mini|Stromerzeugung in Deutschland 1900–2014

Das 1950er-Syndrom beschreibt den rasanten Anstieg des weltweiten Energiebedarfs um die 1950er-Jahre und seine Folgen.

Historisch sind damit die Jahre zwischen 1949 und 1966 gemeint, in denen sich Lebensweise und Lebensstandard breiter Schichten ausgehend von den höher entwickelten Ländern tiefgreifend änderten. Das 1950er-Syndrom bezeichnet den in dieser Phase einsetzenden Schub an Energiebedarf, die erhebliche Vermehrung der bekannten Energieressourcen sowie die Entwicklung der Konsumgesellschaft.

mini|Summierter Verlauf und Hochrechnung der Weltproduktion von Erdöl seit 1940 Die wichtigste weltwirtschaftliche Basis lag in der enormen Verbilligung der fossilen Energieträger, vor allem des Erdöls, durch die während des Zweiten Weltkriegs entdeckten riesigen Vorkommen im Nahen Osten.Ernst Peter Fischer: Das 1950er-Syndrom. In: Die Welt vom 4. März 2007.Christian Pfister (Hrsg.): Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft. Verlag Paul Haupt, Bern 1995, ISBN 3-258-05392-8 (unter Mitarbeit von Peter Bär. Mit einem Vorwort von Bundesrat Adolf Ogi). Besprechung durch Tobias Straumann in Traverse, 1997/2, S. 142ff (PDF) Dies ermöglichte u. a. die Massenmotorisierung, die in Europa erst in dieser Zeit richtig einsetzte.

Ohne Rückgang der relativen Preise hätten laut dem Historiker Christian Pfister die Umweltbelastungen kaum das spätere Ausmaß erreicht, wären sie nicht zum bedrohlichen Krankheitsbild, zum Syndrom geworden. Pfister, der den Begriff 1992 in einem Essay geprägt hatte, sieht darin eine tiefgreifende Zäsur der Umweltgeschichte und den Anfang der globalen Gefährdung. Mit dem billigen Öl, so fasst der Umwelthistoriker Joachim Radkau Pfisters These zusammen, begann eine Periode unaufwändiger, fast beliebig steigerbarer Ausbeutung fossiler Ressourcen, die einer historisch beispiellosen Mentalität der Verschwendung den Weg bahnte. Inspiriert wurde Pfister von einem von Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows und anderen veröffentlichtem Diagramm des globalen Energieverbrauchs, der in den 1950er-Jahren einen Knick steil nach oben machte.

Gegen die These eines durch billigeres Öl verursachten 1950er-Syndroms wurden die Entwicklungen in der DDR und in Japan vorgebracht: Der Energieverbrauch in der DDR stieg in der Zeit noch rascher als in der Bundesrepublik, obwohl der Ölverbrauch längst nicht in dem Ausmaß anstieg; Ursache war in der DDR vielmehr der enorm zunehmenden Braunkohleverbrauch. Auch in Japan entwickelte sich die Wirtschaft schlagartig, ohne dass billiges Öl hierfür die Ursache war. Radkau sieht wirtschaftliche Gewinnerwartungen und Investitionen am Anfang der Öl-Exploration, das billige Öl war die Folge. Dass nach zwei Weltkriegen Europas Hegemonie endete und von den USA übernommen wurde, hat nach Radkau zu der Entwicklung beigetragen: Während in Europa verschiedene ökonomische, gesellschaftliche und politische Faktoren noch bremsend auf die Dynamik gewirkt hätten, ist sie in den USA mit seinem verschwenderischen Umgang mit Ressourcen dann entfesselt worden. Die Veränderungen in der Landwirtschaft in den 1950er-Jahren durch die Einführung und den massenhaften Einsatz des Kunstdüngers sieht Radkau als ebenso bedeutend für die Umwelt wie die Veränderungen in der Industrie.

Der Schweizer Pfarrer und Autor Kurt Marti schrieb ein Gedicht unter dem Titel „fünfziger syndrom“ zur Nachkriegszeit der Schweiz: die Bürger begannen „friedlich und freudig mit der zerstörung des landes“.

Große Beschleunigung In ähnlicher Weise werden mit dem Konzept der Großen Beschleunigung die umfassenden und miteinander verknüpften Veränderungen nach 1950 bezeichnet, die in den sozioökonomischen und biophysikalischen Sphären des Erdsystems gleichzeitig spürbar waren und bei Weitem über den Klimawandel hinausgehen. Die Bezeichnung Große Beschleunigung wurde zum ersten Mal im Jahr 2005 für die Geschichte der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt verwendet. Der Begriff war angelehnt an die Formulierung „Die große Transformation“ von Karl Polanyi. Das Konzept findet Verwendung im Zusammenhang mit der Diskussion eines neuen Zeitalters als Anthropozän.

Die „große Beschleunigung“ ist in der grafischen Darstellung zahlreicher Größen im Zeitverlauf durch hockeyschlägerähnliche Kurven charakterisiert, die nach einem zunächst flachen Verlauf in den 1950er-Jahren exponentiell zu steigen beginnen. Diesen Verlauf zeigen Kurven des Ölverbrauch, der Wassernutzung, des Baus von Staudämmen, Kunstdüngereinsatzes, der Produktion von Autos oder des internationalen Tourismus u. v. m.

Literatur Christian Pfister (Hrsg.): Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft, Bern 1995 (doi:10.48350/190584)

Einzelnachweise

Kategorie:Wirtschaftsgeschichte (20. Jahrhundert) Kategorie:Energiegeschichte Kategorie:Nachhaltigkeit Kategorie:Erdöl Kategorie:1950er