Als Kulturträgertheorie wird eine bestimmte Sichtweise des deutsch-slawischen Verhältnisses vor allem in der Zeit des hochmittelalterlichen Landesausbaus in der Germania Slavica bezeichnet einschließlich der daraus resultierenden Folgen. Diese Theorie ging von einem in zivilisatorischer Hinsicht statischen Entwicklungsgefälle zwischen dem deutschen Altsiedelland und den im Vergleich hierzu rückständigen slawischen Ländern aus und bewertete die „ostdeutsche Kolonisation“ als den eigentlichen Grundstein der staatlichen und geschichtsprägenden Formgebung Ostmitteleuropas.Peter Erlen: Europäischer Landesausbau und mittelalterliche deutsche Ostsiedlung. Ein struktureller Vergleich zwischen Südwestfrankreich, den Niederlanden und dem Ordensland Preußen, Marburg 1992, S. 1.

Diese nationalistisch geprägte Theorie wurde besonders stark vertreten im Rahmen der „Ostforschung“, vor allem in der Zeit zwischen etwa 1850 und 1950. Sie trat oft auf in Verbindung mit der „Urgermanentheorie“ und bekam in der NS-Zeit eine besondere Zuspitzung durch den biologisch-rassistischen Blickwinkel des Nationalsozialismus. Sie diente nach 1945 insbesondere den Heimatvertriebenen der deutschen Ostgebiete als moralischer Anspruch auf Rückgabe der Ostgebiete des Deutschen Reiches. Seit Beginn der 1990er Jahre gilt sie als eindeutig widerlegt und wissenschaftstheoretisch überwunden.

Das Gegenstück zur Kulturträgertheorie ist das Schlagwort vom „Deutschen Drang nach Osten“, mit dem die deutschen Zuzügler in die mittelalterliche Germania Slavica nicht als Kulturbringer, sondern als Aggressoren gekennzeichnet werden.

Die Kulturträgertheorie ist Gegenstand der Historischen Stereotypenforschung. Unbeschadet des Ausklingens der einseitig nationalen „Ostforschung“ tritt noch heute das Stereotyp der „polnischen Wirtschaft“ und der „Polacken“ auf. Der Artikel dokumentiert daher ausführlich deutsche Sichtweisen auf das deutsch-slawische Verhältnis im Hinblick auf kulturelle Wert- oder Geringschätzung, die bisher in den Artikeln Slawenfeindlichkeit, Geschichtsschreibung über die Wenden und Außenpolitik Polens eher zu kurz behandelt worden sind. Zum Wechsel der Sichtweise siehe z. B. Art. Geschichtsbild von der Entstehung der Mark Brandenburg.

Entstehung Geschichtlicher Hintergrund der Entstehung der Kulturträgertheorie ist der Kampf um den Besitz von Gebieten, die seit den Piasten (966) zum polnischen Staat gehört hatten (unbeschadet des Umstandes, dass der Thron zeitweise mit Herrschern aus Anjou, Litauen und Sachsen besetzt war). Die drei polnischen Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts beseitigten Polen als eigenständige Nation. Die Zeit von der dritten, endgültigen Teilung Polens 1795 bis zur Gründung der Zweiten Polnischen Republik 1918 war bestimmt vom Kampf der Polen um die Wiedererlangung ihrer nationalen Unabhängigkeit. Mit der Kulturträgertheorie wurde von preußisch-deutscher Seite die Aufrechterhaltung des Besitzes der durch die polnischen Teilungen erlangten Gebiete begründet.

Während Polen noch im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert wegen seiner religiösen Toleranz, seiner republikanischen Freiheit und wegen seiner unter anderem von Jan Sobieski vor Wien 1683 so erfolgreich unter Beweis gestellten Mission, Europa vor der osmanisch-muslimischen Invasion zu verteidigen, von den freiheitlich denkenden Menschen in Deutschland gefeiert worden war, wandelte sich diese positive Einschätzung im Verlaufe des 18. Jahrhunderts. Ersten Anlass bot das Thorner Blutgericht 1728, um dem polnischen katholischen Klerus Engstirnigkeit, Fanatismus und Intoleranz vorzuwerfen.

Die Unterdrückung der Bauern durch den polnischen Adel rief etwa bei Johann Georg Forster einen tief empfundenen Abscheu vor diesem „Mischmasch von sarmatischer, fast neuseeländischer Rohheit und französischer Superfeinheit hervor“. Das durch Forster um 1790 bekannt gewordene Stereotyp von der „polnischen Wirtschaft“ bezog sich vorrangig auf den politischen Umstand der Unterdrückung der Bauern durch den verantwortungslosen Adel, erst in zweiter Linie auf die durch diese Unterdrückung hervorgerufene Rückständigkeit auf dem Lande: Die „größten unheilbarsten Schäden“ der polnischen Nation lägen „in ihrer abscheulichen Staatsverfassung“: der Adelsrepublik (Rzeczpospolita) mit den Stichworten „Unregierbarkeit“, „Anarchie“ und „polnischer Reichstag“. Diese Zuspitzung durch Forster als ungeduldigen jugendlichen Revolutionär wurde deutlich relativiert 1793 durch seine Unterstützung der polnischen Revolutionäre: „Alles reift dort zur Revolution“; die Schäden waren also nicht „unheilbar“.Helmut Peitsch: Forsters Verabschiedung vom Stereotyp „polnische Wirtschaft“. In: Stereoptyp und Geschichtsmythos in Kunst und Sprache, Frankfurt 2005, S. 97–116.

Wichtig und entscheidend war, dass diese Kritik an der „polnischen Wirtschaft“ im Niedergang der polnischen Adelsrepublik (2. Hälfte des 18. Jahrhunderts) gerade von den aufklärerischen deutschen Historikern auf die ganz anders gearteten Verhältnisse des Mittelalters übertragen wurde. Gleichzeitig kritisierten diese Historiker aber auch die Kolonisationstätigkeit des Deutschen Ordens, die mit der Eroberung Südamerikas durch die Spanier verglichen wurde. Schlözer verurteilte 1795 die „schreienden Ungerechtigkeiten“ der Deutschen, welche „als Colonisten in die wendischen Länder, nach Preußen, Kurland, Livland usw.“ gekommen seien, rühmte aber anderseits schon die kulturbringende Mission der deutschen Hanse.

Nach 1831 steigerte sich langsam, aber beständig der Nationalitätenkonflikt im preußischen Teil Polens (wie schon vorher im russischen), und in der sich stetig eskalierenden Auseinandersetzung kam es zu gegenseitigen Stereotypen-Bildungen, der sowohl die Fremdbilder als auch die Selbstbilder betraf, was auf deutscher Seite zu einer nun uneingeschränkten Wertschätzung der Tätigkeit des Deutschen Ordens in Ostpreußen führte. Dies bedingte wiederum die Gleichsetzung von Mittelalter und früher Neuzeit: ein typisches Kennzeichen von nationalen Stereotypen, die von unveränderlichen Wesensmerkmalen ausgehen und daher eine unhistorische Sichtweise darstellen.

Die preußisch-deutsche Polenpolitik war gekennzeichnet durch ein ambivalentes Verhältnis von Überlegenheit und Angst vor den „undankbaren“ Polen. Die gegenwartspolitisch geprägten Probleme und Auseinandersetzungen wurden in die Vergangenheit transponiert, wobei gleichzeitig die Vergangenheit, die Zeit der mittelalterlichen Ostsiedlung, ideologisiert wurde. Die „Ostkolonisation“ galt schließlich als (umgekehrte) Fortsetzung der Völkerwanderung: Nachdem sich nämlich die inneren Zustände der neuen germanischen Reiche gefestigt hätten, „drang die deutsche Colonisation nach Osten in die mittlerweile von den Slaven überfluteten Gebiete zurück. Hier aber jetzt zugleich Träger einer schon gewonnenen edleren Cultur, war das Deutschthum dort wieder hergestellt.“Gustav Höfken: Deutsche Auswanderung und Kolonisation mit Hinblick auf Ungarn, Wien 1850, S. 13. Das knappe Jahrtausend zwischen Völkerwanderung und Ottonenreich hatte laut dieser Sichtweise offenbar keinerlei geschichtlich relevante Veränderung im „Deutschthum“ bewirkt.

Deutsche Sichtweisen auf Slawen im Wandel der Jahrhunderte Im Mittelalter Die etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der deutschen Historiographie und Publizistik fassbare „Kulturträgertheorie“ baute auf schon seit dem Mittelalter vorhandenen Sichtweisen auf, die jedoch zunächst ambivalent waren (und wie stets auf Gegenseitigkeit beruhten). Zu Verfestigung von einseitigen nationalen Stereotypen kam es erst ab etwa 1830, eine in ganz Mitteleuropa feststellbare Erscheinung.siehe Literaturliste

Die erste nachweisbare historische Erwähnung eines polanischen Herrschers, Mieszko I., des Begründers des polnischen Staates, die in einer sächsischen Quelle (Chronik des Widukind von Corvey) enthalten ist, bezeichnet ihn als „Freund des Kaisers“ () Otto III. Der „Akt von Gnesen“ im Jahre 1000 ist der spektakulärste Akzent der frühen deutsch-polnischen Zusammenarbeit.

Thietmar von Merseburg (975–1018), Adam von Bremen (wohl vor 1050–1081/1085) und Helmold von Bosau (um 1120–nach 1177) bezeichneten übereinstimmend die Slawen als Barbaren und Heiden, die grausam, wild, untreu, verräterisch und (religiös) verstockt seien. Für Helmold war die Grausamkeit der Slawen ihnen sogar angeboren, also eine Nationaleigenschaft: „Slavorum genti crudelitas ingenita“ (Helmold I,52). Andererseits galten für Helmold auch die Dänen als grausam, wild und götzendienerisch. Alle drei Chronisten vermerkten aber auch, dass es Anlass von deutscher Seite her gegeben hatte: durch Starrsinn und Habgier der sächsischen Fürsten. Und sie vermerkten sogar Positives. Adam rühmt z. B. die Stadt Jumne (vermutlich Wollin):

„Hinter den Liutizen, die auch Wilzen heißen, trifft man auf die Oder, den wasserreichsten Strom des Slawenlandes. Wo sie an ihrer Mündung ins Skythenmeer [gemeint ist die Ostsee] fließt, da bietet die sehr berühmte Stadt Jumne für Barbaren und Griechen [gemeint sind wohl orthodoxe Christen aus der Rus] in weitem Umkreise einen vielbesuchten Treffpunkt […] Es ist wirklich die größte von allen Städten, die Europa birgt; in ihr wohnen Slawen mit anderen Stämmen, Griechen und Barbaren. Auch die Fremden aus Sachsen haben gleiches Niederlassungsrecht erhalten, wenn sie auch während ihres Aufenthalts ihr Christentum nicht öffentlich bekennen dürfen. Denn noch sind alle in heidnischem Irrglauben befangen; abgesehen davon wird man allerdings kaum ein Volk finden können, das in Lebensart und Gastfreiheit ehrenhafter und freundlicher ist. Die Stadt ist angefüllt mit Waren aller Völker des Nordens, nichts Begehrenswertes oder Seltenes fehlt.“

Bezüglich der „Lebensart und Gastfreiheit“ anerkennt selbst Helmold wenigstens bei den Pruci und Rani „viele natürliche Vorzüge“ (multis naturalibus bonis), „unter ihnen Gastfreundlichkeit, Fürsorglichkeit und Barmherzigkeit.“Ilona Opelt: Slavenbeschimpfungen in Helmolds Chronik. In: Mittellateinisches Jahrbuch 19/1984, S. 162–169. Und er lobt nicht nur die Besiedlung durch die Sachsen, sondern er wusste auch vom Slawenfürsten Pribislaw, dass er „die Burgen Mecklenburg, Ilow und Rostock erbaute und ihre Gebiete mit slawischen Bewohnern bevölkerte.“ Herbord, der Biograph Ottos von Bamberg (um 1060–1139), berichtet über dessen kulturelle Erfahrungen in Stettin:

miniatur|Albrecht der Bär als angeblicher Kulturbringer: Die Stettiner waren aber bereits seit 1128 christianisiert.

„In der Stadt Stettin gab es vier Versammlungshallen. Eine von diesen, welche die vornehmste war, war wunderbar schmuckreich und kunstreich gebaut, hatte inwendig und auswendig Skulpturen, die an den Wänden hervorragten, Bilder von Menschen, Vögeln und Tieren, so naturgetreu in ihrer Haltung dargestellt, daß man sie für atmend und lebend hätte halten mögen, und, was wohl sehr selten genannt werden muß, die Farben der äußeren Bilder konnten durch kein Schnee- oder Regenwetter verdunsten oder abgewaschen werden, so hatte es die Kunst der Maler eingerichtet.“

Der Zustrom deutscher Siedler, Ritter und Geistlicher im 13. Jahrhundert problematisierte erstmals das Verhältnis der polnischen Gesellschaft zu den Deutschen. Im 14. Jahrhundert kam es zum offenen Konflikt mit dem Deutschritterorden, vor allem nach deren Unterwerfung der Pommerellen. Dennoch blieb die Westgrenze Polens vom 15. bis zum 18. Jahrhundert die „ruhigste Grenze“ im damaligen Europa.

In der frühen Neuzeit Der Hamburger Gelehrte Albert Krantz betrachtete 1519 in seiner „Beschreibung Wendischer Geschicht“ das „Wendische Quartier“ der Hanse als eine ruhmvolle Gründung der Wenden, die er irrtümlich auf die Wandalen, also auf einen ostgermanischen Stamm zurückführt. Im „V. Capitel“ wertet er diese als seine Vorfahren: