180px|mini|Gotische Deckplatte des Sarkophags von Abt Lubert Hautscilt, Darstellung als Stifter, um 1420, Abbildung auf einem Stich von 1671

Lubertus Hautscilt (* um 1347 in Brügge; † 27. Dezember 1417 in Eeckhoutabtei, Brügge) war ein flämischer Augustiner-Abt, Mathematiker, Astrologe und Mystiker.

Leben Lubertus Hautscilt d. J., Sohn von Johannes HautsciltVgl. Lubertus’ Grabinschrift, die sich in der südlichen Wand der Abteikirche befand (vgl. Patrice Antoine Beaucourt de Noortvelde: Description Historique de l’A, Brüggencienne Abbaïe d’Eekhoute dite de Saint Barthelemi de l’Ordre de Saint Augustin, Avec une Histoire Chronologique de tous les Abbés, suive d’un Recueil des Epitaphes & Inscriptions qu'on voit dans l’Église, S. 311); ein Jan Hautscilt war 1370 und 1373 Schöffe in Gent. Am selben Platz befand sich auch ein Epitaph für einen Johannes Hautscilt (um 1324–1360), Sohn von Lambertus Hautscilt, und seine Witwe Magareta Pluems (um 1330–1362). und einer Dame de Scheutelare, stammte aus einer vornehmen Familie in Brügge, die Handelsbeziehungen unter anderem nach Norwegen und Lübeck unterhieltVgl. Codex diplomaticus Lubecensis. Lübeckisches Urkundenbuch. Urkundenbuch der Stadt Lübeck, Bd. II/2. Friedrich Asschenfeldt, Lübeck 1858, Nr. DCLVIII und DCLIX, S. 612–615 (Google-Books) u. a. und mit Brügger Delegationen auf Lübecker Hansetagen erschien. 180px|mini|links|Epitaph des Lubert Hautscilt mit seinen Eltern und Geschwistern vor Maria mit Jesuskind, um 1420, Abbildung auf einem Stich von 1671 Lubertus Hautscilt trat 1361 mit 14 Jahren in das Augustiner-Kloster St. Bartholomäus in Eeckhout (mittellateinisch Quercetum = Eichholz) bei Brügge ein und wurde 1391 dessen Prior. 1394 wurde er von Louis de la Trémouille († 1410), dem Bischof von Tournai (reg. 1388/92–1410), als Nachfolger von Nicolaus Brandt († 1393) zum Abt geweiht. Als Abt sorgte er dafür, dass der Abtei alte Privilegien wieder gewährt wurden, und kümmerte sich um ihre bauliche Ausstattung. Die Gebäude der Abtei wurden 1798 zerstört; sie befanden sich am heutigen Eekhoutpoort in Brügge in der Nähe des College of Europe.

Hautscilt war Berater und Freund von Johann Ohnefurcht (1371–1419), dem Herzog von Burgund und Graf von Flandern. 1402/03 wurde er von Brügge aus auf eine diplomatische Mission nach Paris geschickt, um die Neutralität Flanderns in der Auseinandersetzung zwischen Frankreich und England zu wahren. Hautscilt hielt Kontakt zu dem nominalistischen Theologen Pierre d’Ailly (1350/51–1420) und dessen Schüler Jean Gerson (1363–1429), dem Kanzler der Pariser Universität (Sorbonne). Er gewährte Henry Percy, 1. Earl of Northumberland, (1341–1407/08) und Thomas, 5. Lord Bardolf, Knight of Wormegay, (1386–1408) nach deren Flucht aus England 1406 für einige Monate Asyl in seiner Abtei.

1403 schickte Hautscilt ein Manuskript des Heilsspiegels Speculum Humanae Salvationis (flämisch: De Spieghel der menscheliker Behoudenesse)Vgl. Millard Meiss, Elizabeth H. Beatson (Hrsg.): The Belles heures of Jean, Duke of Berry (The Cloisters. The Metropolitain Museum Of Art), New York: George Braziller 1974. und eine nach seinen eigenen Anweisungen illustrierte astrologische Abhandlung des Albumasar (um 787–886) an Jean de Valois, Duc de Berry (1340–1416), den Bruder des verstorbenen Königs Karl V. (1338–1380) und Onkel Karls VI. (1368–1422). Für Jean de Berry brachte er mit Hilfe des Mönchs und Kalligraphen Guillaume Snellaert La Pèlerinage de la vie humaine des Guillaume de Digulleville (1295–nach 1358) aus dem Französischen in lateinische Prosa.Ingrid Biesheuvel: Die pelgrimage vander menscheliker creaturen. Een studie naar overlevering en vertaal- en bewerkingstechniek van de Middelnederlandse vertalingen van de Pèlerinage de vie humaine (1330–1331) van Guillaume de Digulleville (Middeleeuwse Studies en Bronnen 89). Verloren, Hilversum 2005, S. 45. 1406 erhielt Hautscilt von Jean de Valois für sein Kloster ein als Blutreliquie angesehenes Stück von der „Tunika Christi“, das seit 1824 in Gistel aufbewahrt wird.

1410 begann Hautscilt den Bau eines Dormitoriums und eines Refektoriums mit Kapitelsaal, nachdem ein Blitzschlag die alten Gebäude zerstört hatte. Er finanzierte den Bau im Wesentlichen aus kostbaren Geschenken, die ihm Jean de Valois gemacht hatte. Ein weiterer Wohltäter der Abtei und Freund Hautscilts war der Bankier Dino Rapondi (um 1350–1416).Großkaufmann aus Lucca, Finanzier der Herzöge von Burgund, Bürger von Paris, um 1365 Kontor in Brügge, 1384 in der Kuiperstraat erwähnt, † 1415 in Brügge, begraben in der Sint-Donaaskathedraal (1799 zerstört), Grabmonument heute in der Schlosskapelle von Dijon. Der Bau wurde 1417 im Monat seines Todes vollendet.

1414 reiste Hautscilt aus Flandern nach Konstanz, um am Konzil teilzunehmen. Er wurde dort 1417 von Kardinal Pierre d’Ailly auf Empfehlung von Jean V. de Saveren (reg. 1414–1438), Fürstbischof von Cambrai, und der Äbte von St.-Étienne in Dijon und St.-Jean-des-Vignes in Soissons zum Bischof erhoben. Eine geplante Pilgerreise Hautscilts in das Heilige Land wurde ihm jedoch vom Kardinalgroßpönitentiar, der ihm vollkommenen Ablass gewährt hatte, untersagt. Als Mathematiker unterstützte Hautscilt auf dem Konzil die Bestrebungen für eine Kalenderreform. Er kehrte vor Abschluss des Konzils in seine Abtei zurück, wo er wenig später starb.

Hautscilt stiftete eine jährliche Memorie und hinterließ seinen Nachfolgern und dem Konvent 10 Pfund Grote für Wein und 40 Schillinge (= 2 Pfund Grote) für besondere Mahlzeiten.W. H. James Weale: Obituaire de l’Abbaye de l’Eeckhout. In: La Flandre. Revue des monuments d’histoire et d’antiquités. Band 3, 1869/70, S. 299–382, bes. S. 361. Sein Nachfolger als Abt wurde Prior Johannes Vulre (1347–1427).

Die „Broederschap van de drogen boom“ mini|„Die Madonna zum dürren Baum“ von Petrus Christus, Brügge, um 1460 Lubertus Hautscilt leitete eine marianische Gebetsgemeinschaft der Klöster St. Bartholomäus in Eeckhout, St.-Aubert in Cambrai, St.-Eligiusberg in Artois, St.-Étienne in Dijon und St.-Jean-des-Vignes in Soissons. Auch Johannes von Wallenrode (um 1370–1419), 1393 bis 1418 Erzbischof von Riga, Kardinal Pierre d’Ailly oder Laien wie Earl Henry Percy von Northumberland und andere fühlten sich dieser Gemeinschaft der „Confrérie de l’arbre sec“, flämisch „Broederschap van de drogen boom“ (lateinisch vermutlich „Fraternitas ad siccam arborem“ oder „ad sycamorum“) verbunden.

Der Legende nach soll die Bruderschaft – noch vor dem Orden vom Goldenen Vlies (1430) – von Philipp dem Guten von Burgund (1396–1497) gegründet worden sein, sie wird aber bereits in dessen Geburtsjahr 1396 erwähnt. Der Name erinnert an eine Marienlegende, die sich auch in dem Lied Maria durch ein Dornwald ging widerspiegelt. Es handelte sich vom Typ her um eine Gemeinschaft von „Fratres (et sorores) ad sucurrendum“Vgl. Patrice Antoine Beaucourt de Noortvelde: Description Historique de l’A, Brüggencienne Abbaïe d’Eekhoute dite de Saint Barthelemi de l’Ordre de Saint Augustin, Avec une Histoire Chronologique de tous les Abbés, suive d’un Recueil des Epitaphes & Inscriptions qu'on voit dans l’Église, S. 308–310. Auf ihn beziehen sich alle Belege dieser Formulierung, die die Ordenstyp-Bezeichnung fälschlich als Namen verstehen; „ad sucurrendum“ bedeutet „damit (ihnen) geholfen werde“. (Sukurrenden: Konversen, Familiare o. ä.), d. h. von Laien, die dem Orden wegen der damaligen Frömmigkeitsvorstellungen (Unwiederholbarkeit der Buße) endgültig erst kurz vor ihrem Tod beitraten.Vgl. Hans Wolter: Aufbruch und Tragik der apostolischen Laienbewegung im Mittelalter. In: Geist und Leben 30 (1957), S. 357–369, bes. S. 364 Anm. 28, u. a.

Die „Legende vom grünen und dürren Baum“ spielt auch in der von Hautscilt übersetzten La Pèlerinage de la vie humaine des Guillaume de Digulleville eine Rolle. Dort ist der „dürre Baum“ der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse im Paradies, der verdorrte, als Adam und Eva seine Frucht raubten.Christiane Wanzeck: Zur Etymologie lexikalisierter Farbwortverbindungen. (Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur 149) Rodopi, Amsterdam 2003, S. 118 f. Gott pfropft auf den verdorrten Baum das Holz des Lebens, dies ist für Digulleville ein Sinnbild der Inkarnation Christi aus der reinen Jungfrau. Der vertrocknete Paradiesbaum ergrünt von neuem durch Christi Opfertod. Dieses Motiv vom „verdorrten Baum“ ist seit dem 12. Jahrhundert mit der Kreuzeslegende verbunden („Vision des Seth“)Eleonor Simmons Greenhill: The Child in the Tree. A Study of the Cosmological Tree in Christian Tradition:. In: Traditio. Band 10, 1954, S. 323–371. und begegnet ähnlich auch bei Jacob van Maerlant (um 1225–um 1300),Gedicht Disputacie van Onser Vrouwen ende van den Heilighen Cruce (Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod. poet. et philol. fol. 22, Blätter 124–128). Dante Alighieri (1265–1321)Göttliche Komödie, XXXII,59-60; XXXIII,144 u. ö. und anderen.Ein anderes Motiv vom halb verdorrten, halb grünen Baum ist bei Marco Polo (1254–1324) belegt; darin könnte die Legende von dem bei Christi Tod verdorrten Baum bei Hebron (vgl. Gen 18,1.4) anklingen.

Die Bruderschaft blieb bis ins 18./19. Jahrhundert bestehen. Ihr gehörten unter anderem an Isabella von Portugal (1397–1471), die dritte Frau Philipps des Guten, Karl der Kühne (1433–1477), Graf de Charolais, und seine Frau, die Gräfin de Charolais, Philipp I. von Habsburg, genannt der Schöne (1478–1506), Antoine, genannt Grand Bâtard de Bourgogne (1421–1504), Baudouin de Lille, Bastard von Burgund (vor 1446–1508), Herr von Fallais, Jean von Burgund (1438–1499), Propst von Saint-Donatien in Brügge, Philipp von Burgund (um 1450–1498), Seigneur de Bevere, und seine Frau Anna von Borsselen († 1518), deren Kinder Adolf (1489–1540), Anna († 1512), Charlotte († zwischen 1499 und 1509) und Marguerite († 1522) von Burgund, Louis Prince de Chimay und Graf Engelbert II. von Nassau-Breda (1451–1504),Alphonse de Schodt: Méreau de bienfaisance ecclésiastiques et religieux de la ville de Bruges III. Pl - V. (PDF; 5,7 MB) In: Revue Belge de Numismatique. Band 33, 1877, S. 84–279, bes. S. 251; abgerufen am 23. April 2011. auch Kaufleute wie Giovanni Arnolfini (um 1400–1472) und seine Frau Giovanna Cenami († nach 1490), der Maler Petrus Christus (um 1410/1420–um 1473) und seine Frau, oder Gerard David (um 1460–1523) und viele vornehme Bürger Brügges.

Petrus Christus malte um 1460 für die Bruderschaft in Brügge das Bild Die Madonna zum dürren Baum, das sich heute im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid befindet. Von Pieter Claeissens d. J. (1530/36–1612) stammt ein Triptychon Notre Dame de l’arbre sec von 1606/08 in der Sint-Walburgakerk in Brügge.

Die Confrérie de Notre-Dame de l’arbre sec bzw. Broederschap van Onze Lieve Vrouw van de drogen boom wurde 1606 umorganisiert und stellte am 26. März 1819 ihre Tätigkeit ein.

Die „Imago Flandriae“ mini|Imago Flandriae in Nicolas Bazel: Prognosticon nouum (1578)