mini|Von SS-Truppen im August 1944 ermordete Zivilisten im Warschauer Stadtteil Wola.

Als Massaker von Wola () wird der von der deutschen Besatzungsmacht begangene Massenmord an polnischen Zivilisten des Warschauer Stadtteiles Wola während des Zweiten Weltkrieges bezeichnet.

Kurz nach Ausbruch des Warschauer Aufstandes im August 1944 wurde auf Befehl Heinrich Himmlers die im Wesentlichen aus SS-Einheiten und Abteilungen der Ordnungspolizei bestehende „Kampfgruppe Reinefarth“ zum Sturm auf das von der Polnischen Heimatarmee besetzte Wola befohlen. Im Verlauf der Kämpfe kam es – vor allem zwischen dem 5. und 7. August – neben brutalen Übergriffen vielfach zu Massenexekutionen an der Bevölkerung. Die Zahl der in diesen drei Tagen ermordeten polnischen Zivilisten wird auf etwa 30.000 geschätzt.Artikel Kriegsverbrechen: Männer mit Vergangenheit; bei Eines Tages/Spiegel Online (abgerufen am 23. Oktober 2012)Andreas Mix: vom 5. Juli 2008 bei BerlinerZeitung.de (abgerufen am 21. Oktober 2012)Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-62184-0, S. 310–314. Bis zum 12. August 1944 verloren nach Schätzungen sogar bis zu 50.000 Einwohner Wolas ihr Leben.Jörg Zägel, Reiner Steinweg: Vergangenheitsdiskurse in der Ostseeregion. Band 2: Die Sicht auf Krieg, Diktatur, Völkermord und Vertreibung in Russland, Polen und den baltischen Staaten (= Kieler Schriften zur Friedenswissenschaft. Bd. 15). Lit-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-8258-0203-5, S. 116, Fußnote 123.Edward Pawłowski, Zbigniew Wawer (Hrsg.): Wojsko Polskie w II wojnie światowej. Bellona, Warschau 2005, ISBN 83-11-10119-1, S. 139 (in Polnisch).Małgorzata Danecka, Thorsten Hoppe: Warschau entdecken. Rundgänge durch die polnische Hauptstadt. Trescher, Berlin 2008, ISBN 978-3-89794-116-8, S. 232. Die von Adolf Hitler bestimmte Aktion sollte den Kampfwillen der polnischen Truppen brechen, ihnen den Rückhalt durch die Bevölkerung entziehen und so den deutschen Einheiten erwartete Verluste im Häuserkampf ersparen. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Das Wola-Massaker war, gemessen an den Opferzahlen, das größte Kriegsverbrechen auf europäischem Boden im Zweiten Weltkrieg.Robert Forczyk: Warsaw 1944. Poland’s Bid for Freedom (= Osprey Military Campaign Series. Bd. 205). Osprey Publishing, Oxford 2009, ISBN 978-1-84603-352-0, S. 51 ff.

Warschauer Aufstand

Am 1. August 1944 brach der Warschauer Aufstand im besetzten Warschau aus. Hitler beauftragte entgegen dem Vorschlag des Generalstabschefs Heinz Guderian nicht die Wehrmacht, sondern die SS mit der Niederschlagung dieses Aufstandes, der ihm und Himmler zunächst als ein günstiger Vorwand erschien, um die Stadt Warschau zu zerstören sowie ein abschreckendes Beispiel gegenüber anderen besetzten Gebieten zu schaffen.Earl F. Ziemke: Stalingrad to Berlin. The German Defeat in the East. United States Army – Office of the Chief of Military History, Washington DC 1968, S. 344, Fußnote 78.

miniatur|hochkant=1.5|Von der Heimatarmee eroberte Gebiete in Warschau am 4. August 1944. Der besetzte Teil des Stadtdistrikts Wola befindet sich im westlichen Stück des mittleren Bereiches. miniatur|Einmarsch von Soldaten der Waffen-SS, vermutlich auf der Ulica Chłodna; vermutlich nahe der Mirów-Hallen und deshalb bereits nach dem 8. August 1944. miniatur|SS-Gruppenführer Heinz Reinefarth, der „Schlächter von Wola“, mit Kosaken-Hilfstruppen miniatur|Ein Informant zeigt Reinefarth und seinem Stab Stellungen der Heimatarmee in Wola.

Beteiligte deutsche Einheiten und Führungspersonal Am 3. August ernannte der Reichsführer SS Himmler in Posen zunächst den Höheren SS- und Polizeiführer des Reichsgaus Wartheland, Heinz Reinefarth, zum Verantwortlichen für die Niederschlagung.Catherine Epstein: Model Nazi. Arthur Greiser and the Occupation of Western Poland. Oxford University Press, Oxford u. a. 2012, ISBN 978-0-19-954641-1, S. 295. Dessen Stabschef war Oberst Kurt Fischer.Piotr Rozwadowski: Warszawa 1944–1945 (= Historyczne Bitwy). Dom Wydawniczy Bellona, Warschau 2006, ISBN 83-11-10480-8, S. 102 (in Polnisch). SS-Hauptsturmführer und Kriminalrat Alfred Spilker gehörte ebenfalls zu Reinefarths Untergebenen; er sollte als Leiter des Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (dazu gehörten das Einsatzkommando der Sicherheitspolizei 7a bei der 9. Armee sowie die der Sicherheitspolizei unterstellte Wache des Pawiak-GefängnissesHanns von Krannhals: Der Warschauer Aufstand 1944. Bernard & Graefe Verlag für Wehrwesen, Frankfurt am Main 1962.) einer der Hauptverantwortlichen des Massakers in Wola werden.Wilm Hosenfeld: „Ich versuche jeden zu retten“. Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern. Im Auftrag des Militärgeschichtliches Forschungsamtes herausgegeben von Thomas Vogel. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004, ISBN 3-421-05776-1, S. 1166, Fußnote. Am 3. August meldete der später als „Henker von Warschau“ bezeichnete Reinefarth sich abends auf dem Gefechtsstand der bei Warschau stationierten 9. Armee, der er zunächst unterstellt war. Während des nächsten Tages machte er sich mit der Lage in Warschau vertraut. Am 5. August 1944 meldete er den ersten Tageseinsatz seiner Gruppe noch an den Oberbefehlshaber der 9. Armee, General der Panzertruppe Nikolaus von Vormann.

Am 5. August 1944 erhielt SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski von Hitler den Auftrag zur Niederschlagung des Aufstandes. Er war Himmler direkt unterstellt und ihm wurde der Oberbefehl über alle deutschen Truppen in Warschau (Korpsgruppe „Von dem Bach“) erteilt. Sein Ia wurde der spätere SS-Hauptsturmführer Kurt Krull. Das Korps bestand zunächst aus der „Kampfgruppe Reinefarth“ und der am 2. August 1944 gebildeten von Generalmajor Günther Rohr geführten „Kampfgruppe Rohr“ (daneben verfügte von dem Bach-Zelewski über zahlreiche, kleinere Wehrmachteinheiten – meist in Abteilungs- bzw. Batteriestärke. Dazu gehörten Artillerie-, Infanterie-, Sturmpionier- und Panzergrenadier-Truppen). Zur Unterstützung stand ein Feldersatz-Bataillon der Fallschirm-Panzer-Division „Hermann Göring“ bereit.Samuel W. Mitcham, Jr.: The German Defeat in the East. 1944–1945. Stackpole Books, Mechanicsburg PA 2007, ISBN 978-0-8117-3371-7, S. 110. Ab September 1944 wurde von dem Bach-Zelewski dann auch noch die 19. Panzer-Division unter Generalleutnant Hans Källner zugeordnet.gem. einem von von dem Bach-Zelewski gefertigten Organigramm (Nürnberger Prozesse), in: Adolf Ciborowski: Warschau. Zerstörung und Wiederaufbau der Stadt. Impress-Verlag (PAI), Warschau 1969; S. 57.

In Wola wurde vor allem die „Kampfgruppe Reinefarth“ unter ihrem Kommandeur Reinefarth eingesetzt. Sie umfasste zum Teil kampferprobte und bereits in der Vergangenheit durch ihr brutales Vorgehen aufgefallene Einheiten der SS und bestand aus etwa 6000 Mann. Kern der Gruppe war die berüchtigte SS-Sondereinheit „Dirlewanger“ des SS-Standartenführers Oskar Dirlewanger, die aus zwei Bataillonen bestand und aus Lyck angefordert worden war. Zunächst verfügte der über den Vorort Sochaczew herangeführte Dirlewanger nur über 16 Offiziere und 865 Mannschaften. Am 4. August 1944 wurde seine Einheit mit rund 1900 Insassen der SS-Strafvollzugsanstalt Danzig-Matzkau aufgefüllt und ihre Bezeichnung in „Sturmbrigade“ geändert. In den folgenden Tagen erhielt Dirlewanger weitere 600 Männer. Dirlewanger wurde noch ein drittes Bataillon – das II. Aserbaidschanische Bataillon „Bergmann“ – zugeordnet.Die Angaben zu Unterstellungen und Personalstärken – zu bestimmten Zeitpunkten – sind in unterschiedlichen Primärquellen (z. B. Truppenstärke-Meldungen des AOK 9) und Sekundärliteratur häufig widersprüchlich.

Der zweite Truppenteil der Reinefarth-Gruppe waren Einheiten der Ordnungspolizei, die aus Posen abgezogen worden waren. Diese, auch als „Posener Gruppe“ bekannte Truppe hatte ursprünglich aus 16 Gendarmerie-Kompanien aus Posen, Gnesen, Rawitsch, Pabianitz und anderen Städten bestanden. Aufgrund von Verlusten hatte sie auf zwei Polizei-Regimenter mit zusammen 12 Kompanien reduziert werden müssen. Zu der Posener Truppe gehörte auch eine Kompanie der SS-Junkerschule Braunschweig aus Posen-Treskau. Die insgesamt knapp 3000 Mann starken Einheiten waren nur unzureichend mit schweren Waffen ausgerüstet.

Schließlich war der Gruppe auch das Sicherungsregiment 608 der 203. Sicherungs-Division mit seinen drei Bataillonen – bestehend aus 20 Offizieren sowie rund 600 Mannschaften und Unteroffizieren – unter Oberst Willi Schmidt zugeordnet.Józef Kazimierski u. a. (Hrsg.): Dzieje Woli. Państwowe Wydawnictwo Naukowe, Warschau 1974, S. 400 (in Polnisch). Die Soldaten dieser Einheit waren wegen ihres Alters vom Frontdienst zurückgestellt worden und für den folgenden Häuserkampf ebenfalls nur bedingt geeignet.

Verlauf Himmler hatte, dem Wunsche Hitlers folgend, Anweisung gegeben, gegenüber Kombattanten und Zivilpersonen keine Gnade walten zu lassen. Mithilfe der Anwendung von Terrortaktiken sollte der Wille der Aufständischen gebrochen werden. Bei den späteren Nürnberger Prozessen schilderte von dem Bach-Zelewski sein erstes Zusammentreffen mit dem bis dahin zuständigen Reinefarth in Warschau:

Von dem Bach-Zelewski, bislang zur Beaufsichtigung von Festungsanlagen an der Weichsel bei Zoppot abkommandiert,Janusz Piekałkiewicz: Kampf um Warschau. Stalins Verrat an der polnischen Heimatarmee 1944. F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 1994, ISBN 3-7766-1699-7. erreichte nach Flug von Danzig nach Breslau und Autofahrt von dort nach Warschau, Teil 4 der Serie: Warsaw Uprising of 1944 bei Polonia Today Online, Polonia Media Network, Chicago (in Englisch, abgerufen am 26. Oktober 2012). die Stadt am 5. August um 17 Uhr. Seinen Stab brachte er zunächst in Sochaczew unter. Zu dem Zeitpunkt kämpften und mordeten deutsche Einheiten bereits seit mehreren Stunden in Wola.

miniatur|Abgeführte Zivilisten passieren auf der Ulica Wolska einen deutschen Marder II. miniatur|Jüdische Gefangene des Gęsiówka-Lagers nach ihrer Befreiung durch polnische Heimatarmee-Einheiten am 5. August 1944

5. August 1944 Reinefarth richtete seinen Befehlsstand am Eisenbahnviadukt an der Wolska ein. Ihm standen am Morgen des 5. August 1944, später als „Schwarzer Samstag“ (Czarna Sobota)Barbara Chojnacka: Czarna sobota na Woli vom 7. August 2012 bei Solidarni2010.pl (in Polnisch, abgerufen am 25. Oktober 2012). bezeichnet, rund 5000 Soldaten zur Verfügung, um die Truppen der Aufständischen in Wola auszuschalten und den Generalleutnant und Stadtkommandanten Rainer Stahel und dessen von der Heimatarmee eingeschlossenen Stab sowie den Warschauer Gouverneur Ludwig FischerNiels Gutschow, Barbara Klain: Vernichtung und Utopie. Stadtplanung Warschau 1939–1945. Junius, Hamburg 1994, ISBN 3-88506-223-2, S. 132. im Brühl-Palast zu erreichen. Einige seiner Einheiten (vor allem Polizisten) hielt er als Reserve dieses ersten Gegenangriffs deutscher Truppen nach Beginn des Aufstandes zurück.