Jan (Johannes, John) van Utenhove van der Gracht (* 1516 in Roborst (Borst; Bost) oder Gent; † 6. Januar 1566 in London) war ein flämischer Humanist und reformierter Theologe.
Leben Jan van Utenhove der Ältere war der Sohn des Genter Bürgermeisters (Voorschepen) von 1479/80 und 1516 Richard (Rickaert; Rycquart) uuten Hove († 1529),Grabmal im Dominikanerkloster Gent; vgl. Veronique Despodt: Gentse grafmonumenten en grafschriften tot het einde van de Calvinistische Republiek (1584). Bd. III. (diss. phil.). Ghent 2001, Nr. 2.6./034 (Digitalisat) Herr van der Gracht, Hooghewalle und Roborst, und (⚭ vor 1502)Vgl. Frederik Buylaert: Repertorium van de Vlaamse adel (ca. 1350-ca. 1500). (Historische Monografieën Vlaanderen 1). Academia Press, Gent 2011, S. 690f (Google-Books). der Josyne vander Woestijne († 1543).
Flandern Jan van Utenhove erhielt in Gent eine humanistische Ausbildung bei Georg Cassander (1513–1566). Im Februar 1533 immatrikulierte sich „Joannes Uutenhoven“ aus der Diözese Cambrai, zu der Roborst im Genter Umland südöstlich der Schelde bis 1559 gehörte, an der Universität Orléans.Vgl. Cornelia M. Ridderikhoff, Hilde De Ridder-Symoens, Detlef Illmer (Hrsg.): Les Livres des procurateurs de la nation germanique de l'ancienne Université d'Orléans 1444-1602, Bd. I/2/2 Biographies des étudiants. Brill, Leiden 1980, S. 244. Im selben Jahr erwarb er dort den Grad eines Lizentiaten.Vgl. Jan Izaak van Doorninck: Nederlandsche Studenten te Orléans. In: Bijdragen tot de geschiedenis van Overijssel. 8 (1885/86), S. 362–365, bes. S. 364 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Auch Johannes Calvin (1509–1564) hielt sich im Frühjahr 1533 und 1534 in Orléans auf.Vgl. Wilhelm H. Neuser: Johann Calvin. Leben und Werk in seiner Frühzeit 1509–1541. (Reformed Historical Theology 6). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, S. 21, 48f, 64, 74, 114 und 146–148. Jan van Utenhove studierte später am Collegium Trilingue in Löwen und lernte vermutlich dort Francisco de Enzinas (Dryander) (1518–1552), Albert Hardenberg (um 1510–1574) und Pieter Overd’hage (1520–1604) kennen, mit denen er später im Briefwechsel stand. Auch sein späterer väterlicher Freund und Kollege Johannes a Lasco (1499–1560), der 1525 zusammen mit Karl von Utenhove nach Italien gereist war, hielt sich 1539/40 in Löwen auf.
Wegen eines von ihm zusammen mit Gillis JoyeulxAuch Gillis den Drom, aus Oudenaarde. 1532 oder eher 1542„Anno 32.“ in der Ausgabe von 1570 als Druckfehler für „Anno 42.“; vgl. Gerrit Cornelis Zieleman: Van Venator tot Duircant. Over het convoluut met Utenhoves Spel van zinnen. In: Nederlands archief voor kerkgeschiedenis. 71-72 (1991), S. 157–176, bes. S. 171 Anm. 37;Dirk Coigneau: De Evangelische Leeraer: ‚een spel vul heresien‘. In: Jaarboek van de Fonteine. 39-40 (1989–1990), S. 117–145, bes. S. 131. verfassten Theaterstücks (Rederijkers-Drama) „De Evangelische Leeraer (Een seer schoon spel van zinnen)“, das „up Onsen Vrauwen dach visitatie inde maent van Julio xliii binnen der prochie van Borst“, d. h. am 2. Juli 1543 auf Utenhoves Landgut in Roborst aufgeführt worden ist, wurde Jan van Utenhove vom „Großen Rat von Mechelen“ am 28. April und 9. Mai 1545 aus Flandern verbannt. Nach einer Notiz seines Bruders Nikolaas von Utenhove (* um 1500, † 1549) wurde das Stück als erronieux (grundverkehrt) und sentant la nouvelle secte (riechend nach der neuen Sekte) bezeichnet.Vgl. Prudens van Duyse: Verhandeling over den drievoudigen invloed der rederijkkameren. In: Mémoires couronnés et autres mémoires. 11/2 (1861), S. 1–179, bes. S. 151 (Google-Books).
Aachen, Köln und Straßburg Utenhove floh im Herbst 1544 zunächst nach Aachen. Im März 1545 schrieb ihm Hardenberg von Köln aus dorthin.In: Daniel Gerdes: Scrinium antiquarium. Sive miscellanea Groningana nova ad historiam reformationis. Band IV/1. Cornelis II. Barlinckhof & Georg Wilhelm Rump, Groningen / Bremen 1754, S. 680f (Google-Books) Später im Verlauf des Jahres zog Utenhove nach Köln, wo er bei Jacques de Bourgogne (um 1520–1556), Seigneur de Falais et de Bredam,Auch Jakob von Burgund, Herr von Falais und Breda, Urenkel des Herzogs Philipp des Schönen von Burgund, Studium in Löwen, Anhänger der Reformation, umfangreiche Korrespondenz mit Johannes Calvin bis zum Bruch der Freundschaft 1551. Unterkunft fand. Jacques de Bourgogne war als Exulant von Wilhelm II. von Neuenahr († 1552), dem Onkel seiner Frau Yolande van Brederode (1525–1552Vgl. Olivier Millet: Calvin et la France. (Bulletin de la Société de l 'Histoire du Protestantisme Français 155). Société de l'Histoire du Protestantisme Français, Droz 2009, S. 106.), aufgenommen worden,Vgl. Brief von Martin Bucer an Konrad Hubert in Straßburg vom 6. Aug. o. J. [1542? 1543?]; Willem Frederik Dankbaar: Martin Bucers Beziehungen zu den Niederlanden. (Kerkhistorische Studiën 9). Springer, Dordrecht 1961, S. 30 Anm. 1. wahrscheinlich in dessen Kölner Haus, dem „Neuenahrer Hof“. Im November 1545 zog Jan van Utenhove mit der Familie de Bourgogne nach Straßburg. Dort lernte er die Reformatoren Martin Bucer (1491–1551), Peter Martyr Vermigli (1499–1562) und Paul Fagius (1504–1549) kennen.
Erster Aufenthalt in England Auf Utenhoves Empfehlung hin wurde Valérand Poullain (um 1520–1558), den er aus Straßburg kannte, um 1547 zum Prediger der französischen Flüchtlingsgemeinden in Canterbury und später in Glastonbury bestellt. 1548 nach dem Augsburger Interim (das in Straßburg allerdings erst am 27. Oktober 1549 eingeführt wurde) reiste Jan van Utenhove mit Dryander nach England und war Gast von Erzbischof Thomas Cranmer (1489–1556) in Canterbury. Utenhove war Mitbegründer der niederländischen Flüchtlingsgemeinde in London und als Kollege von Johannes a Lasco Prediger und Ältester an der Dutch Reformed Church in „Austin Friars“ (ehemaliges Augustiner-Kloster in der Threadneedle Street), die der Gemeinde 1550 von König Eduard VI. (1537–1553) geschenkt wurde.
Reisen nach Straßburg und in die Schweiz Utenhove reiste von London aus jährlich auf das Festland, um in Straßburg warme Bäder zu nehmen.Brief von John Burcher an Heinrich Bullinger in Zürich vom 1. Juni 1549 aus Straßburg; Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, S. 423f (Google-Books). 1549 nach der Hinrichtung des Lord High Admirals Thomas Seymour, 1. Baron Seymour of Sudeley, traf er dabei in Begleitung von John Butler of Wardington († um 1553)Christina Hallowell Garrett: The Marian Exiles (1553–1559). A Study in the Origins of Elizabethan Puritanism. University Press, Cambridge 1966, S. 102f (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). im April in Köln John Hooper (1495–1555) und Martin Micronius (Marten de Cleyne) (um 1522–1559) und im Juni in Zürich den Reformator Heinrich Bullinger (1504–1575).Briefe von John Hooper an Heinrich Bullinger in Zürich vom 14. April 1549 aus Köln (Brieftransport von Utenhove besorgt) und vom 26. April 1549 aus Antwerpen; Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, S. 35–39 (Google-Books). Utenhove nahm anschließend an der Hochzeit von Bullingers Tochter Anna (1530–1565) mit Huldrych Zwingli jun. (1528–1571) teil. In Genf besuchte er Johannes Calvin und führte mit ihm ein einvernehmliches Gespräch über den Consensus Tigurinus. Über Basel und Straßburg kam Utenhove im November 1549 wieder nach London.
Wirken in England Peter Martyr und Jan van Utenhove veranlassten den Schweizer Studenten Johann Ulmer (* um 1525/29; † 1580) in Oxford, eine Übersetzung des Straßburger Bekenntnisses (Confessio Argentinensis sive Tetrapolitana) von 1530 aus dem Lateinischen ins Englische anzufertigen. Bei einem Besuch mit Martyr im Lambeth Palace erläuterte Ulmer dem Erzbischof Thomas Cranmer diese Schrift, der ihm dafür einige AngelotsGoldmünze im Wert von 7 Shilling und 6 Pence = 90 Pence. schenkte.Brief von Johannes ab Ulmis (Ulmer) an Heinrich Bullinger in Zürich vom 30. April 1550 aus dem King’s College in Oxford; Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, S. 265–269, bes. S. 266 (Google-Books). Die Strasbourg confession hat – teilweise vermittelt über Hermanns von Wied Kurkölner Reformationsordnung Einfaltigs Bedencken von 1543 – das von Cranmer 1549 verantwortlich herausgegebene Book of Common Prayer beeinflusst.Geoffrey Cuming: A History of Anglican Liturgy. Macmillan, London 1969, S. 42.
1551 veröffentlichte Utenhove mit „Vijf en twintig psalmen ende andere ghesanghen“ ein Gesangbuch für die niederländischen Flüchtlingsgemeinde, in dem teilweise französische Psalmenbereimungen von Clément Marot (1496–1544) übersetzt und bearbeitet sind. Die Melodien sind dem Genfer Psalter, dem Straßburger GesangbuchPsalmen, und Geistliche lieder, die man zu Straßburg, und auch die man inn anderen Kirchen pflägt zu singen, Bd. I. Wolfgang Köphl, Straßburg 1541 (Google-Books).Gesangbuch, darinn begriffin sind, die aller fürnemisten und besten Psalmen, Geistliche Lieder, und Chorgeseng, aus dem Wittembergischen, Strasburgischen, und andern Kirchen Gesangbüchlin züsamen bracht. Straßburg 1541 (Nachdruck Evangelische Verlagswerk, Stuttgart 1953 Google-Books). und dem Bonner Gesangbuch entnommen.
Utenhove und Poullain schickten mit Unterstützung des 1. Herzogs von Somerset, Edward Seymour (um 1500–1552), flämische und wallonische protestantische Weber nach Glastonbury und halfen damit, die Textilindustrie im Westen Englands zu begründen. Als der Herzog nach einer Intrige am 22. Januar 1552 hingerichtet wurde, begleiteten ihn Utenhove und Richard Vauville († 1555), Prediger der französischen Flüchtlingsgemeinde, in den letzten Stunden.
Im Oktober 1552 begegnete Utenhove in London vermutlich John Knox (* um 1514; † 1572), „concionator ducis Northumbriae (= Prediger des Herzogs von Northumberland)“ – Knox’ Dienstherr war John Dudley, 1. Duke of Northumberland –,Knox war Prediger von Newcastle upon Tyne in Northumberland. der ihn beeindruckte, weil er sich in einer Predigt gegen das Knien beim Abendmahlsempfang aussprach.Brief von Jan van Utenhove an Heinrich Bullinger in Zürich vom 12. Oktober 1552 aus London: „vir bonus, Scotus natione (= ein guter Mann, von Nationalität ein Schotte“). Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, S. 384f (Google-Books); Andrew Lang: John Knox and the Reformation. Longmans, Green, and Co., London / New York / Bombay 1905, S. 34.
Flucht nach Dänemark Nach dem Tod von König Eduard VI. musste die niederländische Flüchtlingsgemeinde unter Maria „der Katholischen“ (1516–1558, reg. 1553) England verlassen. Die Prediger Jan van Utenhove, Johannes a Lasco und Martin Micronius, die Drucker Nicolaes vanden Berghe (Hill), Gilles van der Erve und 170 weitere Personen flohen am 17. September 1553 zunächst auf zwei Schiffen von Gravesend nach Helsingborg in Dänemark bzw. Schonen. In der jütländischen Residenz Kolding hatten sie eine Audienz bei König Christian III. (1503–1559), wurden jedoch nach einem Streit mit dem Hofprediger Mag. Paulus NoviomagusAus Nimwegen, 1542 in Wittenberg immatrikuliert. wegen ihrer reformierten Abendmahlslehre ausgewiesen und verließen Dänemark wieder am 19. November mit einer Unterstützung des Königs von 100 Reichstalern Reisegeld.Christian Funck: Ost-Friesische Chronick, Bd. III. Borgeest, Aurich 1785, S. 8f (Google-Books).
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