Die Mestizin, im argentinischen Original Ema, la cautiva (abgeschlossen 1978, veröffentlicht 1981), ist ein Roman von César Aira und 2004 auf Deutsch erschienen.Zitiert wird nach der bei Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag erschienenen Ausgabe, übersetzt von Michaela Meßner und Matthias Strobel: César Aira, Die Mestizin, München-Wien 2004, ISBN 3-312-00341-5. Er spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dem sich zum Nationalstaat entwickelnden Argentinien. Der Autor entwirft den Emanzipationsprozess der jugendlichen Mestizin Ema, die in einem Gefangenentreck von Buenos Aires über Azul in den Grenzort Pringles gebracht wird. Nach einem Jahr wird sie bei einem Indianerüberfall in deren Gebiet entführt und verbringt dort zwei Jahre als Frau verschiedener Männer. Bevor sie die Indianer frei verlassen kann, lässt sie sich in die Kunst der Fasanenzucht einführen. Als sie nach Pringles zurückkehrt, gründet sie mit indianischen Tagelöhnern eine Fasanenfarm und wird zu einer anerkannten Unternehmerin.

Inhalt Die Handlung ist in vier annähernd gleich lange Abschnitte unterteilt: Der von Soldaten eskortierte Gefangenentransport nach Pringles (S. 5–64) Leben Emas im Grenzort Pringles (S. 65–134) Ema als Gefangene bei den Indianern (S. 135–187) Die Fasanenfarmerin Ema in Pringles (S. 188–252) Die Erzählperspektive entspricht in der Regel der personalen Erzählsituation, wobei es je nach Personenkonstellation abwechselnd verschiedene Erzähler gibt und an manchen, zum Teil essayistischen Stellen ansatzweise die auktoriale Erzählsituation überwiegt, ohne dass sich ein „allwissender“ Erzähler zu erkennen gäbe (S. 5–14, S. 188 oder S. 207–211).

Der Gefangenentreck Der Weg von Buenos Aires nach Pringles ist etwa 500 km lang und führt durch die feuchte Pampa. Der Treck aus Reitern und Karren, die von Ochsen gezogen werden und auf denen sich entweder Proviant und Transportgüter oder angekettete männliche und weibliche Gefangene befinden, ist annähernd sechs Monate unterwegs. (Die Frauen sind für die Grenzsoldaten bestimmt, die männlichen Gefangenen werden, wenn sie überleben, zum Militärdienst an der Grenze zwangsverpflichtet.) Höchste Autorität im Treck ist ein junger Leutnant, der solche Transporte seit zehn Jahren beaufsichtigt, Handschuhe trägt, als Einziger einen englischen Sattel mit Knauf benutzt und wie seine Untergebenen – ehemalige Strafgefangene – regelmäßig Schnaps aus der Feldflasche zu sich nimmt, denn „das Saufen war ihnen angeboren“ (S. 8). Aus einer reichen Großgrundbesitzerfamilie stammend, gebildet, spürt man dennoch bei ihm „ein barbarisches Vergnügen, das selbst den primitivsten Soldaten abging und vielleicht auch den Strafgefangenen, die schon nichts Menschliches mehr an sich hatten“ (S. 17. – S. 20 f.: willkürliche Ermordung eines Strafgefangenen). Ihm ist von der Zentralregierung ein französischer Ingenieur anvertraut worden, der am Zielort im Grenzland einen Sonderauftrag zu erledigen hat, nämlich für den dortigen Befehlshaber eine Druckmaschine zu bauen (S. 20, 95). Duval, so sein Name, vertreibt sich die Reisezeit und die ihn befallende Müdigkeit, indem er sich aus seinen Eindrücken einen zu schreibenden Roman vorstellt, der „die Apotheose der Sinnlosigkeit des Lebens“ zum Inhalt hätte (S. 21). Das Erlebnis der endlos scheinenden Pampa, deren weites Grasland von vielfältigen Insekten, Vögeln und Säugetieren bevölkert ist und von Indianernomaden durchzogen wird, aber trotzdem als „Wüste“ gilt (S. 27 und öfter), weil von europäischen Siedlern noch nicht erschlossen und „unzivilisiert“,Héctor Alimonda, Juan Ferguson: La producción del desierto. Las imágenes de la campaña del ejército argentino contra los indios, 1879. (PDF; 657 kB). Abgerufen am 12. April 2011. bringt ihn zu der Einsicht, dass der Mensch in dieser Welt verschwinde, das Individuum nicht zähle und die Spezies alles sei (S. 42). Je weiter sie landeinwärts und nach Westen ziehen, desto mehr verlassen sie selbst die Zivilisation (→ Barbarei und Zivilisation) und den Arm des Gesetzes (S. 31). Auf den Karren herrscht Promiskuität unter den Gefangenen, die Soldaten suchen sich unter den weiblichen Gefangenen ihre Nachtgefährtinnen, der Leutnant kopuliert öffentlich in Gegenwart seiner gleichgültigen Offizierskameraden mit der gefangenen Mestizin, die in der Regel Duvals Ruhelager teilt und im zweiten Abschnitt als Ema in Erscheinung tritt. Als sie sich dem Zielort nähern, hat Duval den Eindruck, dass „die Grenze, die er sich als ein grenzenloses Territorium ersehnte“, ihn zu einem neuen, glücklicheren Menschen werden lassen wird (S. 63 f.).

Der Grenzort Pringles Die weiße Bevölkerung von Pringles besteht ausschließlich aus Soldaten und ihren Gefährtinnen. Ema, die Mestizin, eine der beiden jüngsten Frauen unter den Gefangenen und bereits Mutter eines Säuglings, wird einem Leutnant aus der Besatzung des Grenzforts zugeteilt. Als dessen Geliebte aus Europa eintreffen soll, verlässt sie das Fort und wird in eine der zahlreichen Hütten an einen Gaucho vermittelt, der als Zwangsrekrut Dienst tut und sie, nachdem er seine beiden indianischen Konkubinen hinausgeworfen hat, zur Frau nimmt.Anders als in Azul ist an Kolonisation noch nicht zu denken, da die Friedensregelungen mit den Indianern nur zögerlich vorangehen. Oberst Espina, Befehlshaber des Forts, vertraut auf ein Mittel, mit den Indianern und ihren Kaziken ohne Krieg ein Auskommen zu finden, und möchte deren Angriffe und Überfälle verhindern, indem er ihnen in großen Mengen buntes Papiergeld zukommen lässt, das auf Duvals neuer Maschine gedruckt wird.Die im Roman erwähnten Kaziken tragen alle historisch verbürgte Namen wie Catriel, Cafulcurá, Pincén. Espina, „rätselhafter Gelddrucker“, ist davon überzeugt, dass er bei den Indianern ein „Geld-Klima“ schaffen kann, indem er auf ihren Spieltrieb vertraut und ihn als „Schmiermittel der Zirkulation“ für das Schaffen von Kontinuität einsetzt. Im Austausch für das Geld erhält er zunächst hundert Fasane als Geschenk und festigt gleichzeitig für Pringles den Platz an der Sonne im ausgedehnten Indianerimperium. Zahlreiche Indianergesandtschaften kommen an und führen für die Dorfbewohner „wahre Turniere der Eleganz“ auf (S. 96–103).Ema, wieder schwanger, hält sich häufig bei den Indianern auf, die in der Nähe des Forts ein Sonnenzeltlager aufgeschlagen haben und ein friedliches Leben führen wie in Azul, wo sie sich allerdings schon zu Tausenden angesiedelt haben. Mit einem der jungen Indianer beginnt sie ein Verhältnis. Denn Gombo, ihr Gaucho-Gefährte, verbringt sein Leben, wenn er nicht zur Wache im Fort eingeteilt ist, meistens beim Glücksspiel mit seinen Kameraden oder beim Angeln. In seiner Philosophie bleibt das Leben unmöglich, „denn wäre es nicht unmöglich, wäre das Leben grauenvoll“ (S. 129). Ema, „fast noch ein Mädchen, allein auf der Welt, ihr Baby ausgenommen, fühlte […] sich abgeschoben in ein exponiertes und unbestimmtes Grenzland. Die Epoche erforderte vollkommene Ruhe, die Menschen mussten so unerschütterlich werden wie Tiere“ (S. 78). Die Indianer erlebt sie als leichtfertig und melancholisch, hingegeben an eine Welt des Scheins, in der die Gestik und die Körperbemalung wichtige Momente einer weltlichen Ästhetik sind: „Alles war Verführung, ein einheitliches Feld der Leidenschaft und Bündelung“ (S. 103–106).mini|„El Malón“: Gemälde von Moritz Rugendas (1802–1858). – Als malón (span. „Untat“) bezeichnete man auf dem Südkegel im 18. und 19. Jh. überraschende Blitzüberfälle berittener Indios auf Siedler, Trecks oder Handelsstationen zur Beutegewinnung, Tötung und Entführung von Vieh und Menschen.Während eines nächtlichen Gewittersturms überfallen kriegerische Indianer das Dorf, ehe die Bewohner Zuflucht im Fort suchen können, und zünden die Hütten an. Sie rauben Frauen. Ein Reiter packt Ema, ohne abzusitzen, und hebt sie auf sein Pferd.

Als Gefangene unter Indianern Für die Indianer gilt Ema als Weiße, und zwar nicht wegen ihrer kaum von der indianischen zu unterscheidenden Hautfarbe, sondern wegen ihrer Geschichte und ihres „romantisch“ wirkenden Gefangenenstatus (S. 166). Das macht sie in den Händen ihrer Entführer zu einem begehrenswerten Tauschobjekt für angesehene Indianer, die sie eine Zeit lang unter ihren anderen Ehefrauen aufnehmen, bis ein anderer sie erwerben kann. Zwei Jahre verbringt sie unter ihnen westlich von Pringles in einem sich über Tausende von Meilen hinstreckenden Waldgebiet, wo sie zum Beispiel nach Cuchillo-Có gelangt, bringt ihr zweites Kind zur Welt und bekommt am Ende ihres Aufenthaltes bei den Indianern ihr drittes. Anfangs lebt sie bei einem Kaziken, dann bei einem Kazikensohn, zieht einen Sommer lang mit einer Schar junger Männer umher, mit denen sie ins Reich des mächtigen Kaziken Catriel kommt, wo sie eine der Frauen eines Ministers wird, der zuständig für Religionsfragen ist. Zuletzt heiratet sie mit dessen Einwilligung einen Zoologie-Ingenieur, der sie mit der Fasanenzucht vertraut macht.Ema bewegt sich in den gehobenen indianischen Gesellschaftsschichten und lernt deren Lebensgewohnheiten kennen. Mit einem ihrer Gefährten, einem Prinzen, der sich in der Regel mit Laudanum und Morphium narkotisiert, trotzdem ein exzessives gesellschaftliches Leben führt (S. 165), verbringt sie Ferien auf einer von vornehmen indianischen Touristen überlaufenen Insel in einem Binnensee. – Der Minister, verzückt und traurig zugleich, eigentlich lebensmüde, teilt ihr seine Lebensweisheit mit, nämlich dass Denken sich nicht lohne und Geld die einzige Telepathie sei, die Menschen brauchen (S. 184). Dabei vermitteln ihnen das Geld und seine Fülle den Eindruck, dass sie zu wenig leben. Wie Gombo ist er mit den anderen Indianern davon überzeugt, dass das Leben unmöglich sei und sich in dieser Erkenntnis „das Denken in seiner klarsten und radikalsten Form“ ausdrücke (S. 185). Deshalb gehört Etikette zu jedem Lebensvollzug und verlangsamt alle Vorgänge, wobei sie allem den Anschein des Unmöglichen verleiht. Zielgerichtete Arbeit gilt als verabscheuenswert. „Sie grillten Hähnchen und Fisch, sammelten wilde Früchte, führten ein künstliches Schäferleben“ (S. 176)Vgl. Et in arcadia ego. (Abgerufen am 13. April 2011). in einer Stadt, in der sich wahre Massen über die Bürgersteige wälzen (S. 172). Ema hat den Eindruck, dass die Indianer keine Künstler, sondern die Kunst selbst seien und sich darin der letzte Zweck ihres melancholischen Wahns ausdrücke (S. 183). Auch auf der Fasanenfarm stellt Ema fest, dass Arbeit irreal und wie nicht vorhanden ist (S. 186). Schwermut und tiefgründiger Humor der Indianer grundieren auch die Gleichförmigkeit von Emas Tagen, bis sie ihrem letzten Mann, dem zoologischen Ingenieur mitteilt, dass sie zum Fort nach Pringles zurückkehren wolle.

Fasanenzucht in Pringles