mini|300px|Genordeter Stadtplan Lübecks um 1910. Im Norden liegt die Nördliche Wallhalbinsel mit Hafenbahngleisen, dem 40 t tragenden Bockdrehkran an der Spitze und dem als Lagerhaus bezeichneten Kaufmannsspeicher. Unterhalb der Nördlichen Wallhalbinsel ist die Mittlere Wallhalbinsel mit den zu dieser Zeit von der Hafenbahn genutzten Rangier- und Abstellgleisen, den Lock- und Waggonschuppen und sonstigen Gebäuden von hafennahen oder auf Gleisanschluss angewiesenen Gewerbebetrieben zu sehen. Darunter befindet sich die bis heute unverändert als Naherholungsgebiet gestaltete Südliche Wallhalbinsel

Die Wallhalbinsel ist Teil einer künstlichen Insel im Westen der Lübecker Altstadt. Die Insel wird von Trave und Stadtgraben umflossen. Südliche Wallhalbinsel wird der Teil genannt, der südlich der Verkehrsachse von der Holstenbrücke über die Trave bis zur Puppenbrücke über den Stadtgraben liegt. Die Mittlere Wallhalbinsel reicht von dieser Verkehrsachse bis zur Achse aus den Festlandanbindungen Drehbrücke und Marienbrücke. Der sich von hier an nördlich anschließende Teil wird als Nördliche Wallhalbinsel bezeichnet. Zu beiden Seiten der Nördlichen Wallhalbinsel liegen Hafenbecken des Lübecker Stadthafens, nordwestlich der so genannte Wallhafen, südöstlich zur Stadtseite zugewandt der so genannte Hansahafen.

Geschichte Entstehung und Fortentwicklung bis Ende der frühen Neuzeit mini|300px|Stadtplan Lübecks um 1750 (Matthäus Seutter) mit Ausrichtung nach Westen. Ein Hauptaugenmerk liegt auf der Darstellung des genau bezeichneten barocken Bastionärsystems.

Im Bereich des Schussfelds außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern entlang der heutigen Untertrave gab es zunächst keine wesentliche Bebauung, welche die Sicht beeinträchtigen oder einem herannahenden Angreifer sogar Deckung bieten konnte. Von der mittelalterlichen Stadtbefestigung aus ließ sich Lübeck solange gut verteidigen, wie Feuerwaffen noch keine durchschlagend schädigende Kraft besaßen. Mit der Entwicklung des Artilleriewesens, worunter großkalibrige Rohrwaffen verstanden wurden, begann um 1535 der Ausbau neuer, den Stadtmauern und der Trave vorgelegter Fortifikationen in Form von steilen Erdwällen und -rondellen, welche den Beschuss auffangen konnten, ohne dass er Schäden anrichten konnte. Der dann folgende Wettlauf bei der Entwicklung von immer weiter reichender Artillerie und immer höherer oder weiter ausladender Stadtbefestigung führte auch in Lübeck dazu, dass mit Beginn des 17. Jahrhunderts das aus Italien stammende und in Frankreich zur Perfektion getriebene Bastionärsystem Einzug erhielt. Diese Anlagen mit ihren spitzwinkligen, im Vergleich zu den früheren Erdwällen wesentlich flacher geböschten Bastionen und wesentlich weiteren Gräben umfassten oft eine Fläche, die das zu schützende Innere an Größe übertraf (siehe Hauptartikel: Lübecker Bastionärbefestigung).

In Lübeck baute man ab 1613 nach den Planungen von Johan van Rijswijk unter Leitung des niederländischen Festungsbaumeisters Johan van Valckenburgh einen Kranz aus rund 20 solcher Bastionen – besonders um die westliche Seite der Stadtinsel herum, wo die eher schmale Trave im Vergleich zur gestauten und damit jenseits von 200 Metern breiten Wakenitz schon länger keine natürliche Schutzfunktion mehr besaß. So entstand aus dem natürlichen Travelauf und dem Stadtgraben, der aus dem für die Wallanlagen benötigten Aushub entstand, die künstliche Wallhalbinsel. Vor dem nach Westen (nach Holstein) gerichteten Holstentor wurde eine neue Toranlage zwischen die Bastionen gefügt. Auf der heutigen Nördlichen Wallhalbinsel entstand in sieben Jahren Bauzeit bis 1642 die Bastion Fiddel, in die der ehemals außerhalb der Stadtmauer gelegene Goldene Turm von 1484 integriert wurde. Weiter nördlich entstand die Teerhof-Bastion und die Bastion Düvelsort (dt. Teufelsort).

Der Abschnitt der Mittleren und Nördlichen Wallhalbinsel bis hin zur nördlichen Spitze mit der Bastion Düvelsort diente stadtseitig als Umschlagfläche für Massengüter wie Holz, Steine und Teer und wurde Lastadie genannt. Die Lastadie wurde im mittleren Teil, und zwar der Abschnitt zwischen dem Holstentor und der Goldenem Turm, wie bereits im Mittelalter für den Holzschiffbau genutzt. Neben den Wertsbetrieben gab es auch ein Sägewerk, welches am Ort das per Schiff oder mittels Flößen angelieferte Holz zum Baumaterial verarbeitete. Die dort verlaufende Straße Lastadie wurde bis auf ein kurzes Teilstück nach dem Tode des früheren deutschen Bundeskanzlers und gebürtigen Lübeckers Willy Brandt in Willy-Brandt-Allee umbenannt.

Die stadtseitig hinter den Fortifikationen des ausgehenden Mittelalters gelegenen Flächen waren bereits gegen Ende des 15. Jahrhunderts neu gewonnenes sicheres Terrain. Hier wurden daher alsbald auch Hafenbetriebe angesiedelt und Wirtschaftsgebäude errichtet, für welche die Lage geeignet oder auf der Altstadtinsel kein Raum war oder deren Vorgänger im Rahmen der neu errichteten Wallanlagen weichen mussten.

Der größte Bau war die 1639 zusammen mit dem Ausbau der Bastion Fiddel neu errichtete Kaufmannsdröge, deren Nachfolgebau heute der Kaufmannsspeicher ist (alias Media Docks). In der Dröge wurden Schiffstaue, die mit Teer getränkt waren, um sie dadurch wetterfest zu machen, zum Trocknen aufgehängt. Neben der Dröge der Kaufmannschaft gab es auch einen Teerhof, der als Einrichtung die gleiche Funktion besaß. Der erste Teerhof wurde bereits um 1400 ebenfalls wegen der Feuergefahr beim Umgang mit erhitztem Teer auf dem Areal der späteren Nördlichen Wallhalbinsel eingerichtet. Zeitgleich dürften daher zwei Drögen in Betrieb gewesen sein, deren ältere im Bereich der Teerhof-Bastion gelegen hatte.Hansestadt Lübeck: Lübeck plant und baut, Heft 58/August 1995. 850 Jahre Geschichte Lübecks. Lübeck 1995, S. 40. An der Kaufmannsdröge waren wegen des weichen Baugrunds mehrfach umfangreiche Instandsetzungen oder gar vollständige Neubauten erforderlich – letztmals im Jahr 1812 während der französischen Besatzungszeit.Hansestadt Lübeck: Die Bau und Kunstdenkmäler der Hansestadt Lübeck, Rathaus und öffentliche Gebäude. Lübeck 1974, S. 363. Die Nutzung der Kaufmannsdröge im Sinne ihrer ursprünglichen Bestimmung wurde 1845 nach dem Hamburger Brand von 1842 endgültig aufgegeben und weiter nach Norden verlegt um – zuletzt 1883 auf die 1882 entstandene Teerhofinsel.

Südlich hinter der Kaufmannsdröge lag etwas versetzt das 1647 erbaute und 1666 erweiterte städtische Gießhaus, auch Ratsgießhaus genannt, welches einerseits wegen der Brandgefahr und andererseits wegen der benötigten Tonvorkommen hier am Ufer der Trave angesiedelt wurde. In diesem Gießhaus wurden neben Glocken besonders auch Kanonen für den städtischen Bedarf, überwiegend aber für den Export gegossen.Hansestadt Lübeck: Die Bau und Kunstdenkmäler der Hansestadt Lübeck, Rathaus und öffentliche Gebäude. Lübeck 1974, S. 367–370.

Entfestigung und Umgestaltung zum Naherholungsgebiet Gegen Ende des 18. Jahrhunderts besaßen die Wallanlagen keinen ernstzunehmenden Verteidigungszweck mehr. Napoleon zeigte mit seinem Eroberungszug durch Europa, dass Schlachten nicht mehr aus befestigten Stellungen heraus gewonnen werden können. Daher beschloss der Rat der Stadt bereits 1803 – zwar im Jahre der Einnahme Hannovers durch Napoleons Truppen, jedoch nachdem im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses die Neutralität der drei Hansestädte anerkannt worden war – Lübeck schrittweise zu entfesten. Es war zugleich der Beginn einer nur kurz andauernden Sonderkonjunktur in Lübeck, als englische Schiffe den Lauf der Elbe und der Weser nicht mehr befahren konnten und nach Lübeck umgeleitet werden mussten.

1804 wurden die Wallanlagen in kunstvolle Parkanlagen mit Wegen und Aussichtsplattformen umgewandelt. Die Bastion Düvelsort erhielt den Namen Bellevue, die Schiffsverbindung, mit der die Lübecker zur Spitze der Wallhalbinsel übersetzen konnten, nannte sich entsprechend Bellevue-Fähre.Hansestadt Lübeck: Lübeck plant und baut, Heft 58/August 1995. 850 Jahre Geschichte Lübecks. Lübeck 1995, S. 42. Besonders die Bellevue entwickelte sich schnell – wie heute der hier angesiedelte Strandsalon – zum beliebten Aussichtspunkt und Ort zum Flanieren, Begegnen und Erholen. Von der Höhe der Wallanlagen aus bot sich nach Osten ein freier Blick auf die Lübecker Altstadtsilhouette, auf der Westseite bestand bereits ein um 1750 angepflanzter Saum aus großen Bäumen. Die Südliche Wallhalbinsel besteht bis heute in dieser Nutzung fort.

Die gewerblichen Areale blieben von der Umgestaltung der Wälle in Parkanlagen unberührt und grenzten nur durch Zäune getrennt direkt aneinander. Doch einer kontinuierlichen Ausweitung des Hafenbetriebs fielen besonders auf der Feldseite nach und nach Teile der alten Wallanlagen zum Opfer. Das städtische Pulvermagazin wurde auf die Westseite der Bastion „Fiddel“ verlagert. Auch der Teerhof wurde auf die Feldseite der Bastion Bellevue verlegt, ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der alte Stadtgraben schrittweise zu einem Hafen für den Holzumschlag entwickelt. Damit Raum für Holzlagerplätze entstehen konnte, mussten die Bastionen teilweise abgetragen werden. Für die Schiffbarkeit des Stadtgrabens wurde sein zackiger Verlauf nach und nach sanfter gestaltet und zur Feldseite hin ins Land erweitert.

Einzug der Eisenbahn und Industrialisierung des Hafenbetriebs mini|300px|Plan von Lübeck im 19. Jh., deutlich erkennbar die Nutzung der Wallanlagen als Eisenbahntrasse der LBE, die Umnutzung durch den Hafenausbau ab 1850 ist bereits erkennbar mini|300px|Lübecks erster Bahnhof auf der Wallhalbinsel mini|300px|Lübeck 1872. Plan mit Ausrichtung nach Westen. Die Darstellung der Wallhalbinsel mit dem gesamten Gleisnetz der ab 1851 eingerichteten Eisenbahn ist ein wichtiger Aspekt des Stadtplans.

1851 erhielt die Eisenbahn Einzug in Lübeck. Der erste Bahnhof mit einer Anbindung an das Streckennetz zwischen Hamburg und Berlin bei Büchen wurde von der Lübeck-Büchener Eisenbahn (LBE) im Bereich des Walles nordwestlich des Holstentor auf der Mittleren Wallhalbinsel gebaut. Dieser Bahnhof wurde über die heutige Possehlstraße auf dem südlichen Teil der Wallhalbinsel angefahren. Der Bau der Eisenbahn führte daher zu einer frühen Entfestigung insbesondere der Mittleren Wallhalbinsel, wo neben dem Bahnhof bis 1854 auch Rangierabschnitte, Lok- und Waggonschuppen und eine Maschinenwerkstatt eingerichtete wurden. Weitere Gleisanlagen für den Güterverkehr und für die ersten Stränge der Hafenbahn erstreckten sich entlang der Feldseite der Nördlichen Wallhalbinsel bis zum neuen Teerhof westlich der Bastion Bellevue. Der Holzhafen erhielt somit den für den Umschlag schwerer Güter im Fernhandel wichtigen Gleisanschluss.

Auf dem Areal der Nördlichen Wallhalbinsel gab es mit dem in die Bastionärbefestigung integrierten Goldenen Turm, der Dröge und dem Ratsgießhaus noch immer drei mittelalterliche bis frühneuzeitliche Bauwerke, die – stünden sie heute noch – zu den größten profanen Großdenkmalen Lübecks zählen würden. Doch früh setzte sich der damalige Bauinspektor und spätere Wasserbaudirektor Peter Rehder für die industrielle Erweiterung des Lübecker Hafens ein, der diese Bauwerke weichen mussten.

1884 legte Rehder eine Studie zum Ausbau des Hafens vor, aus der 1905 der so genannte „Rehder-Plan“ hervorging. Zu dem von Rehder geforderten Um- und Ausbau der Lübecker Hafenanlagen gehörte auch die Umwandlung der Traveufer bis Travemünde zu Industriezonen und der Neubau leistungsfähiger Hafenbecken im Norden von Lübecks Innenstadt.