miniatur|hochkant=1.6|Blick über die weite Sandmagerrasenfläche von Camp Reinsehlen, in der Mitte das als Kunstobjekt gestaltete Transformatorengebäude, 2011 miniatur|hochkant=1.6|Freifläche mit Installationen des Künstlers Jörg-Werner Schmidt

Das Camp Reinsehlen ist eine etwa 100 Hektar große und nahezu baumfreie Fläche nahe der niedersächsischen Ortschaft Reinsehlen bei Schneverdingen, die wegen ihrer großen Sandmagerrasenfläche bekannt ist. Das Gelände hat im 20. Jahrhundert eine wechselhafte Geschichte als Militärflugplatz, Flüchtlingslager und Truppenübungsplatz hinter sich. Der Namenszusatz Camp leitet sich davon ab, dass das Gelände von 1950 bis 1994 als Basislager für Panzerübungen britischer und kanadischer Streitkräfte in der Lüneburger Heide diente.

Geografie miniatur|Heidschnuckenherde auf dem Freigelände Auf dem offenen Gelände des Camp Reinsehlen mit seinen nährstoffarmen und trockenen Sandböden haben sich Magerrasen-Biotope entwickelt. Es finden sich viele gefährdete Pflanzenarten, wie die Grasnelke, die Felsennelken und Sand-Thymian. Die vorherrschende Pflanzenart ist der Schaf-Schwingel. Auf den Grasflächen brüten verschiedene Vogelarten, wie Heidelerche, Feldlerche und Wiesenpieper. Der Pflanzenbewuchs wird durch die Beweidung einer Heidschnuckenherde kurz gehalten.

1995 stufte das Niedersächsischen Landesamt für Ökologie, eine Vorgängereinrichtung des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, das Gelände wegen zahlreicher gefährdeter und vom Aussterben bedrohter Pflanzen als vorrangig schutzwürdig ein; es ist die größte zusammenhängende Sandmagerrasenfläche in Niedersachsen.

Militärflugplatz 1938–1945 Entstehung miniatur|Das weitläufige, ehemalige Flugplatzgelände miniatur|Ehemalige Baracken des Geländes miniatur|Nebel auf dem Gelände

1938 beanspruchte die deutsche Luftwaffe im Zuge der Aufrüstung der Luftwaffe das Gebiet bei Reinsehlen zur Einrichtung eines Fliegerhorstes. Seit der Machtergreifung 1933 und der folgenden Aufrüstung der Wehrmacht entstanden an vielen Orten militärische Anlagen. Dies betraf auch die strukturschwache Region der Lüneburger Heide mit ihrer dünnen Besiedlung und ihren kargen, landwirtschaftlich wenig lohnenden Böden. Hier etablierte sich an vielen Stellen das Militär, vor allem mit großflächigen Truppenübungsplätzen.

Für die Einrichtung des Fliegerhorstes bei Reinsehlen wurde eine 250 ha große Fläche bestimmt. Dazu mussten die Landwirte der umliegenden Höfe zunächst entschädigungslos Land abtreten, durften aber später ihre Heidschnuckenherden auf den Grasflächen des Flugfeldes weiden lassen, um den Bewuchs niedrig zu halten. Erst in den 1950er Jahren erhielten die Landwirte von staatlicher Seite geringe Summen für ihr Land.Werner Köster: Die Geschichte des "Camp Reinsehlen", Von der Fintauquelle zum Magerrasen, S. 5. Für den Flugplatz wurde ein leicht hügeliges und sandiges Gelände ausgewählt, das teilweise mit Heide, aber auch mit Eichen- und Birkenwäldern bedeckt war. Im zentralen Bereich lag eine Senke mit dem Quellgebiet des Baches Fintau. Bei Baubeginn 1938 wurde zunächst das Gelände eingeebnet und tiefgepflügt. Da der sandige Boden mit einer Ortsteinschicht für den Rasenbewuchs des zukünftigen Flugfeldes eine zu schlechte Qualität aufwies, wurde im großen Stil mit Torf sowie Mist gedüngt.

Das Flugplatzgelände wurde durch Zufahrtsstraßen erschlossen. Dabei erhielt es einen Anschluss an die Reichsstraße 3, die heutige B 3. Auf dem Gelände selbst entstand eine Ringstraße aus Beton und es wurden zahlreiche Gebäude in Barackenbauweise für den Flugbetrieb, wie Flugleitung, Mannschaftsunterkünfte, Kasino, Lazarett, errichtet. Zu Tarnzwecken erhielten die Baracken Spitzdächer und wurden mit Reetgras bedeckt. Gegenüber der feindlichen Luftaufklärung sollte das Gelände den Eindruck eines Heidedorfes erwecken. Auch entstanden Munitionsbunker und unterirdische Tanklager. Das größte Gebäude war die Kdf-Halle als Baracke mit rund 850 Metern Grundfläche, die als Veranstaltungshalle und Kino diente. Der Materialanlieferung für den Aufbau der Anlagen, wie auch die spätere Belieferung des Flugplatzes erfolgte über eine Feldbahn, die das Areal mit der vorbeiführenden Heidebahn verband. Beim Bau der Einrichtungen in Reinsehlen wurden ab 1939 Zwangsarbeiter eingesetzt.

Betrieb Der Flugplatz diente als Ausbildungs- und Einsatzflugplatz. Er trug den Tarnnamen Posemuckel, der auch im Funkverkehr benutzt wurde. Die erste Landung eines Flugzeuges erfolgte am 13. September 1939 kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges. Während des Krieges wurden zum Schutz der Flugplatzanlage gegen Luftangriffe in der Umgebung mehrere Flak- und Scheinwerferstellungen, einschließlich eines Leit- und Beobachtungsstandes, eingerichtet.

Verschiedene Luftwaffeneinheiten nutzten den Platz zur Flugausbildung der Soldaten und Erprobung neuer Waffensysteme. Von Oktober 1943 bis März 1944 lagen Teile des Transportgeschwaders 1 mit der Junkers Ju 52/3m hier. Im Jahre 1944 waren Teileinheiten der Jagdgeschwader 1, 3, 26 und 77 und des Schlachtgeschwaders 4 mit der Focke-Wulf Fw 190 hier stationiert.Henry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 560, abgerufen am 13. Februar 2024. Mit den Flugzeugen wurden auch Bombenabwürfe mit Übungsbomben aus Beton auf Heideflächen nahe dem Flugplatz geübt. Auf dem Gelände wurden auch Zwangsarbeiter aus dem Osten und sowjetische und polnische Kriegsgefangene untergebracht. Ihre Arbeitskraft wurde zur kontinuierlichen Erweiterung der militärischen Anlagen und Straßenbauten, auch in der Umgebung, genutzt. Davon zeugt eine an der Erhebung Höpen vorbeiführende unfertige Trasse für eine Straße, die damals nicht vollendet wurde.

Kriegsende In der Kriegsendphase ab 1945 waren auf dem Flugplatz die ersten neuartigen Düsenflugzeuge stationiert, wie der erste strahlgetriebene Bomber Arado 234. In dieser Zeit diente der Flugplatz auch als Abstellfläche für zahlreiche Ju-88-Bomber, die wegen Treibstoffmangels und aus Mangel an Besatzungen dauerhaft am Boden blieben. Der Flugplatz ist, abgesehen von einzelnen Tieffliegerangriffen, nie im großen Stil bombardiert worden, obwohl er den Briten durch ihre Luftaufklärung bekannt war. Am 7. April 1945 flog eine US-amerikanische Bomberflotte von über 1000 Flugzeugen nach Deutschland ein, um restliche Militärziele vor dem Eintreffen amerikanischer Bodentruppen zu zerstören. Dabei stand auch der Flugplatz Reinsehlen auf der Angriffsliste, der jedoch wegen geschlossener Wolkendecke nicht lokalisiert werden konnte. Unmittelbar vor dem Anrücken britischer Truppen gab es noch den Versuch, einen Panzergraben zum Schutz des Flugplatzes auszuheben. Außerdem pflügten Bauern auf Anweisung tiefe Furchen in das Flugfeld, um es unbrauchbar zu machen. Mangels Waffen und Personal konnte eine geplante Verteidigung des Flugplatzes nicht stattfinden, er wurde den einrückenden britischen Truppen am 17. April 1945 kampflos übergeben. Wenige Stunden zuvor hatten deutsche Soldaten die abgestellten Flugzeuge in Brand gesetzt.

Bestandsaufnahme 1945 miniatur|Ein ehemaliger Munitionsbunker Noch im April 1945 bezog die Royal Canadian Air Force das Flugplatzgelände, die Ende des Winters 1946 wieder abzog. Die Besatzungstruppen machten die militärischen Einrichtungen unbrauchbar, indem sie die vorgefundenen Bomben sowie Munitionsreste sprengten. Sie zerstörten auch die Betonstraßen auf dem Gelände.

Eine Bestandsaufnahme der Flugplatzanlage durch den Bürgermeister von Schneverdingen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ergab folgendes an Anlagen und Gebäuden:

Rollfeld von 100 Hektar Bebautes Gelände von 60 Hektar 800 Meter Bahngleise 6 Munitionsbunker 3 unterirdische Tankanlagen 11 Baracken für Verwaltung, Gäste, Stab, KdF, Feuerwehr, Landwirtschaft, Kraftfahrzeuge, Kantine, Kohle 20 Baracken als Unterkünfte Flugzeugwerfthalle Flugzeughalle Diverse Schuppen

Flüchtlingslager 1946–1950 Entstehung Im Februar 1946 kündigte die britische Militärregierung dem Landkreis Soltau die Ankunft größerer Transporte mit Flüchtlingen und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten an, die unterzubringen waren. In der Nachkriegszeit herrschte großer Wohnraummangel für die Bevölkerung aufgrund der vielen Flüchtlinge aus dem Osten des ehemaligen Großdeutschen Reichs und die wohnungslos gewordenen Bewohner von Städten, infolge der alliierten Bombenangriffe. Für die Unterbringung der ankommenden Personen im Landkreis Soltau stellten die Briten die leerstehenden Baulichkeiten des Flugplatzes Reinsehlen mit rund 60 Baracken und zahlreichen Nebenbauten zur Verfügung. Die Baracken hatten zum Teil stattliche Ausmaße und waren bis zu 42 Meter lang. Etwa die Hälfte der Baracken verfügte über ein steinernes Fundament, bei den übrigen, die auf Holzpfählen standen, gab es später Probleme durch verfaulte Pfosten. Die Baracken des entstehenden Flüchtlingslagers standen wegen vorheriger Plünderungen weitgehend leer und wurden von der Gemeindeverwaltung mit dem noch spärlich vorhandenen Material an Öfen, Betten und Mobiliar ausgestattet.

Betrieb Im März 1946 trafen in Reinsehlen die ersten 200 Flüchtlinge aus dem Durchgangslager Uelzen-Bohldamm ein und bezogen das Lager. Im Mai 1946 kamen in einem Sonderzug rund 1.500 Vertriebene an, bei denen es sich überwiegend um ältere Menschen aus Schlesien handelte, die zuvor in einem Lager in Polen untergebracht waren. Dadurch entstand eine enorme Überbelegung der Baracken. Wegen des herrschenden Mangels am Nötigsten prägte sich im Volksmund für das Lager der Begriff Dorf der 1000 Sorgen ein. Bereits während der Kriegszeit gab es für die Wasserversorgung ein Wasserwerk und für die Entsorgung eine Abwasseranlage, die die Abwässer zu den etwa zwei Kilometer entfernt liegenden Rieselfeldern pumpte. Diese Anlagen erwiesen sich als vorteilhaft für die Nutzung als Lager.

In dem vierjährigen Bestehen des Flüchtlingslagers von 1946 bis 1950 lebten dort durchschnittlich etwa 1.500 Personen, wobei es sich um eine der größten Einrichtungen dieser Art in Norddeutschland handelte. Die Bewohner lebten darin mietfrei. Regelmäßig trafen monatlich kleine Kontingente von bis zu 50 Personen ein, die unterzubringen waren. Die Lagerbewohner stammten zum größten Teil aus Schlesien, die übrigen kamen aus Ostpreußen, dem Baltikum, Wolhynien, Galizien und dem Sudetenland. Etwa zwei Drittel der Lagerbewohner waren Fürsorgeempfänger. Es gab nur etwa 200 arbeitsfähige Männer, die vorwiegend in der Landwirtschaft und der Forstwirtschaft tätig waren. Der Rasen des früheren Flugfeldes wurde bereits im Frühjahr 1946 umgepflügt und diente als Acker- und Gartenland zum Anbau von Feldfrüchten, um die Verpflegung der Lagerbewohner aufzubessern.

Im Laufe der Zeit gründeten die Lagerbewohner innerhalb des Geländes kleine Betriebe, wie Ofenmacherei, Korbflechterei, Tischlerei. Eine andere Betätigung zur Geldeinnahme war das Sammeln von Beeren und Pilzen. Im Lager bestand für die rund 350 Kinder eine Schule. Eine Kirche wurde in einer großen Halle eingerichtet, die auch für Kinovorführungen genutzt wurde. Verwaltet wurde das Lager vom Landkreis Soltau. Als Vertretung wählten die Lagerbewohner einen Lagerleiter und einen Lagerrat.

Krankenhaus mini|Baracken des früheren Krankenhauses