Die performative Religionsdidaktik stellt einen Zweig der Religionspädagogik dar. Sie soll Religion erlebbar und erfahrbar machen, zum religiösen Handeln ermutigen, aber niemals missionarisch wirken. Kreiert wurde der Begriff von Rudolf Englert, der ihn als bündelnden Suchbegriff für neuere Entwicklungen in der Religionspädagogik formuliert hat.vgl. Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, ISBN 978-3-466-36811-2, S. 13. Um die theoretische Fundierung des Performativen bemühen sich vor allem evangelische Religionspädagogen, besonders Bernhard Dressler, Thomas Klie und Silke Leonhard. Als Quelle, aus denen sich der Inszenierungsgedanke speist, geben sie die Zeichendidaktik, die post-strukturalistische („profane“) Religionspädagogik und die Gestaltpädagogik an.Klie/Leonhard 2003, ISBN 3-374-02093-3, S. 17–20.
Geschichte des Religionsunterrichts In der Geschichte des Religionsunterrichts lässt sich feststellen, dass es sich nicht immer um die Beziehung von Gott und Mensch gehandelt hat, sondern oftmals die Kontrolle von Gebetsriten, dem Auswendiglernen des Katechismus, der Zehn Gebote etc. im Vordergrund stand. Dies führte nun folglich zu „Religionsverlust“ und „Gottesvergiftung“.Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 21. Der aus Passau stammende Unternehmer Edgar Forster schreibt in seiner Autobiographie auch über den Unterricht, wie er ihn in den 1950er-Jahren erlebt hat:
Dieses Eindringen in die Privatsphäre der Schüler wurde nun im Prozess der Moderne immer deutlicher als eine unangemessene Grenzüberschreitung empfunden, der entgegengewirkt werden musste.Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 23. Mit der Würzburger Synode im Jahre 1974, stellte der veröffentlichte Beschluss auf katholischer Seite das „Dokument einer Wende“ dar, wie es der Religionspädagoge Wolfgang Nastainczyk (Nastainczyk 1984) einmal bezeichnete. Der Beschluss sah eine Veränderung des Religionsunterrichts vor, indem vom missionarischen Konzept Abstand gewonnen wurde und durch das diakonische Konzept religiöses Lernen Einzug in die Schule erhalten konnte. Die Deutsche Bischofskonferenz antwortete auf den Synodenbeschluss, arbeitete diesen so aus, damit er für die Schulen ein Leitfaden zum katholischen Religionsunterricht darstellte und veröffentlichte ebendiesen unter Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen. Das Kapitel, das nun auf den Teil der Performanz zugeht, wird folgend verfasst: „Der Religionsunterricht macht mit Formen gelebten Glaubens vertraut und ermöglicht Erfahrungen mit Glaube und Kirche“. In diesem Kapitel heißt es unter anderem: Der Religionsunterricht, das Handeln der Kirche in der Schule, versteht sich nunmehr auf allen Feldern als selbstloser Beitrag für die Identitätsentwicklung junger Menschen und für die Humanisierung des Schullebens.Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 24.
Theorie der performativen Religionsdidaktik
„Performativ“ – Wortbedeutung Performative Religionsdidaktik ist stark geprägt von der grundsätzlichen Wortbedeutung des Begriffes „performativ“. Laut Duden bedeutet dieser: „eine mit einer sprachlichen Äußerung beschriebene Handlung zugleich vollziehend (z. B. ich gratuliere dir)“.https://www.duden.de/rechtschreibung/performativ Auf gottesdienstliches Handeln bezogen sind Beispiele hier das Taufen (ich taufe dich) oder das Segnen (ich segne dich/euch). In der Religionsdidaktik bedeutet dies, dass den Lernenden der Glaube zum einen durch Meta-Gespräche über den Glauben, zum anderen durch aktives „Aufführen“/Erproben nahegebracht werden soll. Der Unterricht bewegt sich dabei zwischen Profanierung und Missionierung und ist vorrangig auf „das Verstehen des Bekenntnisses“, nicht auf Bekennen gerichtet.
Aktuelle Herausforderungen des Religionsunterrichts
Vor diesem Hintergrund steht auch der zeitgenössische Religionsunterricht. Die meisten Kinder haben keinen Bezug mehr zur konfessionellen Religion. Religion wird nicht mehr, so wie in früheren Generationen, durch Familie und Kirche vermittelt und so bleibt Religion für die meisten Kinder ein fremder, und damit einhergehend ein unverständlicher Gegenstand. Ein Großteil der Kinder lernt Religion daher mehrheitlich in der Schule kennen.Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 19. Die Schwierigkeit, die sich daraus für den Religionsunterricht ergibt ist, dass die Kinder ohne religiöse Vorerfahrungen gar nicht verstehen können, worum es in der Religion geht, wenn sie bloß auf intellektueller Ebene vermittelt wird. Damit der Religionsunterricht nicht unverständlich und damit für die Kinder inhaltsleer bleibt, soll er im Sinne der performativen Religionsdidaktik auf eine Ebene angehoben werden, die ein Gleichgewicht ²zwischen Erleben und Nachdenken, zwischen Inszenieren und Reflektieren²Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 15. einhält. Hans Mendl ist der Ansicht, dass ein Religionsunterricht, der performative, d. h. handlungsorientierte Elemente im Unterricht vernachlässigt, nicht zukunftsfähig sei, „weil es ihm nicht mehr gelingt, den Gegenstand adäquat didaktisch ins Spiel zu bringen“.Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 15. Da die Entkirchlichung unserer Gesellschaft zügig voranschreitet und eine Kluft zwischen objektiver (konfessioneller) und subjektiver Religion entsteht und „der Religionsunterricht in der Schule der wichtigste Ort der Begegnung mit dem christlichen Glauben“Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2006: Kirchliche Richtlinien zu Bildungsstandards, S. 13f. darstellt, brauche es, besonders wegen der individuellen Bedürfnisse nach Religion, wie die Shell-Studie 2006 auch belegt, einen religionspädagogischen Ansatz, der die Tradition der christlichen Religion bewahrt, religiöse Kompetenz der Schüler durch aktive Teilhabe an Religion fördert und somit „gerade die subjektive Religion vor Geschichtslosigkeit, Gedankenlosigkeit und sozialer Folgelosigkeit“Englert, Rudolf: Der Religionsunterricht nach der Emigration des Glauben-Lernens. Tradition, Konfession und Institution in einem lebensweltlich orientierten Religionsunterricht, in: Katechetische Blätter 123, S. 4–12. bewahrt.
Die Suche nach einem tauglichen Konzept Durch die Probleme des zeitgenössischen Religionsunterrichts sind viele Theorien entstanden, die diese zu lösen versuchen. Ernst zu nehmende Theorien wollen alle von der alten Gleichsetzung von Katechese und Religionsunterricht wegkommen und zu einem Paradigmenwechsel gelangen. Es soll von einem missionarischen, in der die Kirche und Schule in einem direkten wechselseitigen Prozess zusammenarbeiteten, zu einem diakonischen Konzept wechseln, in der die Kirche einerseits einen Beitrag zur Identitätsfindung junger Menschen leistet und andererseits den Beitrag zur Humanisierung der Schule fördert.Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 24. Der Religionsunterricht soll also nicht mehr „in der existenziellen Glaubenseinführung, nicht in der konfessionellen Sozialisation oder in der Hinführung zur Pfarrgemeinde“ bestehen, sondern „zu verantwortlichem Denken und Verhalten im Hinblick auf Religion und Glaube befähigen“.Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 25 Der Ansatz der performativen Religionsdidaktik versucht, genau dies umzusetzen, und zwar im Hinblick darauf, dass die rein kognitive Vermittlung von Religion im Sinne einer Religionskunde nicht ausreicht, um Religion angemessen in der Schule zu unterrichten. Der Religionsunterricht soll seit der Würzburger Synode auf die „intellektuelle Vertiefung alltäglich gelebten Glaubens“Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 26 hinzielen. Zur Zeit der Synode schien dieses Vorhaben auch noch sinnvoll, weil man von den Kindern eine gewisse religiöse Sozialisation von zu Hause erwarten konnte. Heute jedoch kann man von diesen Vorerfahrungen nicht mehr ausgehen und somit versagt ein reflexives Modell, das den gelebten Glauben in der Schule aufarbeiten will. Um Kindern und Jugendlichen ohne religiöse Vorerfahrungen zu religiöser Kompetenz zu verhelfen, benötigt es ein Modell, das tieferes Verständnis des eigenen und fremden Handelns, also Deutungskompetenz fördert und gleichzeitig erweiterte Erfahrung und Wissen von der eigenen Religion ermöglicht.Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 28 Religion als Schulfach soll den Schülern Deutungs- und Partizipationskompetenz beibringen, d. h. dass den Schülern Religion nicht bloß als intellektuelle Religion im Sinne eines Religionskundeunterrichts angeboten werden soll, weil dem konfessionellen Religionsunterricht dann ein wichtiges Element fehlen würde, nämlich das Wissen darüber, wie der theoretische Glaube in der Praxis zu verstehen ist. Ohne den praktischen Bezug zur Religion können Schüler nicht kompetent in religiöser Hinsicht werden. Um aber der Falle des missionarischen Charakters von Religionsunterricht zu entgehen, ist ein Modell vorzuziehen, das Kinder religiös kompetent macht, aber auf eine Missionierung im Sinne einer Einübung in den Glauben verzichtet.Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 30. Deshalb artikuliert Mendl sein Verständnis von religiöser Kompetenz wie folgt:„Lernende werden 'in Sachen Religion' kompetent, wenn sie in Auseinandersetzung mit den religiösen Konstruktionen anderer und unterstützt durch das Deutungs- und Praxisangebot christlicher Tradition ein selbständiges und von der Vernunft verantwortbares Urteil in Fragen der Religion sowie je eigene Spuren entwickeln(Deutungs- und Partizipationskompetenz).“Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht. Der Religionsunterricht soll also, dies gilt übrigens seit der Würzburger Synode, eine Korrelation zwischen Leben und Glauben darstellen, d. h. das „Leben und Glauben in einen Dialog“Mendl, Hans: Religion erleben. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, S. 31. treten sollen. Damit aber Leben und Glauben in einen Dialog kommen können, sind Erfahrungen mit dem Glauben unabdingbar. Deshalb benötigt der Religionsunterricht einen Erfahrungsbezug. Da die Schüler diesen aber oft nicht mitbringen, sollen performative Elemente in den Religionsunterricht einfließen, da religiöses Lernen „auch in posttraditionalen und säkularen Zeiten kaum ohne eine vorreflexive Reflexionsgrundlage“Porzelt, Burkard: Neuerscheinungen und Entwicklungen in der deutschen Religionspädagogik, in: Religionsunterricht an höheren Schulen 47, S. 67 auskommt.
Begründungsmomente