Sozialpharmazie setzt sich damit auseinander, wie Patienten, Verbraucher, Ärzte, Apotheker, andere Heilberufe, Politiker, Organisationen und Verbände sowie die Gesellschaft als Ganzes mit Arzneimitteln umgehen, welche wechselseitigen Beziehungen sie untereinander eingehen und wie sich dies in soziale, kulturelle und ökonomische Zusammenhänge einordnen lässt.

Sozialpharmazie ist nicht zuletzt als Folge der Ereignisse um das Thalidomid (Contergan®) ab etwa 1965 in einigen Ländern – vor allem in den angelsächsischen Ländern sowie in Nord- und Westeuropa – ein Lehr- und Forschungsfach der universitären Pharmazie. Dort wird Sozialpharmazie meist als Social Pharmacy, als Social and Administrative Pharmacy oder als Pharmaceutical Practice bezeichnet. In Deutschland, Österreich und in der Schweiz wie auch in einigen anderen europäischen Ländern gilt dies jedoch nicht.

Das Bundesland Nordrhein-Westfalen hat in seinem Gesetz über den Öffentlichen Gesundheitsdienst (hier § 16über die Errichtung des Landesamtes für Gesundheit und Arbeitsschutz Nordrhein-Westfalen sowie zur Novellierung landesrechtlicher Vorschriften über den öffentlichen Gesundheitsdienst und den Arbeitsschutz, hier § 16, Sozialpharmazie) definiert, was dort unter Sozialpharmazie für die örtliche Arzneimittelüberwachung und das Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz Nordrhein-Westfalen verstanden wird. In den Weiterbildungsordnungen der Apothekerkammern der Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, sowie seit 2011 auch in BremenBremen: Verordnung über die Weiterbildung von Apothekerinnen und Apothekern in dem Gebiet „Öffentliches Gesundheitswesen“- (Apotheker-Weiterbildungsverordnung), wird Sozialpharmazie ebenfalls angesprochen.

Im Jahre 1990 wurde in der DDR das seit Mitte der 1970er-Jahre existierende Fach „Organisation und Ökonomie des Arzneimittelwesens“ dem internationalen Trend folgend in „Sozialpharmazie“ umbenannt. Bis zum Jahr 2000 wurde das Fach innerhalb der Pharmaziegeschichte in Greifswald mitvertreten. An der Humboldt-Universität Berlin war Sozialpharmazie bis Oktober 2002 durch eine außerplanmäßige Professur vertreten.Rudolf Schmitz: Geschichte der Pharmazie. Band II. Von der Frühen Neuzeit bis zu Gegenwart. Von Christoph Friedrich und Wolf-Dieter Müller-Jahncke. Govi. Eschborn 2005, hier S. 696 f. Viele der Inhalte des Faches wurden ab dem Jahr 2000 vom Studiengang Consumer Health Carehttps://master-consumerhealthcare.charite.de/ aufgegriffen, der von der ehemaligen Vertreterin des Faches Sozialpharmazie an der Humboldt-Universität, Marion Schaefer, geleitet wird.

Sozialpharmazie ist nicht als Universitätsfach in die gesamtdeutsche pharmazeutische Approbationsordnung integriert. Lediglich die Pharmakoepidemiologie wird an einigen Universitäten im Rahmen der Klinischen Pharmazie in Ansätzen in der Ausbildung berücksichtigt.

Das Fach Sozialpharmazie als neues Ausbildungsfach für Apotheker ist in der EU-Richtlinie 2024/782 vorgesehen (hier Präambel Ziffer 12). Der Bundesverband der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) unterstützt dieses Anliegen mit einem Positionspapier Bundesverband der Pharmaziestudierenden (BPhD) (2026): Positionspapier Sozialpharmazie: https://www.bphd.de/wp-content/uploads/2026/07/PosPap_Sozialpharmazie_20260528.pdf. Auch der Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP) setzt sich für die Aufnahme der Sozialpharmazie in die Approbationsordnung ein https://www.vdpp.de/app/download/5818274527/22-05-00+Sozialpharmazie+in+AAppO+Positionspapier%29.pdf.

Die Inhalte der Richtlinie hätten eigentlich bis 4. März 2026 in der Bundesrepublik umgesetzt sein müssen Penzel M (2026): Approbationsordnung ab 4. März veraltet. In: Deutsche Apotheker Zeitung 9, S. 93–94. Dies ist allerdings noch nicht geschehen.

Tätigkeitsgebiete in der Wissenschaft

Sozialpharmazie ist international ein breit aufgestelltes Fach. Schwerpunktmäßig wird untersucht, wie die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln verbessert werden kann (Versorgungsforschung). Je nach landes- oder bevölkerungstypischer Problemlage steht dabei im Mittelpunkt, Arzneimittelanwendungsprobleme zu lösen (ArzneimitteltherapiesicherheitSchulte FC, Seidling HM, Thürmann PA, Vogt B (Hg.) (2026): Arzneimitteltherapiesicherheit. Evidenzbasiert, versorgungsnah, patientenzentriert. Berlin: Springer ), den Zugang der Menschen zu Arzneimitteln zu verbessern, die Arzneimittelsicherheit zu verbessern (Pharmakovigilanz) oder Über- und Fehlversorgung zu reduzieren. Neben Fragen der Arzneimittel- oder Pharmakoepidemiologie und Pharmakoökonomie werden dabei auch Probleme der sozialen Gerechtigkeit bearbeitet. In dieser Verknüpfung lassen sich auch pharmazeutische Rechtsfragen sowie sozialrechtliche Fragen der Sozialpharmazie zuordnen.

Für Apotheker gehören die Pharmazeutische Betreuung und die Verbesserung der Compliance oder Adhärenz zu den Kernthemen der Sozialpharmazie. Dabei fließen Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaft mit ein. Gleichermaßen wichtig ist – vor allem für Deutschland – die angestrebte Verbesserung der interprofessionellen Zusammenarbeit, insbesondere mit Ärzten und PflegefachpersonenDiesem Thema widmet sich der berufsbegleitende Masterstudiengang Arzneimitteltherapiesicherheit an der Universität Bonn https://www.uni-bonn.de/de/studium/studienangebot/studiengaenge-a-z/arzneimitteltherapiesicherheit-wm.

Soziologische Fragen zur Stellung des Apothekers sowie der Institution Apotheke im Gesundheitssystem und in der Gesellschaft gehören im Rahmen der Professionsforschung zum sozialpharmazeutischen Aufgabenkreis. Des Weiteren gibt es Forschungsprojekte über alternative Einsatzmöglichkeiten von Pharmazeuten im Gesundheitssystem, wie zum Beispiel StationsapothekerNiedersächsisches Krankenhausgesetz (NKHG), hier § 19, Stationsapothekerin oder Stationsapotheker oder das Modell der Praxisapotheker in England.S Nabhani-Gebara, S Fletcher, A Shamim, L May, N Butt, S Chagger, T Mason, K Patel, F Royle, S Reeves: General practice pharmacists in England: Integration, mediation and professional dynamics. In: Research in Social and Administrative Pharmacy 16 (2020), 17-24.F Bradley, E Seston, C Mannall, C Cutts: Evolution of the general practice pharmacist’s role in England: a longitudinal study. In: British Journal of General Practice 675 (2018), e727-e734.ECK Tan, K Stewart, RA Elliott, J George: Pharmacist services provided in general practice clinics: A systematic review and meta-analysis. In: Research in Social and Administrative Pharmacy 10 (2014), 608-622.

In einigen Ländern wird darüber geforscht und gelehrt, wie die Pharmaziestudierenden und das übrige pharmazeutische Personal optimal ausgebildet werden können. Dabei werden Erkenntnisse der Didaktik, Pädagogik und der Psychologie berücksichtigt. Vereinzelt werden in der Sozialpharmazie Themen aus der Wissenschaftstheorie behandelt, z. B. welche Erkenntnisse über die Sicherheit von Arzneimitteln mit welchen wissenschaftlichen Methoden am besten gewonnen werden können und von welchen philosophischen bzw. erkenntnistheoretischen Prämissen einzelne Ansätze ausgehen.

Sozialpharmazie im Öffentlichen Gesundheitsdienst

Viele berufliche Tätigkeiten von Apothekern im Öffentlichen Gesundheitsdienst lassen sich dem sozialpharmazeutischen Aufgabenkreis zuordnen. Sie sind in den Ministerien, den Parlamenten, in der Überwachung, in Berufsschulen (z. B. für Pharmazeutisch Technische Assistenten), aber auch im weiteren Umfeld in Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen, Medizinischen Diensten der Krankenversicherung oder in den Apothekerkammern und -verbänden im sozialpharmazeutischen Aufgabengebiet aktiv.

In Nordrhein-Westfalen haben die Apotheker der örtlichen Arzneimittelüberwachung (Amtsapotheker) in den Gesundheitsämtern Sozialpharmazie als gesetzlich fundierte Pflichtaufgabe zu erfüllenUdo Puteanus: Sozialpharmazie im Öffentlichen Gesundheitsdienst Nordrhein Westfalen. In: https://doi.org/10.61163/sozpharm_v1. Sie werden dabei durch das Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz Nordrhein-Westfalen (LfGA.NRW), ehemals Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen (LZG.NRW), sowie durch die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf (AÖGW) unterstützt.

Einordnung

Sozialpharmazie ist Teil des nicht naturwissenschaftlich fundierten Forschungs- und Lehrbereichs der Pharmazie. Neben Sozialpharmazie gehört dazu auch Pharmazeutische Praxis, ein Begriff, der in manchen Ländern gleichbedeutend mit Sozialpharmazie genutzt wird. Außerdem lassen sich Pharmaziegeschichte sowie die Fächer Drug Regulatory Affairs (hauptsächlich an der Universität Bonn) und Consumer Health Care (an der Berliner Charité) diesem Bereich zuordnen.

Begriffsabgrenzung Sozialpharmazie lässt sich nicht eindeutig von dem ebenfalls gelegentlich genutzten Begriff der Sozialpharmakologie abgrenzen. Allerdings wird von sozialpharmakologischen Fragestellungen in erster Linie dann gesprochen, wenn es um das ärztliche Arzneimittel-Verordnungsverhalten geht und Antworten gesucht werden, welche Einflussfaktoren auf die Verordnungsentscheidungen einwirken.Romuald K. Schicke: Sozialpharmakologie. Eine Einführung. Kohlhammer. Stuttgart u. a. 1976. Außerdem: Abteilung Allgemeinmedizin, Universität Göttingen Sozialpharmazie betrachtet demgegenüber wissenschaftliche Fragestellungen eher vom Standpunkt der Pharmazie aus und ist insgesamt breiter aufgestellt.

In vielen Ländern, vor allem dort, wo Sozialpharmazie als Forschungs- und Lehrfach innerhalb der universitären Pharmazie nicht existiert, werden einzelne sozialpharmazeutische Fragen vom Fach Klinische Pharmazie behandelt. Dies gilt vor allem für den Bereich Pharmazeutische Betreuung (Pharmaceutical Care).

Wissenschaftliche Fachgesellschaft

In den deutschsprachigen Ländern existiert keine eigene wissenschaftliche Fachgesellschaft für Sozialpharmazie.

In Deutschland findet sich eine Anbindung an wissenschaftliche Organisationen in erster Linie über die Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie (GAA), die Fachgruppe Allgemeinpharmazie der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG), über den Verein Consumer Health Carehttps://master-consumerhealthcare.charite.de/, die Deutsche Gesellschaft für Klinische Pharmazie (DGKPha)https://dgkpha.de/ und über die Arbeitsgruppe Arzneimittel und Sozialpharmazie der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP).

International existiert ein lockerer Verbund über den International Social Pharmacy Workshop.

Internationales

Eine Übersicht über alle sozialpharmazeutischen Einrichtungen an Universitäten existiert nicht.

Die einzelnen wissenschaftlichen Teams, die auf diesem und den angrenzenden Gebieten arbeiten, treffen sich auf einem alle zwei Jahre stattfindenden internationalen Workshop. Im Jahr 2010 fand dieses Treffen als 16th International Social Pharmacy Workshop vom 23. bis 26. August in Lissabon statt. Die Zeitschrift Pharmacy Practice veröffentlichte das Programm und die Abstracts dieses Kongresses auf seiner Homepage. Der 17. Workshop fand am 23. bis 26. Juli 2012 in Thailand und der 18. Workshop am 5. bis 8. August 2014 in Boston/Massachusetts statt18. Internationalen Sozialpharmazie-Workshop. Im Jahr 2020 sollte das Treffen in Sydney (Australien) stattfinden. Dieses wurde allerdings aufgrund der COVID-19-Pandemie verschoben und im Jahr 2022 nachgeholtSchommer J (2024): A Brief History of ISPW. Online unter: https://sites.google.com/ualberta.ca/ispw2024/home/a-brief-history-of-ispw. Im Jahr 2026 lud die Universität Cork in Irland zum International Social Pharmacy Workshop einhttps://sites.google.com/view/ispw2026/home.