Brasilianische Literatur ist die in portugiesischer Sprache verfasste Literatur aus Brasilien. Dabei ist zwischen der Literatur vor und nach der Unabhängigkeit 1822 zu unterscheiden. Die Literatur vor der Unabhängigkeit wurde zumeist von Portugiesen geprägt, die zwar oftmals in Brasilien geboren wurden, sich aber als Portugiesen betrachteten. Berühmtester Vertreter war der „Apostel Brasiliens“ António Vieira. Einflüsse der schriftlosen indigenen Völker sind von Anfang an spürbar, jedoch nur in indirekter Form: Ihre Gedichte und Erzählungen, Gesänge und Tänze beeinflussten Rhythmus und Satzmelodie der brasilianischen Sprache und Dichtung von Anfang an.Ferdinand Wolf: Le Brésil littéraire. Histoire de la littérature brésilienne. Asher, Berlin 1863, S. 1.
Nach der Unabhängigkeit des Landes 1822 entwickelte sich eine seit Mitte des 19. Jahrhunderts allerdings nur zögernd als eigenständig wahrgenommene brasilianische Literatur, die auch Bezug auf die afrikanischen und indigenen Minderheiten nahm und bis heute stark expandiert. In Europa ist die Aufmerksamkeit für sie allerdings geringer als für die Literatur der spanischsprachigen Länder Lateinamerikas. Dies ist zum großen Teil der weitgehend auf fünf Länder (neben Brasilien) beschränkten Verbreitung der portugiesischen Sprache geschuldet, von denen vier in Afrika liegen.
Anfänge: Kolonialzeit ab 1500 Allgemeines siehe auch:
Erste Reiseberichte mini|hochkant=0.8|Brief des Pêro Vaz de Caminha Für die Periode von 1500 bis 1700 sind vor allem Reiseberichte und insbesondere Missionsberichte aus portugiesischer Quelle überliefert. Pero Vaz de Caminha, der Steuermann des portugiesischen Seefahrers und Brasilien-Entdeckers Pedro Álvares Cabral, beschrieb als erster Europäer Brasilien überhaupt und die Landung der Flotte an der Küste von Salvador da Bahia in einem 27 Seiten langen Brief, dem Carta a el-rei D. Manuel sobre o achamento do Brasil, kurz als „Brief des Pero Vaz de Caminha“ bekannt, im Jahr 1500 an den portugiesischen König Manuel I.Eine Transkription in originaler und heutiger Schreibung findet sich in der portugiesischen WikiSource.
Viele portugiesische Reisende wie Manuel da Nóbrega (1517–1570) oder Gabriel Soares de Sousa (1540–1591) in seinen Notícia do Brasil, erst 1851 vollständig als Tratado Descriptivo do Brasil em 1587 erschienen, beschrieben Brasilien aus ethnologischer, anthropologischer und biologischer Sicht. Ihre Werke geben Einblicke in die Flora, Fauna und der Erstkontakte mit der indianischen Urbevölkerung im Brasilien des 16. Jahrhunderts.
Die Beschreibungen des deutschen Militärs und Söldnerkommandanten Hans Staden sind die ersten eines Nicht-Portugiesen zu diesem Thema. Er beschrieb darin seine Erlebnisse im Dienst der portugiesischen Gouverneure in Brasilien, untermischt mit Erzählungen über die indigene Bevölkerung des Landes.Hans Staden: Warhaftige Historia. Zwei Reisen nach Brasilien (1548–1555). Historia de duas viagens ao Brasil. Kritische Ausgabe durch Franz Obermeier; Fontes Americanae 1; Kiel 2007, ISBN 3-931368-70-X.Franz Obermeier: (PDF; 114 kB). In: Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas. Böhlau, Köln/Weimar/Wien, 38. 2001, S. 49–72. Fernandes Brandâo schildert 1618 die landwirtschaftlichen Potenziale Brasiliens hingegen bereits aus der Sicht des sklavenhaltenden Kolonisten.
Die Barockzeit Der Jesuit José de Anchieta (1537–1597) schrieb volkstümliche Mysterienspiele für die Indianer, an denen sie selbst mitwirkten. Dem nach Brasilien ausgewanderten Portugiesen Bento Teixeira (1561?–Juli 1600) werden mehrere Werke zugeschrieben. Erwiesen ist seine Autorenschaft nur für das erste barocke Epos Brasiliens, die Prosopopeia (1601), in dem er die Taten des damaligen Gouverneurs von Pernambuco, Jorge de Albuquerque Coelho, und seines Bruders Duarte in Afrika und Brasilien beschrieb, möglicherweise in Erwartung finanzieller Zuwendungen. Er verfasste das Werk in einem portugiesischen Kloster, in das er sich wegen des Mordes an seiner Ehefrau geflüchtet hatte. Diese hatte ihn der Blasphemie und der Ausübung jüdischer Rituale bezichtigt. Zu dieser Zeit wurden auch die Cristãos-novos, die bekehrten Juden verfolgt. Er bekannte schließlich, Anhänger des jüdischen Glaubens gewesen zu sein, die verhängte Todesstrafe wurde aber abgewendet und er starb im Gefängnis. Die fünfteilige Form des Werks entspricht dem portugiesischen Nationalepos Os Lusíadas (1572) von Luís de Camões; es ist als Zehnsilbler verfasst und wird durch eine latinisierte Syntax verkompliziert. In dem Werk zeigt sich zuerst (in der Beschreibung Pernambucos) der brasilianische nativismo, der sich später vor allem in der arkadischen und romantischen Landschaftsbeschreibung findet.Bento Teixeira in: Enciclopedia Itaú Cultural (portugiesisch) mini|hochkant|Antônio Vieiras Historia do Futuro („Geschichte der Zukunft“, 1649) In den Kämpfen gegen Engländer und Holländer (letztere hatten sich 1630–1654 in Pernambuco festgesetzt und auch den Juden Religionsfreiheit gewährt) erwachte ein frühes Nationalgefühl der Brasilianer, das das Gefühl der völligen kulturellen Abhängigkeit vom Mutterland zurückdrängte. Es schlug sich nieder in der História da custódia do Brasil (1627) des Franziskaners Vicente do Salvador (1564–1636). Zu dieser Zeit war die Hauptstadt São Salvador da Bahia das kulturelle Zentrum des Landes. Bahianer waren auch der Lyriker Manuel Botelho de Oliveira (1636–1711), der mit Música do Parnaso (1705) das lyrische Hauptwerk des Barock verfasste, der Prosadichter Nuno Marques Pereira (1652–1728) sowie Gregório de Matos (1636–1696). Dieser gilt mit seinen Sonetten, in denen er schwarze Frauen und Mulattinnen verehrte und Adel und Klerus kritisierte, als erster der bedeutenden Lyriker Brasiliens und Vertreter des Gongorismus, eines extrem verschraubt-manierierten Stils.Brasilianische Literatur. 1988, S. 287. Er bekam wegen seiner scharfen Satiren den Beinamen Höllenmaul und musste wegen seiner kritischen Haltung zeitweise nach Angola ins Exil gehen.
Als Prediger, Gegner der Inquisition und Kritiker kolonialer Missstände trat der aus Portugal zugewanderte Padre Antônio Vieira hervor, der wegen Häresie angeklagt, aber rehabilitiert wurde. Der Vorläufer der Befreiungstheologie wurde offenbar auch vom jüdischen Messianismus beeinflusst. In seiner nur scheinbar paradox betitelten „Geschichte der Zukunft“ (denn diese war von Beginn der Zeit festgelegt) forderte er die Niederlassungsfreiheit für Juden, da ihre Konversion zum Christentum angesichts der bevorstehenden Apokalypse ohnehin erfolgen werde.
Das späte 18. Jahrhundert: Arcadismo Im 18. Jahrhundert verschärften sich die Gegensätze zwischen Brasilien und dem Mutterland. Die lokale Literaturproduktion wurde durch das seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1808 herrschende Druckverbot stark behindert. Da in Brasilien auch Schriften von durch die Inquisition verfolgten Autoren gedruckt worden waren, gab es jahrzehntelang weder eine gedruckte Presse noch Buchverlage. Das Verbot wurde erst aufgehoben, als die königliche portugiesische Familie vor den napoleonischen Truppen nach Brasilien floh. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand daher keine eigenständige koloniale Literatur. Zunächst stand die koloniale Vergangenheit aus portugiesischer Sicht im Fokus, wobei die Bücher in Portugal gedruckt werden mussten.
mini|Caramuru Gedicht über die Entdeckung Bahias von Frei José de Santa Rita Durão, Titelseite der ersten Ausgabe 1781. José Basílio da Gama stellt in seinem Blankvers-Epos O Uraguay (1769) den Kampf der Portugiesen gegen einen von den Jesuiten geschürten Indioaufstand in Uruguay dar. Diese Erzählung ist in lyrische Naturbeschreibungen eingebettet. Damit verweist der Arcadismo bereits auf die Romantik. Da Gama wurde nach seiner Übersiedlung nach Portugal der Sympathie für die Jesuiten bezichtigt, fand aber Schutz beim Marqués de Pombal. Der Mönch José de Santa Rita Durâo (ca. 1722–1784) schildert in seinem Heldenepos Caramurú (1781) die Entdeckung Bahias um 1510, das Leben eines schiffbrüchigen Portugiesen unter den Indios und die Gründung Rio de Janeiros im Versmaß der Lusiaden. Zeitweise musste er nach Italien, Frankreich und Spanien fliehen; er starb in Lissabon.
Im späten 18. Jahrhundert verschob sich der kulturelle Fokus in die Goldminengegend des reichen Minas Gerais. Dort hatte sich im wirtschaftlichen Zentrum der Region Vila Rica, dem heutigen Ouro Preto, eine separatistisch-republikanische Bewegung gebildet, die sich zunehmend von den Vorbildern des Mutterlandes emanzipierte.Wolf 1863, S. 2. Die von der Aufklärung beeinflussten Dichter, die ihr angehörten, agierten verstärkt politisch. Der Beginn dieser Bewegung wird auf das Herausgabedatum 1768 der anakreontischen Dichtung Obras poéticas von Cláudio Manuel da Costa (1729–1789) angesetzt, der in Vila Rica eine Akademie gründete und auch Adam Smiths Hauptwerk The Wealth of Nations ins Portugiesische übersetzte. 1770 wurde in Vila Rica ein Opernhaus gegründet, das später einer reichen Theaterkultur als Spielstätte diente. Der kulturelle Einfluss Portugals ging in der Folge zurück, der Einfluss Frankreichs – vor allem des Neoklassizismus und der Bukolik des französischen Rokoko, hier ArcadismoArcadismo auf educacao.globo.com genannt – nahm zu. Aber auch der brasilianische Nationalismus wurde durch diese Bewegung gestärkt, der das Beispiel der amerikanischen Unabhängigkeit 1776 vor Augen stand. mini|hochkant|links|Tomás Antônio Gonzaga, Vertreter des Arcadismo und Anführer der Inconfidência Mineira Einer der Autoren dieser Dichterschule des Arcadismo (auch Escola Mineira genannt), Tomás Antônio Gonzaga (1744–1810), stand mit an der Spitze der von der Regierung 1792 niedergeschlagenen Freiheitsbewegung Inconfidência Mineira, zu deren geistigen Urhebern auch der 1789 unter unklaren Umständen verstorbene da Costa sowie der Dichter Inácio José de Alvarenga Peixoto (1742–1792) gehörten.
Gonzaga wurde als bedeutendster Lyriker der Zeit durch sein Werk Marília de Dirceu bekannt und gilt als Autor des anonym veröffentlichten satirischen Werkes Cartas Chilenas (Chilenische Briefe), das ein Porträt der kolonialen Gesellschaft zeichnet.Brasilianische Literatur im Brasilienportal, Zugriff am 19. September 2013. Er starb an seinem Verbannungsort in Mosambik, Peixoto in der Verbannung in Angola.
Seit den 1770er Jahren entstanden weitere Akademien, Seminare und teils kurzlebige literarische Gesellschaften wie die Sociedade Literária do Rio de Janeiro, die zunächst Abbilder der entsprechenden Einrichtungen im Mutterland – wenn auch mit gewissem Modernitätsrückstand – waren, jedoch zu Sammelbecken der kritischen und freimaurerischen kreolischen Intellektuellen wurden. Die dort gehegten Gedanken der Aufklärung beeinflussten den Sklavenaufstand von Bahia 1798. Vor allem bereiteten sie aber die Revolte von Pernambuco 1817 vor, welche sich gegen die Anwesenheit des Königs João VI richtete. Dieser regierte von Rio der Janeiro aus das Vereinigte Königreich von Portugal und Brasilien, vernachlässigte aber den nach Missernten unter Hunger leidenden Nordosten des Landes und enttäuschte die Hoffnungen von São Salvador da Bahia, wieder zur Hauptstadt zu werden.
Von der Unabhängigkeit bis 1900 Brasilien wurde 1822 von Portugal unabhängig und erlebte seitdem als eigenständige Nation eine reiche literarische Blüte. Gerade das 19. Jahrhundert brachte sehr berühmte brasilianische Autoren wie José de Alencar (1829–1877), Casimiro de Abreu (1839–1860) oder Joaquim Maria Machado de Assis (1839–1908), den wohl bedeutendsten Schriftsteller Brasiliens im 19. Jahrhundert, hervor.