mini|Emmanuele Antonio Cicogna, 1842Emmanuele Antonio Cicogna: Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 5, Giuseppe Molinari stampatore, Venedig 1842 (Digitalisat). Emmanuele Antonio Cicogna (* 17. Januar 1789 in Venedig; † 22. Februar 1868 ebenda) widmete sein Leben einer Sammlung, deren 40.000 Bücher er testamentarisch der Stadt Venedig vermachte, und umfangreichen Quelleneditionen, insbesondere der Inschriften von Venedig und seiner Lagune. Insgesamt veröffentlichte er, neben seinem Hauptberuf als Sekretär bei Gericht, weit über zweihundert historische, biographische und kunsthistorische Abhandlungen, Transkriptionen, Übersetzungen, Bibliographien und Novellen. Er selbst sah sich nie als Historiker, sondern wollte die für diese Arbeit notwendigen Sammlungen zusammenstellen.
Leben und Werk Herkunft und Ausbildung Cicogna entstammte einer kretischen Familie, die während des Krieges mit den Osmanen um das venezianische Kreta aus Candia, dem heutigen Iraklio, nach Venedig geflohen war. Dort zählte sie zur obersten Klasse der bürgerlichen Familien, den sogenannten cittadini coraziani.Alfred von Reumont: E. A. Cicogna, in: Historische Zeitschrift 21,1 (1869) 104–111, hier: S. 104 f. 1736 gelang es der Familie, in den venezianischen Adel aufzusteigen. Emanuele Cicogna (1710–1805) war der Großvater von Emmanuele Antonio, dessen Eltern waren Giovanni Antonio (Giannantonio) (1760–1844) und die Venezianerin Elisabetta Bortolucci († 1794).Dies und das Folgende nach Giovanni Paoletti: Intorno agli scritti del cavaliere Emmanuele Antonio Cicogna, Venedig 1864. Der Großvater gehörte der venezianischen Armee an, der Vater der Verwaltung. Er arbeitete als amministratore dei beni retrodatati in San Vito al Tagliamento, nachdem er für die Republik Venedig als notaio sopra i Dazii beschäftigt gewesen war. Zwei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau Elisabetta heiratete der Vater 1796 Anna Colpo, die ihm weitere sieben Kinder schenkte.Giuseppe Gullino: Cicogna Emanuele Antonio (1789 - 1868), in: Dizionario biografico dei Friulani.
Emmanuele Antonio Cicogna wurde in der Gemeinde um die Kirche San Nicola da Tolentino im Sestiere Santa Croce geboren.Cicogna Emmanuele, in: D. Diamilla Müller (Hrsg.): Biografie. Autografe ed inedite di illustri italiani di questo secolo, Turin 1853, S. 101 (Digitalisat). Der Junge erhielt seine erste Ausbildung durch den venezianischen Priester Andrea Basson und im Kollegium des Abtes Antonio Venier (wohl der Theatiner); dann lernte er am Collegio dei Nobili in Udine, das von Barnabiten geleitet wurde, wo die Schwerpunkte auf Grammatik, Rhetorik und Philosophie lagen (1799 bis 1807). Von 1807 bis 1808 war er in Spilimbergo. Auf Wunsch des Vaters schlug er nach seiner Rückkehr nach Venedig im März 1808 eine Juristenkarriere ein. Ab 1811 arbeitete er als Schreiber an der Procura regia in Udine, kehrte jedoch im Januar 1813 zurück und begann seine Arbeit am Appellationsgerichtshof, wo er zum Sekretär aufstieg. Ein weiterer Aufstieg war ihm verwehrt, da er keinen Abschluss eines Jurastudiums nachweisen konnte.
Er hielt sich weitgehend von den geistigen Umbrüchen seiner Zeit fern, denn er empfand eine Parteinahme geradezu als schockierend. Wie er 1814 notierte, diente er dem Herrn, der ihm zu essen gab. Die Ideen der Carbonari hielt er für schön und ehrenwert, aber für fernab jeder Realität; die Einigung Italiens nahm er ohne große Beteiligung hin. Einige Male geriet er dennoch mit der österreichischen Zensur in Konflikt, möglicherweise im Zusammenhang mit einer Publikation, die er selbst für wichtig hielt, nämlich die der Akten und der Geschichte des Appellationstribunals.Notizenblatt. Beilage zum Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen, hrsg. von der Historischen Kommission der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 17 (1857) 35.
Ehe mit Carlotta Colpo (1847–1849) Am 19. Januar 1847 heiratete er Carlotta Colpo, die 1807 geborene Tochter von Pietro Colpo und Elisabetta Veroli, die von 1817 bis 1837 im Hause Pietro Dolfin gelebt hatte. Sie war wahrscheinlich eine Verwandte der zweiten Frau seines Vaters. Mit den Familien Colpo und Dolfin war Cicogna wiederum eng verbunden; beim Vater und bei Carlotta Colpo hielt er um ihre Hand an. Die beiden führten eine Ehe, die Cicogna offenbar entgegen seinen Befürchtungen viel Zeit für seine Studien ließ. Seine Frau starb jedoch bereits am 21. August 1849 innerhalb eines einzigen Tages an der in Venedig grassierenden Cholera.[Johann Ferdinand] Neigebaur: Die Bibliothek des Ritters Emanuel Anton Cicogna zu Venedig, in: Serapeum 19 (1858) 209–213, hier: S. 211 und Studi Veneziani 29 (1996), S. 310. Auf ihrem Grabstein ließ Cicogna die Inschrift anbringen: „A / Carlotta Colpo / ottima delle mogli / Emmanuele Antonio Cicogna / Marito desolato / Morì nell'agosto fatale / MDCCCXLIX“.„Für / Carlotta Colpo / beste der Ehefrauen / Emmanuele Antonio Cicogna / untröstlicher Ehemann / Sie starb im verhängnisvollen August / MDCCCXLIX“, nach: Giovanni Battista Contarini: Menzioni onorifiche dei defunti, ossia, Raccolta di elogi, biografie, lapidi, necrologi, poesie, annunzi spettanti a distinti defunti mortiin Venezia, nell'anno 1848, per cura di G. B. Contarini, Gaspari, Venedig 1849, S. 32–35. Mit dem „verhängnisvollen August“ meinte Cicogna wohl nicht nur den Monat, in dem er seine geliebte Frau verlor, sondern auch jenen Monat, in dem die Republik Venedig, die seit dem 23. März des Vorjahres unabhängig war, von der österreichischen Armee und der Cholera besiegt, kapitulieren musste. Am 22. August, einen Tag nach Carlottas Tod, kapitulierte die Repubblica di San Marco, die sich fast eineinhalb Jahre gegen die Übermacht gewehrt hatte. Am 27. August 1849 marschierten die österreichischen Truppen ein.
Nach Carlottas Tod wurde dem Witwer das Sammeln geradezu zum Lebensinhalt, und so erwarb er griechische, lateinische, venezianische und italienische Handschriften, Tausende von Büchern, obwohl er nur über bescheidene Mittel verfügte. Dabei war er vor allem mit den wichtigsten Buchhändlern der Stadt in Kontakt, allen voran Adolfo Cesare und Gaetano Canciani. Eine ganze Reihe von Sammlern versuchte nach dem Ende der Republik der Verstreuung ganzer Bibliotheken verarmender Adelsfamilien und der Konvente entgegenzuwirken. Er wollte bei dieser Sammeltätigkeit jedoch nicht selbst eine Geschichte Venedigs verfassen, sondern Fähigeren das notwendige Material zur Verfügung stellen.
Erste Veröffentlichungen (ab 1808) 1808 erschien seine erste kleine Veröffentlichung unter dem Pseudonym Angelo Eugenio Mentice Mantovano mit dem Titel Un Prete di San Martino.D. Diamillo Müller (Hrsg.): Biografie. Autografe ed inedite di illustri italiani di questo secolo, Turin 1853, S. 102. Dabei orientierte er sich am Stil Boccaccios; das Werk hatte eine Auflage von 24 Exemplaren, von denen nur eines erhalten ist. 1810 erschien ein weiteres Werk dieser Art.Giovanni Paoletti: Intorno agli scritti del cavaliere Emmanuele Antonio Cicogna, Venedig 1864. S. 8. Bereits 1813 wurde er socio des Ateneo Veneto di Scienze, Lettere ed Art, das Leopoldo Cicognara († 1834) leitete.
1811 publizierte er eine Dissertazione storico-critica zur Entdeckung der Reliquien des Hl. Markus.Sullo scoprimento del Corpo di San Marco Evangelista fatto nella Basilica Patriarcale di Venezia il giorno 7 maggio 1811. Dissertazione storico critica, Giuseppe Molinari, Venedig 1811. Unmittelbar nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft befasste er sich mit einer Statue Napoleons, die 1811 in Venedig errichtet und die 1814 entfernt worden war. 1817 brachte er einen Führer durch die oberen Säle des Dogenpalasts heraus.Il Forestiero guidato pel cospicuo appartamento, in cui risiedeva il Gabinetto della Repubblica Veneta, Venedig 1817. 1822 verfasste er einen Nekrolog auf Ruggero Mondini, einen venezianischen Gelehrten, und noch im selben Jahr befasste er sich mit den herausragenden Köpfen der Familie Pasqualigo.Personaggi illustri della Veneta patrizia gente Pasqualigo, Venedig 1822.
Historische Schriften (ab 1823), Inschriften-Editionen (1824–1853) mini|Luftbild des Campo Santa Maria Formosa, 2020 (oben ist Süden) mini|Eine der von Cicogna transkribierten Inschriften im Stadtgebiet, die Stele del pan unter dem Sotoportego Falier am Rio Santi Apostoli unweit der Rialtobrücke beim Palazzo Falier; sie stammt von 1727 Cicogna begann sich zunehmend für die Geschichte Venedigs zu interessieren und so begann er zunächst Zeittafeln herauszugeben,Tavole Cronologiche della Storia Veneta, G. B. Merlo, Venedig 1823 (Digitalisat). dann die Inschriften im gesamten Stadtgebiet zu transkribieren. Daraus entstanden die sechs Bände umfassenden Inscrizioni veneziane, eine Arbeit, die ihn drei Jahrzehnte beschäftigte. Dabei überlieferte er nicht nur zahlreiche Inschriften, die vielfach nicht mehr existieren, sondern er bemühte sich auch, die darin genannten Personen zu identifizieren und knappe biographische Anmerkungen zu liefern.
Daneben betätigte er sich weiterhin als Sammler in einem derartigen Umfang, dass er 1831 sein Domizil bei dem Adligen Pietro Dolfin aufgeben und seine Sammlung in die Calle Trevisan in der Gemeinde Santa Maria Formosa transferieren musste (heute gibt es eine Calle Trevisan o Cicogna im Osten von Castello und eine Calle Cicogna nordöstlich der Kirche). So erwarb er 1842 eine 350-seitige Handschrift von einem unbekannten Verfasser, die zwischen 1518 und 1520 in Rom, und 1521 in Venedig entstanden war. Aber er deutete diese auch, nämlich als Manuskript des Marcantonio Michiel, das Cicogna als „Diario“ bezeichnete. Auch weitere Zuschreibungen von anonymen Werken zu bestimmten Autoren gehen auf Cicogna zurück, etwa die der Annali delle cose della Repubblica di Venezia 1578–1588 an Alvise Michiel.Christiane Neerfeld: „Historia per forma di Diaria“. Venezianische Gegenwartschronistik um 1500, Dissertation Bonn 2001, S. 65.
1847 brachte er einen bibliographischen Überblick über Venedig heraus, wobei dieser das gesamte Gebiet der Republik Venedig umfasste. Darin finden sich 5.861 Titel auf 943 Seiten, dazu Anmerkungen zu fast jedem Titel. Nebenbei schrieb er Novellen, 1828 eine knappe Biographie Bianca Cappellos, der Frau Francescos I. aus dem Hause MediciBianca Cappello. Cenni storico-critici, Picotti, Venedig 1828 (Digitalisat)., noch im selben Jahr eine Abhandlung über die Translation der Überreste Paolo Sarpis nach Murano.Memoria sul trasporto delle ossa di F. Paolo Sarpi dalla demolita chiesa di S. Maria de’Servi a quella di S. Michele di Murano, Venedig 1828. 1830 verfasste er einen Nekrolog auf Teodoro Correr, dessen Haltung zum Sammeln und dessen Großzügigkeit ihn stark beeinflussten.
1830 setzte sich Cicogna mit Dante auseinander.Nuova spiegazione data al verso di Dante: Pape Satan, Pape Satan aleppe, in: Gazzetta di Venezia, 25. September 1830. Zu seinen Nekrologen und Biographien kamen Beiträge zu venezianischen Kirchen und ihrem Innenschmuck, dazu zu einzelnen Monumenten, wie dem Gobbo.Il Gobbo di Rialto, ein Artikel, der anlässlich der Restaurierung der Skulptur am 15. September 1836 im Vaglio erschien (dies erwähnt Giuseppe Tassini: Curiosità veneziane, ovvero Origini delle denominazioni stradali di Venezia, 2. Aufl., Venedig 1872, S. 61). Zudem wagte er sich an lateinische ProsaIn adventu Caesaris, Antonelli, Venedig 1838., doch verfolgte er dies nicht weiter. Weiterhin schrieb er über mit Venedig verbundene Familien, wie die SpaurPersonaggi illustri della famiglia Tirolese dei conti Spaur richiamati alla memoria, Venedig 1840., MarcelloNarrazione intorno alla Veneta patrizia famiglia dei Marcello, Merlo, Venedig 1841. oder FoscoloNotizie intorno alla Veneta patrizia famiglia dei Foscolo, Venedig 1842; Nelle nozze dell'Imp. R. Consigliere di Giustizia nobile Daulo Augusto di Foscolo colla baronessa Margherita degli Orefici, Venedig 1842 (Digitalisat)..