Als Holznot wird eine bestehende oder unmittelbar bevorstehende Versorgungskrise beim Rohstoff Holz (Brennholz oder Bauholz) bezeichnet. Insbesondere wird der Begriff für Mitteleuropa angewandt, wo eine starke Verknappung seit dem 16. Jahrhundert bis in das frühe 19. Jahrhundert in zahlreichen Quellen behandelt wird. So wurden in fast allen deutschen Regionen eine Holzverknappung sowie daraus resultierende Holzsparmaßnahmen zu einem wichtigen Thema.Joachim Radkau, Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis heute. Frankfurt/New York 2008, S. 74. Während in der Forst- und Geschichtswissenschaft deshalb eine Holznot als solche lange Zeit nicht bestritten wurde, begann 1986, ausgelöst durch den Umwelthistoriker Joachim Radkau,Warum wurde die Gefährdung der Natur durch den Menschen nicht rechtzeitig erkannt ? Naturkult und Angst vor Holznot um 1800. eine jahrelange Forschungskontroverse („Holznotdebatte“Marcus Popplow (2002): "Abholzung und Aufklaerung" - 'Holzmangel' im 18. Jahrhundert) über Existenz, Ausmaß sowie räumliche und soziale Auswirkungen der vermeintlich oder tatsächlich existierenden Holznot sowie der zugehörigen ideologischen wie wirtschaftlichen Hintergründe.Elisabeth Weinberger: Waldnutzung und Waldgewerbe in Altbayern im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07610-7. (Sozial- und Wirtschaftsgeschichte: Beihefte Band 157)Frank Uekötter, Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 81, (hg. v. Lothar Gall), München 2007, S. 8. Als Opponent Radkaus trat dabei zunächst vor allem Rolf Peter Sieferle hervor; später erschienen zahlreiche Schriften, die Radkaus Kernaussage erweiterten, relativierten oder die Entwicklung in bestimmten Regionen untersuchten.
In der Forstgeschichte des 20. Jahrhunderts war es herrschende Lehre, die Holznot sei ein Problem aller sozialen Schichten in ganz Europa gewesen, eine These, die mittlerweile als widerlegt gilt. Unstrittig ist, dass Holz spürbar knapp war und dass es zahlreiche Innovationen zum Einsparen von Holz gab.Joachim Radkau, Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis heute. Frankfurt/New York 2008, S. 74, 84, 124f. Jüngere Studien betonen, dass der Holzmangel Arme stärker traf als Wohlhabende;Frank Uekötter, Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 81, (hg. v. Lothar Gall), München 2007, S. 53. Reiche waren kaum betroffen. Auch in Städten traten gelegentlich Versorgungskrisen auf, etwa in harten Wintern. Die Holzversorgung in Städten war ein bedeutendes Konfliktfeld der Armenfürsorge.Frank Uekötter, Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 81, (hg. v. Lothar Gall), München 2007, S. 54.
Geäußerte Befürchtungen über einen künftig drohenden allgemeinen Holzmangel kamen v. a. aus akademischen Kreisen und dienten der Obrigkeit zur Einführung neuer Nutzungsabläufe, erneuerter Gesetzgebung wie auch zur Diskreditierung verschiedener althergebrachter Waldgewerbe und der bäuerlichen Nebennutzung der Wälder. Ebenso hat die öffentliche Debatte um die Holznot wesentlich zur Entwicklung einer modernen Forstwirtschaft beigetragen. In der Folge wurden der deutschsprachige Raum zu einem Vorreiter der Aufforstung und Japan zu einem Pionier der nachhaltigen Forstwirtschaft in Asien.FAZ.net vom 17. März 2011 / Joachim Müller-Jung: Aus den Wäldern auf die Gipfel Gewaltlos immer, doch mit recht disparaten Zielen: Der Historiker Joachim Radkau hat eine imposante Weltgeschichte der Umweltbewegungen vorgelegt. (Rezension zu: Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie.)
Ängste vor einer Holznot markieren zeitgleich mit dem „Naturkult“ der Waldromantik zu Zeiten der Aufklärung den Beginn der modernen Umweltbewegung. Die Holznot im 18. Jahrhundert ist ebenso im Umfeld volksaufklärerischer und moralisierender Bemühungen zu sehen. Dabei wurden zum Beispiel Ideenwettbewerbe veranstaltet, bei denen Akademien und gelehrte Gesellschaften die Holznot auch im Themenspektrum Philosophie, Theologie und Ästhetik bis hin zu ökonomischen und staatstheoretischen Fragen besprachen.
Debatte um die Holznot in der Forst- und Umweltgeschichte Ob im 18. bzw. 19. Jahrhundert wirklich ein Holzmangel geherrscht habe oder nicht, wurde erst seit den 1980er Jahren teilweise erbittert diskutiert. Verschiedene Forscher und regionale Studien stellten nun die Frage nach der Ressourcenverknappung und ihrer Bedeutung im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. Zuvor war ein Holzmangel als solcher in der Forschung nicht in Frage gestellt worden.
Die Ablösung des Rohstoffs Holz und seiner Nutzungsformen durch Kohle und Stahl wurde im Fortschrittsmythos der Industrialisierung, wie er von Werner Sombart oder Franz Schnabel ausgemalt wurde, als ein Inbegriff der menschlichen Emanzipation von den „Schranken“ der Natur rezipiert. Der langsam wachsende Naturstoff Holz und die zugehörigen Waldgewerbe wie Aschenbrenner, Köhler, Rindensammler (für die Gerberlohe) und Harzer wurden konnotiert mit Mangel und Not.
Z. B. beschrieb Sombart in seinem 1916 erschienenen Buch Der moderne Kapitalismus die Ablösung des Energieträgers Holz durch die Kohle als wesentliche Voraussetzung der Industrialisierung. Am Realitätsgehalt der zahlreichen Holznotklagen wurde lange nicht gezweifelt.Daniel Speich Chassé: (PDF) Zu: Bernd-Stefan Grewe: Der versperrte Wald. 2004.
Bei neueren regionalen Studien, etwa in der Schweiz, wurde die Frage nach der tatsächlichen Verfügbarkeit der Ressource Holz etwa für die Stadt und Landschaft Zürich unterschiedlich beantwortet. Städte litten, z. B. in überdurchschnittlich kalten Wintern, manchmal unter Holzmangel. 1763 war beispielsweise ein besonders kalter Winter. Das bedeutete einen höheren Heizmaterialbedarf und geringere Transportmöglichkeiten. Der zugefrorene Zürichsee, zu wenig Schnee im Sihlwald und Wasserschwankungen in der Sihl erschwerten den Holztransport in die Stadt. Auf dem Land dagegen gab es in der Regel genügend Bau- und Brennmaterial. Insoweit war der Holzmangel nicht von Dauer; trotz gelegentlicher Engpässe wurde die Lagerhaltung in Zürich nicht erweitert. mini|Holztransport mit einer Waldeisenbahn im Sihlwald des 19. Jahrhunderts In der Schweiz wurde Holznot zu einem literarischen Topos, der Appelle, Holz zu sparen, begleitete. Dabei wurde von künftig möglichem Holzmangel relativ allgemein gesprochen, ohne genauer zu benennen, wo und in welchen Situationen ein Mangel auftreten könnte.
miniatur|links|Alte Saline in Reichenhall In Deutschland gab es wichtige Unterschiede zwischen norddeutschen Salinenstädten wie beispielsweise Lüneburg, die nach der Rodung der Waldbestände in der Umgebung zwecks Brennholzgewinnung über keinen eigenen Waldbesitz mehr verfügte, und den alpinen Salinen wie Reichenhall, die auf Forste unter eigener Regie zurückgreifen konnten.Dieter Schott: Energie und Stadt in Europa: von der vorindustriellen „Holznot“ bis zur Ölkrise der 1970er Jahre. Beiträge auf der 3. Internationalen Stadtgeschichts-Konferenz in Budapest 1996. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07155-5. (Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte, Band 1996). Während Lüneburg noch heute als Standardbeispiel vorindustrieller Waldverwüstung gilt (PDF; 1,8 MB). Abgerufen am 10. August 2012. und dementsprechend nach der Abholzung der eigenen Waldressourcen sein Holz aus Mecklenburg importieren musste, grassierte in Reichenhall um 1600 eine große Angst hinsichtlich einer kommenden Brennholz- und Sudnot. Ob diese berechtigt war, ist in der Forschung nach wie vor umstritten.Kotter versus v. Bülow, zitiert bei Schott 1996, S. 1956. Reichenhall löste die Holzversorgung über die Salinenkonvention und konnte damit die Rohstoffversorgung der Salinen in eigener Regie dauerhaft sichern, ohne durch die nahe Grenze zu Österreich eingeengt zu werden.
Andere Salinen waren dagegen direkt von lokalem oder regionalem Holzmangel betroffen. So gilt z. B. der Mangel an Brennholz durch die Entwaldung der Umgebung als Hauptgrund für die Aufgabe der frühmittelalterlichen Saline von Bad Nauheim,L. Süß, Die Salzgewinnung in Bad Nauheim seit der Latènezeit, in: B. Kull (Hrsg.) Sole und Salz schreiben Geschichte. 50 Jahre Landesarchäologie. 150 Jahre Archäologische Forschung Bad Nauheim. (Mainz 2003), 242–248, S. 248. für das Ende der keltischen Saline am gleichen Ort wird Ähnliches angenommen.L. Süß, Die Salzgewinnung in Bad Nauheim seit der Latènezeit, in: B. Kull (Hrsg.) Sole und Salz schreiben Geschichte. 50 Jahre Landesarchäologie. 150 Jahre Archäologische Forschung Bad Nauheim. (Mainz 2003), 242–248, S. 246. Auch wird von der archäologischen Forschung betont, dass Salinen als Großverbraucher von Holz maßgeblich zur Entwaldung und Verheidung beitrugen und somit die Landschaft entscheidend und oftmals dauerhaft prägten.Th. Saile, Salz im ur- und frühgeschichtlichen Mitteleuropa – Eine Bestandsaufnahme. Ber. RGK 81, 2000 (2001), 130–197, S. 143.
In der Pfalz des 19. Jahrhunderts gab es einen Mangel an Waldressourcen, es wurden aber nie die angebotenen Kapazitäten ausgeschöpft. Die Forstverwaltung ließ stets weniger Holz schlagen, als nachwuchs, und verknappte die Ressourcen aufgrund ihrer waldbaulichen Ordnungsvorstellung. Man wollte die Bestände zum homogenen Hochwald umgestalten, schränkte ihre Nutzung deshalb ein und konnte dies über eine Reihe von Machtmechanismen auch durchsetzen.Bernd-Stefan Grewe: Der versperrte Wald. Ressourcenmangel in der bayerischen Pfalz (1814–1870). Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2004, ISBN 3-412-10904-5. (Umwelthistorische Forschungen, Bd. 1)
Städte wie München besaßen bei der Organisation der Holzversorgung einige Handlungsmöglichkeiten. Einzelne Holzlieferanten wie Mittenwald konnte den Münchenern nur zeitweise Schwierigkeiten machen. Von einer dauerhaften Krise war zwar des Öfteren die Rede, tatsächlich trat aber nie eine ein.
„Holznot“ meinte in den zeitgenössischen Quellen die Verknappung der ökonomischen Ressourcen einerseits, eine frühe Vorstellung von Nachhaltigkeit andererseits. So behaupteten Vertreter der ökonomischen Gesellschaften immer wieder, es werde mehr Holz gebraucht als nachwachse. Deshalb sei eine Verknappung der wichtigen Ressource Holz zu befürchten.
Neben der Verfügbarkeit von schlagbaren Holzformaten war regional auch der Austrag von Laub, das als Stallstreu genutzt wurde, und Totholz in Form von Zweigen und Ästen als häusliches Brennmaterial eine Dimension der Holznot, weil auf diesem Weg beträchtliche Mengen von Nährstoffen für das weitere Pflanzenwachstum aus einzelnen Waldpartien entfernt wurden.
Das Argument der „Holznot“ diente in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Etablierung der Forstwissenschaft. Vertreter dieses neuen Faches argumentierten, um eine drohende Holznot zu verhindern, seien eine genaue Bestandsaufnahme der Holzvorräte, Aufforstung, eine rationale Bewirtschaftung, staatliche Aufsicht und wissenschaftlich ausgebildete Forstbeamte notwendig. Das Argument der Holznot legitimierte so zunehmende Eingriffe des entstehenden modernen Zentralstaates in zuvor lokal geregelte Waldnutzungen.
miniatur|hochkant|Moderner Pecher bei der Arbeit miniatur|hochkant|Darstellung von 1818
Ablösung der Dienstbarkeiten Ähnlich wie bei dem wirtschaftswissenschaftlichen Musterbeispiel der angeblichen Tragik der Allmende, die bei realen Allmenden in der Regel nicht eintrat, fand die Erzählung von der Holznot im 18. und 19. Jahrhundert vor der Kulisse einer gewollten Umwandlung und Abschaffung der genossenschaftlichen älteren Nutzungsformen hin zu stärker obrigkeitlich und staatlich organisierten Regelungsmechanismen statt.