Die biologisch-dynamische Landwirtschaft oder Biodynamische Landwirtschaft ist eine Feldwirtschaft, Viehwirtschaft, Saatgutproduktion und Landschaftspflege umfassende Wirtschaftsweise, die auf esoterischen Ideen Rudolf Steiners beruht, die er 1924 in einer Vortragsreihe präsentierte. Eine Besonderheit ist der Einsatz sogenannter „biodynamischer Präparate“ zur Boden- und Pflanzenbehandlung. Anthroposophisch arbeitende Landwirte gründeten 1927 in Deutschland die Verwertungsgesellschaft Demeter, heute ein Anbauverband. mini|Demeter Verbandslogo
Geschichte der biologisch-dynamischen Landwirtschaft Die biologisch-dynamische Landwirtschaft geht auf Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie, zurück. Sie versteht sich als ein Teil der anthroposophischen Bewegung. Als Gründungsdatum gilt eine Tagung im Jahr 1924 im schlesischen Koberwitz nahe Breslau, bei der Steiner eine Reihe von Vorträgen zur Landwirtschaft hielt, deren Mitschriften später als Gründungsurkunde verstanden wurden.John Paull.. The Koberwitzers: those who attended Rudolf Steiner’s Agriculture Course at Koberwitz in 1924. International Journal of Environmental Planning and Management, 2020, 6 (2): 47–54. Der Ausdruck „biologisch-dynamische Landwirtschaft“ wurde allerdings erst nach 1930 von Erhard Bartsch und Ernst Stegemann für das von Steiner angeregte Landwirtschaftskonzept gewählt.Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945). Oldenbourg, München 1999, S. 82.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 1579.
Vorlauf Im Jahr 1921 wurde Steiner von einem Anthroposophen und Landwirt auf dem Klostergut Marienstein bei Göttingen, Ernst Stegemann, nach der Entwicklung neuer Kulturpflanzen gefragt, worauf Steiner Hinweise gegeben haben soll, wie sich aus Gräsern neue Getreidesorten ziehen lassen, weil „mit Ablauf des Kaliyuga alle unsere Kulturpflanzen sich erschöpfen würden“. Gleichartige Fragen zur „Degeneration der Saatgüter“ beschäftigten offenbar auch andere anthroposophische Bauern in dieser Zeit. Stegemann stellte seinen Hof 1922 anthroposophisch um und soll unmittelbar mit entsprechenden Zuchtversuchen begonnen haben. In den Sommern 1921 und 1922 wurden in Dornach landwirtschaftliche Versuche zur Pflanzenzucht, unter anderem mit Dünger aus Kuhhörnern durchgeführt. Im Januar 1922 besuchte Steiner zum ersten Mal Koberwitz. 1923 und im Frühjahr 1924 stellten Guenther Wachsmuth, Mitglied des Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft, und Pfeiffer unter Steiners Aufsicht Horndungpräparate her.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1581 f.
Die Tagung in Koberwitz im Juni 1924 Als Initiator der biologisch-dynamischen Landwirtschaft kann der Gutsherr Carl Wilhelm Graf von Keyserlingk (1869–1928) gelten.Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet. DVA, München 2011, S. 310. Im August 1922 wurde Steiner von zwei auf dem Koberwitzer Gut arbeitenden Anthroposophen, Erhard Bartsch und Immanuel Voegele, gebeten, einen Kurs zu halten. Spätestens im November 1923 sagte Steiner einigen Landwirten um den Grafen von Keyserlingk einen Vortragszyklus zu. Vor Kursbeginn wurden ihm dazu konkrete Fragen vorgelegt. Zudem wurde Steiner „eine Garantiesumme von 20.000 Mark zugesichert, damit Reisespesen und Honorare für die Künstler bezahlt werden konnten“,Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 1582. da ihn eine Künstlergruppe, die Eurythmievorstellungen gab, begleiten sollte.Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet. DVA, München 2011. S. 310 f.
In der Pfingstwoche 1924 trafen sich auf dem schlesischen Gut Koberwitz, nahe Breslau, des Großgrundbesitzers Carl Wilhelm Graf von Keyserlingk etwa 100 Anthroposophen, nicht alle waren Landwirte, und der gesundheitlich bereits schwer angeschlagene Steiner präsentierte in Kursen seine mehr oder weniger spontan erfundene „geisteswissenschaftliche Landwirtschaft“.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1582 ff. Tagsüber hielt Steiner seine mündlichen Kurse. Die Vorträge für den nächsten Tag schrieb er nachts.
Der Landwirtschaftliche Kursus, der mit Vorträgen, Fragenbeantwortungen und einem Rückblick, den Steiner einige Tage nach der Koberwitzer Tagung in Dornach hielt, nahezu die gesamte Materialgrundlage seiner landwirtschaftlichen Vorstellungen bildet, fand vom 7. bis zum 16. Juni statt. Das Publikum wurde rigide an der Tür kontrolliert, Almar von Wistinghausen fungierte im Rahmen einer Schutztruppe als Steiners „Leibwächter“, und von Keyserlingk – „die Hand in der Hosentasche auf der Pistole“ – geleitete Steiner zu den Vorträgen. Mit diesen Sicherheitsvorkehrungen wollte man Angriffen rechter Störer auf Steiner vorbeugen, wie sie sich zuvor in München zugetragen hatten. Neben diesen landwirtschaftlichen Vorträgen hielt Steiner im Rahmen der Pfingsttagung der Anthroposophischen Gesellschaft in Breslau einen Zyklus von neun Ansprachen sowie einige Einzelvorträge, darunter mehrere in Veranstaltungen für die esoterische Klasse. Ein für den 2. September 1924 bereits fest terminierter, zweiter Besuch Steiners in Koberwitz fand wegen seiner schweren Erkrankung nicht mehr statt. Steiner verstarb 1925.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1579 und S. 1585 f.
Entwurf eines alternativen Landwirtschaftskonzeptes Steiner präsentierte in Koberwitz kein vollständiges ökologisches Landwirtschaftskonzept. Er schlug in seinen acht Vorträgen nur einige Leitlinien vor.Gunter Vogt: The Origins of Organic Farming. In: William Lockeretz: Organic farming: an international history. CABI, 2007. S. 19. Weil das Familienunternehmen der Keyserlingks großagrarisch strukturiert war, bildeten großagrarische Fragen und spezifische Themen, die den Landwirtschaftsbetrieb der Keyserlingks betrafen, den sozialhistorischen Kontext, wohingegen Steiner keine Fragen zur kleinbäuerlichen Betriebsführung erörterte und die Probleme der anthroposophisch orientierten Bauern mit anderen Perspektiven in den Hintergrund traten. In Steiners Vorträgen nahm das Thema Pflanzenproduktion den größten Raum ein, wobei er am häufigsten über die Düngung, insbesondere über Düngeraufbereitung in Kuhhörnern zu „geistigem Mist“, sprach und Kompost und Tierdung empfahl. Kritisch bewertet, jedoch auch verwendbar seien Stickstoff, Phosphorsäure, Kalk, Kali, Chlor und Eisen. Zudem empfahl Steiner hochtoxische Stoffe in homöopathischer Dosierung: Kieselsäure, Blei, Arsen, Quecksilber und Natron. Lediglich im letzten, dem achten Vortrag, widmete er sich auch der Tierhaltung, jedoch nur dem Aspekt der Fütterung. Für diverse landwirtschaftliche Fragen hinterließ er viele Ratschläge und Anweisungen, etwa zur Schädlingsbekämpfung. Insekten könne man z. B. bekämpfen, indem man sie verbrennt, wenn die Sonne im Zeichen des Stieres steht.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1588 f, S. 1596 f. Um Mäuse-Plagen einzudämmen, empfahl Steiner, angelehnt an homöopathische Regeln, ein Mäusefell zu verbrennen und die Asche als „Pfeffer“ über die Feldern zu verstreuen, sobald Venus im Zeichen des Skorpion steht.Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet. DVA, München 2011, S. 315.
Versuchsring anthroposophischer Landwirte Basierend auf Steiners Entwurf, wurde die biodynamische Landwirtschaft von einer Gruppe anthroposophischer Landwirte weiterentwickelt. Da Graf von Keyserlingk nicht bereit war, die Methoden Steiners auf einem seiner Güter einzuführen, wurde am dritten Kurstag in Koberwitz der Versuchsring anthroposophischer Landwirte gegründet, um Steiners sehnlichsten Wunsch nach einer empirischen Bestätigung der von ihm hellseherisch begründeten anthroposophischen Landwirtschaft zu erfüllen. Keyserlingk übernahm den Vorsitz, den er 1926 zugunsten von Wachsmuth und Stegemann abgab.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1598 f und S. 1585 f.
Geheimhaltung In der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen befand sich eine Auskunftsstelle für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im Gartenbau, die vor dem Versand von Versuchsbedingungen von den Beteiligten eine vierjährige Schweigepflicht verlangte.Frank Uekötter: Die Wahrheit ist auf dem Feld. Eine Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft (Umwelt und Gesellschaft Band 1), Vandenhoeck und Ruprecht: Göttingen 2010. S. 235 f. Der Landwirtschaftliche Kurs durfte bis in die 1930er Jahre nur nach Unterzeichnung einer Verpflichtungserklärung zur Geheimhaltung lediglich leihweise ausgegeben werden. Halböffentlich waren nur die Ausgaben der Mitteilungen des Versuchsrings (1926–1929), während die Zeitschrift Demeter 1930 bis 1941 öffentlich erschien. Die Geheimhaltungsfrage war Gegenstand jahrelanger Streitigkeiten.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. S. 1599. Steiners landwirtschaftliche Vorträge wurden erstmals 1963 veröffentlicht, bis zu diesem Zeitpunkt kursierte nur eine begrenzte, nummerierte Anzahl von Kopien in anthroposophischen Kreisen, die mit dem Vermerk „Nur für den persönlichen Gebrauch“ versehen waren.
Biodynamische Pioniere und ihre Aktivitäten in den 1920er und 1930er Jahren Die Entwicklung der biodynamischen Landwirtschaft erfolgte überwiegend auf Gütern in den östlichen Teilen des Deutschen Reichs vor dem Zweiten Weltkrieg. Bekannte biodynamische Betriebe befanden sich in MariensteinPaull, John (2023). Yields of Biodynamic Agriculture of Ernst Stegemann (1882–1943): Experimental Circle Data of the First Biodynamic Farmer. European Journal of Agriculture and Food Sciences, 5 (5): 1-4. bei Göttingen, Heynitz und Wunschwitz bei Meißen, Marienhöhe in Bad Saarow und Pilgrimshain in Schlesien. Auf den großen Gütern wurde in den 1920er und 1930er Jahren eine ökologische Landwirtschaft erfolgreich aufgebaut, indem die Vorschläge Steiners mit traditionellen und modernen landwirtschaftlichen Methoden kombiniert wurden. Der Gärtner Max Karl Schwarz (1895–1963) führte aufwendige Kompostierverfahren für die biologisch-dynamische Landwirtschaft ein. Immanuel Vögele (1897–1959) beschäftigte sich mit Düngung und bevorzugte, trotz der kritischen Anmerkungen Steiners, die Gründüngung und die Verwendung von kompostierten städtischen, organischen Abfällen. Ernst Stegemann und Immanuel Vögele beschäftigten sich mit der Züchtung von Kulturen, die an biodynamische Landwirtschaftsbedingungen angepasst wurden. Ironischerweise spielte das Schlüsselkonzept Steiners, die Farm als lebender Organismus und Individualität, während dieser Pionierzeit keine Rolle. Während man sich ausschließlich auf die biodynamischen Zubereitungen und die Düngung konzentrierte, wurden keine Versuche unternommen, um angemessene Konzepte für die Tierzucht zu entwickeln. Einen Schwerpunkt bildete die Untersuchung der biologisch-dynamischen Präparate: die Feldpräparate, bestehend aus Hornmist und Hornsilicium, sowie die Kompostpräparate, aus Schafgarbenblüten, Kamillenblüten, Brennnessel, Eichenrinde, Löwenzahnblüten und Baldrianblüten. Widersprüchliche Ergebnisse führten zu einer unterschiedlichen Verwendung der Präparate in Abhängigkeit von Pflanzenarten, Boden und Klima.