicht auf zwölf beschränkten.Fığlalı: „İsnâaşeriyye“ in Türkiye Diyanet Vakfı İslâm ansiklopedisi. 2001, Bd. XXIII, S. 143a. Autoren sunnitischer und zaiditischer Ausrichtung bezeichneten diese Richtung der Schia bis zum frühen 13. Jahrhundert auch als Qatʿīya. Der Name wird damit erklärt, dass die Zwölfer-Schiiten im Gegensatz zu anderen Schiiten mit Bestimmtheit (qaṭʿan) annahmen, dass der siebte Imam Mūsā al-Kāzim gestorben sei und seinen Sohn ʿAlī ibn Mūsā ar-Ridā als Nachfolger designiert habe.Jarrar: “Al-Manṣūr Bi-Llāh’s Controversy with Twelver Šīʿites.” 2012, S. 326. Eine weitere, abwertende Bezeichnung, die für die Zwölfer-Schiiten verwendet wird, ist Rāfida.

Verteilung und Anhängerzahlen mini|440px|Übersicht über die geographische Verteilung der verschiedenen islamischen Richtungen. Die zwölfer-schiitischen Gebiete sind in Orange getönt („JAFARI“). Die folgende Tabelle, die sich auf Schätzungen von Moojan MomenMomen: Shi'i Islam. 2016, S. 218. für das Jahr 2014 stützt, gibt einen Überblick über Gesamtzahl und Anteil der Zwölfer-Schiiten an der Bevölkerung verschiedener Länder sowie ihre wichtigsten Siedlungsgebiete. Berücksichtigt sind nur Länder mit mehr als 500.000 Anhängern. Land Gesamtzahl in Mio. Anteil in Prozent Wichtigste Siedlungsgebiete Iran 69 90 Pakistan 28 15 Karatschi, Lahore, Gilgit-Baltistan Indien 25 2 Uttar Pradesh, Bihar, Westbengalen, Andhra Pradesh, Kaschmir Irak 21 63 Ländliche Regionen der Südprovinzen Kerbela, Hilla, Diwaniyya, Wasit, Maisan sowie Sadr City Aserbaidschan 7,5 80 Afghanistan 4 12 Siedlungsgebiete der Hazara Türkei 3 4 Provinzen Kars, IğdırVgl. Fığlalı: „İsnâaşeriyye“ in Türkiye Diyanet Vakfı İslâm ansiklopedisi. 2001, Bd. XXIII, S. 146c. Er setzt die Anzahl der Zwölfer-Schiiten mit 1 Mio. und ihren Anteil mit 0,15 % erheblich niedriger an. Saudi-Arabien 2 7 Provinz asch-Scharqiyya, insbesondere al-Qatīf Libanon 2 40 Dschabal ʿĀmil, nördliche Bekaa-Ebene Nigeria 2 1 Indonesien 2 < 1 Tansania 1 2 Arusha, Dar-es-Salam, Sansibar, Bukoba, LindiRizvi/King: The Khoja Shia Ithna-asheriya Community. 1974, 194, 203. Ägypten 0,8 1 Vereinigte Arabische Emirate 0,6 7 Bahrain 0,6 45 Kuwait 0,5 30 Failaka

Glaubenslehre Die zwölf Imame und die 14 Unfehlbaren Die zwölf Imame der Zwölfer-Schia 1. ʿAlī ibn Abī Tālib (gestorben 661) 2. al-Hasan ibn ʿAlī (gestorben 670) 3. al-Husain ibn ʿAlī (gestorben 680) 4. ʿAlī ibn Husain Zain al-ʿĀbidīn (gestorben 713) 5. Muhammad al-Bāqir (gestorben 732 od. 736) 6. Dschaʿfar as-Sādiq (gestorben 765) 7. Mūsā al-Kāzim (gestorben 799) 8. ʿAlī ibn Mūsā ar-Ridā (gestorben 818) 9. Muhammad al-Dschawād (gestorben 835) 10. ʿAlī al-Hādī (gestorben 868) 11. Hasan al-ʿAskarī (gestorben 874) 12. Muhammad al-Mahdī (entrückt) Kerngedanke der zwölfer-schiitischen Lehre ist der Glaube an die zwölf Imame: Sie gelten als unfehlbar und sollen jeweils durch Designation (naṣṣ) ihres Vorgängers festgelegt worden sein.Nasr: „Ithnā ʿAshariyya“ in Encyclopaedia of Islam Bd. IV, S. 278b. Der erste Imam ʿAlī ibn Abī Tālib ist nach zwölfer-schiitischem Glauben direkt von seinem Schwiegervater Mohammed eingesetzt worden, und zwar im Frühjahr 632 nach der Rückkehr von der Abschiedswallfahrt am Ghadīr Chumm. Die Zwölfer-Schiiten gedenken dieses Ereignisses mit dem Ghadīr-Fest am 18. Dhū l-Hiddscha. Nach zwölfer-schiitischer Lehre hat ʿAlīs Imamat nicht erst 656 begonnen, als er zum Kalifen erhoben wurde, sondern ohne Unterbrechung (bilā fāṣila) unmittelbar im Anschluss an den Tod Mohammeds. Das Bekenntnis zu dieser Lehre gilt als religiöse Pflicht (farḍ min ad-dīn).Eliash: “The Ithnā'asharī-Shī'ī Juristic Theory of Political and Legal Authority”. 1969, S. 17f.

Der schiitische Gläubige hat gegenüber den Imamen die Pflicht zu Walāya und Barā'a, d. h. er soll die Imame und all diejenigen, die ihnen die Treue halten, unterstützen und sich umgekehrt von denjenigen lossagen, die sie hassen.Sachedina: Art. „Ithnā ʿAsharīyah“. 2009, Bd. III, S. 217b. Als Gemeinschaft, die ihren Imamen die Treue hält, sehen sich die Zwölfer-Schiiten in der Nachfolge des auserwählten Volkes der Israeliten, das seinen Propheten gegenüber ebenfalls Walāya übte.Meir Michael Bar-Asher: La place du judaïsme et des juifs dans le shï'isme duodécimain in Mohammad Ali Amir-Moezzi (Hrsg.): Islam: identité et altérité; hommage à Guy Monnot, Brepols, Turnhout, 2013, S. 57–82. Hier S. 74. Wenn die Bekundung des eigenen Glaubens für den Gläubigen eine Gefahr darstellt, ist er nach der klassischen zwölfer-schiitischen Lehre zur Verheimlichung in Form der Taqīya befugt.Nasr: „Ithnā ʿAshariyya“ in Encyclopaedia of Islam Bd. IV, S. 278a. Die Zwölfer-Schia hat zahlreiche Überlieferungen zur Taqīya aus der früheren imamitischen Tradition übernommen. Heutige Zwölfer-Schiiten messen diesem Prinzip allerdings zum großen Teil keine besondere Bedeutung mehr zu.Siehe Lynda Clarke: The Rise and Decline of Taqiyya in Twelver Shiʿism. in Todd Lawson (Hrsg.): Reason and Inspiration in Islam: Theology, Philosophy and Mysticism in Muslim Thought. I. B. Tauris, London 2005, S. 46–63. Hier S. 47, 55.

Wie die Propheten sollen die Imame am Jüngsten Tag für die schiitischen Gläubigen Fürsprache (šafāʿa) einlegen können, so dass diese von jenseitiger Strafe verschont bleiben.Sabine Schmidtke: Theologie, Philosophie und Mystik im zwölferschiitischen Islam des 9./15. Jahrhunderts: Die Gedankenwelten des Ibn Abī Ǧumhūr al-Aḥsa'ī (um 838–1434/35 – nach 906–1501). Brill, Leiden 2000. S. 262. Die Imame gelten nach zwölfer-schiitischer Lehre außerdem als Muhaddathūn, d. h. als Menschen, die durch Engel „angesprochen“ werden, die ihnen durch Inspiration göttliches Wissen vermitteln.Etan Kohlberg: The Term muḥaddath in Twelver Shīʿism in Studia Orientalia memoriae D. H. Baneth dedicata. Jerusalem 1979. S. 39–47. – Wiederabdruck in Etan Kohlberg: Belief and law in Imāmī Shīʿism. Variorum, Aldershot, 1991. Kapitel 5. Umgekehrt präsentieren sich bis heute einige zwölfer-schiitische Gelehrte als Gesprächspartner der Imame, die ihnen durch Träume und Visionen Charisma übertragen haben.Rainer Brunner: Le charisme des songeurs. Ḥusayn al-Nūrī al-Ṭabrisī et la fonction des rêves dans le shi‘isme duodécimain in Mohammad-Ali Amir-Moezzi, Meir M. Bar-Asher, Simon Hopkins, éds.: Le shī‘isme imāmite quarante ans après. Hommage à Etan Kohlberg. Brepols, Turnhout 2009, S. 95–115. Online Hier S. 109. Visionen und Träume von den Imamen spielen bis heute eine wichtige Rolle in der zwölfer-schiitischen Mystik.Vgl. M. Ali Amir-Moezzi: Visions d’imams en mystique duodécimaine moderne et contemporaine in E. Chaumont et al. (Hrsg.): Autour du regard. Mélanges Gimaret. Peeters, Louvain, 2003, S. 97–124. – Neuabdruck in M. Ali Amir-Moezzi: La religion discrète. Croyances et pratiques spirituelles dans l’Islam shiʿite. Paris 2006, S. 253–276. Amir-Moezzi: Visions d’imams en mystique duodécimaine moderne. 2003.

Nach zwölfer-schiitischer Lehre stand die Anzahl der zwölf Imame schon lange vor Entrückung des zwölften Imams fest. Dies wird unter anderem damit begründet, dass sie schon im Kitāb Sulaim ibn Qais erwähnt werden, das ʿAlīs Anhänger Sulaim zusammengestellt haben soll.Kohlberg: From Imāmiyya to Ithnā-ʿAshariyya. 1976, S. 532. Zusammen mit Mohammed und seiner Tochter Fatima bilden die zwölf Imame die Vierzehn Unfehlbaren, die in vielen Überlieferungen als reine und sündlose Lichtgestalten dargestellt werden. Die Zwölfer-Schiiten beziehen sich dabei auf Sure 33:33: „Gott möchte ja die Unreinheit von euch nehmen, ihr ‚Leute des Hauses‘ (ahl al-bait), und euch ganz und gar reinigen“. Die Sonderstellung der Vierzehn Unfehlbaren wird auch mit dem Ereignis der Mubāhala begründet, bei dem Mohammed seine Tochter Fātima, ihren Ehemann ʿAlī ibn Abī Tālib und deren beiden Söhne Hasan und Husain unter seinen Mantel nahm. Diese fünf Personen werden in der Schia auch als die Ahl al-kisā' („Leute des Mantels“) bezeichnet.

Der zwölfte Imam: kleine und große Verborgenheit Ein zentraler Glaubensinhalt der Zwölfer-Schia ist die Lehre von der Ghaiba, d. h. der Verborgenheit des zwölften Imams. Er ist nach Ansicht der Zwölfer-Schiiten nicht gestorben, sondern wurde bereits als Kind von Gott entrückt und lebt seitdem in der Verborgenheit. Die Zwölfer-Schiiten glauben, dass der zwölfte Imam dereinst als Mahdi wiederkehren wird, um die Mission des Propheten zu vollenden und ein Reich der Gerechtigkeit auf Erden zu errichten. Daher rührt auch sein Name Muhammad al-Mahdī. Das Verschwinden des Mahdis und seine Verborgenheit werden in den schiitischen Traditionen als eine harte Prüfung (imtiḥān) für die schiitischen Gläubigen dargestellt.Turner: Still waiting for the Imam? 1993–1995, S. 31–33.