Kaninchenhunger, auch Kaninchen-AuszehrungMarvin Harris: Wohlgeschmack und Widerwillen: Die Rätsel der Nahrungstabus. Klett-Cotta, 2005, ISBN 3-608-94412-5, S. 39. genannt, ist eine Form von Mangelernährung. Sie entsteht, wenn die Nahrung vor allem aus magerem Fleisch (z. B. vom Kaninchen oder SchneeschuhhasenC. H. Vanderwolf: The Evolving Brain. Springer, 2007, ISBN 0-387-34230-3, S. 38. ) besteht und zusätzliche Stressfaktoren wie Kälte und Trockenheit herrschen. Zu den Symptomen gehören Durchfall, Kopfschmerzen, Müdigkeit, tiefer Blutdruck, niedriger Puls sowie vages Unwohlsein. Hinzu kommt ein Hungergefühl, das nur durch Aufnahme von Fett oder Kohlenhydraten zu stillen ist.

Mögliche Mechanismen Der Pathomechanismus, der zum Kaninchenhunger führt, ist nicht vollständig geklärt. Zwei Faktoren spielen eine wesentliche Rolle: Gefährliche Proteinmenge: Die Leber eines Menschen kann einen plötzlichen Anstieg der Eiweißmenge auf mehr als 200 bis 300 g Eiweiß pro Tag nicht verwerten.Staffan Lindeberg: Food and Western Disease: Health and Nutrition from an Evolutionary Perspective. John Wiley & Sons, 2009, ISBN 1-4443-1718-0, S. 41. Auch die Nieren sind beschränkt in ihrer Fähigkeit, Harnstoff (ein Nebenprodukt des Protein-Abbaus) aus dem Blutkreislauf zu entfernen. Dies kann zu schädlichen Mengen an Aminosäuren, Ammoniak oder Harnstoff im Blut führen. Diese Gefahr besteht vor allem dann, wenn man ohne ausreichende Umstellungszeit die Proteinzufuhr stark erhöht. Weil der Stoffwechsel des Menschen nur etwa 17 kJ Energie pro Gramm Eiweiß gewinnen kann, sind zur Deckung des Grundbedarfs einer 70 kg schweren Person 419 g Eiweiß erforderlich – mehr, als die Leber, beziehungsweise die Nieren, ohne langsame Anpassung verwerten bzw. verkraften können.

Kaloriendefizit: Ein 19- bis 30-jähriger Mann, der pro Tag eine Stunde mittelmäßig schwere Arbeit leistet (zum Beispiel zügiges Gehen während der Jagd), benötigt 12 500 kJ/Tag an Energie.„Estimated Energy Requirements“, Canada’s Food Guide. Rohes Fleisch von Wildkaninchen enthält 456 kJ Energie pro 100 Gramm.Sarah Egert, Ursel Wahrburg: Die große Wahrburg/Egert Kalorien-&-Nährwerttabelle. Georg Thieme Verlag, 2011, ISBN 3-8304-6068-6, S. 34. Ein erwachsener Mann müsste entsprechend täglich 2,6 kg Kaninchenfleisch essen, um seinen Energiebedarf nur mit rohem Kaninchenfleisch zu decken. So viel Fleisch kann jedoch nur aus acht Wildkaninchen mittlerer Größe gewonnen werden.D. Carter, A. Harestad, F. L. Bunnell: Wildlife Branch, Ministry of Environment, Lands and Park; Wildlife Working Report No. WR-56; März 1993. Dies bedeutet einen beträchtlichen Aufwand bei der Jagd.

Beschreibungen Der Anthropologe und Polarforscher Vilhjálmur Stefánsson (1879–1962) beschrieb den Kaninchenhunger folgendermaßen:S. Fallon: In: The Ecologist. Band 29, Nummer 1, 1999, S. 20–27.

Stefánsson schrieb auch, dass Kaninchenhunger selten zum Tod führt, denn die Bewohner Nordamerikas würden die Gefahren fettloser Ernährung kennen und rechtzeitig Maßnahmen ergreifen.Kerry G. Brock, George M. Dicks jr.: The Hunter-Gatherer Within: Health and the Natural Human Diet. Kapitel 6: Proteins: The Body's Building Blocks. BRIT Press, 2013, ISBN 1-889878-40-5, S. 60. Nordamerikanische Indianer kennen zum Beispiel das lang haltbare, fett- und proteinreiche Pemmikan. Im Gegensatz zum Hungern, bei dem nach einiger Zeit der Appetit weitgehend verloren gehe, sei beim Kaninchenhunger das Hungergefühl unablässig vorhanden, allerdings verbunden mit Übelkeit und Durchfall.George Edgar Folk, Mary A. Folk: Vilhjalmur Stefansson and the Development of Arctic Science. University of Iowa, 1984, S. 135. Stefánsson prägte auch den englischsprachigen Begriff rabbit starvation.Organic Living Journal Bände 62–80, S. 45 (books.google.de)

In der Einleitung zu Alden Todds Buch Abandoned: The Story of the Adolphus Greely Arctic Expedition 1881–1884 beschreibt Stefánsson den Kaninchenhunger als Hauptproblem der 25-köpfigen Greely-Expedition. Diese Reise haben nur sechs Personen überlebt. Stefánsson erwähnt in dieser Sache auch den Kannibalismus – durch den Verzehr des mageren Fleisches verstorbener Expeditionsteilnehmer konnte niemand seinen Hunger stillen.

Charles Darwin schrieb in seinem Reisetagebuch The Voyage of the Beagle (Die Reise auf der Beagle):

In einem klinischen Versuch am Russell Sage Institute of Pathology des Bellevue Hospital in New York im Jahr 1929 ernährten sich Vilhjálmur Stefánsson und Dr. Karsten AndersenVilhjalmur Stefansson: Not by Bread Alone. ISBN 1-63561-725-1 (). ein Jahr lang ausschließlich von Fleisch. Beide vertrugen diese Diät problemlos. Bei Stefánsson stellten sich allerdings Darmprobleme in Form von Durchfall ein, als seine Nahrung versuchsweise für drei Tage fettarm gehalten wurde und einen Proteinanteil am Nährwert von 45 % aufwies. Danach wurde der Fettanteil wieder erhöht, so dass der Proteinanteil am Nährwert für zwei Tage nur noch 20 % und danach 25 % betrug. Es folgte eine 10-tägige Verstopfung. Anschließend verschwanden die Darmprobleme.Walter S.McClellan, Eugene F. Du Bois: Clinical Calorimetry: XLV. Prolonged meat diets with a study of kidney function and ketosis. (PDF; 1,5 MB). In: J Biol Chem. Band 87, 1930, S. 651–668. doi:10.1016/S0021-9258(18)76842-7

Literatur J. D. Speth, K. A. Spielmann: Energy Source, Protein Metabolism, and Hunter-Gatherer Subsistence Strategies (PDF; 1,9 MB), in: Journal of Anthropological Archaeology 2, 1983, S. 1–31. Werner Gruber, Heinz Oberhummer, Martin Puntigam: Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln: Was wir von Tieren über Physik lernen können. Carl Hanser Verlag, 2012, ISBN 978-3-446-43215-4.

Jutta Muth: Steinzeitdiät – Der Ruf der Wildnis (PDF; 355 kB), EU.L.E.n-Spiegel Wissenschaftlicher Informationsdienst des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften, 11. Jahrgang, 20. Dezember 2005

Einzelnachweise

Kategorie:Ernährungsbedingte Erkrankung Kategorie:Hauskaninchen Kategorie:Hunger