mini|Der Sonntagsspaziergang von Carl Spitzweg aus dem Jahr 1841, ein typischer Vertreter der Biedermeier-Epoche Als Biedermeier wird die Zeitspanne vom Ende des Wiener Kongresses 1815 bis zum Beginn der bürgerlichen Revolution 1848 in den Ländern des Deutschen Bundes bezeichnet. Mit dem Ausdruck Biedermeier ist in der politischen Geschichte der Begriff der Restauration verknüpft, der sich auf die staatspolitische Entwicklung nach dem Ende der napoleonischen Zeit und des Wiener Kongresses bezieht. Bedeutsam ist der Begriff als Epochenbezeichnung der Kulturgeschichte, als solcher jedoch kaum klar konturiert, da viele Assoziationen zum Biedermeier aus dem späteren 19. Jahrhundert stammen und oft als (rück)projizierte Zuschreibungen gelten müssen.

Als Vormärz wird die zum selben Zeitabschnitt gehörende entgegengesetzte Bewegung bezeichnet, die eine politisch revolutionäre Veränderung suchte und unter anderem bei Literaten wie Georg Büchner und Heinrich Heine ihren Niederschlag fand.

Der Ausdruck Biedermeier bezieht sich zum einen auf die in dieser Zeit entstehende eigene Kultur und Kunst des Bürgertums, so in der Hausmusik, der Innenarchitektur und auch in der Kleidermode, zum anderen auf die Literatur der Zeit; beides wird oft mit dem Etikett „hausbacken“ oder „konservativ“ versehen. Als typisch gilt die Flucht ins Idyll und ins Private.

Ursprung des Begriffs mini|Bildnis der fiktiven Figur Gottlieb Biedermaier aus den Münchener Fliegenden Blättern, dem tatsächlichen Aussehen von Samuel Friedrich Sauter nachempfunden mini|Zimmerbild von Eduard Gaertner (1849): Darstellung biedermeierlichen Interieurs in einer bürgerlichen Wohnung in Berlin

Der Begriff Biedermeier geht auf die fiktive Figur des treuherzigen, aber spießbürgerlichen Gottlieb Biedermaier zurück, die der Jurist und Schriftsteller Ludwig Eichrodt und der Arzt Adolf Kußmaul erfanden und unter dessen Namen in den Jahren ab 1855 in den Münchner Fliegenden Blättern diverse Gedichte veröffentlicht wurden, die teilweise Parodien auf die Poesie des realen Dorfschullehrers Samuel Friedrich Sauter waren.

Entstanden war der Name aus zwei Gedichten mit den Titeln Biedermanns Abendgemütlichkeit und Bummelmeiers Klage. Letzteres hatte Joseph Victor von Scheffel in diesem Blatt 1848 veröffentlicht. Scheffel, Bummelmeiers Klage Digitalisat Bis 1869 wurde Biedermaier geschrieben, erst danach kam die Schreibweise mit ei auf. Der fiktive Herr Biedermeier war ein dichtender schwäbischer Dorflehrer mit einfachem Gemüt, dem laut Eichrodt „seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen.“ In den Veröffentlichungen werden die Biederkeit, der Kleingeist und die unpolitische Haltung großer Teile des Bürgertums karikiert und verspottet.

Nach 1900 wurde der zunächst negativ konnotierte Begriff Biedermeier eher wertneutral aufgefasst, er stand für eine kleinbürgerliche Kultur der Häuslichkeit und der Betonung des Privaten.

Die Nutzung als Epochenbezeichnung entwickelte sich ab Ende des 19. Jahrhunderts – zunächst in der Kunst- und Architekturgeschichte, aber auch in der Mode. Die ersten Buchveröffentlichungen mit dem Begriff im Titel erscheinen dann um die Wende zum 20. Jahrhundert. Gleichzeitig wurde der Stil des Biedermeiers nochmals modern – nach dem üppigen Dekor des Historismus in der Gründerzeit gefielen die schlichten Möbel und Formen des Biedermeier wieder. Daher wurden Möbel in Biedermeierformen wieder neu hergestellt, man spricht hier, besonders im Kunst- und Antiquitätenhandel, mitunter vom Stil des zweiten Biedermeier.

Das Biedermeier kann heute auch auf die behagliche Wohnkultur und private Gemütlichkeit der Zeit reduziert werden, als eine gesellschaftliche Ruhephase vor den gesellschaftlichen Umwälzungen zur Mitte des 19. Jahrhunderts und als Reaktion auf staatliche Kontrolle und Zensur.

Politische Situation mini|Fürst Metternich prägte maßgebend die europäische Politik nach dem Wiener Kongress, als der Biedermeier sich entfaltete

Nach der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig sowie der Schlacht bei Waterloo und seiner Verbannung wurden die Beschlüsse umgesetzt, die auf dem Wiener Kongress ausgehandelt worden waren. Es ging um eine Ordnung Europas mit dem Ziel einer Restauration, d. h. der Wiederherstellung jener Verhältnisse, die vor der Französischen Revolution Europa geprägt hatten. Zu diesem Zweck gingen die konservativen Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, der russische Zar Alexander I. und der preußische König Friedrich Wilhelm III. die „Heilige Allianz“ ein.

Eine bedeutende politische Rolle spielte Fürst von Metternich, ein gebürtiger Rheinländer, der im Dienst des österreichischen Kaisers stand. Er setzte die sogenannten Karlsbader Beschlüsse von 1819 durch, die eine starke Einschränkung jeglicher politischer Betätigung bedeuteten. Es wurde eine strenge Zensur für alle Veröffentlichungen eingeführt, inklusive der Musikwerke. Literaten wie Heinrich Heine und Georg Büchner emigrierten (1831 bzw. 1835), ebenso Karl Marx (1843), zuvor Redakteur der Rheinischen Zeitung in Köln.

Ohne die Karlsbader Beschlüsse ist die Biedermeierzeit nicht denkbar; außerhalb Deutschlands, Österreichs und Skandinaviens existiert daher auch der Begriff Biedermeier nicht, da die gesellschaftliche Entwicklung in diesen Ländern anders verlief.

Die Himmelstöne des Biedermeier mini|Porträt Felix Schadow (um 1830) von Friedrich Wilhelm von Schadow, einem bedeutenden Vertreter der Malerei des Biedermeiers

1815 war im Pazifik der Vulkan Tambora ausgebrochen, weltweit die größte Eruption seit dem Ausbruch des vor über 20.000 Jahren. Die vulkanischen Stäube verbreiteten sich global und führten 1816 zum Jahr ohne Sommer und auch danach zu einer deutlichen vulkanisch bedingten Klimaänderung mit teils katastrophalen Auswirkungen. Darüber hinaus kam es jahrzehntelang nach dem Ausbruch zu merklichen Veränderungen im Tageslicht; besonders ausgeprägt war dies abends und morgens aufgrund der dann erheblich verstärkten Streuung des Sonnenlichts an den vulkanischen Staubteilchen und Gasen in der Atmosphäre. Die biedermeierlichen Sonnenuntergänge in Europa waren von nie dagewesener Pracht – in allen Schattierungen von Rot, Orange und Violett, gelegentlich auch in Blau- und Grüntönen. Die grandiosen Abendstimmungen und die intensiven Erdfarben, Ocker- und Gelbtöne beispielsweise von William Turner, die außerhalb von Landschaften mit entsprechender natürlicher Farbgebung wie etwa der Toskana und der Camargue fast unwirklich erscheinen, haben davon merklich profitiert.

Bildende Kunst mini|Die Heimkehr des Landmannes von Ferdinand Georg Waldmüller (um 1833), ein Beispiel biedermeierlicher Genremalerei

In der Bildenden Kunst der Biedermeierzeit dominierten die Genre- und die Landschaftsmalerei, aber auch das Porträt. Religiöse und historische Motive fehlen fast völlig. Der Stil war realistisch, die Bilder ähnelten oft einer fotografischen Abbildung. Vorbild war die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts. Allerdings war das angestrebte Ergebnis ein Pseudo-Realismus, denn die Wirklichkeit wurde gern idealisiert und übersteigert, mitunter überschneidet sich die Malerei mit der Spätromantik. Die Aquarelltechnik erreichte ein sehr hohes Niveau; für Buchillustrationen wurde nun zunehmend die Lithografie eingesetzt. Als bildende Künstler des Biedermeiers gelten die Maler Moritz von Schwind, Friedrich Gauermann, Eduard Gaertner, Eduard Ritter, das Frühwerk von Adolph Menzel, Ludwig Richter, Carl Spitzweg, Josef Kriehuber, Ferdinand Georg Waldmüller, Peter Fendi und Joseph Anton Koch. Richter war vor allem als Illustrator gefragt, er bebilderte rund 150 Bücher. Eine Besonderheit des Biedermeier waren die so genannten Zimmerbilder, detailgenaue Schilderungen einzelner Wohnräume. In der Glas- und Porzellanmalerei ist die Epoche mit den Hausmalern Samuel Mohn und Anton Kothgasser verbunden. Typisch für diese Zeit ist ferner das Ansichtenglas.

miniatur|Jakob Alt: Blick aus dem Atelier des Künstlers in der Alservorstadt gegen Dornbach (1836)

Musik mini|Fanny Elßler war eine bekannte Balletttänzerin des Biedermeier, Lithografie von Joseph Kriehuber (1830)

In der Musik ist die Bezeichnung Biedermeier eher ungewöhnlich; meistens wird für die typische Musik dieser Ära von Frühromantik gesprochen. Jedoch lässt sich auch für die Musik gewissermaßen eine Biedermeier-Epoche unterscheiden, in der sie erstmals vom bürgerlichen Geschmack bestimmt wurde. Die Hausmusik erlangte große Bedeutung. Das Klavier als Hausinstrument wurde im Bürgertum zunehmend populär. Gefragt waren vor allem Kammermusikstücke; in den Städten wurden überall Musikgesellschaften und Gesangvereine gegründet. Die Notenverlage gaben bei den Komponisten vor allem leichte, heitere Werke in Auftrag, denn der Geschmack der Kunden war entscheidend für den Verkauf; vorher war nie eigens für den Hausgebrauch komponiert, sondern nur umgearbeitet worden. Tonangebend in der Klaviermusik war Robert Schumann. Auch Franz Schuberts Lieder wurden, zwar nach seinem Tod, im Bürgertum sehr geliebt. Als typische Biedermeierkomponisten werden aber eher weniger bekannte Figuren wie Ludwig Berger, Christian Heinrich Rinck oder Leopold Schefer angesehen. Populär waren z. B. die Lieder Wilhelm Müllers oder Alexander Fescas.

Das Biedermeier war auch die Zeit des Walzers, dessen Hochburg Wien war. Er entstand aus dem meist im Freien getanzten Ländler. Zu den Tanzveranstaltungen strömten die Massen, war hier doch ausgelassene Fröhlichkeit erlaubt. Komponisten und Kapellmeister wurden teilweise gefeiert wie Stars, allen voran Johann Strauss senior und Joseph Lanner. Sehr beliebt war auch das Ballett – in Wien feierte die Balletttänzerin Fanny Elßler Triumphe. Die herausragenden weiblichen Gesangsstars waren Henriette Sontag und Jenny Lind.

Das 1793 in der Schweiz entstandene Lied Freut euch des Lebens wurde in der Biedermeierzeit zum Volkslied im ganzen deutschen Sprachraum. Besonders Usteris dritte Strophe formuliert das Credo dieser Zeit: „Wer Neid und Missgunst sorgsam flieht, Genügsamkeit im Gärtchen zieht, dem schießt sie bald zum Bäumchen auf, das goldne Früchte bringt.“

Literatur

Leben und Kultur mini|Postkartenmotiv als Beispiel für Biedermeier-Mode

Mit dem Begriff Biedermeier ist in erster Linie auch eine bürgerliche Kultur gemeint, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand. Das Bürgertum kultivierte das Privat- und Familienleben in ganz neuem Ausmaß. Nicht die Repräsentation stand im Vordergrund, sondern das häusliche Glück in den eigenen vier Wänden, die zum Rückzugsort wurden. Bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Ehrlichkeit, Treue, Pflichtgefühl und Bescheidenheit wurden zu allgemeinen Prinzipien erhoben. Die Biedermeier-Wohnstube war die Urform des heutigen Wohnzimmers, und wahrscheinlich wurde damals der Ausdruck Gemütlichkeit eingeführt. Die Geselligkeit wurde in kleinem Rahmen gepflegt, beim Kaffeekränzchen, am Stammtisch, bei der Hausmusik, aber auch in den Wiener Kaffeehäusern. Beliebteste Zeitung war die Wiener allgemeine Theaterzeitung von Adolf Bäuerle.