mini|Ahmet Şık, Dezember 2016 Ahmet Şık (* 1970 in Adana) ist ein türkischer Autor, Gewerkschafter, investigativer JournalistDoğan Haber Ajansı: Nachrichtenagentur Doğan; abgerufen am 3. März 2011 (türkisch). abgerufen am 7. April 2011. und Abgeordneter im Türkischen Parlament der 27. Legislaturperiode. Berühmt geworden ist Şık durch ein Buch, es gilt als Ikone des investigativen Journalismus in der Türkei. Das Buchmanuskript Die Armee des Imam über die Gülen-Bewegung wurde vor Erscheinen beschlagnahmt und galt als das „gefährlichste Buch des Landes“. Şık ist verheiratet mit Yonca Şık.
Leben Şık absolvierte an der Fakultät der Kommunikationswissenschaften an der Universität Istanbul eine Ausbildung zum Journalisten. Zwischen 1991 und 2007 arbeitete er für die türkische Zeitschrift Nokta und die türkischen Tageszeitungen Milliyet, Cumhuriyet, Evrensel, Yeni Yüzyıl und Radikal. Für Reuters war er außerdem als Fotograf tätig. Seine gewerkschaftlichen Tätigkeiten sollen zu Konflikten mit seinen Arbeitgebern geführt haben, so dass er sein Arbeitsfeld vom Journalismus zur akademischen Beschäftigung verschob. abgerufen am 15. April 2011 Şık lehrte Journalismus an der Bilgi-Universität in Istanbul. Şık ist Mitglied in der Gewerkschaft der Journalisten „Türkiye Gazeteciler Sendikası (TGS)“ und dem Verein zeitgenössischer Journalisten „Çağdaş Gazeteciler Derneği (ÇGD)“. Er ist bekannt für seine Artikel zu Menschenrechtsangelegenheiten und Arbeitsethik in Publikationen von Nichtregierungsorganisationen. Şık gehörte zu den Autoren des Magazins Nokta, die 2007 in einem Artikel über Putschversuche der Streitkräfte berichteten und damit zur Ergenekon-Enthüllung beitrugen.
Erste Anklagen Wegen einer Reportage nach dem Mord an dem armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, in der er das Militär dazu aufrief, sich nicht in die innere Sicherheit einzumischen, und einer Reportage über eine Inhaftierte im Bayrampaşa-Gefängnis wurde gegen Şık wegen eines Verstoßes gegen den Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs Anklage erhoben.Türkisches Nachrichtenportal Bianet: Nokta'ya Röportaj Davası'ndan Şık ve Sarıibrahimoğlu'na Beraat, abgerufen am 6. März 2011 (türkisch).Şık ve Uzpeder'i de Sanık Yapan 301'i Kaldırın Artık! Türkisches Nachrichtenportal Bianet; abgerufen am 6. März 2011 (türkisch). Im April 2008 wurden er und die interviewte Frau freigesprochen. Today’s Zaman, 3. April 2008; abgerufen am 15. April 2011.
Im Juni 2010 wurden Ertuğrul Mavioğlu und Ahmet Şık wegen ihres Buches Vierzig Maulesel, vierzig Hackbeile (tr: Kırk Katır, Kırk Satır)Diese Redewendung stammt aus der türkischen Märchenwelt und bedeutet, die Wahl zu haben, von vierzig Mauleseln zertrampelt oder von vierzig Hackbeilen zerstückelt zu werden, entsprechend etwa der deutschen Redewendung: die Wahl zwischen „Pest und Cholera“ haben. angeklagt, das sich in zwei Bänden mit dem Ergenekon-Verfahren auseinandersetzt, unter dem Vorwurf, gegen die Geheimhaltung von Dokumenten verstoßen zu haben.Tagesbericht vom 24. Juni 2010. Menschenrechtsstiftung der Türkei, Seiten des DTF (englisch); abgerufen am 15. April 2011. Auch dieses Verfahren endete mit einem Freispruch.
Verhaftung im März 2011 Am 3. März 2011 wurden elf Personen in Istanbul und Ankara festgenommen, darunter Ahmet Şık und sein Kollege Nedim Şener.Tagesbericht vom 4. März 2011 der Menschenrechtsstiftung der Türkei, TIHV (türkisch); zu finden auf den Seiten des Demokratischen Türkeiforums (DTF); abgerufen am 15. April 2011. Die Polizei durchsuchte Räume und beschlagnahmte Computer, CDs und die gesamten Archive. Die Festnahme verursachte Schock und Entrüstung. Neun der elf festgenommenen Personen, darunter Şık und Şener, kamen am 6. März 2011 unter dem Vorwurf, Mitglied des Geheimbundes Ergenekon zu sein, in Untersuchungshaft.Tagesbericht vom 5.–7. März 2011 der Menschenrechtsstiftung der Türkei, TIHV (türkisch); zu finden auf den Seiten des Demokratischen Türkeiforums (DTF); abgerufen am 15. April 2011.
Im Zusammenhang mit den Festnahmen ließen die Ermittlungsrichter das bislang unveröffentlichte Buch Imamın Ordusu (deutsch: Die Armee des Imam) verbieten. Das Buch ziele auf die Desinformation der Öffentlichkeit und lasse den Ergenekon-Mitgliedern moralische Unterstützung zukommen, deshalb handle es sich um das Dokument einer terroristischen Vereinigung, welches zu beschlagnahmen sei.Die Armee des Imam. In: Junge Welt, 26. März 2011. Wer das Dokument nicht den Behörden übergebe, könne gemäß Artikel 124 des türkischen Strafgesetzbuches. Abgerufen am 6. April 2024. bestraft werden.Police Raid at Radikal Daily for Unpublished Book Istanbul – BİA News Center, 25. März 2011 (englisch). Dadurch soll sogar der Besitz des Manuskripts unter Strafandrohung gestellt worden sein.Ulrike Duffner: Türkei: Durchsuchungen, Einschüchterung und Beschlagnahmungen wegen Ergenekon-Buch. Heinrich-Böll-Stiftung, 28. März 2011; abgerufen am 15. April 2011. Die Şık vertretende Anwaltskanzlei, ein Verlag und die Räume der Tageszeitung Radikal wurden durchsucht.Jürgen Gottschlich: Gülen-Bewegung in der Türkei: Die unheimliche Macht des Imam. Spiegel Online; abgerufen am 5. April 2011. Die Verhaftung von Ahmet Şık war ein Mitgrund für den im März 2011 aus Protest erfolgten Rücktritt der Richterin Emine Ülker Tarhan in Ankara. Tarhan kritisierte, die Meinungs- und Pressefreiheit werde in der Türkei „mit Füßen getreten“, obwohl sie durch internationale Abkommen und die Verfassung geschützt sein sollte.Emine Ülker Tarhan: Ich möchte keine Marionette der Regierung sein, FAZ.NET, 11. April 2011. Abgerufen am 5. März 2015.
Manuskript Die Armee des Imam In dem noch unveröffentlichten Buchmanuskript mit dem Titel Die Armee des Imam beschrieb Şık den Einfluss der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen, der mit Abstand einflussreichsten islamischen Bruderschaft der Türkei, die ab Mitte der 1980er Jahre Polizei und Justiz systematisch unterwandert hatte. Şık habe herausgefunden, so sein Anwalt Fikret İlkiz, dass bereits 80 Prozent des türkischen Polizeiapparates zur Gülen-Bewegung gehören. Dem Buch zufolge begann die Unterwanderung in der Personalabteilung der Polizei.Postao, 29. März 2011. Beschreibung vom Ertuğrul Mavioğlu, Ko-Autor eines Buches von Ahmet Şık mit ähnlicher Thematik; abgerufen am 2. April 2011. Şık hatte Angaben zu Beförderungen und Versetzungen von Beamten kritisiert, die der Gülen-Bewegung angehören oder ihnen kritisch gegenüberstehen. Die Frage, ob die Polizei der bewaffnete Arm der Gülen-Bewegung sei, führte zum Titel des Buches.
Am 31. März 2011 wurde eine Kopie des Entwurfs zu Die Armee des Imam unter dem Titel Wer berührt, verbrennt (tr: dokunan yanar) ins Internet gestellt.Meldungen des Demokratischen Türkeiforum im April 2011 abgerufen am 15. April 2011. Bereits am ersten Tag wurde sie über hunderttausend Mal heruntergeladen. Der Facebook-Gruppe „Auch ich habe das Buch von Ahmet Şık“ (Ahmet Şık'ın Kitabı bende de var) waren bis zum 6. April ebenfalls mehr als 100.000 Leute beigetreten.Auch ich habe das Buch von Ahmet Şık. facebook.com; abgerufen am 7. April 2011.
Der Islam-Experte Ruşen Çakır äußerte kurz darauf, das Buch reiche nicht aus, um die Gülen-Bewegung zu verstehen. Die Gülen-Bewegung sei vor allem gesellschaftlicher Natur.Artikel vom 2. April 2011. habername.com; abgerufen am 3. April 2011.
Reaktionen Tausende Journalisten haben mehrfach gegen die Verhaftung von Ahmet Şık, Nedim Şener und insgesamt 66 weiteren Kollegen protestiert.Jürgen Gottschlich: Die türkische Regierung in einem schlechten Licht. In: Badische Zeitung, 29. März 2011; abgerufen am 15. April 2011. Der Fall löste national und international heftige Kritik aus. Das türkische P.E.N.-Zentrum prangerte den Polizeieinsatz an. Die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierte die Staatsanwaltschaft und zweifelte daran, ob es tatsächlich um kriminelle Vorwürfe ging oder nicht in Wirklichkeit um Politik. Drei türkische Presseorganisationen verurteilten die Beeinträchtigung des Rechts, frei zu schreiben, als eine Verletzung des Artikels 29 der türkischen Verfassung. Reporter ohne Grenzen, 25. März 2011 (englisch). Abgerufen am 6. April 2024. Kritik kam auch aus dem Büro des EU-Erweiterungskommissars Štefan Füle.Statement by Commissioner Stefan Füle on the situation of media freedom in Turkey. Vienna Online vom 3. März 2011 Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sah in den Festnahmen eine abschreckende Wirkung () auf die Pressefreiheit in der Türkei.Turkey: Journalists’ Arrests Chills Free Speech. HRW, Presseerklärung, 4. März 2011; abgerufen am 15. April 2011 (englisch). Amnesty International rief die Türkei auf, ihre Gesetze zur Pressefreiheit zu überdenken.Turkey must review legislation restricting freedom of Expression. amnesty.org, Presseerklärung, 4. März 2011; abgerufen am 15. April 2011 (englisch). Der leitende Sonderstaatsanwalt Zekeriya Öz wurde im April 2011 wegbefördert.
Die Europäische Union zeigte sich in einer Resolution vom 9. März 2011 mit dem Titel Fortschrittsbericht 2011 zur Türkei besorgt über eine Verschlechterung im Bereich der Pressefreiheit; sie betonte, dass eine unabhängige Presse entscheidend für eine demokratische Gesellschaft ist, und beschloss, die Fälle von Nedim Şener, Ahmet Şık und anderen Journalisten zu verfolgen, die polizeilicher oder juristischer Schikane ausgesetzt sind.Auszüge der Resolution übersetzt vom DTF Präsident Abdullah Gül äußerte seine Besorgnis in Zusammenhang mit den Festnahmen, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan dagegen wies EU-Kritik an Verhaftung der Journalisten zurück: „Die EU soll sich an ihre eigene Nase fassen, wir setzen unseren Weg zu unserer Demokratie weiter fort.“Zensur in der Türkei – Zündstoff aus Papier. In: die tageszeitung, abgerufen am 31. März 2011. Die Medienexpertin der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) Dunja Mijatovic appellierte in einem offenen Brief an Außenminister Ahmet Davutoğlu und die AKP-Regierung, die türkischen Mediengesetze den OSZE-Richtlinien zur Pressefreiheit schnellstmöglich anzugleichen.OSCE media freedom representative presents study showing that more than 50 journalists are imprisoned in Turkey, calls for legal reforms OSCE Press release, Wien, 4. April 2011 (englisch). Premierminister Erdoğan wurde für den 13. April 2011 zur Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg geladen, wo er Stellung zur Pressefreiheit beziehen sollte.Erdogan zu Kreuzverhör nach Straßburg geladen. Welt Online, 12. April 2011; abgerufen am 15. April 2011.
Anklage und Haftentlassung im März 2012 Ende August erschienen in der türkischen Presse erste Meldungen über eine Anklageschrift.Tageszeitung Radikal, 26. August 2011 Die 134-seitige Anklageschrift nannte 14 Verdächtige, 12 von ihnen in Untersuchungshaft. Im Zentrum stand das Internet-Portal OdaTV. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, sie hätten die bewaffnete Terrororganisation Ergenekon gegründet, geleitet oder ihr angehört, der Organisation geholfen, das Volk zu Hass und Feindschaft aufgestachelt, Dokumente über die Sicherheit des Staates bzw. geheime Dokumente besorgt, das Recht auf Privatsphäre verletzt, persönliche Daten gespeichert und den Versuch unternommen, faire Gerichtsverfahren zu beeinflussen.Meldungen im August 2011. Demokratisches Türkeiforum; abgerufen am 12. September 2011.