Der Zweite Englisch-Niederländische Krieg war ein militärischer Konflikt zwischen dem Königreich England und den Vereinigten Provinzen der Niederlande, der offiziell von März 1665 bis Juli 1667 ausgetragen wurde. Inoffiziell hatten die Engländer jedoch schon 1663 die Kampfhandlungen eröffnet.
Es war der zweite in einer Reihe englisch-niederländischer Seekriege im 17. und 18. Jahrhundert. In der Auseinandersetzung ging es vor allem um die Gewinnung wirtschaftlicher Vorteile. In den Krieg verwickelt wurden auch die Königreiche Frankreich und Dänemark auf Seiten der Niederlande sowie das Hochstift Münster auf Seiten Englands, nahmen jedoch alle nur in eher geringem Umfang an ihm teil. Zur Beendigung der letztlich für die Niederlande siegreichen Kampfhandlungen, die drei offene Seeschlachten umfassten, schlossen die Parteien schließlich am 31. Juli 1667 den für die Niederlande günstigen, aber für England moderaten Frieden von Breda.
Vorgeschichte (Hinweis: Kalenderdaten in diesem Artikel beziehen sich auf den gregorianischen Kalender, der dem damals in England verwendeten julianischen Kalender zehn Tage voraus war.)
Bereits in den Jahren von 1652 bis 1654 hatten das Commonwealth of England und die Vereinigten Provinzen der Niederlande den erbitterten ersten Englisch-Niederländischen Seekrieg geführt, in dem die beiden Mächte um die Dominanz im Welthandel gerungen hatten. Er war am 8. Mai 1654 mit dem Frieden von Westminster beendet worden, in dem die Niederlande die englische „Navigation-Act“ anerkennen mussten, welche vorschrieb, dass die Einfuhr außereuropäischer Güter nach England ausschließlich auf Schiffen unter englischer Flagge oder auf Schiffen der Ursprungsländer erfolgen dürfe. Dieser Beschluss zielte vor allem auf die Verdrängung der Niederländer aus dem lukrativen englischen Handel und war daher nicht geeignet, den handelspolitischen Konkurrenzkampf zu beenden.
mini|hochkant|König Charles II. von England, Porträt von John Michael Wright (um 1665)
In den folgenden Jahren kam es zu einigen politischen Umwälzungen. Im Mai 1660 kehrte Charles II. (1630–1685) als König nach England zurück und erneuerte in der Stuart-Restauration die Monarchie in England. Er hatte jedoch dem englischen Parlament weitreichende Zugeständnisse machen müssen. So kontrollierte es den Haushalt und die Steuergesetzgebung des Landes, was Charles II. in einem Abhängigkeitsverhältnis ließ. Der König strebte jedoch danach, die Macht der Krone wiederherzustellen und sie bei sich bietender Gelegenheit in ein absolutistisches Königtum umzuwandeln. Dazu benötigte er in erster Linie Geldmittel, um eine eigenständige Politik betreiben zu können. Die Ehe mit Katharina von Braganza (1638–1705) brachte 1662 eine großzügige Mitgift, und im gleichen Jahr verkaufte Charles II. die Stadt Dünkirchen an König Ludwig XIV. von Frankreich (1638–1715). Auch von einem Krieg gegen die Vereinigten Niederlande versprach sich der König hohe Gewinne durch Kaperfahrten und Beute.Kurt Kluxen: Geschichte Englands. Stuttgart 1991, S. 350. Schließlich waren die Einkünfte während des ersten Krieges gegen die Vereinigten Niederlande außerordentlich hoch gewesen – die Beute dieses Krieges umfasste 120 Millionen Pfund Sterling, während die gesamten englischen Staatsausgaben im Jahr 1652/53 nur 53 Millionen Pfund Sterling ausmachten.Alexander Meurer: Seekriegsgeschichte in Umrissen. Leipzig 1942, S. 190. Des Weiteren hegte Charles II. einen persönlichen Groll gegen die Regierung der Vereinigten Niederlande, genauer gesagt, gegen die Partei der Brüder De Witt. Die Stuarts waren eng verwandt mit dem Haus Oranien. Dieses aber war durch den Act of Seclusion, einen geheimen Zusatzartikel zum Frieden von Westminster, von der Statthalterschaft in den Niederlanden ausgeschlossen worden. Ein Krieg gegen die Partei Johan de Witts (1625–1672) und Andries de Graeffs (1611–1678) bedeutete somit gleichsam den Kampf für die Interessen der eigenen Verwandtschaft.
Doch auch im Parlament fanden sich zahlreiche Befürworter eines neuen Waffengangs gegen die Vereinigten Niederlande. Im Jahre 1662 schien sich eine Bedrohung abzuzeichnen, da in diesem Jahr Frankreich und die Vereinigten Niederlande einen gegenseitigen Beistandspakt abschlossen. Besonders führte vor allem der Bruder des Königs James, Duke of York (1633–1701), der später selbst König werden sollte, die Kriegspartei an. Er stand an der Spitze der Royal African Company, der auch andere einflussreiche Männer wie Prinz Ruppert, der Duke of Buckingham und der Innenminister Sir Henry Bennet angehörten, und hoffte, mittels eines Krieges die Konkurrenz durch die Niederländische Westindien-Kompanie auszuschalten – im Jahre 1650 fuhren etwa 16.000 Handelsschiffe unter niederländischer und rund 4000 unter englischer Flagge.Hellmut Diwald: Der Kampf um die Weltmeere. München / Zürich 1980, S. 256 u. 263. Ähnlich wie er dachten auch zahlreiche andere Repräsentanten. Dies spiegelte sich bei Ausbruch des Krieges in den Worten des englischen Flottenführers George Monck (1608–1670) wider:
Die englische Flotte mini|Die Prince Royal, Gemälde von Willem van de Velde dem Jüngeren
Da es sich bei beiden Staaten um Seemächte handelte, die vor allem um maritime Handelsvorteile kämpften, kam den jeweiligen Flotten entscheidende Bedeutung zu. In England hatte König Charles II. die Marinepolitik Oliver Cromwells (1599–1658) fortgeführt und die Flotte unter der Leitung Admiral Moncks aufrüsten lassen. Die englische Flotte verfügte zu Beginn des Krieges über eine Reihe von Linienschiffen mit drei Decks, die jeweils mit 90 bis 100 Geschützen ausgerüstet waren (darunter viele Zweiundvierzigpfünder). Den Kern der Flotte bildeten drei Schiffe erster Klasse (80 bis 100 Kanonen), zwölf Schiffe zweiter Klasse (60 bis 80 Kanonen) und 15 Schiffe der dritten Klasse (54 bis 64 Kanonen).Roger Hainsworth, Christine Churchers: The Anglo-Dutch Naval Wars 1652–1674. Stroud 1998, S. 110f. Schiffe mit weniger als 32 Geschützen wurden hingegen aus der Schlachtflotte ausgesondert.Heinz Neukirchen: Seemacht im Spiegel der Geschichte. Berlin 1982, S. 190. In dieser Hinsicht war die englische Schlachtflotte der niederländischen überlegen. Hingegen begann man aufgrund der drückenden Schuldenlast erst im Herbst 1664 mit einem neuen Bauprogramm, welches sechs Zweidecker mit jeweils 60 Kanonen umfasste. Ein größeres Problem stellte die Rekrutierung der Besatzungen dar. Im Jahre 1664 dienten 16.000 Seeleute in der königlichen Marine, obwohl 30.000 gebraucht wurden. Um diese Zahl zu erreichen, wurden verstärkt Männer in die Marine gepresst, also zwangsverpflichtet.
Auch in taktischer Hinsicht war die englische Flotte weiter entwickelt als die anderer Staaten. Der Duke of York legte 1665 fest, dass die Formation der Kiellinie die verbindliche Standardformation für die ganze Flotte sein sollte und nicht nur für einzelne Geschwader:
Die niederländische Flotte mini|Die Gouden Leeuw, Gemälde von Willem van de Velde dem Jüngeren
Während in England eine einheitliche Organisation vorherrschte, war dies in den föderal organisierten Vereinigten Niederlanden kaum möglich. Fünf verschiedene Admiralitäten (Middelburg, Rotterdam, Amsterdam, Hoorn bzw. Enkhuizen und Harlingen)Jaap Bruijn: Varend Verleden. Meppel 1998, S. 15. in drei an der See liegenden Provinzen (Zeeland, Holland und Friesland) rangen um die Kompetenzen, und die verschiedenen Statthalter waren mit Rücksicht auf Einsparungen selten bereit, größere Summen in den Ausbau der Flotte zu investieren.Alexander Meurer: Seekriegsgeschichte in Umrissen. Leipzig 1942, S. 198. Trotzdem gab es mit dem Ratspensionär Johan de Witt einen führenden Politiker, der sich um den Aufbau bemühte. Die Admiralitäten der Provinzen erhielten eine höhere Bezahlung und verzichteten im Gegenzug auf einen Teil ihrer Unabhängigkeit. Auf diese Weise reorganisierte er die Marineadministration.Roger Hainsworth, Christine Churchers: The Anglo-Dutch Naval Wars 1652–1674. Stroud 1998, S. 97. Ergänzt wurden diese Bemühungen durch ein größeres Bauprogramm. Beim Friedensschluss im Jahre 1654 war die alte Kriegsflotte der Vereinigten Niederlande von 80 Kriegsschiffen mit durchschnittlich 34 Geschützen, ab Ende 1653 durch 64 neue Schiffe (mit jeweils 44 bis 60 Geschützen) verstärkt worden. Diese durften durch einen Beschluss der Generalstaaten nicht mehr verkauft werden. Die Schiffe wurden aufgelegt und im Bedarfsfall aktiviert (ausgebessert, aufgetakelt, bemannt und ausgerüstet). Diese Schiffe, die für die Schlachten von 1653 zu spät fertig geworden waren, standen nun für einen neuen Krieg sofort wieder zur Verfügung.Jaap Bruijn: Varend Verleden. Meppel 1998, S. 101. De Witt hatte somit die sogenannte „neue Marine“ geschaffen. Hinzu kamen die (meistens älteren) 80 bis 90 kleineren und leicht bewaffneten Schiffe, deren Aufgabe nun vornehmlich der Schutz von Geleitzügen sein sollte. Die Erfahrungen des vergangenen Krieges gegen England hatten gezeigt, dass Seekriege nicht durch den Schutz der Handelslinien, sondern in großen Seeschlachten durch schlagkräftige Flotten entschieden würden. Trotzdem besaßen die größten niederländischen Schiffe bei Ausbruch des Krieges nur zwei Decks mit 60 bis 80 Geschützen (maximal Vierundzwanzigpfünder). Über die Hälfte der niederländischen Schlachtflotte bestand aus Schiffen mit maximal 32 Geschützen und bei 30 bis 40 Prozent der Schiffe handelte es sich um bewaffnete Kauffahrtsschiffe. Damit war sie der englischen Flotte qualitativ unterlegen. Allerdings hatte Johan de Witt für den Bau zahlreicher schneller Avisos (niederländisch adviesjachten; Schiffe für den Nachrichten- und Beobachtungsdienst) und Fregatten gesorgt, die zwar nur ein Deck besaßen, dafür allerdings sehr wendig waren. Im Verlauf des Krieges sollten die Vereinigten Niederlande diese Unterlegenheit durch zahlreiche Neubauten und gekaperte Schiffe aufholen. Im August 1664 wurden 30 ältere Schiffe wieder operativ gemacht, im November 1664 achtzehn weitere; im selben Monat befahlen die Generalstaaten am 17. November den Bau 24 neuer „Kapitalschiffe“ (Capitale schepen van Oorloge) wie etwa die Hollandia; im März 1665 wurden 24 weitere Neubauten befohlen, im Juli 1666 nochmals zwölf. Von diesen sechzig Schiffen waren 28 den britischen second rates (zweiter Klasse) ebenbürtig, 32 den britischen third rates.Jaap Bruijn: Varend Verleden. Meppel 1998, S. 102. Dazu wurden in den Jahren 1664–1667 21 Fregatten und Avisos gebaut.
Kriegsverlauf Operationen bis zur offiziellen Kriegserklärung