La donna del lago (Die Dame vom See) ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „melodramma“) in zwei Akten von Gioachino Rossini. Das Libretto verfasste Andrea Leone Tottola nach dem 1810 erschienenen Versepos The Lady of the Lake von Walter Scott. Die Uraufführung erfolgte am 24. September oder 24. Oktober 1819 im Teatro San Carlo in Neapel.
Inhalt
Erster Akt
Der von dichten Wäldern bedeckte Berg Ben Ledi; zu seinen Füßen ein weites Tal, in dessen Mitte der Loch Katrine mit einer Holzbrücke
Szenen 1–3. Im Morgengrauen gehen Schäfer und Jäger am Ufer des Loch Katrine ihren gewohnten Tätigkeiten nach (Chor: „Del dì la messaggera“). Elena überquert den See und singt von ihrer Sehnsucht nach ihrer wahren Liebe, Malcolm (Cavatine: „Oh mattutini albori!“). Am Rande des Sees trifft Elena König Giacomo, der sich – in der Hoffnung, der schönen Elena zu begegnen – als Uberto verkleidet hat. Elena hält ihn für einen verirrten Jäger und bietet ihm Hilfe an. Giacomo ist einverstanden, und die beiden machen sich auf den Weg zu der Wohnung, in der sie mit ihrem verbannten Vater, dem einstigen Lord di Bothwel, Zuflucht gefunden hat (Duettino: „Scendi nel piccol legno“). Gleichzeitig sind die Männer in seinem Gefolge auf der Suche nach dem verkleideten König (Chor: „Uberto! Ah! dove t’ascondi?“).
Herberge von Douglas mit den Wappen seiner Vorfahren
Szenen 4–8. Nach der Ankunft in Elenas Vaterhaus bemerkt der König die Wappen ihrer Familie und erfährt, dass Elenas Vater Douglas d’Angus ist, sein ehemaliger Lehrer, der sich inzwischen jedoch gegen ihn verschworen hat. Elenas Freunde kommen, um ihre Verlobung zu besingen, die ihr Vater mit Rodrigo, dem Anführer eines Schottenstammes, den Hochländern, arrangiert hat (Chor: „D’Inibaca, donzella“). Uberto/Giacomo wird eifersüchtig (Duett: „Sei già sposa?“). Er entscheidet, dass Elena sich nicht mit Rodrigo verbinden soll („Le mie barbare vicende“) und lässt Elena und die ihren wissen, welche Aussichten er selbst ihnen offeriert („Cielo! in qual estasi“). Malcolm, der entschieden hat, sich den Hochländern anzuschließen, erscheint. Als er allein ist, singt er über seine Erinnerungen an Elena („Mura felici“ – „Elena! oh tu, ch’io chiamo“). Ungesehen belauscht Malcolm dann Elena, wie sie mit ihrem Vater über die bevorstehende Hochzeit mit Rodrigo sprechen. Douglas fordert seine Tochter erneut auf, der Eheschließung zuzustimmen (Arie: „Taci, lo voglio, e basti“). Nachdem Douglas abgetreten ist, versichern Malcolm und Elena einander ihre unsterbliche Hingabe (Duettino: „Vivere io non potrò“).
Weite Ebene, umgeben von hohen Bergen; in der Ferne ein anderer Teil des Sees
Szenen 9–10. Die Krieger der Hochländer begrüßen ihren Anführer Rodrigo (Chor: „Qual rapido torrente“). Rodrigo wünscht, seine zukünftige Braut zu sehen (Cavatine: „Eccomi a voi, miei prodi“). Sie kommt mit ihrem Vater. Douglas erinnert Elena an ihre Tochterpflichten und Rodrigo erklärt ihr seine Liebe. Malcolm kommt dazu und Rodrigo stellt ihm Elena als seine künftige Braut vor, mit der er sich verbinden will. Trotz Elenas Bemühungen, ihre Gefühle zu verbergen, bemerken sowohl Rodrigo als auch Douglas die Verbindung zwischen Malcolm und Elena. Serano berichtet von einem drohenden Angriff der Truppen des Königs. Rodrigo, Malcolm und die Krieger der Hochländer bereiten sich vor, den Kampf aufzunehmen („Su … amici! Guerrieri!“).
Zweiter Akt
Dichtes Gehölz; auf einer Seite eine Grotte
Szenen 1–2. Uberto/Giacomo ist in der Hoffnung gekommen, Elena zu finden, und sie vor den drohenden Schlachten zu bewahren (Cavatine: „Oh fiamma soave“). Inzwischen bittet Elena Serano, ihren Vater zu suchen, bevor er in den Kampf zieht. Uberto/Giacomo nähert sich Elena und erklärt ihr seine Liebe. Sie bekennt, dass sie einen anderen liebt (Duett: „Alla ragion deh rieda“). Dennoch gibt Uberto Elena einen Ring und behauptet, er habe ihn vom König erhalten. Der Ring werde ihr in Zeiten der Gefahr helfen, vom König Hilfe zu erhalten. Uberto/Giacomo schickt sich an, fortzugehen, doch Rodrigo hat das vorherige Gespräch mit seiner Braut belauscht. Überwältigt von Wut und Eifersucht, befiehlt Rodrigo seinen Männern, diesen Fremden zu töten. Elena fleht Rodrigo Männer an, Uberto zu verschonen und es kommt dann nur zum Zweikampf zwischen Rodrigo und Uberto. Die beiden Männer lassen voneinander ab, doch Elena versucht vergeblich, die Situation zu befrieden (Terzett: „Io son la misera“).
Grotte
Szene 3. In einer Pause der Schlacht versucht Malcolm, Elena zu finden. Serano sagt ihm, dass sie zu ihrem Vater in den Palast des Königs unterwegs ist. Rodrigo wurde getötet und die Hochländer stehen vor der sicheren Niederlage. Malcolm erscheint im Palast, entschlossen, Elena aus der Gefahr zu retten, auch wenn das für ihn selbst gefährlich ist (Arie: „Ah si pera: ormai la morte“).
Zimmer im Palast von Stirling
Szenen 4–6. Im Palast bittet Douglas seinen ehemaligen Schüler König Giacomo um Vergebung, aber der König weigert sich. Inzwischen hat Elena Einlass in den Palast gefunden und zeigt den Ring von Uberto vor. Sie hofft, das Leben ihres Vaters, Malcolm und sogar Rodrigo, von dessen Tod noch nichts bekannt ist, zu retten. Im nächsten Raum hört sie Ubertos Stimme, der von seiner Liebe zu ihr („Aurora! ah sorgerai“) singt. Elena ist begeistert und gewinnt die Überzeugung, dass Uberto ihr helfen wird, mit dem König sprechen zu dürfen.
Szene 7. Am Königshof wird der König beim Betreten seines Thronsaals begrüßt (Chor: „Impogna il re“). Als Elena versucht, sich ihm zu nähern, erkennt sie, dass Uberto und König Giacomo dieselbe Person ist. Giacomo lässt sich erweichen und beschließt wegen seiner Zuneigung für Elena, sowohl Douglas als auch Malcolm zu vergeben. Elena freut sich, ihre Liebe zum Vater und ihre wahre Liebe zu Malcolm nie verdrängt zu haben, während alle anderen sich darüber freuen, dass der Frieden wiederhergestellt wurde (Rondò: „Tanti affetti in un momento“).
Gestaltung
Instrumentation
Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:, abgerufen am 21. Januar 2016.
Zwei Flöten/Piccoloflöte, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen Pauken, Große Trommel, Becken, Triangel Harfe Streicher Auf der Bühne: sechs Hörner, Banda mit Trompeten
Musiknummern
Die Oper enthält die folgenden Musiknummern:La donna del lago. Musiknummern auf librettidopera.it, abgerufen am 21. Juni 2016.
Erster Akt Nr. 1. Introduktion (Chor, Elena, Uberto): „Del dì la messaggera“ (Szene 1) Cavatine (Elena): „Oh mattutini albori“ (Szene 2) Duettino (Elena, Uberto): „Scendi nel piccol legno“ (Szene 2) Chor: „Uberto! Ah! dove t’ascondi?“ (Szene 3) Nr. 2. Chor: „D’Inibaca, donzella“ (Szene 6) Duett (Uberto, Elena): „Sei già sposa?“ (Szene 6) Nr. 3. Rezitativ: „Mura felici“ (Szene 7) Cavatine (Malcolm): „Elena! oh tu, ch’io chiamo“ – „Oh quante lacrime“ (Szene 7) Nr. 4. Arie (Douglas): „Taci, lo voglio, e basti“ (Szene 8) Nr. 5. Duettino (Elena, Malcolm): „Vivere io non potrò“ (Szene 8) Nr. 6. Chor: „Qual rapido torrente“ (Szene 9) Cavatine (Rodrigo): „Eccomi a voi, miei prodi“ (Szene 9) Nr. 7. Chor und Finale I (Chor, Rodrigo, Elena, Douglas, Malcolm, Albina, Serano): „Vieni, o stella – che lucida e bella“ (Szene 10) Terzett (Rodrigo, Douglas, Elena): „Quanto a quest’alma amante“ (Szene 10) Chor: „Già un raggio forier“ (Szene 10) Zweiter Akt Nr. 8. Cavatine (Uberto): „Oh fiamma soave“ (Szene 1) Nr. 9. Duett (Elena, Uberto): „Alla ragion deh rieda“ (Szene 1) Terzett (Elena, Uberto, Rodrigo, Chor): „Io son la misera“ (Szene 2) Nr. 10. Arie (Malcolm, Chor): „Ah si pera: ormai la morte“ (Szene 3) Nr. 11. Canzonetta (Uberto): „Aurora! ah sorgerai“ (Szene 5) Nr. 12. Chor: „Imponga il re“ (Szene 7) Nr. 13. Rondò und Finale II (Elena, Chor) „Tanti affetti in un momento“ – „Fra il padre e fra l’amante“ (Szene 7)
Musik
Mit ihren Naturszenen nimmt die Oper Elemente von Rossinis Spätwerk Guillaume Tell (1829) vorweg. Der Anfang orientiert sich eng an der Vorlage Scotts. Anstelle einer Ouvertüre gibt es eine sechzehn Takte lange Orchestereinleitung, in der die Landschaft der schottischen Highlands suggeriert wird. Es folgt der Hirtenchor „Del dì la messaggera“, zu dem im Hintergrund Hörner und Jagdgeräusche erklingen. Anschließend singt Elena ihre Cavatine „Oh mattutini albori“ – Richard Osborne zufolge eine der schlichtesten und lieblichsten Cavatinen Rossinis. Der eher statische zweite Akt fällt im Vergleich zum ersten qualitativ etwas ab. Der Musikkritiker Henry Chorley hielt ihn für wenig mehr als ein „Konzert im Kostüm“.
Weitere erwähnenswerte Musiknummern sind:La donna del lago – Brani significativi in den Werkinformationen auf librettidopera.it, abgerufen am 23. Juni 2016.
Malcolms Auftritts-Szene mit der Andantino-Cavatine „Elena! oh tu, ch’io chiamo“ und der Allegro-Cabaletta „Oh quante lacrime“ (erster Akt, Szene 7) lässt Charles Osborne zufolge bereits an Bellini denken. Das Terzett Rodrigo/Douglas/Elena „Quanto a quest’alma amante“ (erster Akt, Szene 10) Der Bardenchor „Già un raggio forier“ (erster Akt, Szene 10) erreichte eine besondere Bekanntheit und wurde „ein Liebling der Patrioten für die folgenden fünfzig Jahre“. Die Cavatine des Uberto „Oh fiamma soave“ (zweiter Akt, Szene 1) – für Charles Osborne „a winning combination of flowing lyricism and agile coloratura“. Das Allegro-Duett Elena/Uberto „Alla ragion deh rieda“ (zweiter Akt, Szene 1) erweitert sich bei der Ankunft Rodrigos zu einem Terzett. Richard Osborne bezeichnet diesen Abschnitt als „die zentrale Leistung des 2. Aktes“. Das Schluss-Rondò „Tanti affetti in un momento“ (zweiter Akt, Szene 7) ist eher konventionell, aber voller brillanter Koloraturen.
Werkgeschichte
Nach der gefeierten Premiere seiner Oper Eduardo e Cristina am 24. April 1819 in Venedig reiste Rossini nach Neapel, um für das dortige Teatro San Carlo seine nächste Oper zu komponieren. Dessen Intendant hatte ursprünglich für die folgende Spielzeit Gaspare Spontini engagieren wollen. Dieser war jedoch nicht verfügbar, und so sprang Rossini ein, wie aus einer Mitteilung des Impresarios Domenico Barbaja an den Leiter der Königlichen Theater vom 24. Juli 1819 hervorgeht. Das Datum der Uraufführung wird in der Literatur unterschiedlich angegeben. Während Herbert Weinstock und Charles Osborne angeben, dass Rossini mit der Komposition pünktlich fertig wurde und die Oper wie geplant am 24. September 1819 aufgeführt werden konnte (dieses Datum nennen auch Wilhelm Keitel und Corago), schreibt Sabine Henze-Döhring in Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters von einem Monat Verzögerung und nennt ebenso wie Richard Osborne und Grove Music Online den 24. Oktober. Die Arie des Douglas „Taci, lo voglio“ (erster Akt, Szene 8) sowie fast alle Rezitative stammen von einem unbekannten Mitarbeiter.
La donna del lago ist die erste italienische Oper, die ein Werk von Walter Scott zur Vorlage hatte. Damit begründete sie eine Opernmode, während der bis zur Mitte des Jahrhunderts mehr als 25 weitere Werke entstanden. Auf die Idee zu dem Stoff kam Rossini wohl durch ein Gespräch mit Désiré-Alexandre Batton, der sich 1819 als Rompreisträger ebenfalls in Neapel aufhielt. Batton berichtete dem Rossini-Biographen Giuseppe Radiciotti später, dass er sich mit Rossini über mögliche Vorlagen für ihre nächsten Kompositionen unterhalten hatte. Er habe dabei Scotts Dichtung The Lady of the Lake erwähnt, die er kurz zuvor gelesen hatte. Rossini habe ihn daraufhin gebeten, ihm das Buch zu leihen. Schon zwei Tage später habe Rossini zu ihm gesagt: „Vielen Dank, mein Freund! Ich las das ganze Gedicht, und es gefällt mir sehr. Ich werde es sogleich Tottola übergeben.“