Tais (Tetum; Fataluku: Lau)Rosália E. M. Soares: The Textiles of Lautem – Timor-Leste, S. 9, abgerufen am 31. August 2017. sind Gewebe von der Insel Timor. Die Herstellung der Textilien erfolgt vom Spinnen bis zum Weben vollständig innerhalb einer Familie. Das Spinnen der Fäden und das Weben an einfachen Webrahmen (Gedog, Fataluku: Atihu)Tais Timor-Leste: , abgerufen am 29. August 2017. ist Handarbeit der Frauen. Aufgrund der kulturellen Bedeutung erhalten diese für die Arbeit eine hohe Wertschätzung. Die Rahmen für die Ikat-Technik und die Webrahmen werden in der Regel von den Männern gebaut. Gewebt werden Tais mit verschiedenen Techniken, die beidseitig das gleiche Muster im Stoff entstehen lassen. Die Frauen nutzen dazu traditionell die Trockenzeit, wenn die Feldarbeit ruht. In der Regenzeit wird die Arbeitskraft der Frauen auf den Feldern benötigt. Zu dieser Zeit wächst auch die Baumwolle heran, die am häufigsten das Ausgangsmaterial für die Stoffe liefert.

Bis zur Unabhängigkeit Osttimors waren Tais nur selten Thema wissenschaftlicher Forschung. Die Regierung Osttimors beantragte am 23. Juni 2020 bei der UNESCO die Anerkennung von Tais als dringend erhaltungsbedürftiges Immaterielles Kulturerbe.Timor-Leste.tl: Timor-Leste Seeks UNESCO Recognition For Tais, 23. Juni 2020, abgerufen am 18. Juli 2020. Die Aufnahme in die UNESCO-Liste erfolgte am 14. Dezember 2021.Tatoli: UNESCO announces ‘Tais’ Timor-Leste as an intangible cultural heritage, 15. Dezember 2021, abgerufen am 15. Dezember 2021.RTP: UNESCO classifica `tais` como Património Imaterial em necessidade de salvaguarda urgente, 14. Dezember 2021, abgerufen am 15. Dezember 2021. Am 18. Januar 2022 erklärte das Nationalparlament Osttimors den 14. Dezember zum nationalen Tag des Tais (Dia Nacional do Tais).Tatoli: , abgerufen am 20. Januar 2022.

Übersicht Die farbenfrohen Textilien werden in erster Linie für die eigene Verwendung hergestellt, aber auch für den Handel, heutzutage auch als Souvenir für Touristen.

mini|Einige der Tais an der Wand des Nationalparlaments

Früher wurden vor der Arbeit von den Weberinnen Rituale durchgeführt, bei denen den Göttern und Ahnen Opfer dargeboten wurden. Man sah mancherorts die Taisherstellung als Gottesgeschenk an und die Götter gaben Inspiration und Anweisungen.

Ähnlich wie der indonesische Sarong werden die Stoffe nicht nur als Kleidungsstücke getragen. Gerade in Osttimor haben die Tais eine wichtige kulturelle und nationale Bedeutung. Zum Beispiel werden heilige Gegenstände (Lulik) darin eingeschlagen, sie dienen als Bahrtücher auf Särgen und als Leichentuch, und im Nationalparlament Osttimors hängen für die Gemeinden anstatt regionaler Flaggen Tais an den Wänden. Früher waren Tais eine beliebte Tauschware und die alltägliche Kleidung der einheimischen Bevölkerung. Es war die Aufgabe der Frauen, dafür zu sorgen, dass die Familienmitglieder ausreichend mit Kleidung ausgestattet waren. Tais für religiöse Zeremonien wurden in den Heiligen Häusern (Uma Lulik) aufbewahrt, wo nach dem alten Glauben die Ahnen über sie wachten. Sie kamen bei Geburten, als Mitgift, zu Hochzeiten, Beerdigungen und bei der Einweihung neuer Gebäude zum Einsatz.

mini|links|Touristensouvenir mit „Großvater Krokodil“ als Motiv

Gegen Ende der portugiesischen Kolonialzeit bekamen Tais den Ruf, hinterwäldlerisch zu sein. In den 1950er Jahren organisierten christliche Priester sogar Massenverbrennungen von Tais, um ihre Macht gegenüber den rituell wichtigen Textilien zu beweisen. In der indonesischen Besatzungszeit (1975–1999) entwickelte sich eine kleine Tais-Industrie, da die indonesischen Soldaten die Tücher gerne als Erinnerung mit nach Hause nahmen, später folgte Personal der Vereinten Nationen, inzwischen sind es Touristen. In der Landeshauptstadt Dili gibt es einen eigenen Tais Market, der Tücher aus den verschiedenen Regionen anbietet. Bei Farbe und Motiven orientierte man sich am Geschmack der Kunden. Auch die Beschriftung dieser Souvenirs entstand in dieser Zeit.

mini|Osttimoresische Soldaten mit Tais um die Hüften

Heute sind Tais ein wichtiger Bestandteil des Nationalbewusstseins des jungen Staates Osttimor und sind auch in die Ausübung des katholischen Glaubens eingegangen. Die Regierung Osttimors unterstützt die Idee, Tais auch in moderne Kleidung wie Röcke, Taschen oder Schuhe zu integrieren. Tais sind manchmal Teil der Paradeuniform der Verteidigungskräfte Osttimors. Auch Angestellte des Nationalparlaments tragen Uniformen mit Tais-Elementen. Für andere Beamte plant die Comissão da Função Pública die Einführung solcher Uniformen. Außerdem sollen Tais bei der UNESCO als Kulturgut registriert werden.Timor Agora: Governu Sei Lori Tais Timor Ba UNESCO, 13. Dezember 2016, abgerufen am 11. Februar 2017.ANTIL: , abgerufen am 11. Februar 2017. 27 staatliche Tais-Entwicklungszentren im Land dienen zur Fortbildung der Weberinnen. Hier werden diese dazu angeregt, in Gruppen zu arbeiten, um die Produktivität zu steigern. In den Zentren werden die hergestellten Tais auch zum Verkauf ausgestellt. Üblicherweise arbeiten die Frauen alleine oder nur mit der Hilfe engster Familienmitglieder. Händler fahren durch die Dörfer und kaufen dann dort direkt von den Weberinnen und bieten dafür fertige Garne an. Auch auf den traditionellen Märkten werden Tais angeboten, so zum Beispiel in Pasar Tono, dem größten Markt in Oe-Cusse Ambeno.

Fasern mini|Festtagskleidung in Oe-Cusse Ambeno

Meistens wird als Ausgangsmaterial gefärbte Baumwolle verwendet, was dem portugiesischen Einfluss zu verdanken ist. Portugiesen bauten den Handel mit der Faser in der Region im 17. Jahrhundert auf. Timor wurde am Ende des 18. Jahrhunderts, als die Baumwollproduktion in der Region ihren Höhepunkt erreichte, zu einem wichtigen Handelszentrum für Baumwollfasern.

Während in einigen Regionen weiterhin die Baumwollfasern von den Weberinnen selbst gesponnen und mit Naturfarben gefärbt werden, ist in anderen Regionen, z. B. Lospalos, die Verarbeitung von industriell gefertigten und gefärbten Garnen üblich. Auch synthetische Fasern wie Polyester, Kunstseide, Acryl- und Viskosefasern, kommen heute zum Einsatz. Bis heute sind darüber hinaus Metallfäden, meist goldfarbene, in Gebrauch. Früher wurde das Metall hierfür gewonnen, indem niederländische Münzen eingeschmolzen wurden.

Seit der Unabhängigkeit Osttimors wurde vor allem in Baucau die Seidenproduktion ausgebaut. Allerdings sind diese Fasern verhältnismäßig teuer, weswegen sie noch immer selten verwendet werden.

Spinnen Nach der Ernte der Baumwolle werden die Samen () mit dem Fatu Ledu entfernt. Diese Entkörnungsapparatur besteht aus zwei Holzzylindern, zwischen denen die Baumwolle geführt wird. Noch einfacher ist ein Bambusstab, der über eine Platte aus Schildkrötenpanzer gerollt wird. Die Baumwolle wird anschließend zur Entfernung von Verunreinigungen gekämmt und dann durch Verdrehen gesponnen. Garn, das vollständig gefärbt werden soll, wird in Stränge gewickelt; dasjenige, das mit der Ikat-Technik nur zum Teil gefärbt wird, wird zunächst zu einem Knäuel aufgerollt.

Färben mini|Verschiedene Tais

In Abhängigkeit von der verwendeten Webtechnik findet das Färben entweder vor oder während des Webvorgangs statt. Es kann einige Tage bis mehrere Monate dauern, je nach der Komplexität und der Anzahl der benötigten Farbstoffe in der Mixtur. Die Färbelösungen werden teilweise noch in Tonkrügen angerührt. Die traditionellen Pigmente zum Färben der Garne stammen grundsätzlich aus drei Hauptquellen, wobei jede Weberin ihre eigenen geheimen Variationen der Rezepte hat, um die gewünschten Farbtöne und Schattierungen zu erhalten. Die Rezepte werden mündlich von der Mutter zur Tochter weitergegeben, manchmal auch von Schwiegermutter zu Schwiegertochter. Da schriftliche Aufzeichnungen fehlen, führten die Turbulenzen der indonesischen Besatzungszeit zum Verlust von viel Wissen über verschiedene Färbetechniken.

Die Blätter des Taun-Busches liefern einen dunkelblauen, grünen oder schwarzen Farbton. Die gesammelten Blätter werden in einem Mörser zerstoßen und mit Wasser und Kalkstein zu einer Paste verarbeitet. Dadurch wird der Farbton dunkel und beständig. Ist Kalkstein nur schwer erhältlich, wird er mit anderen Materialien, wie zum Beispiel zerstoßenen Muschelschalen vermischt. Je nachdem, welche Schattierung man erhalten möchte, bleibt der Faden eine bestimmte Zeit lang in der Lösung der Paste. Für Schwarz dauert das Färben eine ganze Woche.

Auch die Stigmen der Kurkuma werden zum Färben verwendet. Die safrangelben Stigmen werden abgetrennt, pulverisiert und in mehr oder weniger Wasser gelöst, je nachdem, welche Schattierung man erreichen will. Das Garn bleibt mindestens 24 Stunden lang in der Lösung. Die Dauer beeinflusst die Leuchtkraft der Farbe. Auf diese Weise werden, je nach Rezept, Farbtöne von Hellgelb bis zum kräftigsten Orange erreicht.

mini|Tais mit Streifenmuster in Rot und Schwarz in Babulo

Die weichen Blätter des Teakbaumes (Teka) werden in einem Mörser zerstoßen und mit Wasser zu einem Brei verarbeitet. Die Menge an Wasser und die Anzahl der Tage, die das Garn in der Lösung liegt, führt zu Farbvariationen von Rosa bis Rot, mit unterschiedlichen Leuchtstärken und Intensitäten.

Diese Rezepte sind nur die einfachen Versionen, sie können noch weitaus komplexer werden. Dies geschieht durch die Nutzung vieler verschiedener natürlicher Rohstoffe, die als Fixierer, Beizmittel oder basisches Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Als Beizmittel dienen zum Beispiel Öle der Lichtnuss oder von Tamarindensamen, die man etwa eine Woche lang einwirken lässt. Manche Rohstoffe kommen nur an bestimmten Orten vor und werden daher nur dort verwendet, zum Beispiel die Blätter der Charunu-Pflanze aus der Gattung der Indigofera.Rosália E. M. Soares: The Textiles of Lautem – Timor-Leste, S. 12, abgerufen am 31. August 2017. Indigoblätter liefern einen blauen Farbstoff. Schlamm kann für Schwarz verwendet werden. Mit der Wurzel des Nonibaums (morinda citrifolia, ) und der Lichtnuss werden Rottöne gewonnen. Die Rinde der Betelnusspalme erzeugt Brauntöne. Chiliblätter, Blätter des Katappenbaums und Mangoblätter sorgen für Grüntöne.

Es kommen verschiedene Färbe- und Webtechniken zum Einsatz. Das „Kettfaden-Ikat“ (in Osttimor Futus oder Sisirana genannt), bei dem die Kettfadenstränge jene der Schussfäden überdecken, wird in allen Gegenden Timors angewendet und ist die gebräuchlichste Technik. Sie ist typisch für Timor, während sie im restlichen Archipel keine Bedeutung hat. Der Schussfaden wird auf Timor nicht mittels Ikat gefärbt. Als Vorlage für die Motive dienen Zeichnungen auf geflochtenen Matten oder heutzutage Papiervorlagen, die eigentlich für Häkelarbeiten gedacht waren. Die Fäden haben bei dieser Technik zunächst noch ihre natürliche Farbe, bevor sie im Ikatrahmen eingespannt werden. Die Rahmen sind sehr einfache Konstruktionen. Vier Stöcke werden einfach zu einem Rahmen zusammengesetzt. Mit Hilfe weiterer fester und loser Stöcke werden die Garnstränge gewissenhaft parallel straff gespannt. Die Weberin bindet dann entsprechend dem Muster der Vorlage Fäden mit trockenen Pflanzenstreifen oder Raphiabast ab. Danach werden die Stränge wieder aus dem Rahmen gelöst und gefärbt. Wo die Fäden abgebunden sind, bleiben sie ungefärbt. Vor dem Weben werden die Fäden mit einer Tapiokalösung gehärtet, damit sie leichter genau so zu verwoben werden können, dass das Muster wiederhergestellt wird. Die Abbindungen werden dann wieder entfernt.

Weben mini|Arbeitsplatz unter dem Haus: Weberin in Suai Loro (Cova Lima)