Johann Otho oder Johannes Hoste oder Oeste (* um 1520 in Brügge; † 6. Juni 1581 in Duisburg) war ein flämischer Humanist, Pädagoge, Kartograf und Gelehrter.

Leben Johann Otho wurde um 1520 in Brügge geboren. Er erwarb – vermutlich in LöwenVgl. die Epistula dedicatoria zu Plutarchi Chaeronei De complurium amicitia liber: „Louvani[us] quae Germanicarum est omnium florentissima Academia“ (= „Löwen, die die blühendste Akademie aller deutschen [Akademien] ist“). – den Magistergrad.

Gent Um 1545 gründete er eine Schule in der Talleboomstraat (heute: Ursulinenstraat) am „Zandberg“ in Gent, in der er zunächst als „Ludimoderatorus“= Lehrer der unteren Klassen.So in: Brevis descriptio eorum qvae a S. P. Q. Gand. Philippo Austr. Caroli V. Caesar. Princip. Flandr. Filio et haeredi et futuro Principi Flandriarum exhibita fuere. Cornelius Manilus, Gent 1549 (). wirkte. Zu Johann Othos Schülern, die er in Latein, Griechisch und Hebräisch unterrichtete, gehörten unter anderen Michael van der Hagen († 1617) aus Antwerpen; auch van der Haeghen, Verhagius u. ä., flämischer Dichter, und sein Bruder Jakob van der Hagen, François de la Kethulle (1531–1585), heer van Ryhove, Anführer der Calvinisten in Gent, Verbündeter Wilhelm von Oraniens, Lieven Tayart, 1579 Deputierter von Gent bei der Utrechter Union, Lucas Meyart († nach 1586), 1568 von Fernando Álvarez de Toledo, Herzog von Alba aus den Spanischen Niederlanden verbannt, immatrikuliert in Cambridge, Advokat, 1579 Deputierter von Gent bei der Utrechter Union, Schwager von Johann Othos Tochter Johanna, Paulus Knibbe († 1592), aus Tielt, auch Knibbius oder Keibbe, 1565 bis 1566 Lehrer am Collegium Sapientiae in Heidelberg, Dr. jur., flämischer Jurist und Diplomat (Staatsrat) im Dienst der Generalstaaten (ab 1578) und Dänemarks (seit etwa 1589), gestorben in London, Lukas Frytiers (1542–1566) aus Brügge, auch Lucas Fruterius, Lucius Frugi Pontanus, Philologe und Dichter in Brüssel, befreundet mit Janus Dousa (1545–1604), Frans Harduin († 1609) aus Gent; auch Harduwinus, neulateinischer Dichter, Korrektor der Druckerei von Christoffel Plantijn in Antwerpen, Levin Battus (1545–1591), aus Gent; Dozent für Mathematik in Rostock, Dr. med. in Venedig, seit 1584 Professor für Medizin in Rostock, Alchemist, Astronom, Adrian Damman, Herr von Bysterveldt († nach 1604) aus Gent; auch Hadrianus Dammannus u. ä, Philologe, Professor in Leiden, um 1589 von George Buchanan (1506–1582) als Professor an die Universität Edinburgh geholt, seit 1594 Agent (Botschafter) der Generalstaaten am schottischen Hof von König Jakob I. (1566–1625), Cornelis Taymont († um 1602), Heinrich Smetius (1537–1614) aus Aalst; seit 1585 Professor der Medizin in Heidelberg, Dichter und Philologe, Levin Sander, auch Levinus Sanderus, 1561 in Bologna zusammen mit Smetius zum Dr. med. promoviert, Arzt in Gouda; Vater von Antonius Sanderus (1586–1664), Bonaventura Vulcanius (1538–1614) aus Brügge, Gelehrter, Übersetzer und Humanist, Hendrik van den Corput (1536–1601), auch Corputius, Jan Olieslaeger (1541–1622) aus Gent; auch Johannes Olivarius, nach 1566 in Duisburg, 1575 Professor für Griechisch und Eloquentz in Douai, daneben Studium der Rechtswissenschaft, Lic. jur., Nikolaus van Utenhove († 1595), Herr von Markegem, Sohn des Humanisten und mehrmaligen Genter Bürgermeisters Karl von Utenhove d. Ä. (um 1500–1580), 1561 nach Kleve übersiedelt, 1577 bis 1584 einer der „18 beharrlichen Ratsherren“ in Gent, gestorben in Köln, und seine Brüder Karl von Utenhove (1563–1600), humanistischer Gelehrter (Philologe) und Dichter, Jakob van Utenhove († 1609), Studium in Montpellier, Dr. med., Antonius van Utenhove († nach 1596) und Johann van Utenhove (* um 1545; † vor 1595), Studium in Zürich, Basel, Paris und Köln, Briefwechsel mit Heinrich Bullinger, nach 1577 als Ratsherr in Gent belegt, 1580 im Rat von Flandern, 1583 aus Gent ausgewiesen. Smetius und Vulcanius tauschten 1610/11 in Briefen ausführlich Erinnerungen an ihre Schulzeit bei Otho und an ihre Genter Mitschülern aus.Briefe vom 1. Dezember 1610 und 14. September 1611 von Smetius aus Heidelberg an Vulcanius und Brief vom 18. März 1611 von Vulcanius aus Leiden an Smetius; Philip Christiaan Molhuysen: Brieven van Bon. Vulcanius en Henr. Smetius. In: Oud-Holland 26 (1908), S. 21–34, bes. S. 31–34 (, und ). Vulcanius studierte 1554 zusammen mit den Brüdern Utenhove bei Otho Kallimachus-Hymnen,Herman de Vries de Heekelingen: Correspondance de Vulcanius pendant son sejour à Cologne, Geneve et Bâle (1573–1577). La Haye, Den Haag 1923, S. 197. von denen er 1584 selbst eine Ausgabe besorgte.Callimachi Cyrenaei Hymni, Epigrammata, et fragmenta qvae exstant … Bonaventvra Vvlcanio brvgensi interprete. Christoffel Plantijn, Antwerpen 1584. Karl von Utenhove d. J. verfasste 1556 ein dreiseitiges „Melydrion“ (Gedichtlein) über seine SchulzeitAd scholae Othonianae Iuuentutem μελὐδριον. In: Michael Neander: Aristologia Pindarica Graecolatina. Ludwig Lucius, Basel 1556, unpaginiert (3 S.) (Digitalisat der Universitätsbibliothek Basel). und würdigte seinen Lehrer Johann Otho in verschiedenen Epigrammen.Έπίγραμμα … πρὸς Ιωαννην Οθωνα (= Epigramm für … Johann Otho). In: Paul Dolscius: Δαβίδου προφήτου καὶ βασιλέως μέλος / Psalterium prophetae et regis Davidis. Johannes Oporinus, Basel 1555 (Digitalisat der Universitätsbibliothek Basel); Εἰς Αδριανοῦ Ίουνίου … βιβλία ἓξ πρὸς Ιωαννην Οθωνα Έπίγραμμα (= Epigramm für Johannes Otho über die sechs Bücher des … Adrian Junius). In: Hadrian Junius: Hadriani Ivnii Hornani medici Animadversoru[m] libri sex. Michael Isengrin, Basel 1556 (Digitalisat der Universitätsbibliothek Basel). Jan Olieschlager bezeichnete ihn als den „redegewandtesten Unterschulmeister“.„Hypodidascalus (ὑποδιδάσκαλος) disertissimus“; vgl. F. Sweertius 1628, S. 468.

Johann Otho veröffentlichte verschiedene Bücher zum Schulunterricht. Er versuchte, seine Schüler zu sinngemäßen statt wörtlichen Übersetzungen anzuleiten:Petrus Josephus Maria van Alphen: Nederlandse Terentius-vertalingen in de 16e en 17e eeuw. (diss. phil. Nijmegen). Henri Bergmans, Tilburg 1954, bes. S. 19–21 (PDF; 8,23 MB, der Radboud University Nijmegen).

Otho brachte auch seiner Tochter Johanna Otho (um 1549–nach 1621), die später literarisch tätig war, eine umfassende humanistische Bildung nahe.

1551 erstellte er einen ersten geometrischen Stadtplan von Gent aus der Vogelperspektive.

Johann Otho gab einige Werke Plutarchs heraus, übersetzte sie aus dem Griechischen ins Lateinische und versah sie mit Kommentaren. Seine Ausgabe von De puerorum institutione (= Über die Kindererziehung) widmete er 1555 dem Genter Hoch-Bailli Adolf von Burgund-Wakken (1525–1568), Herrn von Kapelle, sowie den Genter Ratsherren Karl de Grutere († 1559), Herrn von Exaerde, und Adriaen Triest d. Ä. (um 1490–1561). 1556 widmete er De Complurium amicitia liber (= Buch von der Freundschaft mit mehreren) Ludovicus Blaserius (Ludwig bzw. Lodewijk de Blasere),Verfasser von Itinerarium professionis à se susceptae in Terram Sanctam, Aegyptum, Syriam, aliasque Asiaticas & Europaeas regiones; vgl. Antonius Sanderus: Flandria illustrata Bd. I (1541), Ausgabe Karl und Johann de Vos, Brüssel 1735, S. 21 und 369 (Google-Books). Herrn von Idewalle, einem Genter Patrizier und Wassergrafen, De esu carnium commentarii duoΠερὶ σαρκοφαγίας, Λόγος Α´ und Λόγος Β´. (= Zwei Abhandlungen über das Fleischessen) im selben Jahr Jacques Draerius (Jacobus de Draeyere) († 1562), dem Abt von Kloster Boudelo, und De superstitione commentarius (= Abhandlung über den Aberglauben) François de Helfaut (Duffoult; Franciscus ab Hellefont; Frans van Helfaut) († 1564) aus der Familie der Seigneurs d'Averhoult, dem Abt der Sankt-Peters-Abtei auf dem Blandinberg und späteren (1562 bis 1564) Bischof von Gent.

Duisburg 1557 musste Johann Otho als verfolgter Protestant aus Flandern fliehen.Vgl. Brief vom 4. April 1557 von Cornelius Gualtherus und Georg Cassander aus Köln an Jan van Utenhove. In: Jan Hendrick Hessels: Epistvlae et tractatvs cvm Reformationis tvm Ecclesiae Londino-Batavae historiam illvstrantes (1544-1622), Bd. II (Ecclesiae Londino-Batavae archivvm 3). Typis Acodemiae, Cambridge 1897, Nr. 19, S. 56–58, bes. S. 58 mit Anm. 8 (). Er zog mit seiner Familie in das niederrheinische Exil nach DuisburgOttomar Friedrich Kleine, Heinrich Averdunk: Das Stadtarchiv zu Duisburg. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein, insbesondere das Alte Erzbistum Köln 59 (1894), S. 171–229, bes. S. 227 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau) im Herzogtum Kleve unter Herzog Wilhelm V. (1516–1592). In das benachbarte Schloss Friemersheim war Karl von Utenhove d. Ä. geflohen. Einer Aufforderung des Dekans von Ronse – des flandrischen Inquisitor Pieter Titelmans (1501–1572) –, nach Gent zurückzukehren, leistete er keine Folge.Vgl. Brief vom 2. Juni 1558 von Arnold Piscator (de Visscher) aus Loppersum an Jan van Utenhove († 1566) in: Jan Hendrick Hessels: Epistvlae et tractatvs cvm Reformationis tvm Ecclesiae Londino-Batavae historiam illvstrantes (1544-1622), Bd. II (Ecclesiae Londino-Batavae archivvm 3). Typis Acodemiae, Cambridge 1897, Nr. 19, S. 79f, bes. S. 80 ().

1558 veröffentlichte Otho eine Sammlung von Sentenzen, in denen er biblische Sprüche von Mose, Salomo, Daniel, Jesus Sirach, Jesus, Simon Petrus und Paulus von Tarsus, Zitate der Sieben Weisen Kleobulos, Solon, Chilon von Sparta, Pittakos, Thales, Bias von Priene und Periander sowie Weisheitssprüche von Aristippos, Diogenes, Sokrates, Krates, Zenon, Themistokles, Perikles und Iphikrates zusammenstellte. Das Buch widmete er in Duisburg Jacobus Goesius (van der Goes), einem jungen Mann (adulescens). Als Motto stellte der Weseler Drucker Pieter Overd’hage de Zuttere (* 1520; † 1604) an den Anfang und das Ende des Buches die antike Redensart „sat quercus“ bzw. „ἅλις δρυός, hális dryós“ = „genug von der Eiche; gemeint: genug vom (altgläubigen) Baum“ zwischen ein Kruzifix im Kornfeld (veritas = Wahrheit) und dem Baum der Versuchung (umbra = Finsternis), die den neuen und den alten Glauben repräsentieren.Vgl. zur Symbolik des Druckerzeichens von Peter de Zuttere Mechthild Bierbach: Die „Coniugaisons flamen-françoyses“ des Peter de Zuttere (Hyperphragme) und die Behandlung von Tempus und Modus am Beispiel von passé simple und conditionnel. In: Wolfgang Dahmen u. a. (Hrsg.): „Gebrauchsgrammatik“ und „Gelehrte Grammatik“. Narr, Tübingen 2001, S. 43–73, bes. S. 52f mit Abb. (Google-Books). Peter de Zuttere hatte die Druckerei in Wesel von Jodocus Lambrecht (* um 1481; † um 1556/57)Aus Gent, um 1553/54 nach Wesel übersiedelt; vgl. ; Peter Jürgen Mennenöh: Duisburg in der Geschichte des niederrheinischen Buchdrucks und Buchhandels bis zum Ende der alten Universität (1818) (Duisburger Forschungen 13. Beiheft) (diss. phil. Bonn 1969). W. Braun, Duisburg 1970, ISBN 3-87096-024-8, S. 17, 39 und 265. übernommen, der in Gent ein Drucker von Johann Otho gewesen war, und auch dessen DruckerzeichenVgl. Jacob Frans Johan Heremans, Ferdinand van der Haeghen (Hrsg.): Inleiding. In: Joos Lambrecht: Nederlandsche spellijnghe, uutghesteld by vraghe ende antwoorde. C. Annoot-Braeckman, Gent 1882, S. v–xiv mit Abb. S. xf. (Digitalisat der Digitale Bibliotheek voor de Nederlandse Letteren). abgewandelt.