mini|Georges Sorel
Georges Eugène Sorel (* 2. November 1847 in Cherbourg; † 29. August 1922 in Boulogne-sur-Seine) war ein französischer Sozialphilosoph und Vordenker des Syndikalismus.
Sorel war Gegner der liberalen Demokratie. Selbst keiner konkreten politischen Strömung zugehörig, hatte er Einfluss auf viele antiliberale politische Bewegungen, insbesondere durch seine positive Interpretation politischer Gewalt, die die Gesellschaft kräftige und sittlichen Verfall aufhalte.Gaetan Picon (Hrsg.): Panorama des zeitgenössischen Denkens. S. Fischer, 1961, S. 291.
Leben und Wirken Georges Sorel wurde 1847 im französischen Cherbourg geboren. Er wuchs in einer bürgerlichen Familie auf und arbeitete viele Jahre als Beamter im Straßen- und Brückenbauwesen in Frankreich. Während dieser Jahre verlief sein Leben strebsam und unauffällig. Ihm wurde das Kreuz der Ehrenlegion verliehen und er wurde zum Chefingenieur ernannt. Mit 42 Jahren begann er zu schreiben und konnte durch Ansparungen und Erbschaften sein Amt niederlegen, um sich voll und ganz der Wissenschaft zu widmen. Ab hier beginnt eine Zeit, in der Sorel mehrere philosophiepolitische Phasen durchläuft. Er beginnt mit einem traditionell philosophischen Stadium, in dem er unter anderem auch monarchistische Positionen vertrat.
1892 veröffentlichte er die drei Aufsätze Die alte und die neue Metaphysik, in denen er sich vom traditionellen Denken abwendet und sich selbst als fortschrittlichen Sozialisten bezeichnet. Die Jahre von 1893 bis 1898 waren geprägt von seiner Mitarbeit an verschiedenen sozialistischen Zeitschriften. Dabei wurde er stark durch die Ideen von Karl Marx beeinflusst. Ihnen widmete Sorel zahlreiche kritische Analysen und übernahm daraus einige Begriffe, wie zum Beispiel den Klassenkampf, für sein eigenes Denkmodell.
Der Theoretiker, welcher schlussendlich den Sozialismus für Sorel attraktiv machte, dürfte aber Pierre-Joseph Proudhon gewesen sein. Ähnlich wie bei Marx interessiert sich Sorel nicht für dessen Umsetzung des Sozialismus in der realen Welt, sondern vielmehr für das aufgezeigte Menschenbild. Sorel war vom Syndikalismus, wie ihn Proudhon vertrat, durchaus angetan und schrieb dazu einige radikal revolutionäre Werke. Einen großen Einfluss hatte er mit seinen Ideen auf syndikalistische Gewerkschaften aber nicht. Er lebte weiterhin ein ruhiges und zurückgezogenes Leben in der Nähe von Paris und behielt eine gewisse Distanz zu politischen Bewegungen, auch wenn er selbst deren Positionen vertrat.
Die Dreyfus-Affäre erschütterte auch Sorel tief. Sie hatte in Frankreich eine scharfe Trennung zwischen dem Staat und der Kirche zur Folge. Der Hintergrund war, dass 1898 erste Zweifel an der Schuld von Dreyfus aufkamen und die „republikanische Aristokratie“ (Sorel zitiert nach Freund 1972, 109) die Zügel um Gerechtigkeit in die Hände nahm. Zuerst kämpfte Sorel noch an der Seite der Dreyfusaner (hauptsächlich linke Intellektuelle) und betrachtete die Affäre als einen Kampf ums Recht, genauer um die reine Rechtsordnung ohne politische Ideale. Ihn faszinierte vor allem, wie die Sozialisten mit Leidenschaft für die Gerechtigkeit eintraten. Als aber die Gegner (hauptsächlich Nationalisten und die Kirche) von Dreyfus und damit die Gegner der politischen Reformen, durch eine Welle antisemitischer Leidenschaft eine Masse bildeten, änderte Sorel seine Ansichten. Er sah nun einen Aufstand der Massen gegen die republikanische Aristokratie. Die Kirche, welche mit dieser Leidenschaft ein Bündnis einging, erweckte die Massen zu Protesten. Der Antisemitismus ist für Sorel die treibende Kraft im Aufstand des „armen Volkes“ gegen eine dekadente Intellektualität. Dieser Antisemitismus ist im Gegensatz zum Sozialismus instinktiv in den Menschen vorhanden und muss nicht erzwungen werden. Für Sorel ist er somit auch eine treibende Kraft in der Demokratie und mobilisiert die Massen gegen eine besserwisserische und beherrschende Oberschicht.
Was Sorel erschütterte, war die Tatsache, dass aus dem Kampf um Gerechtigkeit ein politischer Kampf wurde und der ganze Prozess ein undurchsichtiger Vorgang von Anschuldigungen und Gegenanschuldigungen wurde. Zum Schluss wurde Dreyfus nicht durch einen Gerichtsspruch, sondern durch politische Amnestie freigelassen. Hieran diagnostizierte Sorel, dass in Frankreich keine Gerechtigkeit herrschte, sondern eine liberale Demokratie ihre Politik auslebte, so wie sie es wollte. Dreyfus hätte von einem Gericht freigesprochen werden sollen, wie jeder andere Mensch auch.
Nach dieser Enttäuschung wurde es kurz still im Leben von Sorel. Mit den Betrachtungen über die Gewalt bekam das Denken Sorels einen neuen Ton. Frankreich stand während dieser Zeit kurz vor einem Bürgerkrieg. Die Menschen hatten Angst vor unkontrollierbarem Gewaltausbruch. Dies veranlasste Sorel, seine Theorie über die Gewalt zu schreiben.
Ein weiterer Theoretiker nahm in diesem Zeitraum maßgeblich Einfluss auf Sorel. So schrieb Michael Freund „was Hegel für Marx, war in hohem Maße Bergson für Sorel“. Bei Henri Bergson fand Sorel die Lebensphilosophie, welche er für seinen Mythos über den Generalstreik brauchte. Er übernahm die Idee der schöpferischen Entwicklung, wodurch er eine Erklärung fand, wie sich die Lebensenergie der Masse mobilisieren lassen würde.
Das Buch Über die Gewalt erschien zunächst 1906 in Form von Aufsätzen in einer sozialistischen Zeitschrift und wurde erst zwei Jahre später zu einem Buch zusammengetragen und veröffentlicht. Die darin enthaltenen Betrachtungen hatten Zündstoff in sich und können aus heutiger Sicht mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 in Verbindung gebracht werden. Oder um es mit den Worten von Michael Freund auszudrücken: „die Generation die in den Idealen des Dreyfuskampfes, humanitär-demokratischen Ideen groß geworden war, hatte verspielt“. Die idealistischen Ideen der Liberalen verklangen und andere Ideologien übernahmen die politische Führung.
Dieses Buch kann als Sorels Hauptwerk betrachtet werden, da es im Wesentlichen seine Ansichten über das gesellschaftliche Leben wiedergibt. Maßgebend erhebt er darin Anklage gegen die Sozialdemokraten und Reformisten in Frankreich. Er warf ihnen vor „die zentrale Idee des revolutionären Marxismus, den Klassenkampf, zu Gunsten eines staatserhaltenden sozialen Reformkurses aufgegeben zu haben“ und nun nach eigenwilligen Belieben zu herrschen. Dazu schrieb Sorel: Somit hat die Regierung zwar gewechselt, aber der alte von ihm verhasste Staatsapparat ist dadurch nicht erschüttert worden, er hat nur sein Gesicht gewechselt. Weiterhin regiert eine intellektuelle Minderheit über die Massen und unterdrückt deren Willen. Für Sorel ist der Staat aber grundsätzlich ein schwaches Konstrukt, das einer Zivilgesellschaft untergeordnet ist. Durch eine gesunde Debatte und plurale Öffentlichkeit ergeben sich für ihn die Werte in einer Gesellschaft.
Ab etwa 1908 beginnt sich Sorel immer mehr für nationalistische und rechtskonservative politische Bewegungen zu interessieren, vor allem für die Action Francaise. Durch die proletarische Gewalt hoffte Sorel auf eine Erneuerung Frankreichs. Darauf, dass das gute alte französische Bürgertum wieder auferstehen würde. Dies war für ihn eine Voraussetzung für eine sozialistische Zukunft. Nach der traurigen Ernüchterung durch die Dreyfus-Affäre bekamen nationalistische Bewegungen neuen Aufwind und versprachen eine Renaissance des alten Frankreichs. Darin sah Sorel eine Möglichkeit, seine Vorstellungen umzusetzen und solidarisierte sich teilweise mit dieser Bewegung.
Im Buch Über die Gewalt konnte schon vorausgesehen werden, was auf Europa in den kommenden Jahren zukam. Das Buch hatte großen Einfluss auf Mussolini, welcher es als eine theoretische Basisliteratur für sein faschistisches Projekt benutzte. Sorel selbst war von Mussolini angetan, bewahrte aber stets eine gewisse Distanz. Ganz im Gegenteil zur bolschewistischen Revolution in Russland. Die letzte Auflage des Buches ergänzte von Sorel um eine kurze Lobeshymne auf Lenin im Ausklang, auch wenn er auf diesen als Theoretiker keinen Einfluss hatte. Sorels Ansichten wechselten somit im Laufe seines Lebens mehrmals. Auch sind viele seiner Ideen oftmals nur aus bestimmten Standpunkten heraus nachvollziehbar. Eins war und blieb er aber von Anfang an: Er war ein vehementer Gegner der parlamentarischen Demokratie.
Sorel starb 1922 einsam und zurückgezogen in einem kleinen Haus in Boulogne.
Sorels Themen und Standpunkte Anknüpfung an Proudhon und Marx Sorel versuchte Ideen von Pierre-Joseph Proudhon – Ökonom und ein früher Vertreter des Anarchismus – mit Theorien von Karl Marx zu verbinden.Wilfried Röhrich: Der Mythos der Gewalt. In: Rolf Fechner, Carsten Schlüter-Knauer (Hrsg.): Existenz und Kooperation: Festschrift für Ingtraud Görland zum 60. Geburtstag. Duncker & Humblot, Berlin 1993, S. 217. Vom Marxismus übernahm er die Idee des „Klassenkampfes“, Marx’ Ökonomiekritik lehnte er aber ab. So erkannte er den von Kapitalisten einbehaltenen Mehrwert zum Beispiel nicht als Diebstahl am Lohn der Arbeiterschaft, sondern sah die unrechtmäßige Aneignung der Arbeit und des Reichtums im Kapitalismus als von Anfang an gegebene Tatsache. Der Klassenkampf entstehe „aus dem Aufstand gegen den Reichtum“. Ebenso übernimmt Sorel sein wichtigstes Fundament, den Begriff des Klassenkampfes, nicht eins zu eins aus den Schriften von Marx. Für Sorel ist der Klassenkampf nichts Geschichtliches, das sich in allen Gesellschaftsformen wiederfindet. Vielmehr entsteht der Klassenkampf erst durch den aufkommenden Kapitalismus und bezeichnet den Kampf des Proletariats um das Recht, denn nur im Recht kann die Arbeiterklasse existieren. Somit ist der Klassenunterschied bei Sorel nicht durch den Besitz von Produktionsmitteln gegeben, vielmehr ist die Klasse das soziale Leben an sich, welches im Recht ihre Ausformulierung erlangt. Der Klassenkampf ist für Sorel eine grundlegende Bedingung, um eine eigene Klassenidentität aufzubauen und selbstständig zu handeln. In einer klassenlosen Gesellschaft ist die Masse eher dazu geneigt, einer Führungsfigur hinterherzulaufen, als eigenständig zu handeln.
Sorel zeigt, dass die Fortschrittsidee in ihrer Ambivalenz von den Sozialisten und von der Bourgeoisie entweder als eine Garantie der kommenden (immer öfter als gewaltlos vorgestellten) Revolution oder als Versicherung gegen sie betrachtet wird; in der Fortschrittsidee drücke sich der Klassengegensatz unmittelbar aus.Georges Sorel: Les illusions du progrès. Paris 1908, S. 267 ff.
Seine Auseinandersetzung mit dem Marxismus kann als eine Suche nach einer Erneuerung der Moral gewertet werden. Er interessiert sich wenig für dessen Analysen des kapitalistischen Systems, sondern denkt, dass im Marxismus das Potenzial stecken könnte, eine moralisch erneuerte Gesellschaft zu schaffen.
Das Buch Krieg und Frieden von Proudhon versteht Sorel als Nachweis dafür, dass der Krieg eine schöpferische Kraft ist, ein „Beweger des Menschengeschlechts“. Das menschliche Dasein passiert auf einem kriegerischen Dasein. Alles andere können sich die Menschen gar nicht vorstellen. Um die Betrachtungen über die Gewalt zu verstehen, müssen sie aus der Sicht dieses Buches erklärt werden. Darin wird der Frieden angepriesen und die Arbeit zum Heroismus der Zukunft erklärt. Der Krieg ist allerdings in der Moderne verwerflich geworden, ein Krieg der Maschinen. Trotzdem bleibt er heilig und göttlich, da in ihm eine enorme Energie schlummert. Die Würde dieses Krieges geht einher mit dem Kampf des Proletariats. So schrieb Michael Freund: „Aus dem Kampf kommt die Disziplin, welche die neue Gesellschaft trägt.“ Sie sei die Moral der Arbeiterschaft, die Produzentenmoral.
Zur Bedeutung von Mythen