mini|König Michael I. von Rumänien (1947) Der Königliche Staatsstreich war ein am 23. August 1944 unter der Führung des rumänischen Königs Michael I. durchgeführter Umsturz im Königreich Rumänien. Das Ergebnis war die Beendigung der Militärdiktatur von Marschall Ion Antonescu und des Militärbündnisses mit dem Deutschen Reich, dessen Niederlage im Zweiten Weltkrieg sich abzeichnete.

In der Folge nahm Rumänien an der Seite der Alliierten am Krieg teil. Innenpolitisch ermöglichte der Staatsstreich kurzzeitig eine Demokratisierung, bereitete letztlich aber der Eingliederung des Landes in den sowjetischen Machtbereich den Weg.

Die Geschichtsschreibung der Volksrepublik Rumänien und des gesamten Ostblocks bezeichnete bis 1989 den Staatsstreich als antifaschistischen Aufstand des rumänischen Volkes, zu dem der König nur insofern beigetragen habe, als er sich an dessen Spitze gestellt hatte.

Vorgeschichte Rumänien vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg Rumänien hatte – obwohl militärisch unterlegen – als Verbündeter der Entente nach dem Ersten Weltkrieg in den Verträgen von Trianon und Saint-Germain große Gebietsgewinne im Nordwesten und Norden auf Kosten des zerfallenden Österreich-Ungarn gemacht. Zudem konnte es die Wirren des Russischen Bürgerkriegs nutzen und sich Bessarabien aneignen. Außenpolitisch versuchten die Regierungen des Landes, sich an die Westmächte (Großbritannien und besonders Frankreich) anzulehnen. Noch am 13. April 1939 – kurz nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei – sprachen die britische und die französische Regierung Rumänien eine Beistandsgarantie für den Fall eines gegen das Land gerichteten Angriffs aus.Andreas Hillgruber: Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938–1944. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1954. S. 40.

Innenpolitisch war Rumänien verfassungsmäßig eine konstitutionelle Monarchie. Die Regierungen hatten mit starken wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen und meist nur eine kurze Lebensdauer. 1930 übernahm König Karl II. die Macht und versuchte, schrittweise das Land seiner autokratischen Führung zu unterwerfen. 1938 erreichte er die weitgehende Ausschaltung des Parlaments und errichtete eine Königsdiktatur.Eike-Christian Kersten: Rumänien im Zweiten Weltkrieg. Wie kam es zum Kriegseintritt? Was waren die Folgen des Putsches im August 1944? GRIN Verlag, München 2007. S. 4ff. ISBN 978-3-638-76327-1.

Die politischen Veränderungen in Europa zu Beginn des Zweiten Weltkrieges stellten die bisherige Außenpolitik grundlegend in Frage: Der Waffenstillstand von Compiègne im Juni 1940 besiegelte die Niederlage Frankreichs gegenüber dem Deutschen Reich; auch Großbritannien fiel als Unterstützer Rumäniens aus. In den maßgeblichen politischen und militärischen Kreisen Rumäniens sah man sich aus Furcht vor einer sowjetischen Invasion gezwungen, sich eng an das Deutsche Reich anzulehnen.Andreas Hillgruber: Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938–1944. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1954. S. 70. Diese Verbindung war für Rumänien jedoch nur von begrenztem Wert, da das Deutsche Reich bereits im August 1939 im geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes Bessarabien der Sowjetunion als Teil von deren Interessensphäre zugestanden hatte.Andreas Hillgruber: Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938–1944. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1954. S. 55 f. Die deutsche Regierung, von Karl II. um Beistand gebeten, empfahl Rumänien, die sowjetischen Forderungen nach Gebietsabtretungen zu erfüllen.Andreas Hillgruber: Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938–1944. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1954. S. 73 f. Vom 28. Juni bis zum 1. Juli 1940 besetzten sowjetische Truppen kampflos Bessarabien und den Norden der Bukowina. Am 30. August 1940 musste sich Rumänien dem Zweiten Wiener Schiedsspruch unterwerfen, in dem das gleichfalls von Deutschland abhängige, mit Rumänien aber verfeindete Ungarn den Norden Siebenbürgens von Rumänien erhielt.

Als Folge dieser Ereignisse sah sich Karl II. am 4. September 1940 gezwungen, den ihm gegenüber kritischen General Ion Antonescu zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Dieser erzwang schon zwei Tage später Karls Abdankung und errichtete gemeinsam mit der faschistischen Eisernen Garde unter Horia Sima eine Militärdiktatur. Nach der Abdankung Karls II. wurde formell dessen Sohn, der 18-jährige Michael I., zum König. Antonescu gestand ihm jedoch nur repräsentative Aufgaben zu; die politische Gewalt lag allein in der Hand des Militärdiktators und seiner Regierung. Am 23. November 1940 trat Rumänien dem Dreimächtepakt bei. Nachdem die Eiserne Garde im Januar 1941 vergeblich versucht hatte, in einem Putsch die alleinige Macht zu übernehmen, bildete Antonescu mit dem Einverständnis Hitlers allein eine Regierung.

Der Feldzug gegen die Sowjetunion mini|Die Operation Jassy-Kischinew Als Hitler im Frühjahr 1941 die Vorbereitungen für den Überfall auf die Sowjetunion vorantrieb, sah Marschall Ion Antonescu eine Möglichkeit, über eine Beteiligung an diesem Feldzug die 1940 an die Sowjetunion verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Ohne dass ein formelles Bündnis beschlossen wurde, erlaubte Antonescu der Wehrmacht, das Land als Aufmarschbasis für den Überfall zu nutzen. Rumänien selbst beteiligte sich mit zwei Armeen (3. und 4. Armee) am Feldzug, der zunächst sehr erfolgreich verlief: die rumänischen Truppen konnten innerhalb weniger Wochen die Nordbukowina und Bessarabien zurückerobern. Darüber hinaus erhielt sie die Verwaltung über Transnistrien, ein Gebiet in der Südukraine mit der Stadt Odessa.

Ab Ende 1941 waren die militärischen Erfolge seltener; Ende 1942 schließlich wurden die beiden rumänischen Armeen in die Schlacht von Stalingrad verwickelt und wurden dort, auch aufgrund unzureichender und veralteter Ausrüstung, nach zum Teil hartem Widerstand weitgehend vernichtet. Ab 1943 befanden sich die im Jahresverlauf neu aufgestellten rumänischen Einheiten – wie auch die deutsche Wehrmacht – überwiegend im Rückzug. Mitte 1944 war die Rote Armee bereits im Nordosten auf rumänisches Territorium vorgedrungen. Hier stabilisierte sich die Front vorübergehend. Am 20. August 1944 begann die Operation Jassy-Kischinew: Nach wenigen Stunden hatten die angreifenden sowjetischen Truppen die deutsch-rumänischen Verteidigungslinien überwunden. Als Durchbruchsstellen wurden bewusst die Abschnitte ausgesucht, die von den weniger kampffähigen und -bereiten rumänischen Einheiten verteidigt wurden. Marschall Antonescu beabsichtigte, im Inneren des Landes eine neue Verteidigungslinie aufzubauen, stieß damit aber auf Widerspruch bei vielen seiner Generäle, die dies als sinnloses Blutbad ansahen.

Die Vorbereitungen des Staatsstreiches mini|hochkant|Iuliu Maniu Mit länger werdender Kriegsdauer, mit der immer größer werdenden Opferzahl und mit immer ungewisserem Ausgang wurde der Krieg in der rumänischen Bevölkerung unpopulärer. Auch Antonescu selbst plante, das Bündnis mit Deutschland zu verlassen und aus dem Krieg auszuscheiden, um eine Besetzung des Landes durch die Rote Armee zu verhindern.Hildrun Glass: Minderheit zwischen zwei Diktaturen: zur Geschichte der Juden in Rumänien 1944–1949. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2002. S. 9–12. ISBN 978-3-486-56665-9. Aus Angst vor einem deutschen Eingreifen zögerte er diesen Schritt jedoch immer weiter hinaus. Ihm lagen Geheimdienstinformationen vor, wonach oppositionelle Kräfte seinen Sturz betrieben, er unternahm jedoch nichts dagegen.

Geheime Verhandlungen zwischen Regierungsvertretern und den Westmächten in Kairo hatten klargemacht, dass eine militärische Unterstützung durch die Vereinigten Staaten oder Großbritannien nicht zu erwarten war. Somit blieb als einzige Option, einen Friedensschluss allein mit der Sowjetunion anzustreben. Die oppositionellen Parteien, die zwar formal verboten, in ihrer Tätigkeit aber nicht völlig ausgeschaltet waren, erfuhren von den geheimen Gesprächen und begannen bereits 1943 mit der Gründung eines „Nationaldemokratischen Blocks“ (Blocul Național Democratic). Ihm gehörten außer den beiden großen Vorkriegsparteien (den Nationalliberalen und der Bauernpartei) auch die Sozialdemokraten und die Kommunisten an. Die bürgerlichen Parteien erhofften sich durch die Beteiligung der Kommunisten, bei der Sowjetunion den Verbleib der Nordbukowina und Bessarabiens bei Rumänien zu erreichen. Darüber hinaus hatte die Kommunistische Partei zunächst kaum eine Bedeutung; ihre Mitgliederzahl im Sommer 1944 wird auf weniger als 1000 geschätzt.

Im Juli 1944 wurden die Pläne für einen Austritt aus dem Militärbündnis mit Deutschland auf Seiten der Opposition konkreter. Ziel war es, Antonescu davon zu überzeugen, den Krieg zu beenden. Nur im Falle seiner Weigerung sollte er verhaftet werden und eine Koalitionsregierung der vier Oppositionsparteien die Macht übernehmen.Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2001. S. 428–437. ISBN 978-3-486-56585-0.

Der Ablauf des Staatsstreiches Der Umsturz wurde von König Michael ursprünglich für den 26. August 1944 geplant.Gh. Buzatu: A History of Romanian Oil. Editura Mica Valahie 2006. S. 254f. ISBN 978-973-7858-68-9. In Anbetracht der dramatischen militärischen Lage sah sich jedoch die Opposition zu raschem Handeln gedrängt. Der militärische Berater des Königs, General Constantin Sănătescu, veranlasste König Michael, Antonescu zu einer Audienz einzuladen. Dort solle Antonescu sich mit dem Austritt aus dem Militärbündnis mit Deutschland einverstanden erklären; anderenfalls war seine Verhaftung geplant. Ion Antonescu suchte am Nachmittag des 23. August den König zu der geplanten Audienz auf. Diese fand in der Casa Nouă des Bukarester Königspalastes statt. Antonescus Leibwache wartete vor dem Gebäude; Michael hatte in den Nebenräumen seines Empfangszimmers bewaffnete Vertraute und Offiziere postiert. Auf dem Gang vor dem Zimmer stand ein ebenfalls in die Putschpläne eingeweihter Hauptmann der Palastwache mit drei Unteroffizieren. Neben Ion Antonescu war der einflussreiche Außenminister Mihai Antonescu Teilnehmer der königlichen Audienz. Dieser erschien etwa 15:45 Uhr, Ion Antonescu verspätete sich um ca. 15 Minuten, kam also um 16:15 Uhr. Bis dahin unterhielten sich König Michael und Mihai Antonescu oberflächlich.

Michael I. ging zunächst auf den Durchbruch der sowjetischen Truppen durch die Front ein und fragte Marschall Antonescu, wie der darauf zu reagieren gedenke. Dieser leugnete einen entscheidenden Erfolg der Roten Armee; zwar habe es einen sowjetischen Vorstoß gegeben, er sei aber zuversichtlich, ihn zu stoppen. Die „Karpatenfestung“ sei für die Rote Armee unüberwindbar. Michael verlangte dagegen einen sofortigen Waffenstillstand. Antonescu lehnte dies ab und wurde von Michael daraufhin zum Rücktritt aufgefordert. Auch dies wurde von Antonescu zurückgewiesen; er könne das Schicksal Rumäniens nicht in die Hände des jungen Königs legen. Michael schwieg zunächst und verließ dann den Raum mit der Begründung, ein Glas Wasser trinken zu wollen. Auf dem Gang motivierte er den Hauptmann der Palastwache erneut für den möglicherweise gleich stattfindenden Zugriff.