mini|Offizielles Logo und Schriftzug der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2011

mini|Robert De Niro als Präsident der Festivaljury in Cannes mini|Die Wettbewerbsjury, v. li. n. re.: Johnnie To, Mahamat-Saleh Haroun, Nansun Shi, Martina Gusman, Robert De Niro, Linn Ullmann, Jude Law, Uma Thurman und Olivier Assayas mini|Mélanie Laurent, Moderatorin der Eröffnungszeremonie und abschließenden Preisverleihung

Die 64. Internationalen Filmfestspiele von Cannes fanden vom 11. bis 22. Mai 2011 statt. Eröffnet wurde das Filmfestival mit Woody Allens außerhalb des Wettbewerbs laufender Komödie Midnight in Paris. Als Abschlussfilm wurde der französische Beitrag Les Bien-aimés von Christophe Honoré benannt, der ebenfalls außer Konkurrenz gezeigt wurde. Der internationalen Jury, die unter anderem die Goldene Palme – den Hauptpreis des Festivals – vergab, stand der US-Amerikaner Robert De Niro vor. Den Hauptpreis gewann der US-amerikanische Beitrag The Tree of Life von Terrence Malick. Einen Eklat durch umstrittene Aussagen zu Adolf Hitler löste der dänische Wettbewerbsteilnehmer Lars von Trier (Melancholia) aus, der daraufhin als „Persona non grata“ des Festivals verwiesen wurde.

Mit über 1700 eingegangenen Vorschlägen für den Wettbewerb wurden mehr Filme als im Jahr 2010 eingereicht. Dies geschah das erste Mal auch mittels Datenübertrag über das Internet. Nachdem der künstlerische Leiter des Festivals, Thierry Frémaux, im Vorjahr aufgrund der Finanzkrise von einem schwierigen Auswahlprozess gesprochen hatte, sei die Krise nun überwunden. Die offiziellen Sektionen zeigten mehr als 49 Spielfilme aus 33 Ländern. Parallel zum Festival fand der Filmmarkt von Cannes (frz.: Marché du film) statt. Dieser stellt das größte Branchentreffen dar, auf dem Filmrechte gekauft und veräußert werden.

Anfang April 2011 gab die Festivalleitung bekannt, die Goldene Palme auch als Ehrenpreis zu verleihen. Ab 2011 zeichnete alljährlich während der Eröffnungszeremonie eine „Ehrenpalme“ () wichtige Filmemacher aus, deren Werk maßgebend war, jedoch nie mit einer regulären Goldenen Palme prämiert wurde. Erster Preisträger war der italienische Filmemacher Bernardo Bertolucci, der 1981 mit Die Tragödie eines lächerlichen Mannes und 1996 mit Gefühl und Verführung erfolglos um den Hauptpreis konkurriert hatte. Eine weitere Neuerung ist ab 2011 alljährlich die Ernennung eines „Gastlandes“, dessen Filme während des Wettbewerbs gezeigt werden. Bei der 64. Auflage war dies Ägypten. Vier Tage vor Festivalbeginn wurde außerdem die Aufführung zweier Filme von Jafar Panahi (Dies ist kein Film) und Mohammad Rasulof (Bé omid é didar) bekanntgegeben. Die beiden iranischen Regisseure waren Ende 2010 in ihrer Heimat zu einer mehrjährigen Haftstrafe und Berufsverbot verurteilt worden.

Das offizielle Festivalplakat wurde Anfang April 2011 vorgestellt. Als Motiv wurde wie schon in den Vorjahren eine Schauspielerin ausgewählt – eine Schwarz-Weiß-Fotografie der US-Amerikanerin Faye Dunaway, aufgenommen 1970 von Jerry Schatzberg. „Als Muster von Kultiviertheit und Eleganz verkörpert das Bild den filmischen Traum, den das Festival de Cannes aufrechterhalten möchte“, so die offizielle Presseerklärung. Schatzberg hatte 1973 für Asphalt-Blüten den Hauptpreis gewonnen, nachdem er drei Jahre zuvor den Film Puzzle of a Downfall Child mit Dunaway in der Hauptrolle in Cannes vorgestellt hatte. Eine restaurierte Fassung von Puzzle of a Downfall Child wurde auf dem Filmfestival in Anwesenheit von Dunaway und Schatzberg gezeigt.

Offizielle Auswahl

Internationaler Wettbewerb

mini|Länder, die im Wettbewerb um die Goldene Palme für den besten Spielfilm vertreten waren (inkl. Koproduktionsländer).

Wettbewerbsjury

Statistik (Stand: 2011) * = ehemaliger Gewinner der Goldenen Palme Regisseur/-in Einladungen Lars von Trier* 9 Nanni Moretti* 6 Jean-Pierre* und Luc Dardenne* 5 Pedro Almodóvar, Nuri Bilge Ceylan, Aki Kaurismäki, Paolo Sorrentino 4 Alain Cavalier, Naomi Kawase 3 Bertrand Bonello, Terrence Malick 2 Joseph Cedar, Michel Hazanavicius, Julia Leigh, Maïwenn, Radu Mihăileanu, Takashi Miike, Lynne Ramsay, Nicolas Winding Refn, Markus Schleinzer 1

Als Nachfolger des letztjährigen Jurypräsidenten Tim Burton wurde Anfang Januar 2011 in Paris der US-amerikanische Schauspieler, Regisseur und Produzent Robert De Niro präsentiert. Der zweifache Oscar-Preisträger gilt als einer der besten Filmschauspieler seiner ZeitRobert De Niro. In: Internationales Biographisches Archiv, 13/2009, 24. März 2009, ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 15/2011 (abgerufen via Munzinger Online). und war im Verlauf seiner Karriere mit acht Filmen in Cannes vertreten – Taxi Driver (1976) und Mission (1986) gewannen den Hauptpreis des Festivals. Mit dem Juryvorsitz zollten die Festivalorganisatoren auch De Niros Rolle als Gründer des New Yorker Tribeca Film Festivals Respekt. (PDF), auf festival-cannes.com (englisch) Er war nach Burton (2010) und Sean Penn (2008) der dritte US-amerikanische Jurypräsident innerhalb der letzten vier Jahre.

Wie in den Vorjahren standen dem Jurypräsidenten acht Jurymitglieder zur Seite. Es handelte sich fast ausschließlich um Filmschaffende:

Olivier Assayas – französischer Regisseur (dreimaliger Teilnehmer am Wettbewerb von Cannes) Martina Gusmán – argentinische Schauspielerin und Filmproduzentin Mahamat-Saleh Haroun – Tschader Regisseur (Preis der Jury 2010) Jude Law – britischer Schauspieler Nansun Shi – chinesische Filmproduzentin Uma Thurman – US-amerikanische Schauspielerin Johnnie To – chinesischer Regisseur und Filmproduzent aus Hongkong (zweimaliger Teilnehmer am Wettbewerb von Cannes) Linn Ullmann – norwegische Journalistin und Autorin

Die französische Schauspielerin Mélanie Laurent moderierte als Gastgeberin („maîtresse de cérémonie“) die Auftaktzeremonie am 11. Mai und die Preisgala am 22. Mai, wie Anfang März 2011 bekanntgegeben wurde. Sie folgte damit der Britin Kristin Scott Thomas.

Konkurrenten um die Goldene Palme

mini|Nanni Moretti bei der Vorstellung seines Films Habemus Papam in Cannes mini|Die Brüder Dardenne (Le Gamin au Vélo)

Das offizielle Wettbewerbsprogramm wurde am 14. April 2011 von Thierry Frémaux und Festivalpräsident Gilles Jacob in Paris der Öffentlichkeit vorgestellt. 20 Filmproduktionen von Regisseuren aus 14 Ländern konkurrierten um die Goldene Palme, den Hauptpreis des Festivals, darunter erneut viele Autorenfilmer. In den Vorjahren waren 20 bis 22 Spielfilme in den Wettbewerb eingeladen worden.

Dreizehn der zwanzig Filmproduktionen stammten aus Europa, jeweils zwei aus Japan und den Vereinigten Staaten sowie jeweils eine aus Australien, Israel und der Türkei. Neun der zwanzig Regisseure (Joseph Cedar, Michel Hazanavicius, Julia Leigh, Maïwenn, Radu Mihăileanu, Takashi Miike, Lynne Ramsay, Nicolas Winding Refn und Markus Schleinzer) waren zum ersten Mal im Wettbewerb vertreten. Das belgische Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne (1999 für Rosetta und 2005 für Das Kind), der Italiener Nanni Moretti (2001 für Das Zimmer meines Sohnes) und der Däne Lars von Trier (2000 für Dancer in the Dark) wurden in der Vergangenheit bereits mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Ein historischer Sieg wäre die Prämierung von Le Gamin au Vélo der Dardennes gewesen – bisher konnte kein Regisseur mehr als zweimal in Cannes triumphieren. In dem Film steht ein zwölfjähriger Junge (gespielt von Thomas Doret) im Mittelpunkt, der das Kinderheim verlässt, um seinen Vater zu suchen und dabei von einer Friseuse (gespielt von Cécile de France) unterstützt wird. Moretti präsentierte mit Habemus Papam die Beziehung eines neu gewählten Papstes (Michel Piccoli) zu seinem Psychiater (Moretti). Von Trier erzählte nach Antichrist in seinem Werk Melancholia von zwei Schwestern (Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg) und ihren Familien, die alle von einem die Erde treffenden Planeten bedroht werden.

Am häufigsten waren französische Filmregisseure vertreten – Bertrand Bonello, Alain Cavalier, Maïwenn und Michel Hazanavicius. Bonello (L’Apollonide – Souvenirs de la maison close) erzählt von Pariser Prostituierten in einem Bordell zu Beginn des 20. Jahrhunderts, während Maïwenn (Polisse) vom Alltag einer Polizeibrigade aus dem Bereich Jugendschutz berichtet. Cavaliers Film Pater nannte Frémaux eines der „bizarrsten Dinge, die das Festival in diesem Jahr vorlegen wird“. Michel Hazanavicius später Oscar-prämierter Schwarzweißfilm The Artist sollte ursprünglich außer Konkurrenz gezeigt werden, wurde aber eine Woche vor Beginn des Festivals als 20. Teilnehmer im Wettbewerb um die Goldene Palme bekanntgegeben. Die romantische Tragikomödie spielt im Hollywood des Jahres 1927 und erzählt von einem erfolgreichen Stummfilmstar (gespielt von Jean Dujardin), dem der Übergang zum Tonfilm nicht gelingt, während eine junge Tänzerin (Bérénice Bejo) das nun sprechende Medium als Karrieresprungbrett nutzt.Inhaltsbeschreibung. allocine.fr (französisch) abgerufen am 5. Mai 2011. Die Tageszeitung Le Figaro registrierte, dass in der französischen Auswahl unter anderem Le terminus des anges von André Téchiné, Les bien-aimés von Christophe Honoré (der spätere Abschlussfilm des Festivals), L’ordre et la morale von Mathieu Kassovitz, Omar – Ein Justizskandal des Schauspielers Roschdy Zem sowie Poulet aux prunes von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud fehlen würden.Olivier Delcroix: Cannes: Malick, Cavalier, Sarkozy et les autres…. In: Le Figaro, 15. April 2011, S. 27. Die Libération attestierte einen scheinbar „spannenden Wettbewerb auf dem Papier“ und das die Festivalleitung eindeutig eine radikale Wahl getroffen und nicht auf „Standard-Produkte“ vertraut hätte. Neben dem Fehlen von Honoré und Satrapi wies sie auch auf die Abwesenheit der Regisseure David Cronenberg, Alexander Sokurow, Dominik Moll, Lou Ye (Love and Bruises mit Tahar Rahim in der Hauptrolle), Wong Kar-Wai, Steven Soderbergh und Alexander Payne hin.Didier Péron: Cannes, radical sur sa liste. In: Libération, 15. April 2011, S. 18.

Neben Maïwenn waren drei weitere Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten, so viele wie noch nie zuvor. Die Japanerin Naomi Kawase stellt Hanezu no Tsuki vor, während die australische Autorin Julia Leigh in ihrem Spielfilmdebüt Sleeping Beauty eine junge Studentin (Emily Browning) in den Mittelpunkt stellt, die auf einen merkwürdigen Nebenjob stößt. Die Schottin Lynne Ramsay verfilmte mit We Need to Talk About Kevin den gleichnamigen preisgekrönten Roman von Lionel Shriver in dem Tilda Swinton als Mutter eines jugendlichen Amokschützen zu sehen ist.

Als einziger deutschsprachiger Regisseur erhielt der Österreicher Markus Schleinzer eine Einladung nach Cannes. Schleinzer, der zuvor als Schauspieler und mit Michael Haneke als Casting-Direktor zusammengearbeitet hatte, erzählt in seinem Debütfilm Michael von einem 35-jährigen Mann, der einen kleinen Jungen gefangenhält. Bei der ORF-Koproduktion. Während sich der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn für den US-amerikanischen Action-Thriller Drive über einen namenlosen Hollywood-Stuntman und Gelegenheitsfluchtwagenfahrer bei Banküberfällen verantwortlich zeichnete, war als einziger US-amerikanischer Regisseur Terrence Malick (Regiepreis 1979 für In der Glut des Südens) mit The Tree of Life vertreten. Das viel antizipierte Drama mit Brad Pitt und Sean Penn in den Hauptrollen war bereits als Teilnehmer für die letztjährige Auflage des Festivals erwartet worden. Ebenfalls in den USA spielt Paolo Sorrentinos Krimidrama Cheyenne – This Must Be the Place, in dem Sean Penn als gelangweilter Rockmusiker nach dem Scharfrichter seines Vaters, einem ehemaligen Nazi (Heinz Lieven), sucht.