miniatur|Dem Wind in den Kiefern lauschend, gemalt von Ma Lin, 1246
Die Chinesische Malerei ist eine Ausprägung der chinesischen Kunst und damit der chinesischen Kultur. Wie die chinesische Geschichtsschreibung oder auch die chinesische Musik kann sie auf einen jahrtausendelangen Zeitraum zurückblicken.
Wesen Im Gegensatz zur Malerei des Abendlandes seit der Renaissance ist die Malerei in der Volksrepublik China nicht um Originalität und einen „persönlichen“ Stil bemüht. Vielmehr führt sie eine Schultradition fort; viele Maler finden erst im hohen Alter einen eigenen Stil. Dies bewirkt eine gewisse Zeitlosigkeit chinesischer Bilder.
Für den europäischen Betrachter werden erst die Werke aus der Zeit der Tang-Dynastie leichter fassbar; damals kam nämlich die Landschaftsmalerei auf, die sich zwar sehr von der abendländischen Landschaftsmalerei unterscheidet, aber immerhin einen guten Einstieg bietet. Dem chinesischen Maler ist die naturgetreue Darstellung der Landschaft unwichtig, für ihn zählt mehr die Stimmung und Atmosphäre die im Betrachter Empfindungen wecken soll und weckt. Auch sonst geht es wenig um die exakte Nachbildung eines Objekts, sondern um das Einfangen seines Wesens, seines Entwicklungsmusters, seiner Bewegungen.
Auch in der Behandlung der Bilder unterscheiden sich beide Kulturen. Im Abendland werden Bilder eingerahmt und an einem festen Platz an der Wand fixiert, während chinesische Bilder auf hängenden Seiden- oder Papierrollen („hanging scrolls“) gemalt sind und nur hervorgeholt werden, wenn man sie betrachten will.
Die Unterlage für die Bilder ist ein weiterer Unterschied beider Kulturen, der noch einen größeren Unterschied beinhaltet. Die verwendeten Seiden- oder Papierrollen sind nämlich empfindlich und ermöglichen keinerlei Korrekturen, was den Maler dazu zwingt, das Bild bereits in seinem Kopf entstehen zu lassen, bevor er es auf Papier bannt. Die geistigen Voraussetzungen sind also völlig anders.
miniatur|Zwei Gemälde von Gao Fenghan (1683–1748) als Beispiele für den trockenen und den nassen Malstil Während westliche Maler sehr viel Mühe auf die Darstellung von Licht und Schatten verwenden, stellt ein chinesischer Tuschmaler Schärfe oder Kontur vor allem durch den gezielten Einsatz der nassen bzw. der trockenen Maltechnik dar, die den bekannten daoistischen Yin-Yang-Gegensatz im Bereich der Kunst widerspiegelt. Der nasse Strich steht dabei für das weibliche, weiche, diffuse Yin-Prinzip, der trockene für das männlich-harte und lichte Yang.
Da chinesische Landschaftsbilder oft auch der Meditation dienen, verzichten die Maler auf den übermäßigen Gebrauch von Farbe, die den Betrachter nur ablenken würde. Dafür wird die Farbe aber in den vier anderen Hauptbereichen der chinesischen Malerei stark verwendet. Diese sind: Porträts, erzählende Genrebilder, Tierbilder und Blumen- oder Pflanzenbild. In diesen Bereichen wird meist auf Umrisslinien aus Tusche verzichtet, was ihnen die Bezeichnung knochenlos einbrachte. Dem Landschaftsbild hingegen verleihen die Knochen d. h. Umrisslinien die Konturen.
Die Darstellungen der Tuschmalerei enthalten viel versteckte Symbolik, was dem Bild für den, der sie zu deuten vermag, eine zusätzliche Dimension verleiht. So drückt beispielsweise ein Bild von Kranichen mit einer Kiefer als ein Geschenk zur Pensionierung den Wunsch für ein noch lange währendes Leben aus.
Die Verwendung von Schriftzügen, die mit dem Bild harmonieren, ist eine weitere Eigenheit der chinesischen Malerei und wird durch die einheitliche Führung des Pinsels erreicht.
In China verlangt das Studium dieser traditionellen Malerei einen langen Lernprozess und sehr viel Übung. Der Schüler kopiert die Bilder seines „Meisters“, die oft selbst Kopien älterer Werke sind, so dass oft ein Bild von Generationen von Schülern in deren jeweils eigenem Stil gemalt wird. Die Schüler eignen sich möglichst viel Theorie und Praxis an, um mit überlieferter Technik ein ganz eigenes Original zu schaffen.
Ein Werk der chinesischen Tuschmalerei sollte „Qi“ (oder Chi) besitzen, ein nicht leicht zu übersetzender Begriff, der so viel wie „Leben“, „Eigenleben“ oder „Energie“ bedeutet. Auch Stimmung und Charakter des Künstlers beeinflussen das Werk, so dass man bei der Interpretation eines Bildes die Energie seines Schöpfers nicht übersehen sollte. Wie ein chinesischer Lehrer einmal bemerkte, tragen Maler aus dem Orient den kulturellen Hintergrund in ihrer Seele, während ein Künstler aus dem Westen die richtige Atmosphäre erst erschaffen muss.
Im Laufe der Jahrhunderte kristallisierten sich sechs Kunstprinzipien heraus: Der künstlerische Ausdruck ist persönlich, und jedes Gemälde bzw. jeder Pinselstrich widerspiegelt den Charakter und die Gesinnung des Künstlers; Es besteht kein Unterschied zwischen Malerei und Kalligraphie bzw. Schönschrift. Etwaige Ergänzungen oder Erklärungen, Worte des Lobes oder der Kritik an Randstellen eines Gemäldes wurden als untrennbarer Teil davon aufgefasst; Die Natur ist kein selbständiges Thema, sondern wird in der Kunst hinsichtlich des Ausmaßes ihrer Beziehung zum Menschen und zum menschlichen Geist untersucht; Ein Gemälde, das den Namen verdient, enthält nicht unbedingt schreiende Farben oder auffallende Pinselstriche, sondern drückt eine bescheidene und verinnerlichte Haltung aus; Hauptthema in der Kunst ist die Landschaft. Auch wenn in einer Landschaft menschliche Figuren auftauchen, sind sie meist einfach gestaltet und dienen als Symbol; Künstler in China sahen sich als Fortsetzer einer wichtigen und reichen Tradition und als Erben von Männern, die sowohl Maler als auch Gelehrte waren und gleichzeitig der Kunst einen persönlichen Ausdruck verliehen.Ben-Ami Scharfstein: Kunst in China zwischen Tradition und Moderne. (hebräisch) Israelische Rundfunkuniversität, 1979. S. 58.
Geschichte Tang-Dynastie (und die Zeit davor)
Während die Bilder in der Frühzeit der ersten 600 Jahre n. Chr. durch sittlich moralische und religiöse Themen, Jagdszenen und die Illustration von Totenkulten geprägt waren, begann sich die Malerei zunehmend in etwa ab dem vierten Jahrhundert, einhergehend mit der Entdeckung der Landschaft, zur empfindsamen künstlerischen Ausdrucksform in Pinselführung und Malduktus zu entwickeln, die über die bloße Abbildhaftigkeit des Gezeigten hinauswies. Wang Hsi-chih und Ku K'ai-chih (Gu Kaizhi) sind zwei hierfür beispielgebende Künstler.
mini|hochkant=1.8|Zhǎn Zǐqián: Müßiggang im Frühling Vom Sui-Maler Zhǎn Zǐqián (展子虔; um 600) ist ein Werk erhalten, in dem die Berge erstmals perspektivisch dargestellt werden. Es gilt als erste szenische Landschaftsmalerei in der ostasiatischen Kunst.
Die Landschaftsmalerei aus der Zeit der Tang-Dynastie (618–907) fand ihre bemerkenswerte Eigenart im so genannten „Blau-Grün-Stil“ des Malers Li Sixun und seines Sohns Li Zhaodao. Blau und Grün waren die beiden dominierenden Farbtöne besonders in der Farbgestaltung der Berghänge. Daneben ist die Malerei der Tang-Zeit von buddhistisch geprägten Bildern aus Indien beeinflusst. Insbesondere die religiös inspirierte Fresko-Malerei hatte im achten Jahrhundert ihre seitdem nie wieder erreichte Höhe. Die Zeit unter der Herrschaft des Kaisers Ming-huang (= Tang Xuanzong 712/13–756) wird als das klassische Goldene Zeitalter der „Strahlenden Majestät“ bezeichnet. Aus dieser für die Kunst bedeutenden Epoche sind unter anderem Werke der Künstler Han Kan (Hán Gàn) und Wang Wei überliefert. Wang Wei wurde besonders durch seine monochrome Tuschmalerei bekannt.
Neben herausragenden Werken der Landschaftsmalerei, Blumen- und Vogelbildern, erlebte auch die höfische Porträtmalerei hohe Anerkennung. Die berühmten Tempel-Fresken (z. B. „der Tod Buddhas“) des wohl als höchstes Genie eingeschätzten Malers Wu Tao-tse (680–760) hingegen wurden bei der großen Buddhistenverfolgung des Jahres 843 zerstört.
Song-Dynastie Einen Höhepunkt erreichte die chinesische Malerei in der Song-Dynastie. In ihr entfaltete sich insbesondere auch die in China besonderen Stellenwert genießende Tuschmalerei.
Landschaft
Die Landschaftsbilder etwa gewannen in dieser Zeit einen subtileren Ausdruck. Die Unermesslichkeit von räumlichen Entfernungen wurde beispielsweise durch verschwommene Umrisse, durch im Nebel verschwindende Bergsilhouetten oder eine geradezu impressionistische Behandlung von Naturphänomen angedeutet. Die Natur wird als majestätisches Ganzes erfasst, aus dem menschliche Tätigkeit weitgehend verbannt wird. Beliebt war in bei derartigen Gemälden eine Kompositionstechnik, die die wesentlichen Elemente im Vordergrund diesseits einer Bilddiagonale zusammendrängt, während der Rest des Bildes die Unendlichkeit andeutet. Als Beispiel kann das Lǐ Táng (李唐; 1047–1127) zugeschriebene Werk Unzählige Bäume und seltsame Gipfel dienen. Die Gegenposition vertrat Guō Xī (郭熙; 1020–1090), dem gemäß es Aufgabe eines Gemäldes sei, dem Betrachter den Eindruck zu vermitteln, er befinde sich an Ort und Stelle (Vorfrühling, Herbst im Flusstal). Eine eher „gezähmte“ und vom kunstsinnigen Menschen „genossene“ Natur steht indes in den späteren Werken der südlichen Song-Dynastie im Vordergrund, insbesondere denen der Ma-Hsia-Schule. Mǎ Yuǎns (馬遠; ca. 1155–1235) berühmtes Auf einem Gebirgspfad im Frühling gehört hierher, aber auch die Werke Xià Guīs (夏珪; ca. 1180–1230).
Figurenmalerei
Weiter entwickelt wurde auch die Figurenmalerei. Sehr lebensnah, um nicht zu sagen „irdisch“ gezeichnet erscheinen der Kleinkram-Hausierer auf Li Sungs gleichnamigem Bild wie auch seine Kundin mit ihren fünf Kindern. Von ganz anderer Art sind die farbigen, in ihrer miniaturartigen Figürlichkeit von manchen Kunsthistorikern als „fast nahöstlich“ beschriebenen Personen auf dem anonymen Historiengemälde Die Reise des Kaiser Minghuang nach Shu oder in Chao Yens Acht Reiter im Frühling. Wie bereits in früheren Perioden werden auch weiterhin gerne Menschen in ehrfürchtiger Kontemplation vor der Natur gezeigt, verschwinden nunmehr aber nicht mehr notwendigerweise vor majestätisch-überwältigenden Landschaftskulissen, sondern nehmen durchaus zentrale Positionen ein. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang insbesondere der vermutlich den Dichter Tao Yuanming darstellende Vornehme Gelehrte unter einer Weide, vor allem aber auch Mǎ Líns (馬麟; ca. 1180–1256) berühmtes Dem Wind in den Kiefern lauschend.
Tiere und Pflanzen miniatur|Taube auf dem Pfirsichzweig, Huizong
Ein zentraler Gegenstand der Song-Malerei waren auch Tier- und Pflanzendarstellungen. Als größter Meister dieses Genres galt der kaiserliche Akademiemaler Cuī Bái (Ts’ui Po, 崔白, aktiv 1068–1077). Seine Zeitgenossen beeindruckte er dadurch, dass er seine Schöpfungen ohne jede Vorstudie unmittelbar mit dem Pinsel auf Seide zu malen pflegte und selbst lange Geraden ohne Lineal zu ziehen vermochte. Sein Ruhm gründet sich auf nur ein einziges erhaltenes, aber zu den größten Werken der chinesischen Malerei gerechnetes Bild Hase und Eichelhäher. Ein weiterer großer Vogel- und Blumenmaler der Epoche war Kaiser Huīzōng (徽宗; 1082–1135), von dem unter anderem die Taube auf dem Pfirsichzweig stammt. Als begnadeter Katzenmaler galt der Akademie-Künstler Mao I. Wen Tong (文同; 1018–1079) aus dem 11. Jahrhundert war berühmt für seine Bambus-Tuschbilder. Er war in der Lage, mit zwei Pinseln in der Hand zwei Bambus-Stängel gleichzeitig zu malen. Aufgrund seiner umfangreichen Erfahrung konnte er sie auch ohne Probleme aus dem Gedächtnis zeichnen.
Buddhismus