mini|Österreichischer Liegewagen in Nightjet-Farbgebung

Ein Liegewagen (in der Schweiz: Couchette) ist ein Reisezugwagen mit Sitzabteilen, deren Sitze zum Schlafen in eine Art Pritsche (einfaches Bett) umgewandelt werden können. Im Unterschied zu Schlafwagen weisen Liegewagen eine höhere Belegungsdichte (36 bis 60 Liegen pro Wagen) und bieten neben geringerem Komfort zumeist auch weniger Privatsphäre, weshalb die Preise niedriger als im Schlafwagen sind. Wagen, die mittels sehr kleiner Einzelplatzabteile Privatsphäre und hohe Belegungsdichte vereinen, sind ebenso als Liegewagen klassifiziert.

In den 1950er Jahren begannen mehrere europäische Bahnen mit der Beschaffung moderner Liegewagen. Sie wurden sowohl in regulären Nacht-Schnellzügen eingesetzt, um breiteren Bevölkerungsschichten ein bequemeres Reisen bei Nacht zu ermöglichen, als auch in besonderen Zügen für Reisebüros, wobei die Fahrt als Teil einer Pauschalreise angeboten wurde.

Geschichte Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft Zum 1. Januar 1922 führte die Deutsche Reichsbahn versuchsweise in einem Durchgangszug-Paar zwischen Köln und Berlin „Schlafwagen 3. Klasse“ ein. Die Gattungsbezeichnung lautete WLC 4 ü.Reichsbahndirektion in Mainz (Hrsg.): Amtsblatt der Reichsbahndirektion in Mainz. 14. Oktober 1922, Nr. 62. Bekanntmachung Nr. 1167, S. 702f. Die Wagen boten 12 Abteile zu je drei Plätzen, Bettwäsche wurde aber nicht gestellt. Vom Komfort her war das eine Mischung zwischen Schlafwagen 2. Klasse und den späteren Liegewagen.Eisenbahndirektion in Mainz (Hrsg.): Amtsblatt der Eisenbahndirektion in Mainz. 7. Januar 1922, Nr. 1. Bekanntmachung Nr. 27, S. 13.

Deutsche Bundesbahn Vorläufer im Turnusverkehr waren die aus Eilzugwagen der Vorkriegsbauart entstandenen Reisebüro-Sonderzugwaggons, die mit Hängematten ausgestattet waren.

mini|hochkant|Frisierabteil im Touropa-Wagen, 1953 Die DB ließ ab ca. 1953 erste Liegewagen bauen und in Dienst stellen, die gemäß den Vorstellungen vor allem der Touropa, vertreten durch Dr. Degener, für den Turnusverkehr gestaltet wurden. Diese ersten Liegewagen der Bauart CL4ümg-53 (später Bcm 251) blieben in DB-Eigentum und wurden an die Reiseveranstalter wie Touropa, Scharnow und Hummel vermietet. 1954 kam die Gattung CL4ümg-54 (später Bcm 241) hinzu, die ab Sommerfahrplan zum 3. Juni 1956 in den Regelnachtzügen der DB eingesetzt wurden. Diese Wagentypen war Vorläufer der späteren UIC-Bauart X. Diese besaßen zwölf Abteile, wovon zehn bis elf für Liegezwecke vorbehalten waren; in den Wagen für die Reiseveranstalter wurden auch Abteile als Küchenraum, Übertragungsraum bzw. sogar in einzelnen Wagen als Friseurraum genutzt.

Im planmäßigen Verkehr der DB kamen Liegewagen spätestens ab dem Sommerfahrplan 1955 zum Einsatz.Bundesbahndirektion Mainz (Hg.): Amtsblatt der Bundesbahndirektion Mainz vom 27. Mai 1955, Nr. 21. Bekanntmachung Nr. 293, S. 131. Zur Nutzung war eine Fahrkarte 3. Klasse und die Zahlung einer „Benutzungsgebühr“ in Höhe von 5 DM erforderlich.Bundesbahndirektion Mainz (Hg.): Amtsblatt der Bundesbahndirektion Mainz vom 24. Juni 1955, Nr. 25. Bekanntmachung Nr. 354, S. 161. Die Liegewagen wurden in der Folgezeit verfeinert. Es entstanden spezielle Waggons mit sogenannten Vorzugsabteilen für die Sonderzüge von Reisebüros.

mini|DB-Liegewagen Bcm 243 in der 1964 bis 1974 verwendeten kobaltblauen Farbgebung Für den normalen Reiseverkehr wurden ab 1963 modifizierte Wagen der Bauart Bcm 243 angeschafft, die nur noch elf Abteile (die Schnellzug-Wagen hatten weiter zwölf) enthielten, wofür eines Begleitzwecken diente. Für den Turnusverkehr entstanden 27,5 Meter lange Turnus-Liegewagen mit Vorzugsabteilen in Wagenmitte der Bauart Bctm 256. Sie waren die längsten Liegewagen Europas. Die Vorzugsabteile in den Reisebüro-Liegewagen konnten wahlweise zu einem Großabteil zusammengelegt werden.

mini|Abteil mit sechs Liegen, Leiter und Relings klappbar (Bauart Bvcmbz249.1 nach Modernisierung 2011) Die Liegewagen der DB hatten ursprünglich einen grünen Anstrich und wurden ab der Klassenreform 1956 in blau für Touropa ausgeführt, und in Laubgrün für Scharnow. Die DB Wagen für den Planverkehr und die Wagen für Hummel Reise erhielten einen Anstrich in Chromoxidgrün. Ab 1964 wurden Liegewagen in Kobaltblau ausgeliefert bzw. nach und nach umlackiert. Einige Liegewagen bekamen 1972 eine sogenannte Pop-Lackierung in Kieselgrau mit Fensterband in Blaulilla, Rotviolett oder Kobaltblau. Ab 1974 erhielten die Liegewagen der DB, einschließlich der von den Touristikunternehmen übernommenen Wagen, einen Anstrich in ozeanblau/elfenbein (RAL 5020 und RAL 1014).

Die 1986 eingeführten Produktfarben der Deutschen Bundesbahn bekam die DB-Liegewagen nicht, obwohl die Kombination blau/weiß der Interregios, vorgesehen war, die für Fernverkehr stand. Der neue Farbgebung war aber anfangs spezifisch für neue, modernisierte oder besondere Wagen bestimmt. Erst ab 1996 wurde bei Liegewagen der DB der damals neue rot/weiße Fernverkehrsanstrich in Zusammenhang mit den Modernisierungen eingeführt. Einige der modernisierten Wagen in nachtblauer Lackierung nutzte die Bahn in den City-Night-Line-Zügen.

Für den TUI-FerienExpress der Touristik Union International (TUI), die aus Touropa und Scharnow hervorging, wurden ab Ende 1979 Liegewagen mit höherem Komfort gebaut (nur fünf Betten pro Abteil, Klimaanlage). Diese Wagen wurden später an die NS verkauft und gingen nach dem Ende des Nachtreisegeschäfts der NS an verschiedene Sonderzugbetreiber, heute werden einige Wagen von MSM und TRI betrieben.

Die Deutsche Bundesbahn hatte mit der Tochtergesellschaft DSG einen Vertrag über die Bewirtschaftung und Personalgestellung von Betreuern für die Liegewagen abgeschlossen. Für die planmäßigen Nachtzüge (Regelzüge) stellte somit die DSG die Liegewagenbetreuer über viele Jahre; diese Tätigkeit wurde häufig von studentischen Aushilfskräften ausgeübt, die meistens über Jahre in den Semesterferien und an Feiertagen wie Weihnachten und Ostern bei der DSG arbeiteten.A. Gärtner: Die Reise- und Arbeitswelt der 70er Jahre: Liegewagenbetreuer bei der Deutschen Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft (DSG). Eisenbahn- und Heimatmuseum Erkrath-Hochdahl e. V., Erkrath 2018, ISBN 978-3-00-060833-9.

Deutsche Reichsbahn mini|Liegewagen des Typs Y/B70 (Baujahr 1979)

Als eine der ersten Neubeschaffungen nach Kriegsende erschienen 1951 die ersten Liegewagen, zunächst als Schlafwagen dritter Klasse (WLC4ül-50) eingeordnet. Sie entsprachen mit eingezogenen Einstiegstüren, Senkfenstern, Faltenbalg-Wagenübergängen und der Länge über Puffer von 21,27 m wagenbaulich den Schnellzugwagen der Einheitsbauart und liefen auf Drehgestellen der Bauart Görlitz III leicht. Die Liegen waren mit grünem Kunstleder bezogen. Teilweise wurden diese Wagen später umgebaut, dabei erhielten sie Fenster, bei denen nur noch das obere Drittel mittels einer Kurbel geöffnet werden konnte. Ausgemustert wurden sie um 1980, nachdem sie in den letzten Jahren zuvor nur noch als Sitzwagen eingesetzt wurden.

Auf Basis der B und Y/B-70-Wagen beschaffte die DR Liegewagen, die sonst weitgehend den Sitzwagen glichen. Solche Wagen wurden auch an andere osteuropäischen Eisenbahnverwaltungen geliefert.

Die Lieferung 1964 entsprach dem Typ B mit rechteckigem Grundriss, auffällig waren die mit lindgrünem Sprelacart verkleideten Innenwände. Neu war, dass Tagessitz- und Liegefläche getrennt waren, da die Liegen in die Nachtstellung heruntergeklappt wurden. Die Liegeflächen waren damit im Gegensatz zu denen der DB-Wagen absolut eben. Wegen der Dachwölbung waren die oberen Liegen am Fußende eingezogen. 1979 wurde eine neue Serie, dem Typ Y/B 70 entsprechend, geliefert. Die DR erhielt 60 Fahrzeuge, die ČSD ebenfalls, die MÁV 30 und die BDŽ 20. Die Wagen hatten Einstiege mit dritter Trittstufe, Wandverkleidungen mit Mahagonidekor und textilbezogene Liegeflächen. Die DR-Wagen waren zuerst dunkelgrün lackiert, ab den frühen 1980er Jahren erhielten sie ebenso den üblichen chromoxidgrün-beigen Lack der DR-Reisezugwagen.

Ab 1984 folgten 50 Liegewagen in UIC-Z-Bauart mit 26,4 Meter langen Fahrzeugen, die sonst den Halberstädter Wagen glichen, aus dem Waggonbau Bautzen. Diese Bauart lief vollständig auf Drehgestellen der Bauart GP200, bei 20 Wagen anfangs mit Magnetschienenbremse. Die ursprünglich eingebaute Dampfheizung wurde später ausgebaut. Ein Teil dieser Wagen wurde an Bahntouristikexpress und später an die Schienenverkehrsgesellschaft verkauft.

Alle DR-Liegewagen ab dem Baujahr 1964 hatten aufgrund ihrer Ableitung von den Sitzwagen im Vergleich zu denen der DB (acht Sitzplätze im Abteil statt sechs, dafür keine Notsitze im Gang) einen etwas schmaleren Seitengang und dadurch längere Liegeflächen.

Österreich Ehemalige Bauarten Sportliegewagen Bauart 1932 In den Jahren 1932 bis 1937 baute die österreichische BBÖ 15 ältere zweiachsige Wagen in Sportliegewagen um. Diese hatten vier Abteile zu je sechs Liegeplätzen und einen Abort, sie wurden überwiegend in Wintersportzügen eingesetzt. Nach 1945 wurden die noch vorhandenen Wagen in Sitzwagen rückgebaut.

Bc4üh 31 660 – 681 In den Jahren 1954 bis 1956 lieferte SGP Simmering 22 Liegewagen mit der Bezeichnung Bc4üh, wobei die ersten 12 Wagen (660 – 671) zu Beginn noch als SC4üh (Sonderwagen 3. Klasse, vierachsig, geschlossener Übergang, elektrische Heizung) bezeichnet wurden. Es waren die ersten Reisezugwagen der ÖBB mit einer Gesamtlänge von 26,4 m.

Innen waren die Wagen mit zwölf Abteilen zu je sechs Plätzen ausgestattet, wobei ein Abteil als Dienstabteil verwendet wurde. Das erste Baulos (660 – 671) besaß drei Waschräume, das zweite Baulos (672 – 681) derer vier. Zu Beginn hatte die Wagen Übersetzfenster der Bauart Wegmann, die allerdings beim großen Umbau 1961 durch jene der Bauart VMW mit Gummidichtung ersetzt wurden. Weiters wurden Regenleisten angebracht, die Drehgestelle der Bauart SGP 53 mit Stoßdämpfern ausgerüstet und die Wiegeblattfedern durch Schraubenfedern ersetzt, wodurch sich die Bezeichnung auf SGP 53U änderte. Der Innenraum wurde mit Dekorplatten verkleidet und die Kunstlederbezüge der Sitze durch Wollplüschbezüge getauscht. Die Anzahl der Plätze verringerte sich durch den Einbau eines vollwertigen Dienstabteils von 72 auf 66. Die Wagen des ersten Bauloses erhielten einen weiteren, vierten Waschraum.

Mit der Einführung des neuen UIC-Nummernschemas im Jahr 1968 änderte sich die Bezeichnung der Wagen auf Bcm 51 81 51-50 000 bis 021 sowie die Beschriftung: Die bisherige Anschriftentafel links unten fiel weg, die Wagennummer wurde in der Kastennummer abgebracht und die metallenen Wagenklassenziffern durch Klebeziffern ersetzt. Ca. ab 1970 wurden Raucher- und Nichtraucher-Piktogramme angebracht.

Zwischen 1967 und 1974 erfolgte die Ausstattung mit Drehgestellen der Bauarten SGP IVb, SGP Va und Wegmann 15. Ebenfalls in den 1970er-Jahren wurden Gummiwulstübergänge eingebaut. 1979 erhielten die Wagen eine neue Lackierung anstelle der bisherigen in Tannengrün, Tiefschwarz und Weißaluminium: RAL 5002 (Ultramarinblau) für den Wagenkasten und die Schürzen, RAL 1014 (Elfenbein) für die Gliederungsstreifen und das Dach, RAL 7022 (Umbragrau) für das Fahrwerk und RAL 9005 (Tiefschwarz) für die Drehgestelle. Ab 1982 wurden sowohl das Dach als auch die Drehgestelle umbragrau lackiert.

Bc4üh 31 700 – 711 Die zweite Serie an Liegewagen wurde von SGP im Jahr 1960 geliefert. Sie entsprach weitgehend der Vorgängerserie. Die Stirnseiten mit den Gummiwulstübergängen wurden neu gestaltet, die außenbündigen Drehtüren ließen sich nun nach innen öffnen.

Die Wagen waren mit zehn Abteilen zu je sechs Plätzen, einem Schaffnerabteil, vier Toiletten (je zwei am Wagenende) sowie zwei Waschräumen mit je drei Waschbecken ausgestattet. Auch bei diesen Wagen erfolgte in den 1960er-Jahren die oben erwähnten Umbaumaßnahmen (Fenster, Drehgestelle …).