Als Schneeballsystem oder Pyramidensystem werden Geschäftsmodelle bezeichnet, die zum Funktionieren eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern benötigen, einem den Hang hinabrollenden und dabei stetig anwachsenden Schneeball gleichend. Vermeintliche Gewinne oder Renditen, beziehungsweise vielmehr Liquiditätsüberschüsse, entstehen fast ausschließlich dadurch, dass neue Teilnehmer in dem System mitwirken, eigenes Kapital einbringen oder erwirtschaften. Mitunter gibt es gar kein oder nur ein überteuertes Produkt, so dass ein Betrugsdelikt vorliegt.
Häufig werden Mitglieder an allen Einnahmen beteiligt, die ihre angeworbenen Mitglieder erzielen. Dadurch können nicht nur die Gründer, sondern auch Mitglieder, die besonders lange dabei sind, profitieren (pyramidenförmiger Geldfluss). Alternativ verschieben die Gründer selbst gezielt Einnahmen innerhalb ihres Systems so, dass den Investoren vorgegaukelt wird, eine Rendite zu erhalten, während das Gros der Investitionen veruntreut wird und damit verloren geht.
Schneeballsysteme sind Spezialfälle von Konstrukten, die auf ständiges Wachstum unter endlichen Rahmenbedingungen angewiesen sind und daher in der Regel innerhalb weniger Jahre zusammenbrechen bzw. auffliegen müssen. In den meisten Ländern sind sie inzwischen – zumindest teilweise – illegal.
Formen Abgrenzung zum Ponzi-System Das Ponzi-System, auch Ponzi-Schema () oder Ponzi-Spiel, ist nach dem amerikanischen Betrüger Charles Ponzi benannt. Seine Geschichte und auch der Begriff Ponzi-System sind im deutschen Sprachraum aber weniger bekannt, obwohl das Ponzi-System einige Fälle des Schneeballsystems genauer beschreibt. Hierzu zählen Geldanlagen, für die sehr hohe Renditen versprochen werden, die aber nur auf dem Papier existieren. Wenn Anleger Geld zurückfordern, werden sie über einige Zeit ausbezahlt, um das Vertrauen von Neukunden zu bewahren. Die Auszahlungen können aber nur finanziert werden, indem die Einzahlungen anderer Anleger dafür verwendet werden. Werterhöhende Geschäfte oder reale Investitionen gibt es bei diesen Anlagemodellen nicht. Das System bricht zusammen, wenn eine größere Zahl der Anleger versucht, ihre Einlage zurückzuerhalten.
In der Fachwelt werden Schneeballsystem und Ponzi-Spiel teilweise synonym verwendet.Hans-Werner Sinn: Kasino-Kapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist. Ullstein, vollständig aktualisierte 1. Auflage Juni 2010, ISBN 978-3-548-37303-4. S. 193. Trotz Gemeinsamkeiten gibt es aber klare Unterschiede. Beiden Systemen gemeinsam ist, dass die Anzahl der Teilnehmer exponentiell steigen muss, um nicht zu kollabieren (beim Schneeballsystem jedoch mit viel höheren Wachstumsraten), und dass mit den Beiträgen neuer Teilnehmer die Gewinnausschüttungen der bestehenden Teilnehmer gedeckt werden. Hauptsächlicher Unterschied ist aber: Beim Ponzi-System sind den Teilnehmern die Gründer des Systems bekannt, während die Quelle der Gewinnausschüttungen verschleiert wird. Beim Schneeballsystem ist dies umgekehrt: Neuteilnehmer haben selten mit den Gründern Kontakt, während aber die Quelle der Gewinnausschüttungen transparent ist. nach Schneeballsystem Ponzi-System TypischerAnreiz Hohe Profite durch ein einmaliges Investment, um danach selber das Produkt zu vertreiben. Im Schneeballsystem handelt es sich oft nicht um ein echtes Produkt, das üblicherweise gehandelt wird. Oftmals ist es nur erlaubt, das „Produkt“ Kunden zu verkaufen, die ebenfalls Distributoren sind oder werden wollen. Hohe Gewinne mit keinem oder nur kleinem Risiko. Man muss nur Geld überweisen und sonst nicht selbst tätig sein. Oftmals wird nur ein kleiner Teil der Beträge überhaupt in etwas investiert. Zahlungen Einmalige oder wiederkehrende Teilnahmegebühren. Die Gewinne stammen von den Neukunden, die man selbst angeworben hat. Der Teilnehmer muss nur investieren, aber sonst nicht tätig werden. Die Quelle der Gewinnausschüttungen wird verschleiert. Interaktion mit dem Gründer Interaktion mit dem Gründer findet manchmal nicht statt. Neuinvestoren werden auf allen Ebenen des Schneeballsystems angeworben. Der Gründer interagiert mit allen Neuinvestoren. Funktionsweise Gebühren von Neukunden finanzieren die Erfolgsprämien jetziger Teilnehmer. Mit den Einzahlungen von Neukunden werden die Gewinnausschüttungen jetziger Kunden finanziert. Kollaps Ziemlich rasch, denn zur Aufrechterhaltung des Systems muss auf jedem Level ein Mehrfaches an Neukunden gewonnen werden. Relativ langsam, insbesondere wenn zufriedene Kunden die Gewinnausschüttungen reinvestieren. Gut durchdachte Schneeballsysteme wachsen eher langsam und kollabieren entweder durch staatlichen Eingriff oder verbreiteten Erkenntnisgewinn bei den potenziellen Neukunden. Beim Ponzi Scheme stehen die „Kunden“ direkt mit den Betrügern im Kontakt, während beim Schneeballsystem die Urheber verschleiert sind. Schneeballsysteme sind in der Regel leicht zu erkennen, so dass Neukunden gewarnt werden können. Es wird im Laufe der Zeit immer schwieriger, neue Mitglieder anzuwerben, die auf das System hereinfallen. Allmählich steigt der Anteil der Mitglieder, die ihre Investition nicht mehr amortisieren können. Das System kollabiert, wenn auch die zuvor erfolgreichen Mitglieder aufgeben und das System wechseln.
Der Kollaps erfolgt zwangsläufig, da die Gesamteinlage bzw. die Zahl der Teilnehmer exponentiell wachsen müsste, was in einer Welt begrenzter Ressourcen auf Dauer nicht möglich ist. Muss ein neuer Teilnehmer zwei Mitglieder werben, werden es in der zweiten Stufe vier, in der dritten Stufe acht, in der vierten Stufe 16 usw. In der zehnten Stufe sind es bereits über 1000, in der zwanzigsten über eine Million. Muss ein Teilnehmer fünf Mitglieder werben, sind es bereits in der zehnten Stufe fast zehn Millionen, in Stufe 15 bereits mehr, als es Menschen auf der Erde gibt.
Herz- und Schenkkreise In Herz- oder Schenkkreisen werden keine werthaltigen Produkte oder Dienstleistungen angeboten. Neue Teilnehmer müssen eine Beitrittsgebühr an denjenigen zahlen, der sie geworben hat. Einen Teil der Beitrittsgebühr behält der Werber für sich. Oft erhält auch derjenige, der den Werber geworben hat („Werber der zweiten Stufe“), einen Anteil. Die neuen Teilnehmer beginnen ihrerseits, neue Mitglieder zu werben. Wenn sie eine ausreichende Zahl neuer Teilnehmer geworben haben, amortisiert sich ihr eigener Mitgliedschaftsbeitrag, und sie machen Gewinn. Ein frühes Beispiel in Deutschland war die 1746 gegründete Dukatensozietät.
Pyramidensysteme Pyramidensysteme sind Geschäftsmodelle, bei denen Produkte hierarchisch von oben nach unten weitergereicht werden, wobei eine Preissteigerung auf jeder Ebene erfolgt. Beispielsweise wirbt Person A die Person B an, welche das Produkt von A zu einem höheren Preis kauft (z. B. 50 Cent teurer). B kann das Produkt entweder weiterverkaufen oder eine weitere Person C anwerben, die das Produkt ab sofort von B bezieht, wiederum zu einem höheren Preis. Dieses Modell funktioniert nur bis zu einem bestimmten Punkt, danach kollabiert das System für die untersten Teilnehmer. Problematisch sind dabei vor allem der Produktfluss von oben nach unten, die Weitergabe der Produkte von A nach B zu C und die stetige Preissteigerung.
Multi-Level-Marketing Schwierigkeiten bereitet oft die Abgrenzung illegaler Schneeballsysteme von legalem Strukturvertrieb oder Multi-Level-Marketing (MLM). Der Übergang ist fließend und teilweise nicht alleine von der Ausgestaltung der Regeln, sondern auch von deren faktischer Umsetzung abhängig. Die Grundfrage für die Abgrenzung lautet: Würde der Kunde das angebotene Produkt erwerben, selbst wenn er keine Provision für die Vermittlung von Neukunden erhielte?
Bei einem Schneeballsystem steht häufig die Verdienstmöglichkeit für die Anwerbung von Neukunden im Vordergrund. Dies zeigt sich bereits bei der Ansprache, bei der mit Einkommensversprechen anstelle von Konsumprodukten geworben wird. Bei zulässigem Multi-Level-Marketing wird das Produkt hauptsächlich an Verbraucher vertrieben, die nicht gleichzeitig Teil des Vertriebssystems werden, oder es wird ein legitimes Konsumentennetzwerk aufgebaut, bei dem die Vertriebspartner gleichzeitig die Konsumenten sind. Hier können evtl. Kosten für Warentransport, Werbung und sonstige betriebliche Aufwendungen (Lohnnebenkosten, Mieten der Geschäftsräume, Großhandelsmarge etc.) eingespart und stattdessen als Bonus an die Vertriebspartner ausgeschüttet werden.
Indizien für ein illegales Schneeballsystem sind: Rekrutierungsbasiertes System: Der Hauptfokus liegt auf der Rekrutierung neuer Mitglieder, statt auf dem Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen. Es wird starker Druck ausgeübt, neue Mitglieder zu gewinnen und Provisionen oder Boni für erfolgreiche Rekrutierungen werden angeboten. Dabei wird oft von „passivem Einkommen“ oder „selbstständigem Einkommen“ gesprochen. Hierarchische Struktur: Diejenigen, die sich frühzeitig beteiligen, stehen an der Spitze der Pyramide und profitieren von den Einzahlungen der nachfolgenden Teilnehmer. Kein echter Produktwert: Oft gibt es keine oder nur geringwertige Produkte oder Dienstleistungen, wobei die angebotenen Produkte meist überteuert sind. Überhöhte Handelsmargen: Die Handelsmarge oder Vertriebsprovision ist ungewöhnlich hoch für die jeweilige Branche. Mangelnder Kundenstamm: Es gibt kaum Kunden, die das Produkt ohne Aussicht auf Provisionszahlungen erwerben würden. Hohe Renditeversprechen: Pyramidensysteme locken potenzielle Teilnehmer oft mit unrealistischen Renditeversprechen an.
In der Schweiz wird in erster Linie auf das Kriterium der Ausschließlichkeit abgestellt (entsprechend dem ersten Kriterium): Wenn eine Amortisation der Eintrittssumme ausschließlich über die Anwerbung neuer Mitglieder möglich ist, handelt es sich um ein Schneeballsystem. Diesfalls hängt die Möglichkeit zu einer Amortisation von der bestehenden Marktsättigung ab, d. h. das Neumitglied riskiert, bei gesättigtem Markt an der Amortisation zu scheitern, weil nicht mehr ausreichend viele neue Mitglieder gefunden werden können. Darin, dass ein Neumitglied den Sättigungsgrad des Marktes nicht beurteilen kann und damit letztlich bei der Bezahlung seiner Eintrittssumme mit dem Zufall spielt, liegt das „lotterieähnliche Element“ vor, das dem Verbot von Schneeballsystemen zugrunde liegt.
Vergleichbare Fälle
In den 1860er Jahren baute Adele Spitzeder in München ein Ponzi-System auf, bei dem sie hohe Zinsgutschriften durch die Einzahlungen neuer Kunden beglich. Als 60 Kunden gleichzeitig ihre Einlagen zurückforderten, brach das System zusammen.
In den 1920er Jahren gelang es Charles Ponzi in den USA, innerhalb von etwa sechs Monaten nach heutigem Wert ungefähr 150 Mio. US-$ einzusammeln. Den Anlegern wurde durch Scheininvestitionen suggeriert, dass die Renditen tatsächlich erwirtschaftet wurden. Charles Ponzi behauptete, ein besonderes Geschäftsmodell entwickelt zu haben, das die Renditen ermögliche.
1997 wurden durch Schneeballsysteme in Albanien schwere Unruhen ausgelöst. Wie bei allen Pyramidenspielen wurden den Anlegern sehr hohe Renditen auf ihre Investitionen geboten. Viele Familien investierten ihr gesamtes Vermögen, häufig wurden auch Häuser beliehen. Insgesamt wurden 1,2 Mrd. US-$ investiert. Die Firmen in Albanien führten getreu Ponzis Vorbild vereinzelte Scheininvestitionen mit dem Ziel durch, den Anlegern vorzuspielen, dass die versprochenen Erträge auch tatsächlich erzielt wurden.
Die türkische Unternehmung Yimpaş warb mit dem Glauben als Gütesiegel unter Auslandstürken in Europa. Über 50 türkische Holdings akquirierten vorzugsweise in Moscheevereinen im Zeitraum von 1997 bis 2002 zwischen 5 und 50 Mrd. Euro mit dem sogenannten Konya-Modell. Den Anlegern wurde suggeriert, dass sie ihr Geld nach den Geboten des Islam anlegen würden, außerdem würden sie mit ihren Anlagen Arbeitsplätze in der Türkei schaffen und hohe Renditen erzielen.