mini|Tonaufnahme mit Windschutz Unter einer Tonaufnahme (auch: Tonaufzeichnung) versteht man in der Tontechnik die Aufzeichnung von Schall, also von Geräuschen, Tönen, Musik und Sprache mit Hilfe von Audiorekordern zur späteren Wiedergabe. Technisch betrachtet ist die Tonaufnahme der erste Teil einer Tonsignal-Verarbeitungskette in der Tontechnik, wobei der Aufzeichnung die Speicherung (als Audiodatei) und Wiedergabe (mithilfe eines Audioplayers) folgt.
Allgemeines Die Aufnahme von Tönen kann auf verschiedene Weisen erfolgen: mechanisch (Rillen in Walzen, Schallplatten oder auf anderen geeigneten Feststoffen), magnetisch (Tonband), optisch (Lichtton von Kinofilmen), digital, nämlich auf magnetischen (Floppy Disk, Festplatte, DAT) und optischen (CD, DVD) Medien, oder auch auf unbeweglichen digitalen Speichern (Solid-State-Drive).
Abgrenzung Vielfach wird im Zusammenhang mit der Mikrofonierung von der Abnahme von Instrumenten gesprochen (etwa: „dieses Mikrofon ist besonders für die Abnahme von Gitarren geeignet …“). Zu beachten ist, dass bei exakter Ausdrucksweise ein Schallereignis nur dann abgenommen wird, wenn vom Schallwandler Körperschall am Schallerzeuger aufgenommen wird – ohne Umweg über die Luft. Dementsprechend heißen solche Systeme auch Tonabnehmer. Mikrofone hingegen befinden sich in einem Schallfeld in der Luft.
Ein Tonabnehmer, heute meist auf Basis von Piezokristallen, ist in der Lage, die Schwingungen eines Festkörpers direkt in elektrische Signale zu wandeln (Tonabnehmer für Plattenspieler, Kehlkopfmikrofone, Körperschallaufnehmer). Abweichend werden Systeme, die mechanische Schwingungen eines Festkörpers über Spulen und Magnete in elektrische Signale umsetzen, auch als Tonabnehmer bezeichnet (Gitarren-Pick-ups).
Musikaufnahme ist die technisch generierte Präsentation einer Musikaufführung. Sie folgt eigenen musikalischen und ästhetischen Gesetzen. Die Musikaufnahme ist eine technische Aufbereitung des klanglichen Ereignisses. Die Aufnahme verkörpert damit ein eigenständiges ästhetisches Artefakt, das bei live-Aufführungen nicht mehr reproduzierbar ist. Sie setzt Standards, an denen jede musikalische Aufführung, bewusst oder unbewusst, gemessen wird.
Musikproduktion hingegen ist eine Konstruktionstechnik, in deren Ergebnis mediengebundene musikalische Ereignisse entstehen, die nicht nur eigenständige ästhetische Artefakte darstellen, sondern durch technikvermittelte ästhetische Dimensionen geprägt sind, die die Aufführungspraxis selbst nicht kennt, diese aber auch nicht unverändert gelassen hat.Peter Wicke, Zwischen Aufführungspraxis und Aufnahmepraxis: Musikproduktion als Interpretation, 2011, S. 8.
Geschichte mini|Kymograph mit Stimmgabel Jean Marie Constant Duhamel hatte entdeckt, dass man einen Bleistift so mit einer Stimmgabel kombinieren konnte, dass dieser die Vibrationen der Stimmgabel als Wellenlinie wiedergab. Der Physiker Thomas Young baute aufgrund dieser Entdeckung den ersten Kymographen (Wellenschreiber), den er 1807 beschrieb.Thomas Young, A course of lectures on natural philosophy and mechanical arts, 1807, S. 1 ff. Mit diesem Gerät konnte er Vibrationen einer Stimmgabel auf einer rußgeschwärzten rotierenden Walze aufzeichnen. Sein Apparat gilt als Vorläufer des Phonographen, und dieses Prinzip als Basis für die Aufzeichnung und Analyse von Tönen, wie der von ihm untersuchte Kombinationston.Entdeckung der Tonaufnahme (englisch)
mini|Phonautograph von Scott de Martinville mini|Au clair de la lune, hörbar gemachte Aufzeichnung von 1860 Die älteste erhaltene Tonaufnahme (im weitesten Sinne) stammt aus dem Jahr 1860 und wird dem Franzosen Édouard-Léon Scott de Martinville zugeschrieben, als er am 9. April 1860 das französische Volkslied Au clair de la lune mit seinem Phonautografen („Schallselbstschreiber“) vertonte, einer Membran am Boden eines Eimers, auf der eine Schweinsborste die Aufnahme in rußgeschwärztes Papier kratzte. Das bereits im März 1857 patentierte Gerät geriet allerdings in Vergessenheit.
mini|Thomas Alva Edison mit seinem leicht verbesserten Zinnfolien-Phonographen von 1878 Die Aufnahmetechnik für die ersten kommerziellen Schallplatten begann als direkter Mitschnitt auf die – nicht löschbare – Phonographenwalze. Der Phonograph wurde am 18. Juli 1877 durch seinen Erfinder Thomas A. Edison erstmals am 12. August 1877 mit dem berühmt gewordenen Satz aus einem Kinderlied („Mary Had a Little Lamb“) für Tonaufnahmen benutztAndreas Boner, Spracherkennung mit Computer, 1992, S. 72; ISBN 978-3-8007-1921-1 und als Sprechmaschine am 19. Februar 1878 patentiert. Er richtete ein permanentes Tonstudio in West Orange ein. Die frühe Aufnahmetechnik war noch sehr unzuverlässig, so dass oft mehrere Takes für eine gute Aufnahme erforderlich waren. Edison schickte seinen „Perfected Phonograph“ an George Gouraud in London, und am 14. August 1888 stellte dieser das Gerät in einer Pressekonferenz vor. Dabei spielte er auch eine Aufnahme eines Stücks für Klavier und Kornett aus Arthur Sullivans „The Lost Chord“. Dies war bzw. ist eine der ältesten erhaltenen Musikaufnahmen., the Gilbert and Sullivan Archive Eine Reihe von Präsentationen folgte, bei der das Gerät Mitgliedern der Gesellschaft im „Little Menlo“ in London gezeigt wurde. Sullivan wurde am 5. Oktober 1888 eingeladen. Nach dem Dinner nahm er mit dem Gerät eine kleine Rede auf, um diese an Edison zu senden. Darin sagte er unter anderem:
Diese Aufnahmen wurden in den 1950er Jahren in der Edison Library in New Jersey entdeckt. mini|Emil Berliner 1921 mit seiner Töne auf Schallplatte schreibenden Grammophon Emile Berliner konstruierte Anfang 1887 ein Gerät, mit dem die Schallwellen die Rille horizontal auslenkten. Die mechanischen Schwingungen ließ er eine Stahlnadel schneckenförmig in eine dick mit Ruß überzogene Glasplatte einritzen, wofür er am 8. November 1887 ein Patent erhielt. Im Mai 1888 stellte er der Öffentlichkeit Grammophon und Schallplatte vor. Während die Edison-Walzen ursprünglich zeitaufwändig einzeln bespielt werden mussten, konnten die Schallplatten sehr kostengünstig in Massenproduktion gepresst werden. Die kommerziell verkauften Grammophone waren daher von vornherein nur für die Wiedergabe gedacht und konnten dadurch deutlich weniger aufwendig konstruiert und damit auch günstiger hergestellt werden. Ein weiterer Unterschied war, dass die Töne bei Berliners System durch seitliche Kurven der Schallrille dargestellt wurden und bis heute bei allen Schallplatten werden (sogenannte Seiten- oder Berliner-Schrift), während Edison die Schallwellen in die Tiefe der Rille eingraben ließ (sogenannte Tiefen- oder Edison-Schrift).
Nach mehreren fehlgeschlagenen Unternehmensgründungen entstand im April 1893 die United States Gramophone Company und anschließend die Berliner Gramophone. Die von Berliner und seinem Bruder Joseph im November 1898 in Hannover gegründete Deutsche Grammophon GmbH konnte erstmals Schallplatten in größerer Menge herstellen. Während der Phase der Schellackschallplatten wurden wegen der Empfindlichkeit der Wachsmatrixen stets mehrere Takes eingespielt, von denen der beste veröffentlicht wurde.Jürgen Wölfer, Lexikon des Jazz, 1993, S. 494 f.; ISBN 3-453-06510-7
Diese beiden und verwandte frühe Systeme (insbesondere das Walzensystem des Franzosen Henri Lioret, der erstmals Zelluloid für seine Tonträger benutzte, und die etwas späteren Plattensysteme von Edison und der französischen Firma Pathé Frères) fasst man üblicherweise unter dem Begriff akustische Tonaufzeichnung zusammen, weil sie völlig ohne Elektrizität auskommen. Dieser Begriff ist jedoch irreführend, denn die Akustik ist stets beteiligt, wenn es um Schall geht. Entscheidendes Merkmal dieser Systeme ist dagegen, dass der Schall in Schwingungen einer Membran verwandelt wird, die dann auf rein mechanischem Weg gespeichert und reproduziert werden. Die gesamte hierfür benötigte Energie muss der Schall selbst aufbringen. Dadurch sind der Klangqualität (Frequenzumfang und Ausgewogenheit der wiedergegebenen Töne) und Lautstärke enge Grenzen gesetzt, die im Lauf der Geschichte zwar ausgeweitet, aber nie auch nur ansatzweise beseitigt werden konnten. Dies ermöglichte erst die Elektrizität und später die Elektronik. Die „akustische“ Tonaufzeichnung wurde auch genutzt, um durch mechanische Kopplung des Phonographen oder Grammophons mit einem Filmprojektor die ersten Tonfilme vorzuführen. Im Bereich der Filmtechnik spricht man dann von Nadelton-Verfahren. Die frühen Versuche in dieser Richtung, etwa durch Edison oder den deutschen Filmpionier Oskar Messter, scheiterten aber noch an der begrenzten Lautstärke.
Erst die magnetische Tonaufzeichnung durch elektromagnetische Induktion mit dem von Valdemar Poulsen im November 1898 vorgestellten Telegraphon ermöglichte die Löschung von Aufnahmen auf dem Tonträger.David Morton, Sound Recording, 2004, S. 50 Sein Telegraphon war zu Beginn hauptsächlich für die Aufzeichnung von Telefongesprächen gedacht. Tonträger war in der ursprünglichen Bauweise ein Draht, der helixförmig fest außen auf einer Walze angebracht war. Über dieser glitt ein U-förmiger Magnettonkopf auf einer Schiene hin und her und umfasste dabei den Draht. An dem Elektromagneten des Tonkopfes war ein Telefonhörer angeschlossen. Bei der Aufnahme erzeugte der im Mikrofon erzeugte Induktionsstrom ein Magnetfeld in dem Draht, das dann bei der Wiedergabe einen elektrischen Strom im Tonkopf erzeugte, der dem Schall entsprach und über den Telefonhörer als solcher wahrgenommen wurde. Eine spätere Bauweise dieses Gerätes benutzte ein Metallband auf zwei Spulen und kam damit im Aussehen schon dem Tonbandgerät nahe, das die AEG im Jahre 1935 unter dem Namen „Magnetophon“ vorstellte. Dessen Kunststoff-Tonträger waren bei der BASF auf der Basis eines früheren, aus Papierstreifen bestehenden Systems entwickelt worden.
Die Deutsche Grammophon errichtete ihr erstes Tonstudio 1900 in Berlin. Eine der ersten bedeutsamen kommerziellen Tonaufnahmen wird dem Tenor Enrico Caruso zugeschrieben, der am 12. November 1902 für die Grammophone Co. in Italien die Arie „Vesti la giubba“ (aus Ruggero Leoncavallos Oper Pagliacci) als erstem Millionenseller der Musikgeschichte mit der neuen „Victor master disc“-Methode aufnahm.Joseph Murrells, Million selling Records, 1984, S. 14 Die erste Jazzaufnahme stammte von der Original Dixieland Jass Band (aufgenommen am 26. Februar 1917) für das Plattenlabel Victor Talking Machine Company mit dem Livery Stable Blues/Dixie Jass Band One Step. Das erste elektrische Aufnahmeverfahren gab es am 11. November 1920 durch die Erfinder Lionel Guest und H. O. Merriman in der Westminster Abbey.Patrick Robertson, Was war wann das erste Mal?, 1977, S. 202; ISBN 3-8000-3142-6Michael Chanan, Repeated Takes: A Short History of Recording and Its Effects on Music, 1995, S. 56
Als sich in den späten 1920er der Rundfunk stark verbreitete, gab es erste Geräte, die man an die Radioempfänger anschließen konnte, um mit ihnen das Radioprogramm mitzuschneiden. Unter Juristen entstanden dazu bereits 1926 mehrere urheberrechtliche Einlassungen, die sich um die private Kopie, die öffentliche Aufführung und ähnliche Aspekte drehten.Georg Reininger, Der Schutz des Urheberrechtes im deutschen Rundfunk, de Gruyter, Berlin/Leipzig, 1928; Signatur Fi700-1928 in der Staatsbibliothek Berlin
mini|„Neue Hörkultur“ – Scherl’s Magazin von September 1929 Mit den hochwertigeren Aufzeichnungstechniken der 1920er Jahre kam auch die Kritik auf. So schrieb Otto Kappelmayer 1929 von der „Diktatur des Mikrophons“ und meinte damit, dass die Technik Musikern, bis auf wenige, die mit Aufnahmen erfolgreich wurden, ihrer beruflichen Existenz beraube, weil immer mehr Menschen Musik über Schallplatten konsumierten.Otto Kappelmayer, Achte Großmacht - Mikrophon, in: Scherl’s Magazin 5 (9), 1929, S. 1022 ff.