mini|Hermann Junker (sitzend, rechts) in Arminna, um 1911/12

Hermann Junker (* 29. November 1877 in Bendorf/Rhein; † 9. Januar 1962 in Wien) war ein deutscher Ägyptologe.

Leben Pastorale Tätigkeit Hermann Junker wurde 1877 in Bendorf als Sohn eines Buchhalters geboren. 1896 trat er in das Priesterseminar in Trier ein. Bereits während des Theologiestudiums zeigte er ein großes Interesse für Philosophie und orientalische Sprachen. Nach vierjährigem Studium erhielt Junker im Jahr 1900 die Priesterweihe und wurde Kaplan an St. Laurentius in Ahrweiler. Er betrieb aber daneben weiterhin Sprachstudien und besuchte an einem Tag pro Woche ein Anfängerkolleg zur altägyptischen Sprache bei Alfred Wiedemann an der Universität Bonn.P. Jánosi: Österreich vor den Pyramiden: Die Grabungen Hermann Junkers im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien bei der großen Pyramide in Giza. Wien 1997, S. 19.

Studium der Ägyptologie Nach seiner Priesterweihe studierte Junker ab 1901 bei Adolf Erman in Berlin Ägyptologie. Die besondere Rolle, die Junkers katholische Verortung bei der Ausübung seiner Wissenschaft spielte, wurde in der jüngeren Forschung offenbar.Susanne Voss: Die Geschichte der Abteilung Kairo des DAI im Spannungsfeld deutscher politischer Interessen. Band 2: 1929 bis 1966. (= Menschen – Kulturen – Traditionen. Studien aus den Forschungsclustern des Deutschen Archäologischen Instituts. Band 8,2). Rahden (Westfalen) 2017, ISBN 978-3-86757-396-2, S. 215–222. Im Rahmen des Projektes des Wörterbuchs der ägyptischen Sprache befasste er sich mit der jüngsten altägyptischen Sprachstufe, den Texten aus ptolemäischer und römischer Zeit und promovierte 1903 mit der Arbeit „Über das Schriftsystem im Tempel der Hathor in Dendera“.P. Jánosi: Österreich vor den Pyramiden: Die Grabungen Hermann Junkers im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien bei der großen Pyramide in Giza. Wien 1997, S. 20. 1906 erschien Junkers Habilitationsschrift „Grammatik der Denderatexte“, was ihm ermöglichte, sich um den freigewordenen Lehrstuhl für Ägyptologie in Wien zu bewerben. 1907 erfolgte die Berufung zum Privatdozenten an der Universität Wien.P. Jánosi: Österreich vor den Pyramiden: Die Grabungen Hermann Junkers im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien bei der großen Pyramide in Giza. Wien 1997, S. 22. 1908 reiste er zum ersten Mal nach Ägypten, um für die Preußische Akademie der Wissenschaften an der Dokumentation des Tempels von Philae mitzuarbeiten.P. Jánosi: Österreich vor den Pyramiden: Die Grabungen Hermann Junkers im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien bei der großen Pyramide in Giza. Wien 1997, S. 24–26. Ein Jahr später wurde er zum außerordentlichen Professor für Ägyptologie an der Universität Wien berufen. Als Mitglied der Ägyptischen Kommission der österreichischen Akademie der Wissenschaften wurde Junker auch offiziell als Grabungsleiter vorgeschlagen.

Erste Grabungstätigkeiten mini|Keramik aus der Grabung in Tura im KHM

Durch gezielte Grabungen versuchte Junker Lücken in den Beständen der ägyptischen Sammlungen und Museen zu schließen. Auch in diesem Sinne führte er im Winter 1909/10 die erste offizielle österreichische Grabung in dem kleinen Ort Tura in der Nähe von Kairo aus, wo reiche prähistorische Funde die Bestände des Kunsthistorischen Museum Wien ideal ergänzten. Im darauffolgenden Winter leitete er Grabungen in el-Kubanieh nördlich von Assuan, wo nicht nur frühzeitliche Gräber, sondern auch Friedhöfe aus dem Mittleren Reich und der sogenannten nubischen C-Gruppe zum Vorschein kamen. Das Interesse an den nubischen Bevölkerungsstrukturen lenkte Junkers Aufmerksamkeit auf den Ort Toschke in Mittelnubien. Dort konnte er im Winter 1911/12 weitere Friedhöfe aus dem Mittleren Reich, der C-Gruppe, der meroitischen Zeit und der frühchristlichen Zeit ausgraben.P. Jánosi: Österreich vor den Pyramiden: Die Grabungen Hermann Junkers im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien bei der großen Pyramide in Giza. Wien 1997, S. 27–28.

Die Ergebnisse dieser Arbeiten brachten ihm 1912 die Ernennung zum Ordinarius für Ägyptologie an der Universität Wien ein.

Grabungen in Gizeh mini|Abbau der Kultkammer der Mastaba des Kaninisut mini|Luftaufnahme der Cheops-Pyramide (links), Chephren-Pyramide (rechts) und des Westfriedhofs dazwischen.

Das weitläufige Gräberfeld westlich der Cheops-Pyramide wurde 1902 in drei schmale, von Ost nach West verlaufende Abschnitte eingeteilt, für die jeweils Grabungskonzessionen an die USA, Italien und Deutschland vergeben wurden. Unter der deutschen Konzession führte Georg Steindorff von der Universität Leipzig zwischen 1903 und 1907 drei Grabungskampagnen durch, die vom deutschen Mäzen Wilhelm Pelizaeus finanziell unterstützt wurden und der in Hildesheim für seine Sammlung altägyptischer Altertümer ein eigenes Museum errichtete. Bei der Eröffnung des Pelizaeus-Museums am 29. Juli 1911 trafen sich Georg Steindorff und Hermann Junker, der zu dieser Zeit noch Grabungen in Nubien durchführte. Dabei einigte man sich auf ein „Tauschgeschäft“: Steindorff war schon seit längerem an einem Grabungsplatz in Nubien interessiert, während Junker seit längerem den Wunsch verspürte, in Gizeh archäologisch tätig zu sein. 1911 übernahm die Österreichische Akademie der Wissenschaften offiziell die deutsche Konzession in Gizeh. Diese bestand aus dem Mittelstreifen des sogenannten Westfriedhofs der Cheops-Pyramide und aus dem Abschnitt südlich der Cheops-Pyramide. Diese Grabungen wurden weiterhin von Wilhelm Pelizaeus finanziell unterstützt.Regina Hölzl: Die Kultkammer des Ka-ni-nisut im Kunsthistorischen Museum Wien. 1. Auflage. Brandstätter, Wien 2005, ISBN 3-85498-436-7, S. 11.

Junkers Absicht war es, das Grabungsgebiet „systematisch freizulegen“. Die Arbeiten begannen im Januar 1912 und während drei Kampagnen konnten bis 1914 eine Fläche von 15.000 m² und mehr als 600 Gräber archäologisch untersucht werden. Am 10. Januar 1913 entdeckten Hermann Junker und seine Mitarbeiter die Mastaba des Kaninisut. Bereits wenig später entschied man sich für den Kauf der Kultkammer für das Kunsthistorische Museum in Wien, um dort die typische Grabarchitektur des Alten Reiches präsentieren zu können.R. Hölzl: Die Kultkammer des Ka-ni-nisut im Kunsthistorischen Museum Wien. Wien 2005, S. 9ff. und S. 31.

Die vierte Kampagne für 1914/15 war bereits in Planung, als die politischen Ereignisse ein Europa eine weitere Beteiligung österreichischer Archäologen in Ägypten verhinderten. Auch nach dem Ersten Weltkrieg verhinderten die wirtschaftliche Situation in Österreich und die politische Situation in Ägypten, das bis 1922 britisches Protektorat blieb, eine baldige Wiederaufnahme der Grabungen.P. Jánosi: Österreich vor den Pyramiden: Die Grabungen Hermann Junkers im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien bei der großen Pyramide in Giza. Wien 1997, S. 42–58.

Erst 1925 konnte wieder eine größere Summe bewilligt werden, die zur Wiederaufnahme der Grabung führte. In der vierten Kampagne ab Januar 1926 wurden alle unerledigten Stellen der Westkonzession untersucht und aufgenommen. 1927 konnten die dortigen Arbeiten abgeschlossen werden. In den Jahren 1928 und 1929 fanden an der Südseite der Cheopspyramide Grabungen statt. Nach insgesamt sieben Kampagnen endete das Gizaprojekt offiziell. 1929 erschien der erste Band des großangelegten Gizawerkes.P. Jánosi: Österreich vor den Pyramiden: Die Grabungen Hermann Junkers im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien bei der großen Pyramide in Giza. Wien 1997, S. 58–77. Während der 1930er Jahre unternahm Junker mit österreichischer Konzession mehrere Nachuntersuchungen in Gizeh, die der Absicherung einer spezifischen Theorie von einem angeblichen 'nordischen' Ursprung der Pyramidenbauer dienten.S. Voss: Die Geschichte der Abteilung Kairo des DAI. ... Band 2, Rahden (Westfalen) 22017, S. 42 und 61–63.

Merimde-Benisalame und Leitung des Deutschen Instituts für Ägyptischer Altertumskunde in Kairo Nach Gizeh wandte sich Junker wieder einem frühgeschichtlichen Fundplatz zu. Im Westdelta erwarb die Wiener Akademie eine Konzession für den Fundplatz Merimde-Benisalame. In sieben Kampagnen von 1929 bis 1939 legten die österreichischen Archäologen eine ausgedehnte jungsteinzeitliche Siedlung frei, die zu den wichtigsten Fundstellen dieser Epochen zählt. Der Zweite Weltkrieg setzte dem Unternehmen jedoch ein jähes Ende. In der jüngeren Forschung wurden Junkers völkische Denkmodelle hinter dieser Grabungsunternehmung offenbar, mit Bezügen auch zu seinen Grabungen in Gizeh.S. Voss: Die Geschichte der Abteilung Kairo des DAI. ... Band 2, Rahden (Westfalen) 2017, S. 16–19 und 41–63; Susanne Voss: Wissenshintergründe… – Die Ägyptologie als völkische Wissenschaft entlang des Nachlasses Georg Steindorffs. In: Susanne Voss, Dietrich Raue (Hrsg.): Georg Steindorff und die deutsche Ägyptologie im 20. Jahrhundert. Wissenshintergründe und Forschungstransfers. (= Beihefte zur Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde. Band 5). Berlin / Boston 2016, ISBN 978-3-11-046751-2, S. 105–332.

Im Jahr 1929 übernahm Junker die Leitung des Deutschen Instituts für Ägyptische Altertumskunde, der Kairener Abteilung des Archäologischen Instituts des Deutschen Reiches, die er bis 1945 leitete.S. Voss: Die Geschichte der Abteilung Kairo des DAI. ... Band 2, Rahden (Westfalen) 2017, passim. Laut eigener Aussage nahm er den Posten an, da ihm jede finanzielle Unterstützung für Ausgrabungen und Publikationen in Aussicht gestellt worden sei. So habe er weiterhin im Auftrag der Wiener Akademie in Merimde-Benisalame arbeiten können.

Außerdem folgte Junker 1929 einem Ruf an die Universität Kairo, wo er von 1934 bis 1939 als ordentlicher Professor für Ägyptologie unterrichtete und als Direktor des Archäologischen Instituts der Kairoer Universität wirkte.S. Voss: Die Geschichte der Abteilung Kairo des DAI. ... Band 2, Rahden (Westfalen) 2017, S. 34–41 und 96. Sein Nachfolger in Wien wurde sein Schüler Wilhelm Czermak.

Da ihn der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges während eines Urlaubs überraschte, konnte er angeblich das wissenschaftliche Material in Ägypten nicht sicherstellen. Die Abteilung Kairo wurde zuerst nach Berlin und 1943 nach Wien verlegt.S. Voss: Die Geschichte der Abteilung Kairo des DAI. ... Band 2, Rahden (Westfalen) 2017, S. 146–148. Während des Krieges arbeitete Junker weiter an der Herausgabe des Gizamaterials.P. Jánosi: Österreich vor den Pyramiden: Die Grabungen Hermann Junkers im Auftrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien bei der großen Pyramide in Giza. Wien 1997, S. 80. und hegte revisionistische Pläne für die Zeit nach dem Krieg.S. Voss: Die Geschichte der Abteilung Kairo des DAI. ... Band 2, Rahden (Westfalen) 2017, S. 148–151. Er kehrte nie wieder nach Ägypten zurück.

Die Kriegsjahre und „die trübe Zeit nach Frühjahr 1945“ wollte Junker in seinen Lebenserinnerungen „unbeschrieben“ lassen.Clemens Gütl: Hermann Junker. Priester, Ägyptologe, Afrikanist. 2010, S. 2 (Volltext als PDF, abgerufen am 8. März 2015). Sie wurde stattdessen anhand des Aktenmaterials rekonstruiert.S. Voss: Die Geschichte der Abteilung Kairo des DAI. ... Band 2, Rahden (Westfalen) 2017, S. 157–159. Demnach versuchte sich Junker seiner Verantwortung als aktives Parteimitglied durch eine Flucht nach Argentinien zu entziehen.

Antisemitisches Netzwerk an der Universität Wien