Plutarch (, latinisiert Plutarchus; * um 45 in Chaironeia; † um 125) war ein antiker griechischer Schriftsteller. Er verfasste zahlreiche biographische und philosophische Schriften, die seine umfassende Bildung und Gelehrsamkeit zeigen und zu einem ungewöhnlich großen Teil bis heute erhalten sind. In der griechischen Literaturgeschichte gilt Plutarch als einer der wichtigsten Vertreter des Attizismus und der Zweiten Sophistik. Sein bekanntestes Werk, die Parallelbiographien, stellt jeweils die Lebensbeschreibung eines Griechen und eines Römers vergleichend einander gegenüber.
Mitunter wird Plutarch zu den Geschichtsschreibern gerechnet, doch obwohl seine Lebensbeschreibungen oft sehr wertvolles historisches Material enthalten, war er ausdrücklich nicht an der Erforschung der Vergangenheit um ihrer selbst willen interessiert, sondern es ging ihm um Charakterstudien und moralische Vorbildlichkeit. Er schilderte bekannte historische Persönlichkeiten, in denen er charakterliche Vorbilder – teils auch abschreckender Art – sah. Durch die Vergleiche versuchte Plutarch, das Gemeinsame und Allgemeingültige herauszuarbeiten und dem Leser die Gleichrangigkeit der historischen Leistungen von Griechen und Römern vor Augen zu stellen. Plutarchs Parallelbiographien bilden einen Höhepunkt der antiken Biographik. Als Philosoph bekannte er sich zur Tradition des Platonismus.
Leben Historischer Kontext
Plutarch lebte zu der Zeit, in der das Römische Reich den Höhepunkt seiner Ausdehnung erreichte und Griechenland längst seine politische Unabhängigkeit verloren hatte. Er war selbst römischer Bürger und erhielt seine Ausbildung unter der Herrschaft Neros, dem er 66 auch persönlich begegnete. Ein großer Teil seines Lebens fällt in die Regierungszeit der Flavier (69 bis 96) und der ersten Adoptivkaiser; seine Parallelbiographien entstanden nach 96. Er dürfte während der Regierungszeit Hadrians gestorben sein.Carsten Binder: Plutarchs Vita des Artaxerxes. Ein historischer Kommentar. Berlin 2008, S. 2. Nach seinem Tod errichteten die Einwohner Delphis zusammen mit denen seiner Heimatstadt Chaironeia eine Büste mit seinem Porträt.
In der Zeit Plutarchs gab es für Rom keine bedrohlichen äußeren Gegner; die einzig verbliebene konkurrierende Großmacht, das Partherreich, verhielt sich in der Regel defensiv. Die griechischen Stadtstaaten hatten bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. ihre Freiheit verloren und waren spätestens unter Augustus in das Römische Reich eingegliedert worden. Sie behielten zwar eine begrenzte Autonomie, standen jedoch unter der Amtsgewalt römischer Statthalter. Damit waren die Handlungsmöglichkeiten griechischer Politiker, wie Plutarch selbst konstatierte, recht begrenzt.
Die griechische Kultur erlebte hingegen in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr. eine neue Blüte; als vorbildlich galten dabei die Werke der Klassik, während jene des Hellenismus unter römischer Herrschaft allgemein wenig geschätzt wurden. Die Kaiser Tiberius, Nero und Hadrian versuchten durch eine Wiederbelebung des kommunalen Lebens und durch Förderung der griechischen Kultur zu bewirken, dass die Griechen das Römische Reich als ihre Heimat betrachten konnten. Der Aufschwung beschränkte sich allerdings weitgehend auf die Städte, während einige ländliche Regionen, darunter auch fruchtbare, verarmten und aufgrund der Abwanderung ihrer Einwohner in die Städte verödeten.
Latein war zwar auch im Osten Amtssprache, Griechisch blieb aber Hoch- und Kultursprache im gesamten östlichen Mittelmeerraum und damit über die Grenzen des ursprünglich griechischen Sprachgebiets hinaus. Für die Eliten Roms war es fast selbstverständlich, auch Griechisch zu beherrschen. Viele vornehme Römer studierten in Athen oder auf Rhodos, und viele Kaiser wendeten sich den griechischen Kulturgütern zu. Eine Romanisierung der griechischen Bevölkerung blieb hingegen aus.
Familie und Ausbildung
Plutarch stammte aus Chaironeia in Boiotien, wo er gemeinsam mit zwei Brüdern, Lamprias und Timon, aufwuchs. Seine Familie lebte seit mindestens drei Generationen in Chaironeia. Sie gehörte zur alteingesessenen örtlichen Oberschicht und legte großen Wert auf Bildung. Die Familientradition wird jedoch in Plutarchs Werken nur bis zum Urgroßvater Nikarchos überliefert. Besonders positiv äußert sich Plutarch über seinen Großvater Lamprias, der häufig als Dialogpartner in seinen Moralia erscheint. Sein Vater Autobulos hingegen wird nüchterner dargestellt, da er in der Philosophie weniger versiert gewesen sei. Seine Mutter erwähnt Plutarch nicht, was auf ihren frühen Tod schließen lässt.Die verwandtschaftlichen Verhältnisse finden sich ausführlich erläutert und mit einem Stammbaum dargestellt bei Konrat Ziegler: Plutarchos von Chaironeia, 2., ergänzte Auflage, Stuttgart 1964, Sp. 6 ff. Der Wohlstand seiner Familie erlaubte es ihm, zahlreiche Reisen zu unternehmen und in Athen, dem antiken Zentrum philosophischer Bildung, bei dem Platoniker Ammonios zu studieren, der sein weiteres intellektuelles Leben prägte. Außerdem wurde er mit verschiedenen anderen athenischen Philosophenschulen bekannt, vor allem der Stoa. Er verfasste längere Streitschriften gegen Epikureer und Stoiker, die wichtige Quellen für die Geschichte dieser beiden Schulen sind. Nach seiner Ausbildung in Athen kehrte er nach Chaironeia zurück.
Leben in Chaironeia mini|Ruinen des Apollontempels in Delphi, wo Plutarch ab 95 n. Chr. als Priester tätig war
Plutarch lebte mit seiner Ehefrau Timoxena auf dem ererbten väterlichen Gut und führte mit ihr eine glückliche Ehe. Der Zeitpunkt der Heirat geht aus den Quellen nicht hervor. Wahrscheinlich hat Plutarch die Ehe gemäß der üblichen Praxis in jungen Jahren geschlossen, wohl vor Vollendung des 25. Lebensjahres.Konrat Ziegler: Plutarchos von Chaironeia, 2., ergänzte Auflage, Stuttgart 1964, Sp. 12 f. Mit seiner Frau hatte er fünf Kinder, vier Söhne und als jüngstes eine Tochter, die sich die Mutter besonders gewünscht hatte und die deshalb nach ihr Timoxena benannt wurde. Allerdings starb die Tochter schon im Alter von zwei Jahren. Der älteste Sohn Soklaros muss kurz nach dem 12. Lebensjahr gestorben sein, weil er in den Schriften Plutarchs später nicht mehr erwähnt wird. Nur zwei der Söhne, der nach dem Großvater benannte Autobulos und Plutarchos, haben den Vater überlebt.Carsten Binder: Plutarchs Vita des Artaxerxes. Ein historischer Kommentar. Berlin 2008, S. 3 f.
Nach dem Abschluss seiner Studien in Athen übernahm Plutarch zahlreiche politische Ämter, vor allem in seiner Heimatstadt Chaironeia und zeitweise auch in der Provinz Achaia. Er war unter anderem Leiter der Baupolizei und des öffentlichen Bauwesens in Chaironeia und hatte dort auch zahlreiche priesterliche Ämter inne. Seit etwa 95 versah er ein Priesteramt am Apollontempel von Delphi. Zusätzlich leitete er in seinem Heimatort eine private Schule. An ihr beteiligten sich zunächst Angehörige seiner eigenen Familie sowie Freunde und deren Verwandte, später auch Familien von außerhalb, die ihre Söhne dort unterrichten ließen. Es bildete sich ein großer Freundes- und Bekanntenkreis. In Plutarchs Schule wurde Philosophieunterricht erteilt, zum einen durch Vorträge, zum anderen in Dialogform. Die Werke Platons spielten hierbei eine wichtige Rolle. Die Ethik stand im Mittelpunkt. Außerdem wurden Themen aus Politik, Mathematik, Musik und Astronomie diskutiert.
Reisen
Plutarch verbrachte den größten Teil seines Lebens in Chaironeia. Er fühlte sich seiner Heimatstadt verbunden, unternahm aber zahlreiche Reisen, auf denen er Griechenland, Kleinasien (Sardeis oder Ephesos), das ägyptische Alexandria und mehrmals Rom besuchte.Carsten Binder: Plutarchs Vita des Artaxerxes. Ein historischer Kommentar. Berlin 2008, S. 4 f.
In Rom hielt er vor größerem Publikum philosophische Vorträge in griechischer Sprache. Er knüpfte dort zahlreiche freundschaftliche Kontakte zu prominenten Römern. Von seinem Freund Mestrius Florus, einem Freund des Kaisers Vespasian, nahm er den römischen Gentilnamen Mestrius an. Sein römischer Name ist daher Mestrius Plutarchus.Reginald H. Barrow: Plutarch and his times. London 1967, S. 12; Christopher P. Jones: Plutarch and Rome. Oxford 1971, S. 34. Allerdings ist unbekannt, wann dies geschah und ob die inschriftlich bezeugte Verleihung des römischen Bürgerrechts bei einem seiner Aufenthalte in Rom oder schon vorher erfolgte. Plutarch selbst erwähnt in seinen erhaltenen Schriften seinen römischen Namen und sein römisches Bürgerrecht nicht. Möglicherweise fühlte er sich dafür zu sehr als Grieche.Konrat Ziegler: Plutarchos von Chaironeia, 2., ergänzte Auflage, Stuttgart 1964, Sp. 14 ff. Allerdings berichtet er über eine gemeinsam mit Mestrius Florus unternommene Reise zu den Schauplätzen der Bürgerkriege des Vierkaiserjahres 69.Plutarch, Otho 14.
Eine enge Freundschaft bestand zu Quintus Sosius Senecio, dem er die Parallelbiographien widmete. Durch den Einfluss dieses Freundes, der ein Vertrauter des Kaisers Trajan war, soll Plutarch konsularische Privilegien (ornamenta consularia) erhalten haben; ob dies zutrifft, gilt in der Forschung als unsicher.Sylvia Fein: Die Beziehungen der Kaiser Trajan und Hadrian zu den litterati. Stuttgart 1994, S. 167–169: Reginald H. Barrow: Plutarch and his times. London 1967, S. 46; Christopher P. Jones: Plutarch and Rome. Oxford 1971, S. 29. Die Verleihung ist erstmals bei Eusebius und später in der byzantinischen Suda. erwähnt. Diese Überlieferung hat im Mittelalter zur Fälschung von Schriftzeugnissen über eine angebliche Korrespondenz Plutarchs mit Trajan Anlass gegeben. Dort erscheint er als Tutor des Kaisers.
Werke
Die Werke Plutarchs sind alle in griechischer Sprache verfasst. Sie werden gewöhnlich in zwei Hauptgruppen unterteilt, die biographischen und die philosophischen Schriften. Eine Liste aus dem 3. oder 4. Jahrhundert führt die Werke einzeln auf. Sie ist als „Lampriaskatalog“ bekannt. Dieser Katalog ist unvollständig,Konrat Ziegler: Plutarchos von Chaironeia, 2., ergänzte Auflage, Stuttgart 1964, Sp. 65. überliefert aber die Titel zahlreicher heute verlorener Werke.Der Lampriaskatalog bei Konrat Ziegler: Plutarchos von Chaironeia, 2., ergänzte Auflage, Stuttgart 1964, Sp. 61–65.
Biographien Kaiserbiographien
Die biographischen Arbeiten Plutarchs begannen mit den Kaiserviten, Biographien der römischen Kaiser von Augustus bis Vitellius. Erhalten geblieben sind nur die Lebensbeschreibungen von Galba und Otho sowie Fragmente der Viten des Tiberius und Neros; ein Fragment der Nerobiographie gibt Plutarch selbst.Plutarch, Galba 2,1. Ein Fragment der Tiberius-Biographie ist bei dem spätantiken Philosophen Damaskios überliefert.Konrat Ziegler: Plutarchos von Chaironeia, 2., ergänzte Auflage, Stuttgart 1964, Sp. 258. Die Kaiserviten wurden wahrscheinlich unter den Flaviern oder unter Nerva (96–98) veröffentlicht.