mini|Frances Parthenope Verney
Frances Parthenope Verney (* 19. April 1819 in Neapel; † 12. Mai 1890), auch bekannt als Parthenope Nightingale, war eine britische Schriftstellerin und Journalistin. Sie war die ältere Schwester von Florence Nightingale, der Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege. Anders als ihre jüngere Schwester rebellierte Parthenope nicht gegen die konventionelle Lebensweise, die sie als Frau der oberen Mittelschicht führte. Der Schriftstellerei wandte sie sich erst zu, nachdem sie den verwitweten Harry Verney, 2. Baronet geheiratet hatte. Ihr Werk über die Familie Verney im 17. Jahrhundert wurde von ihrer Stiefschwiegertochter Margaret Verney vollendet und publiziert. Zu ihrer Arbeit gehören mehrere historische Romane. Als Lady Verney veranlasste sie auch die umfangreichen Umbauten am Claydon House in Buckinghamshire.
Leben Familienhintergrund und Kindheit mini|Embley Park, der Hauptwohnsitz der Familie Nightingale Parthenope Nightingales Mutter Fanny entstammte einer politisch liberalen Familie. Der Großvater mütterlicherseits, der Kaufmann und Politiker William Smith, setzte sich im House of Commons für die Rechte der unteren Schichten, die weltweite Ächtung der Sklaverei und Religionsfreiheit ein.Bostridge, S. 9–14 Der Vater war William Edward Nightingale, der 1815 ein beträchtliches Vermögen von einem Onkel geerbt hatte und entsprechend den Bestimmungen des Testaments seinen Nachnamen von Shore in Nightingale änderte.Dossey, S. 5 Er war ein Schulfreund von Fanny Smiths jüngerem Bruder Octavius und lernte 1811 seine spätere, sechs Jahre ältere Frau kennen. William Nightingale und Fanny Smith heirateten 1818 und reisten unmittelbar nach der Hochzeit zwei Jahre durch Europa.
Parthenope wurde 1819 in Neapel geboren und nach der griechischen Bezeichnung für ihre Geburtsstadt benannt. Ihre jüngere Schwester Florence kam am 20. Mai 1820 in Florenz zur Welt. Wie bereits bei ihrer älteren Tochter wählte das Ehepaar Nightingale für ihre junge Tochter einen Vornamen nach der Geburtsstadt aus.Ann Marriner-Tomey, Martha Raile Alligood: Nursing theorists and their work. Elsevier Health Sciences, 2006, Ausgabe 6, ISBN 0-323-03010-6, S. 71 Die Familie kehrte im Winter 1820 nach Großbritannien zurück und ließ sich zunächst in Lea Hurst in der Grafschaft Derbyshire nieder. Fanny Nightingale empfand die dortigen Winter jedoch als zu streng und die Möglichkeiten einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben als zu eingeschränkt.Bostridge, S. 17 1825 erwarb William Nightingale zusätzlich den Landsitz Embley Park in Hampshire, der zum Hauptwohnsitz der Familie wurde.
Die beiden Töchter wurden zunächst von Gouvernanten erzogen. Ab 1831 übernahm William Nightingale einen großen Teil der Erziehung seiner Töchter.Dossey, S. 16–17 Er unterrichtete sie in Latein, Griechisch, Deutsch, Französisch und Italienisch sowie in Geschichte und Philosophie. Die zusätzlich engagierte Hauslehrerin war für den Unterricht in Zeichnen und Musik zuständig. Parthenope Nightingale war von den beiden Töchtern die musisch talentiertere. Im Sommer 1836 wurde sie am Hofe von Wilhelm IV. vorgestellt, im Sommer danach brach die Familie zu einer anderthalbjährigen Reise durch Europa auf.Bostridge, S. 56 und S. 58
Der Charakterunterschied zwischen den beiden Schwestern war von Kindheit an sehr auffällig und ist durch Briefe von Familienmitgliedern und der Hauslehrerin gut dokumentiert. Während Florence Nightingale das von Einladung und Gegeneinladung geprägtes Familienleben als eine Welt bezeichnete, die von pinkfarbenen Satin-Geistern bevölkert seiBrief an Hilary Bonham Carter, vermutlich vom 25. April 1846, zitiert nach Bostridge, S. 81 und in ihren Tagebüchern ihrer wachsenden Verzweiflung über ihr sinnentleertes und banales Leben beschrieb, fühlte sich Parthenope mit dem komfortablen und verhältnismäßig sorgenfreien Leben in Lea Hurst und auf Embley Park sehr wohl. Ihr Vater kommentierte dies mit den Worten, dass Parthenope nicht mehr verlangte als ein gutes Feuer und Fröhlichkeit.Im Original: …not of other wants than a good fire & good joy around., zitiert nach Bostridge, S. 105
Zunehmende Konflikte innerhalb der Familie William und Fanny Nightingale hatten ihrer jüngeren Tochter gestattet, das Ehepaar Bracebridge auf zwei Reisen nach Europa und Ägypten zu begleiten. Parthenope Nightingale reagierte auf die längere Abwesenheit ihrer Schwester mit einer psychischen Erkrankung, die der Historiker Marc Bostridge als monomanisch bezeichnet. Nach den Vorstellungen der Eltern sollte Florence Nightingale nach ihrer Rückkehr aus Ägypten mindestens sechs Monate in der unmittelbaren Nähe ihrer Schwester verbringen.Bostridge, S. 148 und S. 149 Es zeigte sich jedoch sehr bald, dass dies nicht zu einer Gesundung der älteren Schwester beitrug. Parthenope kritisierte zunehmend, wenn Florence über längere Zeit schwieg oder dass sie Zeit damit verbringe, Kranke in der Umgebung von Lea Hurst oder Embley Park zu besuchen, anstatt die Zeit auf die gesellschaftlichen Verpflichtungen der Familie aufzuwenden. Sie gestattete es dagegen nicht, durch ihre Schwester gepflegt zu werden.Bostridge, S. 149
mini|Florence Nightingale im Jahre 1850, links neben ihr der als Haustier gehaltene Steinkauz Athena, den Florence Nightingale in Athen gekauft hatte. Zeichnung von Parthenope Nightingale Im Frühjahr 1851 wurde der kränkelnden Parthenope Nightingale eine Kur verordnet. Während Fanny und Parthenope sich in Karlsbad aufhielten, durfte Florence mit Zustimmung ihrer Eltern drei Monate in der Kaiserswerther Diakonie verbringen und – so wie sie sich es schon lange gewünscht hatte – sich hier rudimentäre Kenntnisse in der Krankenpflege aneignen. Allerdings legten die Eltern großen Wert darauf, dass die Hospitanz der Tochter auch engen Bekannten der Familie gegenüber geheim gehalten würde.Bostridge, S. 155–156 Grund für diese Geheimhaltung war der schlechte Ruf von Krankenpflegerinnen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Bei den Pflegekräften, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in britischen Krankenhäusern arbeiteten, handelte es sich in der Regel um ehemalige Dienstboten oder um Witwen, die keine anderweitige Anstellung fanden und daher gezwungen waren, sich ihr Brot durch diese Arbeit zu verdienen. Nicht besser war das Ansehen der Krankenpflegerinnen, die Kranke in deren Heim pflegten. Charles Dickens karikierte in seinem 1842 bis 1843 erschienenen Roman Martin Chuzzlewit in der Figur der Sairey Gamp eine solche Krankenpflegerin als inkompetent, nachlässig, alkoholabhängig und korrupt. Vorbild seiner Figur war die Pflegerin, die im Haushalt seiner Förderin und Freundin Angela Burdett-Coutts zeitweilig eine erkrankte Bedienstete versorgte.Bostridge, S. 94 Dickens’ Darstellung empfanden seine Leser als so treffend, dass sich für den schwarzen Regenschirm, den Sairey Gamp gewohnheitsmäßig mit sich herumträgt, der umgangssprachliche Begriff Gamp entwickelte. Tatsächlich verrichteten viele der Pflegerinnen alkoholisiert ihren Dienst und es war gängige Praxis, den Pflegerinnen als Dank für ihre Dienste alkoholische Getränke oder Geld für ihren Kauf zu schenken. Der Ruf, dass insbesondere Krankenpflegerinnen, die während der Nacht arbeiteten, auch sexuelle Wünsche ihrer Patienten erfüllten, stellte den Beruf in die Nähe der Prostitution.Bostridge, S. 96–98. Ausschlaggebend für die nur widerwillig gegebene Zustimmung der Eltern war gewesen, dass Florence Nightingale nach der Rückkehr ihrer Reise durch Ägypten und Griechenland in so tiefe Depressionen verfiel, dass ihre Eltern begannen, um ihr Leben zu fürchten.Bostridge, S. 156 Der Aufenthalt von Florence Nightingale in der Kaiserswerther Diakonie führte dazu, dass die beiden Schwestern nur noch sehr wenig miteinander sprachen oder sich schrieben. In einem Brief an Kardinal Manning behauptete Florence Nightingale zwar, zwischen ihr und ihrer Schwester gäbe es keinerlei Austausch mehr, es sind jedoch einige Briefe aus dieser Zeit erhalten geblieben.Bostridge, 173
Florence Nightingale begleitete nach ihrem Aufenthalt das Ehepaar Fowler nach Irland, um dort in einem von katholischen Nonnen geleiteten Krankenhaus zu hospitieren. Ihren Besuch musste in Irland musste sie jedoch abbrechen, weil Parthenope in Schottland, wo sie zu Besuch bei der Familie von James Clark war, einen schweren gesundheitlichen Zusammenbruch erlitt.Bostridge, S. 174 und S. 175 James Clark war der Leibarzt von Queen Victoria und in einem Brief an das Ehepaar Nightingale hielt er fest, dass Parthenope einen feinen Geist besäße, dass von diesem aber Gebrauch zu machen sei, um eine weitere geistige Einschränkung zu verhindern.Bostridge, S. 176 Ein Brief von Florence an Kardinal Manning beschreibt, dass Clark ihr gegenüber deutlich machte, dass ein weiteres enges Zusammenleben der Schwestern dazu führen können, dass Parthenope sich noch weiter in ihre Monomanie bezüglich ihrer Schwestern hineinsteigern könne und sich Parthenopes Zustand dadurch verschlimmern werde. Aus Sicht von Florence Nightingale drückte sich in Parthenopes Krankheit das Schicksal von Frauen der Mittelschicht aus, die die gesellschaftlichen Konventionen dazu zwangen, ein sinnentleertes Leben zu führen, die sich nur um banale Dinge drehten.
Gegen Ende 1852 gestatteten William und Fanny Nightingale ihrer jüngeren Tochter, ihre Ausbildung in der Krankenpflege fortzusetzen. Im April 1853 übernahm Florence Nightingale die Leitung des Establishments for sick Gentlewoman.Bostridge, S. 184–186 Das 1850 gegründete Heim sollte gemäß seinen Gründungsstatuten Frauen aus guter Familie aufnehmen, die sich wegen eines zu geringen Einkommens keine private Pflege während einer langwierigen Erkrankung leisten konnten. Bei den meisten Patientinnen handelte es sich um Gouvernanten, einen der wenigen respektablen Berufe, den eine Frau aus einer der höheren Schichten ergreifen konnte.Bostridge, S. 189–190 Nightingale erhielt kein Gehalt; sie lebte von den 500 Pfund, die der Vater ihr als jährliche Rente zahlte.Bostridge, S. 186 und 190 Der Ruf, den das Pflegeheim unter ihrer Leitung erhielt, führte dazu, dass Nightingale bereits 1854 als Leiterin der Krankenpflegerinnen im King’s College Hospital im Gespräch war.Dossey, S. 96 Bevor sie diese Aufgabe übernahm, wurde Florence Nightingale jedoch von Sidney Herbert damit beauftragt, bei der Versorgung verletzter britischer Soldaten des Krimkriegs Unterstützung zu leisten. Sie sollte eine Gruppe von Pflegerinnen leiten, die in Scutari (Üsküdar) im zentralen Militärkrankenhaus der britischen Truppen (Selimiye-Kaserne) die Verletzten und Erkrankten betreute.
Krimkrieg Florence Nightingales Auftrag, in Scutari die verletzten und kranken Soldaten zu pflegen, gab Parthenope Nightingale gleichfalls eine Aufgabe. Sie unterstützte vor der Abreise Florence bereits bei der Auswahl geeigneter Krankenpflegerinnen. Bereits im Oktober 1854, nachdem Nightingale offiziell die Leitung der britischen Pflegerinnen übertragen worden war, waren in britischen Zeitungen und Journalen Berichte über sie erschienen, die die Historikerin Helen Rappaport als hagiografischRappaport, S. 110 und Mark Bostridge einen für die Öffentlichkeit akzeptablen Gegenentwurf zum „Engel im Haus“, dem vom Literat Coventry Patmore geschaffenen Bild einer perfekten Ehefrau und Mutter, bezeichnet.Bostridge, S. 255 mini|Illustration der Illustrated London News vom 24. Februar 1855